Allergischer Schnupfen Kortison-Nasenspray Rezept

Prof. Martin Wagenmann im Interview zum Thema: Allergischer Schnupfen - Kortison-Nasenspray wieder auf Rezept!

Allergischer Schnupfen: Kortison-Nasenspray wieder auf Rezept!

Nachdem alle Patienten mit allergischer Rhinitis bzw. allergischem Schnupfen seit einiger Zeit die Kosten für intranasale Glucocorticoide (GK), das heißt kortisonhaltige Nasensprays, selbst bezahlen mussten, hat sich dies nun wieder geändert. Auf Initiative dreier Fachgesellschaften hat der gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) die Arzneimittelverschreibungsverordnungs-Novelle (AMVV) entsprechend modifiziert. Eine Rezeptierung ist nun in bestimmten Fällen wieder erlaubt. Diese Neuerung gilt auch für Antihistaminika zur Therapie von allergischem Schnupfen. Antihistaminika waren bereits seit längerem nur noch rezeptfrei erhältlich. MeinAllergiePortal Fachkreise sprach mit Prof. Martin Wagenmann, Hals-Nasen-Ohrenarzt und Allergologe an der HNO-Klinik am Universitätsklinikum Düsseldorf und stellv. Sprecher des UniversitätsAllergiezentrums Düsseldorf, darüber, warum es bei allergischem Schnupfen Kortison-Nasensprays wieder auf Rezept gibt.

Herr Prof. Wagenmann, mit der letzten Arzneimittelverschreibungsverordnungs-Novelle (AMVV) änderte sich die Handhabung von Medikamenten zur Behandlung des allergischen Schnupfens, was genau ist damals passiert?

Mit der letzten AMVV wurden die meisten der bisher rezeptpflichtigen kortisonhaltigen Nasensprays zur Behandlung des allergischen Schnupfens plötzlich von der Rezeptpflicht befreit. Diese neue Regelung galt grundsätzlich für erwachsene Patienten mit allergischem Schnupfen, nicht für Kinder.

Welche Konsequenzen hatte das für die Patienten mit allergischem Schnupfen?

Eine Konsequenz der AMVV war, dass die Ärzte für diese Medikamente ab sofort entweder ein „grünes Rezept“, also ein Privat-Rezept, ausgestellt oder aber gleich ganz auf das Ausstellen eines Rezeptes verzichtet haben. Daraus ergab sich: Für die Kosten der kortisonhaltigen Nasensprays musste der Patient nun selbst aufkommen. Viele Patienten sind deshalb gar nicht mehr zum Allergologen oder zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt  gegangen, sondern gleich in die Apotheke.


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Was war das Problem dabei, dass die Patienten ihren allergischen Schnupfen selbst behandelt haben?

Das Problem dabei war, dass diese klassische Selbstmedikation im Zweifelsfall auch ohne Diagnostik erfolgte. Wir als Ärzte befürchteten deshalb, dass die Patienten keine gesicherte Diagnose erhielten und keine Chance hatten, Therapieangebote zu bekommen, die nach neusten medizinischen Erkenntnissen zur Behandlung des allergischen Schnupfens zur Verfügung stehen. Dazu gehört die ursächliche Behandlung des allergischen Schnupfens durch eine spezifische Immuntherapie (SIT), die bei vielen Patienten sinnvoll sein kann. Außerdem kann ein Schnupfen auch nicht allergische Ursachen haben, eine gründliche Diagnose ist also von hoher Bedeutung.

Außerdem war die Neuregelung der AMVV aus Sicht der Fachgesellschaften ungerecht. Zum einen, weil sie die Patienten mit allergischem Schnupfen ungerechtfertigt mit Kosten belastete. Zum anderen, weil die Aufhebung der Rezeptpflicht als Beleg dafür gesehen wurde, dass der allergische Schnupfen nicht als ernstzunehmende Erkrankung wahrgenommen wurde. Vielmehr entstand der Eindruck, dass der allergische Schnupfen als eine Befindlichkeitsstörung und Bagatelle galt. Deshalb sind wir sehr froh, dass die Regelung nun zurückgenommen wurde.

Wie kam es dazu, dass der G-BA die AMVV-Regelung änderte?

Gelungen ist dies durch eine Initiative von drei Fachgesellschaften, dies sind die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie e.V., die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und Klinische Immunologie (DGAKI) und den Ärzteverband Deutscher Allergologen (AeDA). Die Fachgesellschaften haben eine Stellungnahme zur Arzneimittelverschreibungsverordnungs-Novelle veröffentlicht und um einen Termin beim G-BA gebeten, um darauf aufmerksam zu machen, welche Konsequenzen die Neuregelung für Patienten mit allergischem Schnupfen hat.


Mit welchem Argument konnten Sie den G-BA überzeugen?

Bei unserem Treffen, bei dem je ein Vertreter der genannten Fachgesellschaften anwesend war, konnten wir den G-BA davon überzeugen, dass der allergische Schnupfen keine Bagatellerkrankung ist. Ein starkes Argument war dabei der Hinweis auf die nachgewiesenen Zusammenhänge zwischen allergischem Schnupfen und allergischem Asthma.

Wir konnten zudem den G-BA auch dafür sensibilisieren, wie ausgeprägt die Einschränkungen eines allergischen Schnupfens für die betroffenen Patienten sind. Die Patienten werden ja nicht allein durch die für einen allergischen Schnupfen typischen Symptome stark beeinträchtigt. Auch Schlafstörungen, Tagesmüdigkeit, Konzentrationsstörungen und die Reduktion der geistigen Leistungsfähigkeit können zu den Begleiterscheinungen eines allergischen Schnupfens gehören. All diese Einschränkungen lassen sich durch entsprechende Studien eindeutig nachweisen.

Außerdem haben wir bei diesem Treffen auch sehr deutlich gemacht, dass die in der aktuellen AMVV genannten Voraussetzungen für eine rezeptfreie Abgabe kortisonhaltiger Nasensprays zur Behandlung des allergischen Schnupfens nicht sinnvoll sind und eine bessere Klassifikation vorgeschlagen.


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Wie lautete der Vorschlag der Fachgesellschaften für eine bessere Klassifikation des allergischen Schnupfens?

Der Vorschlag der Fachgesellschaften lautete, die ARIA-Klassifikation der allergischen Rhinitis, also des allergischen Schnupfens,  zugrunde zu legen, denn dazu gibt es gute Daten. „ARIA“ steht für „Allergic Rhinitis and its Impact on Asthma“ und ist eine Nichtregierungsorganisation (NGO). ARIA verfolgt das Ziel, über die Zusammenhänge zwischen dem allergischen Schnupfen und der Entstehung von Asthma aufzuklären und Leitfäden zur Behandlung und Prävention zu entwickeln. Nach ARIA unterscheidet man den allergischen Schnupfen nicht mehr nach dem auslösenden Allergen. Auch die Frage, ob der allergische Schnupfen saisonal, also nur in der Pollenflugzeit, oder perennial, das heißt ganzjährig auftritt, steht nach ARIA nicht mehr im Fokus. Ausschlaggebend sind vielmehr Dauer und Schwere der allergischen Erkrankung, und man unterscheidet die intermittierende allergische Rhinitis und die persistierende allergische Rhinitis.

Was ist der Unterschied zwischen einer persistierenden und einer intermittierenden allergischen Rhinitis?

Als eine persistierende allergische Rhinitis bezeichnet man einen dauerhaften allergischen Schnupfen. Das kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn eine Hausstaubmilbenallergie vorliegt, denn Hausstaubmilben gibt es überall und das ganze Jahr über. Aber auch ein Pollenallergiker, der auf Frühblüher, wie Birke, Hasel, Erle, sowie gegen Gräser und Kräuter allergisch ist, kann von einer persistierenden allergischen Rhinitis betroffen sein. Da stets eine der für ihn allergenen Pflanzen blüht, kann es über viele Monate zu Beschwerden kommen. Das ist heutzutage sogar eher die Regel als die Ausnahme!

Und wann spricht man von einer intermittierenden allergischen Rhinitis?

Von einer intermittierenden allergischen Rhinitis spricht man dann, wenn der Patient allergisch auf ein Allergen reagiert, mit dem er aber nicht so häufig konfrontiert wird. Ein Beispiel hierfür wäre ein Katzenhaarallergiker, der so gut wie nie mit Katzen oder Katzenbesitzern in Berührung kommt. Der Patient leidet dann an einer intermittierenden allergischen Rhinitis aufgrund eines perennialen Allergens.

Zusätzlich unterscheidet man beim allergischen Schnupfen zwischen zwei Patientengruppen, den Patienten, die leicht betroffen sind und jenen, die mittel bis schwer betroffen sind.


Für welche Patienten mit allergischem Schnupfen haben die Fachgesellschaften eine Kostenübernahme der kortisonhaltigen Nasensprays empfohlen?

Gerade die Patienten mit einer persistierenden allergischen Rhinitis, die mittel bis schwer betroffen sind, leiden sehr stark unter der Erkrankung und bei der Therapie haben kortisonhaltige Nasensprays einen sehr hohen Stellenwert. Anhand der vorliegenden Daten sieht man sehr deutlich, dass die nasalen Steroide in Bezug auf die Symptomreduktion deutlich wirksamer sind, als Antihistaminika und Leukotrienantagonisten (LTRA).

Die Fachgesellschaften haben deshalb beim Treffen mit dem G-BA sehr deutlich gemacht, dass sie der Ansicht sind, dass die Therapiekosten für diese Patienten wieder von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden sollten.


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Die Fachgesellschaften konnten also eine Änderung der AMVV durch den G-BA erreichen?

Die Fachgesellschaften konnten erreichen, dass intranasale Steroide bei Patienten mit einer persistierenden allergischen Rhinitis mit schwerer Symptomatik zu Lasten der Kassen rezeptiert werden dürfen. Das bedeutet, dass die gesetzlichen Krankenkassen für diese Patienten die Kosten für kortisonhaltige Nasensprays zur Behandlung des allergischen Schnupfens übernehmen (https://www.g-ba.de/informationen/beschluesse/3453/).

Durch die schlüssige Argumentation der Fachgesellschaften konnte sogar erreicht werden, dass dies jetzt auch für die Verordnung von Antihistaminika gilt.

Was bedeutet das konkret für Patienten mit allergischem Schnupfen?

Für Antihistaminika zur Behandlung der allergischen Rhinitis war die Rezeptpflicht bereits in der Vergangenheit aufgehoben worden und die Patienten mussten diese Medikamente selbst zahlen. Parallel zur Therapie mit nasalen Steroiden wurde jetzt aber auch für Antihistaminika festgelegt, dass eine Rezeptierung bei Patienten mit einer persistierenden allergischen Rhinitis mit schwerer Symptomatik zu Lasten der Kassen erfolgen kann.

Ab wann hat ein Patient einen schweren allergischen Schnupfen?

Nach der ARIA-Klassifikation ist ein mäßiger bis schwerer allergischer Schnupfen wie folgt definiert:

  •          Störende Symptomatik
  •          Beeinträchtigung des Schlafes
  •          Probleme bei Arbeit oder Schule
  •          Störung von Tagesaktivitäten wie Sport oder Freizeit

Über diese Symptomatik berichten die meisten Patienten mit allergischem Schnupfen.

Herr Prof. Wagenmann, herzlichen Dank für dieses Interview!

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