Neurodermitis richtig erkennen und behandeln!

Prof. Dr. Regina Fölster-Holst, Oberärztin, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Campus Kiel

Neurodermitis richtig erkennen und behandeln!

Quälender Juckreiz, Rötung, Schuppung, häufig auch Nässen, besonders im Bereich der Ellen- und der Kniebeugen, kennzeichnen die Neurodermitis. Es ist davon auszugehen, dass bis zu 10 Prozent der Kinder - im Säuglingsalter bis zu 20 Prozent - und 3 bis 5 Prozent der Erwachsenen davon betroffen sind. Die Neurodermitis ist nicht nur für den Patienten, sondern für die ganze Familie belastend. Umso wichtiger ist es, Neurodermitis richtig zu erkennen und zu behandeln.

Bei Neurodermitis handelt es sich um eine Hauterkrankung, die bereits im Säuglingsalter beginnt und häufig einen chronischen, schubweisen Verlauf nimmt. Zusammen mit Asthma und Heuschnupfen wird sie zu den so genannten atopischen Erkrankungen gezählt. Hauptpfeiler der Behandlung sind das Meiden von Triggerfaktoren (auslösenden Faktoren), wie beispielsweise Seifen, sowie weiter  die regelmäßige Pflege, die sowohl Fett als auch Wasser enthalten sollte.

Neurodermitis kann sehr unterschiedlich aussehen

Wie Neurodermitis sich bemerkbar macht ist zum einen altersabhängig. Bei Kindern sind häufig die Wangen und der Halsbereich befallen, mit Nässen und Krusten. Das wird auch als Wangenschorf bezeichnet. Nach Gesicht und Hals breiten sich die Hautveränderungen zunächst auf die Streckseiten von Armen und Beinen und erst im Kleinkindesalter auf Arm- und Kniebeugen aus. Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen sind häufig die Hände betroffen, was nicht zuletzt auf den ständigen Kontakt mit hautreizenden Stoffen wie Seifen zurückzuführen ist.

Zum anderen wird das Hautbild der Neurodermitis auch von dem Allergenmuster der Patienten bestimmt. So kann sich bei Patienten mit einer Pollenallergie während der Blütezeit ein juckendes Ekzem vor allem durch Rötung und Schuppung um die Augen zeigen. Die Augenregion ist den Pollen ausgesetzt und zudem durch eine sehr dünne Haut gekennzeichnet, die den Pollenallergenen keinen großen Widerstand entgegensetzt.

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Warum kommt es zur Neurodermitis?

Die genauen Zusammenhänge sind zwar nicht bekannt, es ist jedoch allgemein akzeptiert, dass ein komplexes Zusammenspiel von genetischen und Umweltfaktoren zur trockenen, entzündeten Neurodermitishaut führt. Zu diesen Umweltstoffen zählen u.a. Seifen, Infektionserreger, Nahrungsmittel, Tierhaare, Wolle, Synthetik, Tabakrauch, Schweiß, feuchtes Milieu  - und Pollen. Auch bestimmte Klimafaktoren wie extreme Kälte, Trockenheit und schwüle Luft können Triggerfaktoren sein.

Während Seifen und Infektionserreger wie Bakterien obligat zu einer Verschlechterung der Haut führen, sind Nahrungsmittel, Tierhaare und Pollen nur bei einer Untergruppe von Patienten Neurodermitis-Triggerfaktoren.  

Allergien gegen Milch und Hühnereiweiß, Soja, Weizen und Nüsse, die zirka ein Drittel der Säuglinge und Kleinkinder mit Neurodermitis aufweisen, können einen Schub der Erkrankung auslösen und sind überwiegend transienter (vorübergehender) Natur. Das bedeutet, dass die meisten der Kinder nach 1-2 Jahren die Nahrungsmittel, auf die sie im frühen Kindesalter allergisch reagiert haben, im weiteren Verlauf vertragen. Nahrungsmittelallergien haben sich jedoch als "Vorboten" (Prädiktoren) von Heuschnupfen und Asthma erwiesen. Seltener sind Farbstoffe, Konservierungsmittel, biogene Amine und säurehaltige Nahrungsmittel für die Neurodermitisschübe verantwortlich.

Die Exposition (im Sinne von Kontakt) von Hausstaubmilben, Tierhaaren und Pollen kann über die gestörte Hautbarriere zu einem Schub führen. In diesen Fällen sind vor allem auffällig luftexponierte Areale wie Gesicht und Handrücken betroffen.

Auch psychische Belastungssituationen und Stress sind nur bei einer Untergruppe der Patienten Triggerfaktoren und müssen nicht bei jedem Neurodermitiker zu einer Verschlechterung des Hautbildes führen. Jeder Patient weist sein eigenes Muster von Triggerfaktoren auf, was therapeutisch zu beachten ist.


Die Rolle der Gene bei Neurodermitis

Die Neigung zur Ausbildung der Neurodermitis ist genetisch festgelegt. Zwillingsuntersuchungen haben gezeigt, dass bei eineiigen Zwillingen ein signifikant höheres gleichzeitiges Auftreten (Konkordanz) für atopische Erkrankungen festzustellen ist, als bei zweieiigen Zwillingen.

Inzwischen wurden Defekte in unterschiedlichen Genen identifiziert. Ein bedeutsames Gen in diesem Zusammenhang ist das Filaggrin-Gen, das für das gleichnamige Protein kodiert. Letzteres spielt eine Rolle bei der Ausbildung einer Hautbarriere, die in der obersten Hautschicht, der Hornschicht lokalisiert ist. Die Filaggrinmutation ist mit einer sehr trockenen, rissigen Haut verbunden, die Tür und Tor für Umweltstoffe, einschließlich der Allergene, öffnet. Treffen diese auf ein genetisch verändertes Immunsystem, geprägt durch IgE-Antikörper, die sich gegen normalerweise harmlose Stoffe, wie beispielsweise Pollen und Hausstaubmilben, richten, bildet sich die atopische Hautentzündung der Neurodermitis aus.

Was kann man gegen Neurodermitis tun?

Grundpfeiler sind, wie oben beschrieben, die Karenz (Vermeidung) von Triggerfaktoren und regelmäßige Pflegemaßnahmen. Die Wahl der Pflege richtet sich nach der Lokalisation, dem Stadium der Erkrankung  - akut oder chronisch -, der Jahreszeit - im Sommer sind mehr wasserhaltige, im Winter fetthaltige Präparate zu empfehlen - und dem Alter der Patienten. Kommt es doch zu einem Schub, sollten Cremes und Salben gegen die entzündete Haut eingesetzt werden. Therapie der Wahl sind Kortikosteroide, die ausschleichend, d. h. durch eine schrittweise Reduzierung über einen längeren Zeitraum,  einzusetzen sind. Für Hautareale, die eine sehr dünne Haut aufweisen, wie z.B. das Gesicht, der Hals und die großen Beugen wie die Achselhöhle oder die Leiste , werden so genannte Calcineurin-Inhibitoren (Tacrolimus, Pimecrolimus) verordnet, die im Gegensatz zu den Kortisonpräparaten auch nach längerer Anwendung nicht zu einer Verdünnung (Atrophie) der Haut führen.

In der letzten Zeit hat es sich auch bewährt,  alle 3 bis 4 Tage, d.h. 2 Mal pro Woche diese antientzündlichen Cremes oder Salben auf die zuvor betroffenen Stellen zu applizieren. Das verhindert das Auftreten eines neuen Schubes und wird als "proaktive Therapie" bezeichnet. Diese kann zunächst über 4 bis 6 Wochen erfolgen.

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Immer wieder äußern Eltern betroffener Kinder und auch die Patienten selbst Bedenken, Kortison anzuwenden. Diese Kortisonangst erfordert eine entsprechende Aufklärung, die sehr gut im Rahmen von Neurodermitis-Schulungen erfolgen kann. Ziel ist, die Patienten bzw. die Eltern betroffener Kinder zu Managern der Erkrankung auszubilden. Ärztliche Verordnungen und diagnostische Verfahren, wie z.B. Allergietests an der Haut, Blutabnahme zur Bestimmung von Antikörpern gegen Allergene wie Pollen, Hausstaubmilben und Tierhaaren, werden besser verstanden. Eine Schulung umfasst 6 mal  2 Stunden, in denen die medizinischen Grundlagen des Krankheitsbildes, Stressbewältigungsstrategien zur Reduktion des Juckreizes, Triggerfaktoren, wie beispielsweise Nahrungsmittel, und Behandlungsmöglichkeiten erarbeitet werden. Dieses übernehmen Ärzte, Psychologen und Ökotrophologen.

In Familien, in denen Neurodermitis, Heuschnupfen und Asthma bereits bekannt sind, sollte schon in der Schwangerschaft darauf geachtet werden, dass das Kind über die Mutter nicht mit Tabakrauch belastet wird. Stillen über mindestens 4 Monate zählt auch zu den prophylaktischen Maßnahmen.

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