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Neurodermitis Psyche Hintergrund

Neurodermitis und Psyche: Der seelische Hintergrund

Neurodermitis und Psyche: Der seelische Hintergrund

Viele Neurodermitis-Patienten berichten, dass die Haut „schlechter“ wird, wenn es ihnen „nicht gut geht“. Oft sehen die Patienten dann die Ursachen für dieses „nicht gut gehen“ als, etwas, dass man „hinnehmen“ muss. Es gibt aber auch Fälle, in denen das Wohlbefinden auch aufgrund eigener Verhaltensweisen oder Gewohnheiten leidet. Oft ist das den Betroffenen aber nicht bewusst. MeinAllergiePortal sprach mit Dipl. oec. troph. Sonja M. Mannhardt, Gesundheitsmanagement, Schliengen über Neurodermitis, Psyche, den seelischen Hintergrund und darüber, was hilft.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Dipl. oec. troph. Sonja M. Mannhardt

Frau Mannhardt, kann Neurodermitis psychisch bedingt sein?

Die Psyche ist sicherlich nicht die Ursache der Neurodermitis, denn Neurodermitis bzw. atopische Dermatitis ist keine psychische oder neurologische Erkrankung. Die Psyche spielt bei der Neurodermitis aber eine Rolle. Schließlich ist der Mensch ein ganzheitliches Wesen. Das bedeutet, dass eine körperliche Erkrankung auch dazu führen kann, dass die Psyche leidet. Dass es eine Verbindung von Haut uns Psyche gibt, zeigt sich schon an vielen Redewendungen. Nicht umsonst beschreibt man Menschen häufig mit Sätzen wie: „Er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut“ oder „er ist dünnhäutig“ oder „das juckt ihn nicht“, denn „er hat ein dickes Fell“.

Was macht die Neurodermitis mit der Psyche?

Neurodermitis ist eine chronische Erkrankung und Erkrankungen, die nicht heilbar sind, belasten die Patienten sehr. Deshalb leiden viele Patienten auch psychisch unter der Situation, immer wieder mit Ekzemschüben und quälendem Juckreiz konfrontiert zu werden. Es kann zu Depressionen oder Angststörungen kommen. Es gibt also Wechselwirkungen zwischen der Haut mit Neurodermitis und der Psyche.

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Und wie kann die Psyche wiederum die Neurodermitis-Schübe beeinflussen?

Wenn die Psyche unter einer Situation leidet, die mit der Neurodermitis gar nichts zu tun haben muss, kann das die Ekzeme triggern. Das kann zum Beispiel Stress sein, oder ein Konflikt in der Partnerschaft oder auch negative oder gar traumatische Erlebnisse in der Vergangenheit. Da ist z.B. der Mann mit schwerer Neurodermitis. Er kommt mit seiner Freundin, die sich sehr um seine Gesundheit sorgt und ihm gerne „helfen“ möchte. Doch je mehr sie ihm helfen möchte, desto weniger hält er sich an ihre Ratschläge und desto mehr macht er das Gegenteil. Je häufiger seine Freundin ihn z.B. mit: „das ist nicht gut für dich“ darauf hinweist, dass er weniger zuckerhaltige Lebensmittel essen sollte, desto mehr Süßigkeiten isst er. Zudem schränkt er seine Lebensmittelauswahl immer mehr ein und ernährt sich nur noch von wenigen Lebensmitteln. Die Neurodermitis wird so immer schlimmer. Genauso ist es mit der Hautpflege. Die Freundin weist ihn auf die Wichtigkeit der Basispflege für seine Haut hin, doch je mehr sie ihn gerne eincremen möchte, desto mehr vernachlässigt er seine Hautpflege und desto schlimmer wird seine Haut.

Wie kommt es zu dieser Reaktion? Ein Patient mit Neurodermitis weiß ja in der Regel, welche Faktoren in seinem individuellen Fall eine Verschlechterung des Hautbildes hervorrufen…

In diesem Fall hat der Patient nie gelernt, seine Wünsche, Bedürfnisse oder Abneigungen zu äußern. Einerseits lässt er Menschen viel zu nahe an sich heran, obwohl er doch eigentlich die Distanz bevorzugt. Er versäumt es, deutlich Grenzen zu setzen. Andererseits rebelliert er insgeheim gegen jegliche Fremdbestimmung, indem er der Freundin zwar nichts entgegensetzt, dann aber das Gegenteil dessen tut, was sie ihm rät. Er wollte seit seiner Kindheit „der Liebe“ sein und so geht er gemeinsam mit der Freundin zu einer Ernährungstherapie, obwohl er das gar nicht möchte. Aber: Obwohl es sich „nur“ um eine Ernährungstherapie handelt, in der analysiert werden soll, welche Lebensmittel wirklich den Hautzustand verschlimmern, liegt der darunter liegende Partnerschaftskonflikt deutlich in der Luft. Der Patient bestätigte dies, denn er erzählte, dass seine Haut bereits als Kind häufig schlimmer wurde, wenn ihm jemand zu nahe trat und wenn er nicht in der Lage war, seinen Emotionen Raum zu lassen und sich abzugrenzen oder Grenzen zu setzen.

Woran erkennt ein Patient, dass es psychische Faktoren wie Stress oder Konflikte sind, die seine Neurodermitis-Schübe verschlimmern?

Ich denke, das kann nur in einem professionellen Beratungsgespräch aufgedeckt werden, nachdem genau geschaut wurde, was jemand, wann, wie, wo und wozu tut oder eben nicht tut.

Gerade das Thema „Essen“ ist sehr emotional, und anhand von kleinen Geschichten sieht man sehr klar den Zusammenhang zwischen den emotionalen und sozialen Aspekten des Menschseins und damit zwischen Körper und Psyche…

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Spielt auch schon bei Kindern mit Neurodermitis der seelische Hintergrund eine Rolle?

Menschenkinder sind viele Jahre auf die Fürsorge der Eltern angewiesen. Das macht Menschenkinder sehr sensibel gegenüber jeglichem Stress. Doch davon gibt es heutzutage mehr als genug. Daher wurde die frühe Kindheit in Bezug zu Neurodermitis genauer untersucht.

Diese Zusammenhänge zwischen Neurodermitis und dem seelischen Hintergrund fand man in Studien:

1. Subjektiv erlebter Stress ist ein wichtiger Auslöser für Ekzemschübe bei Neurodermitis.1

2. Emotionale Belastungen und Hautzustand des gleichen Tages hängen laut Schubert (1989) und King und Wilson (1991) bedeutsam zusammen.

3. Warschburger (1996) kritisiert den häufig retrospektiven Untersuchungsansatz von Arbeiten der Life-event-Forschung und führt die Ergebnisse darauf zurück, daß die Patienten im Nachhinein Zusammenhänge konstruieren, um den variablen Krankheitsverlauf nachvollziehbarer und damit kontrollierbarer zu machen.

4. Ob es eine „Neurodermitiker-Persönlichkeit“ gibt, wurde in vielen Studien untersucht, doch die Hypothesen hinsichtlich auffälliger Charaktereigenschaften von Patienten mit atopischer Dermatitis konnte nicht eindeutig bestätigt werden. 

5. Alte Studien mutmaßten „pathologische Eltern-Kind-Beziehungen“. Gemeint ist damit zum Beispiel mangelnder körperlicher Kontakt, mütterliche Ablehnung; Ängstlichkeit, „dysfunktionale, das heißt, gestörte, Interaktion mit dem Kind“, doch diese einseitige Sicht auf die Eltern konnte nicht wirklich bestätigt werden.

6. Doch was gezeigt werden konnte ist, dass sich eine organisierte Familienstruktur und ein aktiv unterstützendes Verhalten der Eltern positiv auf die Neurodermitis-Symptomatik der Kinder auswirken.2

Somit ist ein Zusammenhang der Eltern-Kind-Beziehung mit dem Verhalten, Befinden und schließlich auch der Erkrankung der Kinder nicht von der Hand zu weisen.

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Heißt das, die Eltern können die Neurodermitis ihres Kindes über ein stabiles Umfeld positiv beeinflussen?

Da ich mich selbst seit vielen Jahren mit ACE „Adverse Childhood Experiences“, also mit Entwicklungstraumen beschäftige, bin ich auf eine ganz neue Studie3 gestoßen, die diesen Aspekt untersucht und tatsächlich zeigen konnte: Je höher der ACE Score ist, desto höher die Prävalenz für AD, oder einfacher ausgedrückt: Je häufiger und schwerer ein Kind während seiner Entwicklung „verletzt“ wird, desto höher ist das Risiko, dass es eine Neurodermitis entwickelt.

 

Führen negative Erlebnisse bei Kindern mit Neurodermitis tatsächlich zu Ekzemschüben, welche Erfahrungen haben Sie in der Praxis gemacht?

Meines Erachtens genügt es bereits, die Grundbedürfnisse und Emotionen des Kindes nicht immer gut zu deuten und zu regulieren, um das Kind in Stress zu versetzen. Eltern müssen erst lernen, die Bedürfnisse und Emotionen des Kindes richtig zu verstehen. Erst dann können sie dem Kind helfen, sich wieder zu beruhigen. Ein Kind kann sich noch nicht selbst regulieren, das müssen Eltern tun. Doch in unserer Leistungsgesellschaft müssen ja schon die Kleinsten „funktionieren“ und Eltern lernen ja nicht wirklich, WIE sie sich selbst und ihre Kinder besser spüren und ihre Bedürfnisse adäquat befriedigen können…

Wie hilft man Kindern, wenn die Psyche unter Neurodermitis leidet oder wenn die Neurodermitis durch seelische Konflikte schlimmer wird?

In unserer Ernährungstherapie verfolgen wir den ganzheitlichen Ansatz, d.h. wir stellen nicht die Erkrankung ins Zentrum, sondern betrachten „den Körper als Übersetzung der Seele ins Sichtbare“, wie Christian Morgenstern sagte, oder wie Alfred Adler zu sagen pflegte, Mensch als „Leib-Seele-Einheit“. Ein Kind ist fast grenzenlos verbunden mit seinen Bezugspersonen und der Welt.

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Das heißt, man muss als erstes den Eltern helfen, wenn das Kind Neurodermitis hat?

Als tiefenpsychologische Beraterin versuche ich mit den Eltern zu verstehen, was da „unter die Haut geht“ und welche Faktoren förderlich und hinderlich sind. Auch betrachten wir den Erziehungsstil und ich unterstütze die Eltern darin, ihre Erziehungskompetenz zu stärken. Dazu gehört auch die eigenen Bedürfnisse und Emotionen wahrnehmen, um die Bedürfnisse des Kindes und seine Bedürfnisse besser wahrnehmen zu können, was wiederum Grundvoraussetzung für eine präzise Fremdregulation des Kindes ist.

1.Neben klassischer ernährungstherapeutischer Begleitung und Beratung sehen wir unsere Aufgabe auch darin: Wir helfen Eltern ihre Erziehungskompetenz zu stärken

2. Wir unterstützen Eltern darin, ihre Wahrnehmung gegenüber sich selbst und dem Kind gegenüber zu schäften. Dazu gehört die Wahrnehmung der Bedürfnisse und die emotionale Kompetenz für sich selbst und das Kind zu stärken.

3. Wir unterstützen das Kind darin, je nach Alter, seine Bedürfnisse zu äußern, seine Emotionen besser zu erkennen und auszudrücken; seinen Spürsinn für Unverträglichkeiten zu schärfen und Krankheit als Weg und nicht als Bürde zu verstehen; sprich Kinder in ihrem ICH-Sein zu stärken…

Was sollten Eltern für sich selbst tun, wenn das Kind unter Neurodermitis leidet?

Was Eltern tun können ist Folgendes:

1. Selbst zur Ruhe kommen, um den Stress nicht auf Kinder zu übertragen

2. Sich selbst spüren lernen, um die Emotionen und Bedürfnisse des Kindes besser zu deuten.

3. Sich selbst abgrenzen und Grenzen setzen, um dem Kind Vorbild im Grenzen setzen sein zu können.

4. Für Sicherheit, Geborgenheit und einen verlässlichen Tagesrhythmus zu sorgen.

5. Liebevolles Begleiten einer chronischen Erkrankung, ohne dabei zu überfürsorglich und überprotektiv, aber auch ohne vernachlässigend zu sein.

Und vieles mehr, was wir gerne im Einzelfall in einer individuellen Beratung oder in einem Elternkurs ONLINE erarbeiten können.

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Wie helfen Sie den Patienten, bei denen psychische Faktoren einen Einfluss auf die Neurodermitis haben?

Ein wichtiges Instrument ist ein ganz genaues Symptomtagebuch und eine genaue Analyse des Ess- und Ernährungsverhaltens, eine möglichst genaue Erzählung der Krankengeschichte, von medizinischen Faktoren mal abgesehen, die natürlich zu einer guten Ernährungs- und psychosozialen, psychoemotionalen Diagnostik auch dazu gehören.

Aufgrund dieser Analysedaten finden dann die Beratungs- und Coachinggespräche statt, deren Ziel es ist, die Zusammenhänge zu verstehen.

Was kann der Patient selbst tun, um die psychischen Einflüsse auf die Neurodermitis zu kontrollieren?

Bevor wir „kontrollieren“ müssen wir zunächst einmal verstehen, wozu etwas GUT ist:

  • Wozu reagiere ich in dieser oder jener Situation mit der Haut?
  • Wozu ist das gut?
  • Wovor habe ich Angst?
  • Was müsste ich tun, um einen Schub zu verhindern?
  • Welche Gefühle „machen“ etwas mit mir, mit meiner Haut, gehen mir unter die Haut, gehen mir nah?
  • Was macht mich zufrieden?
  • Wann geht oder ging es meiner Haut besonders gut?
  • Was war da anders, besser, toller?
  • Was tut mir gut?

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Man muss also zunächst einmal herausfinden, wo der Zusammenhang zwischen Neurodermitis und Psyche sein könnte?

Bevor Lösungen durch den Patienten selbst gefunden werden, müssen zunächst einmal viele Fragen gestellt werden. Lösungen können immer nur auf der Grundlage eines ganz persönlichen, individuellen Er-Lebens gefunden werden. Wie sagte Prof. Gerhard Danzer so schön: „Der Mensch ist ein Jemand und kein Etwas, eine Person und kein Ding, und als Person darf und soll er in Medizin und Psychologie geachtet, betrachtet und behandelt/beraten/begleitet werden.“

 

Frau Mannhardt, herzlichen Dank für dieses Interview!

 

Quellen:

1. Kodama, A., Horikawa, T., Suzuki, T., Ajiki, W., Takashima, T., Harada, S. & Ishihashi, M. (1998). Effect of stress on atopic dermatitis: investigation in patients after the great hanshin earthquake. Journal of Allergy and Clinical Immunology, 104, 173-6; Capoore, H. S., Rowland Payne, C. M. & Goldin, D. (1998). Does psychological intervention help skin conditions? Postgraduate Medicine, 74, 662-4. DOI: 10.1016/s0091-6749(99)70130-2

2. Gil, K. M., Keefe, F. J., Sampson, H. A., Mc Caskill, C. C., Robin, J. & Crisson, J.E. (1987). The relation of stress and family environment to atopic dermatitis symptoms in children. Journal of Psychosomatic Research, 31, 673-84. DOI: 10.1016/0022-3999(87)90016-x

3. McKenzie C, Silverberg JI. Association of adverse childhood experiences with childhood atopic dermatitis in the United States. Dermatitis. 2020;31(2):147–152. DOI: 10.1097/DER.0000000000000550

 

Wichtiger Hinweis

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