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Neurodermitis-Schübe durch Pollen: Airborne Contact Dermatitis

Neurodermitis Pollen Airborne Contact Dermatitis
Was steckt hinter dem Begriff: Airborne Contact Dermatitis? Bildquelle: Canva gettysignature, artfully1979

Pollen können Neurodermitis triggern! Das beobachten manche Neurodermitis-Patienten, die in der Pollenflugsaison mit vermehrten Ekzemen reagieren. Der medizinische Fachbegriff für diese Form der Neurodermitis lautet „Airborne Contact Dermatitis“ (ACD) oder „aerogenes kontaktallergisches Ekzem“. Was kann man tun, wenn man durch den Pollenkontakt einen Neurodermitis-Schub bekommt?

Autor: Dr. med. Anna Eger

 

Airborne Contact Dermatitis: Die wichtigsten Fakten!

Die Airborne Contact Dermatitis ist eine besondere Form der Dermatitis, von der Neurodermitiker betroffen sein können, wenn zusätzlich eine Pollensensibilisierung vorliegt

Diese Form der Dermatitis zeigt sich besonders an den von Kleidung unbedeckten Hautarealen

Die Pollen können bei der ACD über die bei Neurodermitis geschädigte Hautbarriere eindringen und T-Zell-vermittelt eine Entzündungsreaktion hervorrufen

Allergie gegen Kreuzblütler stellen ein besonderes Risiko für die Entwicklung der Airborne Contact Dermatitis dar

Man kennt inzwischen auch zahlreiche weitere potentielle Allergene, die ein aerogen kontaktallergisches Ekzem auslösen können

Eine gute Basispflege ist wichtig, gegebenenfalls kombiniert mit einer topischen Therapie mit Kortikosteroiden oder Calcineurininhibitoren

Die spezifische Immuntherapie scheint einen positiven Effekt zu haben, ist jedoch noch nicht für die ACD zugelassen

 

Wie häufig kommt es bei Neurodermitis-Patienten zu Ekzem-Schüben durch Pollen?

Nur ein kleiner Teil der Neurodermitis-Patienten ist von der sogenannten „Airborne Contact Dermatitis“ oder auch “aerogenes kontaktallergisches Ekzem“ betroffen. Die Erkrankungshäufigkeit ist allerdings schwer abzuschätzen. Man unterscheidet nicht-berufsbedingte und berufsbedingte Formen der ACD.

Woran erkennt man, dass die Neurodermitis von den Pollen kommt?

Die Pollen-induzierte Form der Neurodermitis ist dadurch gekennzeichnet, dass das Ekzem an den freiliegenden Hautarealen auftritt, wie:

  • Gesicht
  • Dekolleté
  • „V“ des Halses
  • Hände und Unterarme
  • Augenlider
  • Nasolabialfalte
  • Unter dem Kinn

Der Befall der letzten drei Hautareale ist ein Unterscheidungsmerkmal zu lichtinduzierten Dermatosen. Brillenträger können die entzündlichen Veränderungen auch am Nasenrand haben. Manche Patienten beobachten vor dem Auftreten der eigentlichen Entzündung ein Anschwellen des Gesichtes.

Die entzündlichen Hautveränderungen sind relativ großflächig gerötet. Sie können außerdem folgende Erscheinungsbilder haben:

  • akneähnlich
  • flechtenartig
  • schuppend
  • dauerhaft erweiterte kleine Blutgefäße (Teleangiektasien)
  • Missempfindungen
  • Kleine Hauteinblutungen
  • Schießscheibenartige, kokardenförmiges Exanthem

Besteht die Dermatitis über längere Zeit, dann kann es zu einem chronischen knötchenförmigen Ekzem kommen, weiterhin zu Sekundärinfektionen, Rissbildungen, sowie Pigmentierungsstörungen der Haut.

Was sind die Ursachen für Neurodermitis, die durch Pollen ausgelöst wird, gibt es Risikofaktoren?

Die Patienten mit „Airborne Contact Dermatitis“ sind gegen die entsprechenden Pollen, zum Beispiel Birkenpollen oder Gräserpollen, sensibilisiert. Es ist aber unerheblich gegen welche Pollenart die Sensibilisierung besteht. Die bei Neurodermitis geschädigte Hautbarriere fungiert als Eintrittstor für das Eindringen von über die Luft übertragenen Allergenen, wie es die Pollen sind. Die Haut kann diese Pollenallergene innerhalb von Minuten aufnehmen. Die Allergene der Pollen aktivieren in der sogenannten Induktionsphase über mehrere Stufen verschiedene Immunzellen, die in den Blutkreislauf wandern. Wenn es dann erneut zu einem Allergenkontakt kommt, werden verschiedene Zytokine und Mediatoren freigesetzt, die eine Entzündungsreaktion der Haut bewirken. Die Arbeit mit Pflanzen aus der Familie der Korbblütler scheint ein besonderer Risikofaktor für eine aerogen übertragenen Kontaktdermatitis zu sein.

Haben Patienten mit einer durch Pollen getriggerten Neurodermitis auch immer Heuschnupfen?

Der maßgebliche Faktor bei der von Pollen ausgelösten Neurodermitis ist die Sensibilisierung. Eine zusätzliche Pollenallergie kann, muss aber nicht auftreten. Das bedeutet, dass ein Patient gegen Pollen sensibilisiert sein kann, ohne Symptome eines Heuschnupfens zu verspüren. In diesem Fall würde man noch nicht von einer Pollen-“Allergie“ sprechen. Dabei ist die Sensibilisierung nicht nur über das IgE gegeben, sondern, wie gerade beschrieben, auch auf der Ebene der T-Zellen. Es existieren dann spezifische T-Zellen, die gegen das Allergen, etwa die Birkenpollen oder Gräserpollen, gerichtet sind. Diese spezifischen T-Zellen sind die Ursache für das Entstehen des Ekzems in der Haut.

Kann eine Airborne Contact Dermatitis auch durch Heuschnupfen verursacht werden?

Nicht der Heuschnupfen, sondern die dahintersteckende Sensibilisierung gegenüber bestimmten Pollen ist ausschlaggebend für die Entstehung der aerogenen Kontaktdermatitis. Liegt aber ein Heuschnupfen, also das zur Pollenallergie gehörige Krankheitsbild vor, dann kann dieser durch die genannten Mechanismen zur Entstehung der Airborne Contact Dermatitis beitragen.

Welche Pollenallergien können Neurodermitis-Symptome auslösen?

Die Airborne Kontakt Dermatitis ist eine besondere Erscheinungs-Form bei Neurodermitis, die hauptsächlich durch eine Allergie beziehungsweise Sensibilisierung gegenüber folgenden Allergenen ausgelöst werden kann:

  • Korbblütler, wie
    • Mutterkraut
    • Kamille
    • Farnkraut
    • Scharbockskraut
    • Einjährige Sonnenblumen
    • Ringelblumen
    • Astern
    • Dahlien
    • Chrysanthemen
    • Margeriten
    • Ambrosie
  • Kreuzallergene der Korbblütler, wie
    • Lorbeer

Seltener kommen auch in Betracht, gewinnen aber immer mehr Beachtung bei der berufsbedingten aerogenen Kontaktdermatitis:

  • chemische Verbindungen, wie
    • Kolophonium
    • Epoxidharze
  • Medikamente
  • Parfüms

Kann es auch bei anderen Allergenen wie Hausstaubmilben oder Tierhaaren zu Ekzemen kommen, wenn man Neurodermitis hat?

Auch Hausstaubmilben- und Tierhaarallergene können über diesen Mechanismus der Sensibilisierung mit nachfolgender Entzündungsinduktion in der Haut Ekzeme auslösen.

Was kann man tun, wenn man Neurodermitis hat und auf Pollen mit Ekzemen reagiert?

Zunächst ist es wichtig, dass der Betroffene versucht, die auslösenden Pollen so gut es geht zu meiden. Zur Stärkung der Hautbarriere wird eine gute Basispflege empfohlen. Dabei sind feuchtigkeitsspendende Cremes zu empfehlen. In schweren Fällen muss ein Arzt über eine topische oder systemische Behandlung mit entzündungshemmenden Medikamenten entscheiden.

Kann Cremen bei Neurodermitis vor Pollen-getriggerten Ekzemschüben schützen oder kleben die Pollen nicht eher an der eingefetteten Haut fest?

Aufgrund des bei Neurodermitis vorliegenden Barrieredefektes der Haut, spielt die Basispflege immer eine besondere Rolle. Es gibt zwar bisher keine kontrollierten Studien, die einen Zusammenhang zwischen der Basispflege und dem Schutz vor Pollen bei einer Airborne Contact Dermatitis untersucht hätten, wenn man aber davon ausgeht, dass das Cremen die Hautbarriere stärkt und dass beim Atopiker aufgrund des Barrieredefektes Allergene leichter in die Haut eindringen können, sollte die Basispflege auch bei der Airborne Contact Dermatitis positiv wirken. Der Lipidfilm stellt eine Barriere dar, die verhindert, dass Allergene in die Haut eindringen.

Sollte man versuchen, im Freien möglichst wenig Haut zu exponieren, wenn man eine Neurodermitis hat, die auf Pollen reagiert?

Es würde nicht viel helfen, möglichst alle Hautpartien zu bedecken und sich regelrecht „zu verschleiern“. Die Luft gelangt letztendlich überall hin und die Lebensqualität sollte erhalten bleiben. Allerdings sollte man möglichst vermeiden, an Tagen mit besonders hoher Pollenkonzentration sich im Freien aufzuhalten. Außerdem können das Auftragen der Schutzcreme auf exponierte Stellen und Duschen nach dem Aufenthalt im Freien zu einem geringeren Eindringe von Pollen in die Haut beitragen.

Was können Patienten mit Airborne Contact Dermatitis in der Zeit tun, wenn „ihr Allergen“ in der Pollenflugzeit fliegt?

Wichtig ist in dieser Zeit, eine gute Hautpflege durchzuführen, den Kontakt mit dem Allergen weitestgehend zu meiden und bei den ersten Symptomen konsequent antientzündlich zu behandeln. Dazu zählen topische Kortikosteroide und topische Calcineurininhibitoren. Gegebenenfalls können zur Unterdrückung der Reaktionen systemische Antihistaminika hilfreich sein. In besonders schweren Fällen sollten auch Kortikosteroide oder andere Immunsuppressiva als Tabletten oder Spritzen für die Behandlung der Airborne Contact Dermatitis erwogen werden. Ob die bei Neurodermitis zum Einsatz kommenden Biologika und JAK-Inhibitoren bei der Airborne Contact Dermatitis auch erfolgreich eingesetzt werden können, dazu gibt es noch keine eindeutigen Forschungsergebnisse. Für die Wirksamkeit dieser Wirkstoffgruppen auf die Kontaktdermatitis gibt es jedoch einige Studien. Diese sind zwar vielversprechend im Hinblick auf den Einsatz bei der Behandlung der ACD, aber es werden noch weitere Untersuchungen notwendig sein.

Langfristig könnten die Patienten von einer spezifischen Immuntherapie profitieren. Die spezifische Immuntherapie erzeugt eine Toleranz gegenüber dem relevanten Pollenallergen.

Spezifische Immuntherapie: Nicht zugelassen zur Therapie der Neurodermitis

Die spezifische Immuntherapie ist ein Therapieverfahren, das in der Behandlung IgE-vermittelter allergischer Erkrankungen zum Einsatz kommt. Sie ist eine Möglichkeit, Allergien kausal, also bei ihrer Ursache, zu behandeln, indem sie das Immunsystem schrittweise so moduliert, dass es sich an das allergieauslösende Antigen „gewöhnt“. Zur Behandlung der Neurodermitis ist die spezifische Immuntherapie nach wie vor nicht zugelassen. Die Zulassung der spezifischen Immuntherapie besteht zur Behandlung der allergischen Rhinokonjunktivitis und des allergischen Asthmas. Es gibt aber Hinweise, dass insbesondere schwer betroffene Neurodermitis-Patienten von einer spezifischen Immuntherapie profitieren. Jüngere Studien konnten eine deutliche Verbesserung der Symptome der Neurodermitis nach einer subkutanen oder sublingualen Immuntherapie nachweisen. Laut Leitlinie kann der Arzt besonders bei Neurodermitis-Patienten mit Verdacht auf ein aerogen-getriggertes Ekzem eine spezifische Immuntherapie erwägen, wenn eine entsprechende Sensibilisierung nachgewiesen ist.

Nachdem aktuelle Studien auch bei der Airborne Contact Dermatitis eine deutliche Verbesserung nach einer Immuntherapie zeigen konnten, wäre es ein Ziel, die spezifische Immuntherapie als Therapie auch für diese Indikation zuzulassen. Aber bis jetzt ist es noch nicht gelungen, in Studien klar herauszuarbeiten, welche Neurodermitis-Patienten genau von einer spezifischen Immuntherapie profitieren würden, und es sind noch weitere Forschungen notwendig, um einzelne Punkte zu untersuchen.

Quellen:

Pfaar, O. et al.: Guideline on allergen immunotherapy in IgE-mediated allergic diseases. Allergol Select. 2022; 6; 167-232; DOI 10.5414/ALX02331E

AMWF-S2k-Leitlinie „Neurodermitis“, AWMF-Registernummer: 013-027; letzte Überarbeitung, 03/2015; gültig bis 05/2018; in Überarbeitung (Zugriff 20.06.2023)

AWMF-S1-Leitlinie „Kontaktekzem“; AWMF-Registernummer 013-055, 2021; gültig bis 31/08/2026
Handa, S., et al.: Airborne contact dermatitis – current perspectives in etiopathogenesis and management; Indian J Dermatol. 2011 Nov-Dez; 56(6): 700-706; DOI: 10.4103/0019-5154.91832;

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3276900/ (Zugriff 20.06.2023)
Altmeyer, P.: Airborne contact dermatitis; in Altmeyers Enzyklopädie; zuletzt überarbeitet 14.06.2022;

https://www.altmeyers.org/en/dermatology/airborne-contact-dermatitis-118472; (Zugriff 20.06.2023)

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

03. Juli 2023

Autor: Dr. med. Anna Eger, www.mein-allergie-portal.com

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