Ambrosiaallergie Allergenität Asthma

Prof. Dr. med. habil. Regina Treudler, Leitende Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie und Leiterin des Leipziger Interdisziplinären Allergiecentrums (LICA) am Universitätsklinikum Leipzig über die Allergie auf Ambrosia, die Allergenität der Ambrosia Pollen und das Risiko, ein Asthma zu entwickeln!

Allergie auf Ambrosia: Stärkere Allergenität? Höheres Asthmarisiko?

Allergie auf Ambrosia oder Ragweed Allergie – beide Begriffe bezeichnen die Allergie auf eine Pflanze, die sich in Europa und damit auch in Deutschland zunehmend „breit macht“. Der Einwanderer aus den USA ist aber nicht nur fruchtbar und sehr robust. Das Allergen der Ambrosia kann Allergien verursachen und gehört in Amerika zu den häufigsten Verursachern von Pollenallergien. Droht diese Entwicklung auch in Deutschland? MeinAllergiePortal sprach mit Frau Prof. Dr. med. habil. Regina Treudler, Leitende Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie und Leiterin des Leipziger Interdisziplinären Allergiecentrums (LICA) am Universitätsklinikum Leipzig über die Allergie auf Ambrosia, die Allergenität der Ambrosia Pollen und das Risiko, ein Asthma zu entwickeln.

Frau Prof. Treudler, Allergien auf Ambrosia artemisiifolia scheinen in Deutschland auf dem Vormarsch zu sein, stimmt das?

Tatsächlich weiß man, dass sich die Pflanze in vielen Regionen Deutschlands ausbreitet. So ist z. B. in der Lausitz das höchste Vorkommen dokumentiert. Nur wenige Bundesländer haben allerdings bisher eine gezielte Dokumentation der Ausbreitung vorgenommen.


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Weiß man, wie viele Menschen auf Ambrosia sensibilisiert sind bzw. wie viele Ambrosia-Allergiker es tatsächlich gibt?

Die 2013 veröffentlichte Studie zur Untersuchung der Gesundheit von  Erwachsenen in Deutschland (DEGS) hat gezeigt, dass bei 8,2 Prozent der 18 bis 79 jährigen Probanden allergieauslösende Antikörper gegen Ambrosia nachweisbar sind. In einer aktuellen populationsbezogenen Gesundheitsstudie an älteren (40 bis 79 Jahre) Leipziger Erwachsenen (LIFE) konnten wir bei durchschnittlich 4 Prozent mittels Hautallergietest eine Sensibilisierung finden. Wie bei anderen Pollenallergikern, ist die Häufigkeit der Sensibilisierung bei jüngeren Probanden höher als bei älteren.


Warum findet man bei jüngeren Menschen häufiger Sensibilisierungen als bei älteren?

Man beobachtet, dass Allergien bei Kindern und Jugendlichen deutlich häufiger auftreten als bei älteren Menschen. Warum das so ist, wissen wir noch nicht genau.

Es wird vermutet, dass sich bestimmte Aspekte unserer Lebensgewohnheiten, insbesondere in der frühen Kindheit, ungünstig auf die Entwicklung von Allergien auswirken. Über den Einfluss des westlichen Lebensstils und die Hygiene-Hypothese wird viel diskutiert und auch darüber, welche Rolle es für die Entwicklung von Allergien spielen könnte, dass Kinder heutzutage durch das Impfen keine Kinderkrankheiten mehr „durchmachen“. Auch der Einfluss der modernen Ernährung bzw. der Zusatzstoffe in den Nahrungsmitteln ist ein strittiger Punkt. Wahrscheinlich spielen mehrere Aspekte eine Rolle.


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Weiß man, auf welchem Wege die Sensibilisierung mit Ambrosia bzw. Ragweed erfolgt und in welchem Maße bzw. Zeitraum aus der Sensibilisierung eine Allergie wird?

Die Sensibilisierung, messbar durch einen Hautallergietest oder Antikörper im Blut, erfolgt über in der Luft befindliche Pollen, das heißt, über die Atemwege. Die Ambrosiapollen sind im Vergleich zu anderen Pflanzenpollen sehr klein und können daher mit dem Wind über weite Strecken transportiert werden. Zudem führen Ambrosiapollen bereits in geringerer Konzentration zu allergischen Beschwerden als z.B. Birken- oder Gräserpollen.

Man weiß aus anderen Ländern, dass es bis zu 15 Jahre dauern kann, bis eine Ambrosia-Pollenbelastung zu einer messbaren Sensibilisierung  führt. Zwischen einer Sensibilisierung und dem Auftreten von klinischen Beschwerden können dann wieder bis zu fünf Jahre vergehen.

Eine stichprobenartige Untersuchung unserer Probanden der LIFE Studie mit positivem Hautallergietest auf Ambrosia zeigte, dass fast jeder zweite auch klinisch reagiert, wenn man die Nasenschleimhaut mit den Ambrosia-Pollen in Kontakt bringt. Das bedeutet, dass wir in einigen Jahren mit einem massiven Anstieg an Ambrosia-bzw. Ragweed Allergikern rechnen müssen!

Die Allergologen schlagen Alarm und fordern, dass die Ambrosia konsequent und bundesweit flächendeckend bekämpft wird, so wie dies auch in anderen Ländern, z.B. der Schweiz, der Fall ist. Leider fallen diese Warnungen bei der Politik bisher nicht hinreichend auf fruchtbaren Boden. Dabei könnte man jetzt noch verhindern, dass Menschen zukünftig eine Ambrosia-Allergie und dann vielleicht ein allergisches Asthma entwickeln.

Müssten nicht eigentlich auch die Krankenkassen daran interessiert sein, die Ambrosia zu bekämpfen? Schließlich tragen sie die Kosten….

Aus volkswirtschaftlicher Sicht müssten sowohl die Politik als auch die Kassen ein hohes Interesse daran haben, eine Sensibilisierung breiter Teile der Bevölkerung von vornherein zu verhindern. Leider liegt der Fokus der Verantwortlichen jedoch mehr auf kurzfristigen Themenstellungen und weniger auf Nachhaltigkeit und Prävention.  


Wie zeigen sich bei der Ambrosia Allergie die Symptome?

Ambrosia-Allergiker leiden typischerweise an einem allergischem Schnupfen, einer allergischen Bindehautentzündung und einem allergischem Asthma.

Im Vergleich zu anderen Pollenallergien tritt das Asthma deutlich früher und deutlich häufiger auf, was daran liegt, dass die Pollen wegen der geringen Größe gut in tiefe Atemwege eindringen können.

Der Höhepunkt der Beschwerden liegt in den Monaten August bis September, aber auch vorher und nachher können Betroffene Symptome zeigen. Insgesamt  handelt sich um eine sogenannte Soforttyp-Allergie, d.h., die Beschwerden treten schon kurze Zeit nach dem Kontakt auf.


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Geht die Ambrosia Allergie mit anderen Pollenallergien einher?

Ambrosia-Allergiker haben typischerweise eine Vielzahl von Sensibilisierungen auf weitere Atemwegsallergene, z.B. Birke, Gräser, Tierhaare oder Hausstaubmilbe. Am häufigsten wird aber eine gleichzeitige Sensibilisierung auf Beifuß beobachtet. Wahrscheinlich handelt es sich bei den meisten Patienten mit nachweisbarer Ambrosia-Sensibilisierung auch um eine Kreuzreaktion mit Antikörpern gegen Beifußpollen.

Kann es bei der Ambrosia Allergie zu Kreuzreaktionen mit Nahrungsmittelallergenen kommen?

Bei Ambrosia Allergikern kommt es häufig zu Sensibilisierungen auf Melone sowie auch auf Kürbis und Banane.

Meist scheint es sich wieder um eine Kreuzreaktion von Antikörpern auf universell in Pflanzen vorhandene Eiweiße, die sogenannten Profiline, zu handeln und nicht immer kommt es zu klinischen Beschwerden beim Verzehr. Hier ist unbedingt noch Forschungsbedarf.

Wie erfolgt die Diagnose der Ambrosia bzw. Ragweed Allergie?

Neben einer Erhebung der Vorgeschichte des Patienten im Hinblick auf die Beschwerden können wir einen Hautallergietest (Pricktest) und eine Bestimmung von Antikörpern im Blut vornehmen. Es sollte immer parallel eine Untersuchung auf weitere Pollenallergene, insbesondere auf Beifuß, erfolgen.

Die Labordiagnostik von Allergien hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Dennoch können wir leider in der Routinediagnostik meist immer noch nicht sicher unterscheiden, ob es sich bei den Ambrosia-Sensibilisierten um eine primäre Sensibilisierung auf dieses Allergen oder, aufgrund der hohen Ähnlichkeit der Allergene, um eine Kreuzreaktion bei Beifuß-Sensibilisierung handelt.


Ist Ambrosia denn in den Standard-Allergietests enthalten?

Für Allergietests gibt es keinen wirklichen Standard. Es gibt eine Empfehlung der Fachgesellschaften, den sogenannten europäischen Allergiestandard, der auch Ambrosia enthält.

Diese Empfehlung ist jedoch nicht verpflichtend und die Auswahl der zu testenden Allergene obliegt letztendlich dem einzelnen Arzt. Gerade bei der Ambrosia wäre eine standardmäßige Testung wünschenswert, sichergestellt ist dies jedoch nicht.     


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Welche therapeutischen Optionen stehen zur Behandlung der Ambrosia Allergie zur Verfügung?

Betroffene Patienten sollten zunächst durch einen Allergologen die Diagnose sichern lassen. Eine Lungenfunktionsdiagnostik ist zusätzlich zu den üblichen Allergietesten empfehlenswert.

In Abhängigkeit von betroffenen Organsystemen können Antihistaminika als Augen- oder Nasentropfen und als Tabletten eingesetzt werden. Zudem werden bei starken Beschwerden Kortisonpräparate als Nasen- oder Asthmaspray, selten als Tabletten, gegeben. Auch andere antientzündliche Präparate können gegebenenfalls zum Einsatz kommen. Frühzeitig sollte auch bei Ambrosia-Allergikern überlegt werden, eine spezifische Immuntherapie (Allergieimpfung) durchzuführen.

Was wäre aus Ihrer Sicht die wichtigste Maßnahme, um steigende Ambrosia-Allergie-Zahlen zu verhindern?

Das wichtigste wäre die Prävention. Wie gesagt müssten dringend geeignete Maßnahmen eingeleitet werden, um die Ausbreitung der Pflanze und damit den Pollenflug in Deutschland einzudämmen. Allergologen müssen zudem wissen, wie hoch die Pollenbelastung in den einzelnen Regionen ist.

Es ist daher nicht zu verstehen, dass es keine flächendeckende Pollenmessung gibt. Das jetzige Dokumentationssystem beruht im Wesentlichen auf einer großen Eigeninitiative engagierter Ärzte, Naturwissenschaftler und ehrenamtlich tätiger Helfer der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID). Pollenfallen gibt es deshalb nur dort, wo freiwillige Helfer es auf sich nehmen, diese Fallen zu betreuen bzw. auszuwerten. Die Zahl der Helfer nimmt jedoch kontinuierlich ab, denn es sind nicht mehr so viele Menschen bereit dazu, diese Arbeit unentgeltlich, im Dienste der Allgemeinheit zu verrichten. Die nötigen Mittel, um die Arbeit der Helfer finanziell zu entlohnen, hat die Stiftung aber nicht, sie finanziert sich im Grunde selbst.  

Das bedeutet, es müssten Melde- und Bekämpfungssysteme installiert werden. Leider ist es aber in den meisten Bundesländern nicht leicht, bei den entsprechenden Stellen hierfür Unterstützung zu erhalten. Angesichts der Tatsache, dass 30 Prozent der Bevölkerung von Allergien betroffen sind, ist dies nicht nachvollziehbar.

Zusammen mit anderen Kollegen des Leipziger Interdisziplinären Centrums für Allergologie (LICA) versuche ich seit mehreren Jahren, auch am Universitätsklinikum in Leipzig ein Pollenmessgerät  zu installieren und dafür Mittel des sächsischen Sozialministeriums zu gewinnen und ich hoffe, dass uns dies bald gelingen wird. Die Medizinische Fakultät Leipzig hat erfreulicherweise schon ihre Unterstützung zugesagt.

Frau Prof. Treudler, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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