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Allergie Birkenpollen Kreuzreaktionen orales Allergiesyndrom

Norbert Mülleneisen zum Thema: Allergie auf Birkenpollen, Kreuzreaktionen, orales Allergiesyndrom?

Birkenpollenallergie, Kreuzreaktionen, orales Allergiesyndrom

Bei einer Allergie auf Birkenpollen kann es zu Kreuzreaktionen kommen. Die Patienten reagieren dann nicht allein auf Birkenpollen allergisch, sondern auch auf andere Allergene, auch in Nahrungsmitteln. Man spricht dann von einem oralen Allergiesyndrom (OAS). Was heißt das bei einer Birkenpollenallergie und was ist zu beachten? MeinAllergiePortal sprach mit Norbert Mülleneisen, Facharzt für Lungenheilkunde in Leverkusen.

Autor: Sabine Jossé M.A.

Interviewpartner: Norbert Mülleneisen

Zunächst zum Verständnis: Das Prinzip einer Allergie beruht darauf, dass der Körper durch Antikörper Fremdeiweiß als fremd erkennt und bekämpft. Das ist sinnvoll für die Bekämpfung von Viren und Bakterien. In Bezug auf harmlose Pollen ist dieser Prozess im Körper nicht sinnvoll, aber bei Allergikern reagiert der Körper nun einmal so.

Nun zu den Kreuzreaktionen: Bei der Eiweißstruktur des Pollens der Birke besteht eine chemische Verwandtschaft mit der Eiweißstruktur, zum Beispiel, von Apfel, Birne oder Haselnuss, und dadurch kommt es zu einer Kreuzallergie bei Birkenpollenallergie

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Was bedeutet es konkret, wenn es bei Birkenpollenallergikern zu Kreuzallergien kommt?

Konkret bedeutet das, dass das Immunsystem des Birkenpollen-Allergikers auch die Allergene von Apfel oder Haselnuss als fremd erkennt und die Antikörper bekämpfen dann auch diese „Feinde“. Das heißt, es kommt zu einer Freisetzung von Histamin und in der Folge zu einem oralen Allergiesyndrom (OAS), meist Juckreiz im Mund. Der Juckreiz ist in der Regel eher harmlos. Ein orales Allergiesyndrom kann aber auch schon mal heftigere Beschwerden verursachen, je nachdem, wie groß die verzehrte Allergenmenge war.

Was kann passieren, wenn Birkenpollen-Allergiker mit Kreuzreaktionen auf Nahrungsmittel größere Allergenmengen zu sich nehmen?

Die Patienten hören meist von alleine auf, das Nahrungsmittel zu essen, wenn der Juckreiz im Mund einsetzt. Aber, wenn man bei einer Allergie auf Birkenpollen, zum Beispiel auf Haselnüsse mit einem oralen Allergiesyndrom in Form von Juckreiz reagiert, dies ignoriert und weiter isst, kann es gefährlich werden. Dann kann es sogar zu einem allergischen Schock kommen, der eine Notfallbehandlung mit Adrenalin nötig macht.

Bei welchen Nahrungsmitteln außer Apfel, Birne und Haselnuss kann es bei einer Allergie auf Birkenpollen noch zu einem oralen Allergiesyndrom kommen?

Im Wesentlichen reagieren Birkenpollenallergiker auf Kernobst und Steinobst. Beim Obst wäre das, abgesehen von Apfel und Birne, auch noch Pfirsich, Aprikose, Nektarine, Kirsche, Pflaume etc. und öfters auch mal Kiwi und Sellerie. Bei den Nüssen kann es, neben den Haselnüssen, bei einigen Patienten auch durch Paranüsse und Walnüsse zum oralen Allergiesyndrom kommen.

Weiter ist bei den Birkenpollenallergikern auch eine Kreuzreaktion auf Erdnuss möglich. Die Kreuzreaktion erfolgt dann auf die sogenannten PR-10 Proteine, bestimmte Eiweiße in den Birkenpollen, die auch in der Erdnuss vorkommen. Die Patienten berichten dann im Zusammenhang mit dem Erdnussverzehr über einen Juckreiz im Mund. Dabei handelt es sich aber nicht um die lebensbedrohliche Form der Erdnussallergie, bei der die Patienten auf das Speicher-Allergen der Erdnuss allergisch reagieren, im schlimmsten Fall mit einem anaphylaktischen Schock.

Interessant ist hierbei, dass Menschen mit einer Allergie auf Birkenpollen, die auf bestimmte Nahrungsmittel mit einem oralen Allergiesyndrom reagieren, meist angeben, dass sie diese Nahrungsmittel „nicht mögen“. Das heißt, die Patienten meiden die für sie unverträglichen Nahrungsmittel instinktiv!

Abgesehen von den allergischen Reaktionen auf Nahrungsmittel kann es bei einer Birkenpollenallergie aber auch zu Kreuzreaktionen auf andere Baumpollenarten kommen.

Bei welchen anderen Baumpollenarten kann es bei Birkenpollenallergikern zu Kreuzreaktionen kommen?

Bei der Pollenallergie auf Birke besteht ja, wie gesagt, eine chemische Verwandtschaft mit anderen Baumpollen. Frühblüher wie Hasel, Erle und Birke gehören alle zu einer Pflanzenfamilie. All diese Baumarten gehören zu den sogenannten Rosaceae, den rosenartigen Gewächsen und sind miteinander kreuzreaktiv. Das bedeutet, Birkenpollenallergiker können auch auf die Pollen von Hasel und Erle reagieren, da sich die Eiweißstrukturen von Erle, Hasel und Birke sehr ähnlich sind. Das funktioniert nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip in etwa so: Wenn man sich einen alten Schlüssel mit Schlüsselbart vorstellt, bei dem ein Zacken fehlt, dann passt der Schlüssel dennoch ins Schloss und die Tür lässt sich öffnen. Genauso reicht die Eiweißstruktur der Allergene in den Pollen von Hasel und Erle aus, um das Immunsystem von Menschen mit einer Allergie auf Birkenpollen zu aktivieren.

Aber, um beim Schlüssel-Schloss-Prinzip zu bleiben: Wenn vom Schlüsselbart mehrere Zacken abgebrochen sind, dann passt der Schlüssel irgendwann nicht mehr. Deshalb findet man bei einigen weiteren „Verwandtschaften“ der Birke, zum Beispiel bei Buche und Eiche, diese Kreuzreaktionen nicht mehr. Noch weiter entfernt ist die Esche, die zu den Ölbaumgewächsen gehört, und nur zu ca. 20 bis 30 Prozent mit den Rosaceae verwandt ist. Hier kommt es bei Birkenpollenallergikern so gut wie nie zu Kreuzreaktionen.

Eher kann es passieren, dass eine Eschenpollenallergie, die parallel zur Allergie auf Birkenpollen besteht, nicht erkannt wird.

Warum kann es vorkommen, dass eine Allergie auf Birkenpollen erkannt wird, die Allergie auf Eschenpollen jedoch nicht?

Ein Beispiel aus der Praxis: Gerade gestern stellte sich ein junger Mann vor, der drei Jahre lang mit einer Hyposensibilisierung gegen Birkenpollen behandelt wurde. Aber: Er hatte stets Beschwerden. Nach eingehender Diagnose stellte sich dann heraus: Der Patient hat nicht nur eine Birkenpollenallergie, sondern auch eine Allergie auf Eschenpollen! Und eine Allergie auf Eschenpollen verbessert sich nicht, wenn man auf Birkenpollen hyposensibilisiert. Nun blüht die Esche ungefähr zur selben Zeit wie die Birke, deswegen kann eine solche weitere Allergie schon einmal übersehen werden. Nur, wenn die Symptome trotz Hyposensibilisierung anhalten, muss man weiter nachforschen, was die Ursache sein könnten. Bei diesem Patienten war dies eben drei Jahre lang nicht bemerkt worden. Deswegen hat man ihn drei Jahre lang zwar im Hinblick auf seine Birkenpollenallergie richtig, nicht aber auf die Allergie auf Eschenpollen behandelt. Man hätte ihn dann parallel auf beides desensibilisieren sollen.

Anders ist das bei den „nahen Verwandten“ Hasel, Erle und Birke. Ist ein Patient allergisch auf alle drei Pollenarten, werden sich auch die Symptome der Allergie auf Hasel und Erle bessern, wenn auf Birke hyposensibilisiert wird. Oder anders gesagt: Es ist fast egal, ob ein Birkenpollenallergiker auf Haselnuss oder ein Haselnusspollenallergiker auf Birkenpollen hyposensibilisiert wird. Es wird auf jeden Fall besser!

Jetzt gibt es ja aber auch Menschen, die reagieren auf Gräserpollen, auf Birkenpollen, auf Eschenpollen, auf Brennnesselpollen, auf Ambrosiapollen und, und, und… Deshalb muss vor Beginn einer Hyposensibilisierung, einer dreijährigen Behandlung, die ja langwierig und teuer ist, genauestens diagnostiziert werden, welches die relevanten Allergene sind.

Zurück zu den Kreuzreaktionen: Welche Konsequenzen haben diese bei der Allergie auf Birkenpollen?

Wenn ein Birkenpollen-Allergiker kreuzreaktiv auf Hasel und Erle reagiert, heißt das, er leidet länger. Im Jahr 2019, zum Beispiel, hatten wir schon am 17. Dezember den ersten Hasel- und Eibenpollenflug. Das heißt, die Pollensaison 2020 ging schon 2019 los. Das war ungewöhnlich früh, aber es kommt vor. Und: In diesem Jahr 2020 waren die ersten Birkenpollen schon am 12. März in der Luft - so früh habe ich das noch nie erlebt. Das heißt, die Pollensaison fängt für Birkenpollenallergiker immer früher an und dauert auch immer länger. Hinzu kommt, dass die Pollenintensität bei der Birke in 2020 auch noch besonders heftig war.

Ich kenne kaum einen Birkenpollenallergiker, der wirklich nur im April Beschwerden hat. Die meisten haben schon im Dezember bzw. im Januar Heuschnupfen-Symptome. In manchen Jahren mehr, in anderen weniger.

Wie diagnostiziert man bei einer Allergie auf Birkenpollen Kreuzreaktivitäten?

Den Kreuzreaktivitäten kommt man bei Birkenpollen-Allergikern im Grunde genommen schon durch die Anamnese auf die Spur Man kann natürlich auch Antikörper bestimmen, zum Beispiel auf Apfel oder Erdnuss. Meist ist dies aber nicht erforderlich. Ausreichend ist in der Regel ein Pricktest und eine Blutentnahme auf Birke. Und wenn der Patient darauf reagiert, fragt man nach allergischen Reaktionen wie Juckreiz nach dem Genuss bestimmter Nahrungsmittel, wie zum Beispiel Apfel oder Haselnüsse. Oft bestätigt das der Patient und man muss das dann nicht mehr extra austesten.

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Ist zur Therapie des oralen Allergiesyndroms auch die Hyposensibilisierung auf Birke die Therapie der Wahl oder gibt es Medikamente?

Ja, wobei die Hyposensibilisierung auf Birke in Bezug auf die Kreuzreaktionen auf Nahrungsmittel nicht immer hilft. Ungefähr die Hälfte der Patienten, die ich erfolgreich auf Birkenpollen desensibilisiert habe, sagen, dass sie weniger Beschwerden beim Birkenpollenflug haben. Ungefähr die Hälfte davon kann wieder Äpfel essen, die andere Hälfte nicht. Das heißt, diese Patienten haben weniger Heuschnupfen-Symptome, müssen aber weiterhin mit Beschwerden bei bestimmten Nahrungsmitteln rechnen. Der Grund dafür ist nicht bekannt.

Es gibt ja Untersuchungen, die zeigen konnten, dass nicht alle Apfelsorten gleich starke allergische Reaktionen hervorrufen…

Viele Apfelallergiker berichten, dass die alten Apfelsorten besser verträglich sind. Das heißt konkret, Berlepsch oder Boskoop sind verträglicher als die neueren Sorten wie Pink Lady oder Golden Delicious.

Wissen sollte man auch, dass bei Äpfeln die meisten Allergene in der Apfelschale rund um den Stängel enthalten sind. Wenn man dies weglässt und den Apfel dann noch insgesamt schält, ist er oftmals verträglicher, trotz oralem Allergiesyndrom.

Aber Vorsicht: Apfelallergiker sollten sich nach dem Apfelschälen auf keinen Fall die Augen reiben. Ansonsten kann es sein, dass es zu Reaktionen am Auge kommt, denn man reibt sich ja das Allergen direkt hinein.

Herr Mülleneisen, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.