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Nahrungsmittelallergie Erdnussallergie

Prof. Dr. Susanne Lau, Oberärztin an der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie u. Immunologie, Charité Universitätsmedizin, Berlin zu möglichen Ursachen für steigende Zahlen bei Nahrungsmittelallergien bzw. die Erdnussallergien!

Nahrungsmittelallergie - Erdnussallergie: Die Zahlen steigen

Dass Kinder bestimmte Nahrungsmittel nicht vertragen ist ein häufiges Phänomen, und nicht all diese Kinder haben eine Nahrungsmittelallergie. Jüngste Untersuchungen erwecken jedoch zunehmend den Eindruck, dass die Zahl der Betroffenen steigt, insbesondere bei der Erdnussallergie. Ist dieser Eindruck richtig? Sind tatsächlich immer mehr Kinder auf Nahrungsmittel und insbesondere Erdnüsse allergisch? MeinAllergiePortal sprach mit Frau Prof. Dr. Susanne Lau, Oberärztin an der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie u. Immunologie, Charité Universitätsmedizin, Berlin über mögliche Ursachen für Nahrungsmittelallergie bzw. die Erdnussallergie und die Frage, warum die Zahlen steigen.

Frau Prof. Lau, nehmen Nahrungsmittelallergien zu?

Ja, bei den Nahrungsmittelallergien sieht man europaweit einen Zuwachs.

In der LEAP-Studie (Learning Early About Peanut allergy) des IFANund der EU geförderten iFAAM Studie (integrated Food Allergen and Allergy Management) zeigte sich, dass, im Gegensatz zu Studien vor 10 bis 20 Jahren, die Anzahl der Kinder mit Nahrungsmittelallergien steigt. Gerade in Deutschland sehen wir, verglichen mit den Anfängen der MAS-Kohorte, die im MeDALL-Konsortium vertreten ist, deutlich mehr Sensibilisierungen auf Nahrungsmittelallergene und auch klinisch allergisch reagierende Patienten.

Weiß man, warum die Anzahl der Kinder mit Sensibilisierungen und Nahrungsmittelallergien steigt?

Es gibt viele Vermutungen, warum die Nahrungsmittelallergien zunehmen, und sicherlich spielen hierbei zahlreiche Faktoren eine Rolle. Dabei scheint die Entzündungs- und Sensibilisierungsbereitschaft in der Bevölkerung insgesamt ein Faktor zu sein, und auch die Zunahme von Neurodermitis.

Was hat die Zunahme von Nahrungsmittelallergien mit Neurodermitis zu tun?

Die Hautbarriere ist bei an Neurodermitis erkrankten Kindern geschädigt, sodass mehr Allergene in die Haut eindringen können. Die Sensibilisierung über die Haut scheint der Hauptweg für die Entstehung einer Nahrungsmittelallergie zu sein und dadurch, dass die Erkrankung Neurodermitis zunimmt, kommt es auch zu mehr Nahrungsmittelallergien.

In den meisten Fällen ist die Nahrungsmittelallergie also eine Folge der Neurodermitis, nicht die Ursache. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, aber gerade bei sehr jungen Kindern kommt es in der Regel zuerst zur Neurodermitis und dann zu Nahrungsmittelallergien.

Gibt es weitere Faktoren, die bei der Zunahme von Nahrungsmittelallergien eine Rolle spielen?

Ein weiterer Faktor, der bei der Zunahme von Nahrungsmittelallergien eine Rolle spielt, sind Ernährungsgewohnheiten, die sich global angleichen.

Außerdem verschwimmen in Bezug auf das Auftreten von Allergien langsam auch die Unterschiede zwischen Stadt und Land. In der Vergangenheit waren Städter generell häufiger von Allergien betroffen, als Menschen, die auf dem Land lebten. Aktuell holt das Land aber gegenüber den Städten auf.

Eine Rolle spielt dabei unter anderem wiederum auch das Verzehren von Fertigprodukten und Fertiggerichten. Generell nimmt der Konsum von Fertigprodukten zu, und auch auf dem Land isst man zunehmend Convenience Food.


Welche Zusammenhänge gibt es zwischen dem Konsum von Fertigprodukten und Fertiggerichten und der Entstehung von Allergien?

Grundsätzlich enthält Convenience Food hohe Anteile an Fett und Kohlenhydraten und ist somit nicht gesund.

Hinzu kommt, dass bei der Produktion von Fertigprodukten und Fertiggerichten Verarbeitungsprozesse eingesetzt werden, die eher solche Strukturen generieren, die für das Immunsystem ein falsches Gefahrensignal darstellen können. Man weiß z.B., dass das Erhitzen von Eiweiß-Fett-Kohlenhydrat-Gemischen sogenannte AGEs entstehen, Advanced Glycosylation Endproducts, die in traditionell zubereiteten Speisen so nicht vorkommen. AGEs entstehen bei Röstverfahren und dienen u.a. der Verstärkung der Geschmacksintensität. So wird z.B. beim Rösten von Fett und Zucker ein Karamellgeschmack erzeugt. Diese veränderten Zuckerendprodukte werden in vielen Fertigbackprodukten, Chips und Snacks eingesetzt.

Übrigens entstehen AGEs auch beim Aufwärmen in der Mikrowelle, die heutzutage ja auch in vielen Haushalten sehr intensiv genutzt wird, sowie beim Toasten und Überbacken.

Die AGEs in „overprocessed food“ bzw. industriell erzeugten Lebensmitteln aktivieren also das Immunsystem?

Tierexperimente haben gezeigt, dass AGEs dem Immunsystem eine Gefahr signalisieren, die nicht existiert und dass sie zu einer Entzündung führen können. Das Immunsystem reagiert dann auf die AGEs als seien sie ein Pathogen, z.B. ein Bakterium. Bei hohem Verzehr von Produkten, die diese AGEs enthalten kann durchaus dazu führen, dass der Körper unnötige Entzündungsreaktionen produziert. Bei AGEs-armer Kost hingegen, entstehen Entzündungsreaktionen wahrscheinlich seltener.

Interessant ist auch, dass sich auch in Kuhmilch, die in der Mikrowelle erhitzt wurde, der Anteil der AGEs, im Vergleich zur traditionellen Erhitzung von Milch in einem Topf, erhöht.

Ist Milch nicht grundsätzlich bereits in ihrer Zusammensetzung stark verändert, weil sie mittlerweile stets ultrahocherhitzt in den Handel kommt?

Ja. Bei der extrem starken Erhitzung von Milch greifen andere Mechanismen, denn dadurch werden auch positive Bakterien abgetötet, die positive Effekte auf den Organismus haben. Das Ultrahocherhitzen verändert den Anteil der Mikroben in der Milch, was die Haltbarkeit erhöht, aber die positiven Bakterien der Kuhmilch eliminiert, die einen protektiven Effekt gegen Allergien haben können. In den Bauernhof Studien hat sich gezeigt, dass der Genuss von unverarbeiteter Kuhmilch wahrscheinlich auch ein protektiver Faktor bei den Bauernhof-Kindern ist. In Bauernhof-Familien wird die eigene Milch getrunken und sicher auch erhitzt, um Bakterien abzutöten, aber nicht in dem Maße wie die industriell verarbeitete Kuhmilch.

Zurück zu den AGEs: Inwieweit wird es möglich sein, den Einfluss der AGEs auf die Entstehung von Allergien nachzuweisen?

Die Evidenz für den Zusammenhang von AGEs und Allergien nachzuweisen ist schwierig. Aus ethischen Gründen ist es nicht möglich, eine Head-to-head-Studie durchzuführen, bei der ein Teil der Studienteilnehmer natürliche Nahrungsmittel und der andere AGEs-reiche Nahrung, sprich Convenience Food, Fertigprodukte und Mikrowellenmahlzeiten erhält. Vielmehr muss man sich auf Erkenntnisse aus bevölkerungsbezogene Ernährungsgewohnheiten und In-vitro-Untersuchungen an Tiermodellen stützen. Die Makrophagenaktivierung bzw. die Aktivierung von weißen Blutzellen durch AGEs ist bereits experimentell gezeigt. Zudem weiß man, dass gerade in den anglo-amerikanischen Ländern, wo die Prävalenz von allergischen Erkrankungen sehr hoch ist, die Ernährungsgewohnheiten stark von Fertigprodukten geprägt sind, sodass man daraus Schlüsse ziehen kann.

Wird das Meiden von AGEs zur Allergieprävention empfohlen werden, z.B. in den nächsten Leitlinien?

Vorstellbar wäre, dass der potenzielle Einfluss der AGEs auf die Entstehung von Allergien in den nächsten Leitlinien zumindest in den Fokus kommen wird, wenn auch nicht gleichrangig mit Erkenntnissen mit einem hohen Evidenzgrad.

Auch die Leitlinien-Empfehlung, zur Allergieprävention Fisch in den Speiseplan aufzunehmen, basiert nicht auf starker Evidenz. Auch hier gibt es keine Studien, bei denen hoher und niedriger Fischkonsum verglichen worden sind. Es gibt aber epidemiologische Daten in Verbindung mit dem Wissen, dass Omega 3 Fettsäuren – und hier gibt es Interventionsstudien - einen positiven Effekt haben.

Welche anderen Faktoren könnten bei der Entstehung von Nahrungsmittelallergien bzw. bei deren Prävention, eine Rolle spielen?

In Bezug auf die Allergieprävention steht auch das Konzept der Beikost-Einführung immer wieder auf dem Prüfstand. Lange Zeit ging man davon aus, dass allergiegefährdete Kinder die häufigsten Nahrungsmittelallergene zunächst nicht verzehren sollten. Daten, die im Vergleich bei Kindern aus Israel und Großbritannien erhoben wurden, sowie die ersten Resultate der LEAP-Studie, die 2015 veröffentlicht wurden, wiesen jedoch in eine andere Richtung.


Welche Erkenntnisse zur Beikost-Einführung konnte man gewinnen?

Zunächst zu der Untersuchung im Vorfeld der LEAP-Studie: Dabei wurden beim Vergleich der jüdischen Kinder in Israel und der jüdischen Kinder in England Unterschiede in Bezug auf die Prävalenz der Erdnussallergie deutlich. Bei den Kindern in Israel kam es deutlich seltener zu einer Erdnussallergie, als bei den israelischen Kindern in UK. Der Unterschied: Die Kinder in Israel bekamen sehr früh einen erdnusshaltigen Snack namens Bamba, während bei den Kindern in England Erdnuss in der Beikost gemieden wurde, weil damals, wie gesagt, die Empfehlungen eher in Richtung „Meidung“ gingen.

Der Erdnuss-Konsum ist in England aber sehr verbreitet, das heißt das Erdnussallergen ist sehr präsent, auch im öffentlichen Raum. Man geht insofern davon aus, dass es in dieser Umgebung, trotz Meidens des Erdnussallergens im Speiseplan, dennoch unterschwellig zur Exposition kommt und dass dies eine Sensibilisierung eher fördert. Zudem vermutet man wie gesagt, dass bei Kindern mit Ekzemen die Sensibilisierung mit Nahrungsmittelallergenen über die Haut stattfindet. Im Gegensatz dazu waren die Kinder in Israel oral hochexponiert und konnten dadurch eher eine Toleranz entwickeln.

Welche Erkenntnisse zur Entstehung von Nahrungsmittelallergien brachte die LEAP-Studie?

In der LEAP-Studie hat man untersucht, ob die frühe Einführung von Erdnuss in Beikost bei Säuglingen die Entstehung einer Erdnussallergie verhindern kann. Dafür hat man Säuglinge mit Neurodermitis bzw. einer Hühnereisensibilisierung, die als Hochrisiko-Kinder für die Entwicklung einer Nahrungsmittelallergie gelten, im Alter von 4 bis 11 Monaten in die Studie eingeschlossen. Diese Kinder waren im ersten Lebensjahr entweder nicht gegen Erdnuss sensibilisiert oder nur sehr leicht und damit nicht klinisch relevant. Die eine Gruppe der Kinder erhielt wöchentlich 6 g Erdnuss, die andere Gruppe hat Erdnüsse streng gemieden. Dabei wussten die Eltern der Studienteilnehmer nicht, zu welcher Gruppe sie gehörten, die Zuteilung zu den Gruppen erfolgte aber randomisiert.

Nach fünf Jahren wurde die Studie „entblindet“ und man hat verglichen, wie viele Kinder in der jeweiligen Gruppe eine Erdnuss-Allergie entwickelt hatten. In der Gruppe, die regelmäßig Erdnuss verzehrt hatte, war die Prävalenz über 50 Prozent geringer, als in der Vermeidungsgruppe. Daraus schließt man, dass man bei Risikogruppen für Nahrungsmittelallergien, d.h. bei Kindern mit Ekzemen, oder bei Kindern, die bereits eine Nahrungsmittelallergie haben und die in einer Umgebung leben, in der das Erdnussallergen sehr präsent ist, Erdnüsse sehr früh in den Speiseplan einführen sollte.

Ergibt sich daraus die generelle Empfehlung, allergiegefährdeten Kindern möglichst früh Erdnussflips bzw. Snacks anzubieten?

So allgemein gilt die Empfehlung, Erdnüsse früh in den Speiseplan einzuführen, damit eine Erdnussallergie gar nicht erst entsteht, nicht. Sie gilt für Kinder mit Ekzem, die in einem Land leben, in dem Erdnüsse sehr häufig verzehrt werden und nur dann, wenn noch keine Allergie vorliegt aber eventuelll. eine stumme Sensibilisierung. Dazu gehört z.B. England und sicherlich auch Deutschland.

In Griechenland sind Erdnüsse jedoch nicht sehr verbreitet und dort stellt sich die Frage, inwieweit die Empfehlung der frühen Erdnusseinführung sinnvoll wäre. In einer Bevölkerung, in der Erdnüsse als Nahrungsmittel nur eine geringe Rolle spielen, sollte man sicher eher zurückhaltend damit sein, den Kindern Erdnüsse ganz besonders früh zu geben. Die Empfehlung gilt nur für Länder bzw. Familien mit hohem Erdnusskonsum oder hoher Allergieprävalenz.

Was tut sich in der Forschung?

Es wird sicher noch viele Interventionsstudien, auch zur Behandlung von Nahrungsmittelallergien bzw. der Erdnussallergien geben. Man versucht, bei den Nahrungsmittelallergikern Toleranz zu induzieren, entweder durch orale Therapeutika, die Erdnussprotein enthalten, oder durch eine epikutane Immuntherapie, d.h. Erdnussprotein-haltige Pflaster, die auf die Haut appliziert werden.

Bei den oralen Therapien werden höhere Dosierungen eingesetzt, als bei Pflastern. Dadurch besteht jedoch die Gefahr, dass die Patienten eine Eosinophile Gastroenteritis (EGE) entwickeln. Dann kommt es zwar bei Allergenkontakt nicht zu einer Anaphylaxie, aber womöglich leiden die Patienten dann unter einer Entzündung der Schleimhäute des Magen-Darmtraktes.

Bei den Erdnusspflastern ist die Dosierung des Erdnussproteins niedriger und die Gefahr einer EGE besteht nicht. Allerdings hat die aktuell abgeschlossene Studie an einem Erdnuss-Pflaster den primären Endpunkt, der von der FDA vorgegeben wurde, nicht erreicht. Der geforderte Therapieerfolg lag bei ≥ 15 Prozent, tatsächlich lag der Therapieerfolg bei 12 Prozent. Allerdings war dies auch ein sehr ambitioniertes Ziel und es werden sicherlich weitere Studien mit einer höheren Proteinmenge folgen. Dies könnte auch zu einer höheren Erfolgsquote führen.

Frau Prof. Lau, herzlichen Dank für dieses Gespräch!