Placeboeffekt, Noceboeffekt, Allergien

Prof. Dr. Paul Enck, Professor für Medizinische Psychologie und Forschunsgleiter der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen.

Placeboeffekt – Noceboeffekt: Was bedeutet das im Hinblick auf Allergien?

Von „placebokontrollierten Studien“ ist im Zusammenhang mit Allergien häufig die Rede, aber was ist eigentlich damit gemeint? Was bedeutete „Placebo“? Was ist steckt hinter dem „Noceboeffekt“? MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. Paul Enck, Professor für Medizinische Psychologie und Forschunsgleiter der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen.

Herr Prof. Enck, was versteht man eigentlich unter Placebo-Effekt und was ist mit Nocebo-Effekt gemeint?

Placeboeffekte nennt man die Symptombesserungen, die nach Einnahme eines "Placebos", z.B. einer Tablette ohne Wirkstoff, auftreten – die Verbesserung kann in dem Fall nicht vom Wirkstoff ausgelöst werden, sondern quasi "spontan", in der Erwartung einer Besserung. Noceboeffekte sind dem entsprechend Verschlechterungen der Symptomatik, die nicht durch ein Medikament verursacht werden, sondern durch "Erwartungen": Weil ich weiß, dass diese Nebenwirkungen auftreten können, bewerte ich Beschwerden anders als wenn ich dies nicht weiß.


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Medizinische Studien sind in der Regel „placebo-kontrolliert“ – was heißt das konkret?

Alle neuen Medikamente müssen sich einer solchen Prüfung gegenüber einem Placebo unterziehen, nur wenn das Medikament besser ist als ein Placebo, hat es eine nachhaltige Wirkung und wird von den Kassen bezahlt. Damit Arzt und Patient diese Prüfung nicht willentlich beeinflussen, werden solche Prüfungen "blind" gemacht, d.h. weder der Arzt noch der Patient weiß, ob er/sie das Medikament oder Placebo bekommt.

Stimmt es, dass die Placebo-Rate bei Allergie-Studien sehr hoch ist?

Bei allen Erkrankungen, die eine hohe "Symptomlast" haben, treten immer auch Placeboeffekte nach einer Medikamenteneinnahme auf, dass trifft vor allem auf Schmerzzustände, Geh- und Bewegungsstörungen, Atembeschwerden (Asthma) und psychischen Symptomen (Depression, Angst) auf, und dazu zählen auch die allergischen Reaktionen. Die durchschnittliche Placeborate bei all diesen Beschwerden ist etwa 40 Prozent, und das ist auch bei Allergien nicht anders.


Ist auch die Nocebo-Rate bei Allergie-Studien höher?

Über Noceboeffekte weiß man noch recht wenig, vor allem außerhalb von klinischen Studien, weil das "Verschlimmern" von Symptomen gerade bei Patienten natürlich ethisch nicht unproblematisch ist. Ob Noceboeffekte bei Allergikern häufiger sind ist daher nicht belegt. Mir sind nur ein paar Untersuchungen bekannt über Lebensmittelunverträglichkeiten, deren biologische Ursache oftmals nicht nachweisbar ist, z.B. die Zunahme der Laktoseunverträglichkeit oder der sogenannten Glutensensitivität. Beide Phänomene sind klinisch gut untersucht und dokumentierbar, aber es klagen erheblich mehr Leute darüber als diejenigen, die einen gesicherten Mangel des Enzyms Laktase oder eine Zöliakie haben. Was dahinter steckt, ist allerdings nicht gut untersucht.

Gibt es andere Zusammenhänge zwischen Allergien und psychischen Phänomenen?

Wie viele Erkrankungen reagieren auch allergische Symptome auf Belastung ("Stress") im positiven wie im negativen Sinn. Auch ist bekannt, dass manche allergischen Reaktionen sich durch "Schlüsselreize" auslösen lassen, im Sinne einer Pavlowschen Konditionierung.

Herr Prof. Enck, herzlichen Dank für dieses Interview!

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