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Allergien Unverträglickeiten Psyche

Allergien, Unverträglichkeiten, oder ist es die Psyche?, Bildquelle: S. Mannhardt

Allergien, Unverträglichkeiten, oder ist es die Psyche?

Ist es die Psyche, wenn man Symptome hat, die einer Allergie oder Unverträglichkeit gleichen? Diese Frage stellen sich viele Menschen, wenn sie unspezifische Symptome haben. Psychische Belastungen, sei es am Arbeitsplatz oder im Privatleben, zeigen sich nicht immer sofort. Man weiß heute, dass körperliche Beschwerden, auch Magen-Darm-Probleme, die Folge von überhöhtem Druck und ungelösten Konflikten sein können. So kann es vorkommen, dass die Symptome, von denen man glaubte, sie seien von Nahrungsmittelallergien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten ausgelöst, eine ganz andere Ursache haben. MeinAllergiePortal sprach mit Dipl oec. troph. Sonja M. Mannhardt, Gesundheitsmanagement, Schliengen.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Dipl oec. troph. Sonja M. Mannhardt

Frau Mannhardt, kann die Psyche Allergien und Unverträglichkeiten auslösen?

Sind Allergien und Unverträglichkeiten nun rein körperliche Ereignisse, oder haben diese auch psychische Ursachen? Diese Frage treibt viele Forscher um. Doch wir sind weit davon entfernt, klare Aussagen treffen zu können.

Daher meine subjektive Sicht aus über 30 Jahren Erfahrung mit betroffenen Patienten in der Ernährungstherapie:

Der Mensch ist eine Einheit aus Körper, Geist und Seele. Wenn die Seele überlastet ist, reagiert der Körper; wenn der Körper aus der Balance geraten ist, reagieren wir auch seelisch. So ist es verständlich, dass das Wunderwerk Körper sich bei Stress, Überlastung, Überforderung oder Angst etc., so einiges einfallen lässt. Dann versucht der Körper, Energie für Schutzsuche, für Flucht oder Angriff bereit zu stellen und wieder in Balance zu kommen. Körperliche Reaktionen sind also normal. Jeder kennt das Lampenfieber, bei dem man nochmal auf die Toilette muss; jeder kennt das Verliebtsein oder den Verlust eines geliebten Menschen, bei dem es uns tatsächlich den Appetit verschlägt und uns auf den Magen schlägt.

Was bedeutet die Wechselwirkung zwischen Körper Geist und Seele im Hinblick auf Allergien?

Wir sollten daher nicht mutmaßen, dass die Psyche Krankheiten auslöst. Wir sollten aber bedenken, dass psychische Faktoren sich sowohl physiologisch, also auch psychologisch auf den Magen-Darm-Trakt auswirken können. Wir wissen aus der Forschung lediglich, dass sich unter psychischem Stress das Mikrobiom verändert. Wir wissen auch, dass psychosoziale Faktoren nur einen geringen Einfluss auf die Krankheitsentstehung haben, aber den Verlauf der Erkrankung deutlich beeinflussen können. Wir wissen auch um die Auswirkungen von chronischem Stress. Stress scheint tatsächlich bei der Aktivierung vieler Erkrankungen beteiligt zu sein. Endlich wird diese Forschung vorangetrieben, denn aus der Praxis wissen wir längst: Stress macht krank. Und wir wissen ebenfalls, dass es positive Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf hat, wenn wir es schaffen, mit unseren Patienten ihren Stress, welcher Art auch immer dieser sein mag, zu bewältigen..

Das heißt es gibt einen Zusammenhang zwischen einer Allergie und der Psyche und, zum Beispiel bei der Nahrungsmittelunverträglichkeit und der Nahrungsmittelallergie, können auch psychische Symptome auftreten?

Menschen haben ein großes Bedürfnis nach Sicherheit und Balance. Gerade Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten verunsichern Menschen und greifen in die Balance des Lebens ein. Das hat natürlich Konsequenzen. Viele Patienten, die unter Nahrungsmittelunverträglichkeiten und der Nahrungsmittelallergien leiden, zeigen Angstsymptome. Sie kontrollieren sehr stark ihr Essen und sorgen für Sicherheit, indem sie Lebensmittel meiden und weglassen. Doch das ist nicht alles.

Patienten, die von Allergien betroffen sind, kennen das damit verbundene Unwohlsein, die Nervosität, Erschöpfung oder Reizbarkeit. Kommen Anaphylaxien dazu oder sind Durchfälle massiv, kann das auch zu Ängsten führen. Es kann auch sein, dass man sich minderwertig fühlet. Kommen sichtbare Symptome dazu, schämen sich Betroffene nicht selten, ziehen sich sogar zurück. All das ist Stress pur und auf Stress reagiert der Körper massiv, was wiederum die Symptomatik verschärfen kann – ein Teufelskreis.

Zu den typischen Symptomen einer Nahrungsmittelallergie oder Nahrungsmittelunverträglichkeit gehören u.a. Bauchschmerzen, Durchfälle, Blähbauch etc., aber diese Beschwerden können auch bei anderen Erkrankungen auftreten. Wie findet man die wirkliche Ursache heraus?

Die Differenzialdiagnose ist sehr vielfältig, weil es sich dabei um sogenannte "unspezifische" Symptome handelt. Man sollte aber auf keinen Fall eine Selbstdiagnose stellen. Ist die Lebensqualität eingeschränkt, sollte man sich auf jeden Fall in die Hände eines Arztes begeben. Wenn man bemerkt, dass man, bewusst oder unbewusst, Nahrungsmittel weglässt und sich der Speiseplan aus "Angst" immer mehr einschränkt, kann der erste Gang auch zur qualifizierten Ernährungsfachkraft sein. Wichtig dabei: Es sollte ein ganz genaues Symptomtagebuch geführt werden.

Wie erklärt man, dass gerade gastrointestinale Beschwerden durch die Psyche ausgelöst werden?

Stress, Ärger und Angst aktivieren das zentrale Nervensystem. Das Ziel des Körpers ist es, sehr schnell Energie bereitzustellen, um zu fliehen oder zu flüchten – ein altes Erbe der Steinzeit. Die freigesetzten Stresshormone wiederum aktivieren die Nervenzellen in der Darmwand. Das wirkt sich auf die Verdauungsprozesse im Darm aus. Durchfall, Verstopfung, Blähungen, das ist aus Nervosität verschluckte Luft, oder Unwohlsein sind die Folge. Bei Stress wird automatisch die Verdauung und der Hunger zurückgedrängt, was die Verstopfung erklären kann. Durchfall ist eine überschießende Reaktion auf Stress.

Wenn der alte Steinzeitmensch in uns auch noch Angst hat gefressen zu werden, dann übergibt er sich und macht sich buchstäblich vor Angst in die Hosen. Daher ist es wichtig, die einzelnen Symptome und deren Auslöser möglichst genau zu kennen. Ein Durchfall muss nicht zwangsläufig durch das Lebensmittel ausgelöst worden sein, welches gerade gegessen wurde. Nicht jeder Pups ist sofort ein Anzeichen für eine Unverträglichkeit. Solche und ähnliche Kausalitätsketten werden nicht selten gemacht, was ein Symptomtagebuch unerlässlich für die Arbeit mit Patienten macht.

Wie wird eine Symptomtagebuch geführt?

Ein Symptomtagebuch sollte so geführt werden, dass die folgenden Fragen beantwortet werden:

  • Wann genau habe ich Beschwerden?
  • Welche Beschwerden habe ich?
  • In welchem Ausmaß habe ich Beschwerden, d.h. wie stark sind sie?
  • Was habe ich gegessen und getrunken?
  • Wann habe ich gegessen und getrunken?
  • Unter welchen Umständen habe ich gegessen und getrunken?
  • Was ist sonst noch passiert, also Gefühle, Tätigkeiten oder Ereignisse?

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Patienten betreuen, der fürchtet an Allergien oder Unverträglichkeiten zu leiden?

Die Grundlage einer ernährungstherapeutischen Diagnostik bildet ein einstündiges, ausführliches, ganz individuelles Anamnesegespräch. Ohne genau zu wissen "was ist" und "was war", kann ich nicht sagen, was dem Patienten fehlt. In diesem Anamnesegespräch unterhalte ich mich mit dem Patienten über seine Beschwerden, über seine Krankengeschichte, über seine Vermutungen zur Allergie oder Unverträglichkeit, seine Beobachtungen und ich analysiere mit ihm zusammen sein Leben und seine Arbeit. Darüber hinaus mache eine Ernährungs- und Ess-Anamnese und schaue mit ihm gemeinsam das mitgebrachte Symptomtagebuch an.

Wie gehen Sie vor, wenn der Patient eine ärztliche Diagnose mitbringt?

Kommt der Patient mit ärztlichen Laborwerten und zumindest einer Verdachtsdiagnose, wissen der Patient und ich meist, worum es geht. Fehlt eine ärztliche Diagnose, so habe ich zumindest bis dahin eine Ernährungsdiagnose erstellt und kann den meist ein bis zwei "heißen Spuren" nachgehen. Ansonsten kann ich das, in Absprache mit dem zuweisenden Arzt, auch mittels Labordiagnostik prüfen. Wir besprechen das Procedere in der Regel gemeinsam.

Wie wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Arzt und Ernährungsfachkraft, wenn es um Unverträglichkeiten und Psyche geht?

Meine Zusammenarbeit mit vielen Ärzten ist sehr gut. Wenn ich beispielsweise empfehle "bei dieser Patientin wäre der Ausschluss einer Zöliakie sinnvoll" oder "Es wäre gut, wenn bei diesem Patienten ein H2-Atemtest gemacht werden könnte", habe ich noch nie ein "Nein" gehört. Ich werde meist auch vom behandelnden Arzt gefragt, was ich für sinnvoll erachte.

Wie findet man heraus, ob die Unverträglichkeiten oder Allergie psychosomatisch sind?

Spätestens nach der interaktiven Ess- und Ernährungsanamnese und einem kleinen Fragebogen zum "gestörten Essverhalten" weiß ich, ob auch die Psyche eine tragende Rolle bei der Symptomatik spielt. Als ganzheitliche Beraterin weiß ich um das "sensible" Thema Essen und die "Ich vertrage nicht"-Symptome. Hierbei möchte ich betonen, dass es ein Essen ohne Psyche gar nicht gibt. Es stellt sich lediglich die Frage, wo bzw. wie genau diese Verknüpfung zwischen Essen, psychoemotionalem und psychosozialem Geschehen die Lebensqualität und das Wohlsein einschränkt. Dazu gehört dann auch die Frage, wo genau sich hinter diesen Symptomen eine psychosomatische Ursache, eine waschechte Essstörung, ein drohender Burnout oder gar eine Depression oder Angststörung versteckt.

Wie reagieren Patienten, die glauben die Ursache ihrer Beschwerden zu kennen, auf diese Überlegungen? Wie muss der Patient sich an der "Spurensuche" beteiligen?

Da ich mit dem Patienten klientenzentriert arbeite und mehr Fragen stelle, als Antworten gebe, sind es meist die Patienten selbst, die die eigentlichen Probleme benennen. Die Voraussetzung dafür ist, dass sie Vertrauen zu mir haben und darauf vertrauen können, dass diese "anderen" Themen bei mir in guten Händen sind.

Wie reagieren die Patienten, wenn deutlich wird, dass die Psyche die Ursache der Unverträglichkeiten ist?

Auch bei Patienten, die glauben die "Ursache" zu kennen, erlebe ich es häufig, dass sie erleichtert sind, wenn sie merken, dass ihre „Allergie“ oder „Unverträglichkeit“ mit der psychischen Ursachen zusammenhängt und gar nicht alleine an einzelnen Lebensmitteln hängt. Der österreichische Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick sagte dazu: "Manchmal ist es besser, die Lösung nicht dort zu suchen, wo das Problem liegt." Auf jeden Fall beteiligen sich die Patienten bei mir sowohl an der "Spurensuche" als auch an der Lösungsfindung. Beratung ist Hilfe zur Selbsthilfe, keine Wissensvermittlung.

Ohne einen Alltagstransfer, an dem der Klient aktiv beteiligt ist, ist die Beratung nicht beendet. Schließlich ist Wissen nicht gleich Können und Können noch lange nicht Tun. Da der Mensch ein ganzheitliches Wesen ist, reichen ein paar Tipps, Tricks, Ratschläge oder Lebensmittelverbotslisten einfach nicht aus, ganz zu schweigen davon, dass viele Probleme damit nur zugedeckt würden.

Stress, Druck im Beruf und Schwierigkeiten in der Partnerschaft sind ja keine seltenen Phänomene. Wo setzten Sie die Grenze zwischen "normalen" Problemen und Problemen, die körperliche Symptome auslösen können?

Es gibt kein Leben, das immer "rund" läuft. "Ich vertrage dies und das und jenes nicht"-Phasen gibt es immer mal wieder. Ab wann ein Mensch auch somatisch reagiert, ist ganz unterschiedlich – manche früher, manche später. Selbst beim "Verliebtsein" ist die Psyche beteiligt und kann eine Appetitlosigkeit auslösen, ebenso wie eine Trennung.

Wie merkt der Patient selbst, dass psychische Ursachen das Problem sind?

Ob es einem Menschen noch "gut geht" oder nicht, das merkt er sehr wohl. Die Frage ist, ob er das auch ernst nimmt und spätestens dann, wenn er sich selbst schadet, auch Hilfe sucht. Gerade bei Phänomenen mit vielen unspezifischen Symptomen merke ich sehr häufig, dass die Leute viel zu lange warten, bis sie Hilfe suchen oder gefunden haben. Der Mensch kann lange verdrängen.

Kann eine Unverträglichkeit, Intoleranz oder eine Allergie eine Depression hervorrufen?

Bisher konnten nur Zusammenhänge zwischen Depressionen und ganzjährigen Allergien, zum Beispiel auf Hausstaub oder Tierhaare, nachgewiesen werden. Jugendliche mit Heuschnupfen zeigten in einer Studie höhere Angst und Depressions-Scores und eine geringere Stressresistenz. Doch für Nahrungsmittelallergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten konnten solche Zusammenhänge bisher nicht gefunden werden.

Und wie finden Betroffene, die vermuten, dass die Psyche für ihre Unverträglichkeiten verantwortlich ist, die richtige Hilfe?

Oft suchen die Menschen Hilfe, insbesondere Frauen. Doch weil die Diagnostik bei komplexen Phänomenen - ein bisschen Psyche, ein bisschen Körper, unspezifische Symptome etc. so schwierig ist, bekommen viele Frauen die falsche Hilfe. Diese erfolgt häufig in Form von Medikamenten wie Psychopharmaka, Schlaftabletten, Durchfallmittel, Verstopfungsmittel etc.. Für den Patienten ist das Wichtigste, dass er in dem Moment, wo er merkt "So kann das nicht weitergehen, mir ist nicht gut, ich fühle mich nicht mehr wohl" Hilfe holt bei einer Person seines Vertrauens.

Wo ein Patient mit Unverträglichkeiten Hilfe suchen sollte, kommt darauf an:

  • Glaubt er an eine körperliche Ursache, ist sein erster Gang wahrscheinlich zum Hausarzt.
  • Glaubt er an eine Unverträglichkeit oder Allergie, so kann er auch eine Beratung bei einer Ernährungstherapeutin in Anspruch nehmen.
  • Spürt er die „psychische Komponente“ so kann er sich direkt an einen Psychologen wenden, was dann aber meist eine genaue körperliche Diagnostik ausschließt.
  • Und manchmal hat man einfach "Flöhe und Läuse", sprich, z.B. Burnout und eine passagere Unverträglichkeit oder Schwierigkeiten mit einer Trennung und eine Zöliakie.
  • Oder der Patient hat jemanden in seinem Umfeld, der Menschen ganzheitlich berät, bei dem man zunächst einmal seine "vertrage ich nicht"-Geschichte deponieren kann und der in der Lage ist, im rechten Augenblick auch andere Fachdisziplinen zu Rate zu ziehen.

Was ist aus Ihrer Sicht das größte Problem bei der Versorgung von Patienten mit unspezifischen Bauchproblemen?

Die Wartezeiten bei allergologisch geschulten Ärzten und Gastroenterologen sind sehr lang. Deshalb bekommen viele Patienten mit unspezifischen Problemen nicht sofort professionelle Hilfe. In der Regel gehen sie dann zunächst ins Internet oder zum Hausarzt. Aber: Je länger selbst auferlegte Diäten bei nicht diagnostizierten Unverträglichkeiten andauern, desto komplexer und diffuser wird das Krankheitsbild. Häufig werden Patienten mit einer „Sie haben nichts“-Diagnose nach Hause geschickt. Wenden sie sich dann erneut an den Arzt, weil die Symptome fortbestehen, stellt man sie schnell in die Psycho-Ecke oder hält sie für Simulanten. Ernährungstherapeuten haben sehr viel Zeit für ein eingehendes Assessment und ein ausführliches Anamnesegespräch. Dabei lassen sich Psyche und somatische Störung gut trennen. Von dieser Vorarbeit profitieren auch behandelnde Ärzte.

Frau Mannhardt, ich danke Ihnen für das Gespräch! 

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.