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Angst Essen

Angst vor dem Essen: Warum und für wen könnte das gefährlich werden?

Angst vor dem Essen: Warum und für wen könnte das gefährlich werden?

Angst vor dem Essen, das kann die Folge sein, wenn man die Diagnose Nahrungsmittelallergie oder Nahrungsmittelintoleranz bekommen hat, oder der festen Überzeugung ist, eine Allergie zu haben, obwohl es noch gar keine Diagnose gibt. Dann sehen die Betroffenen die Nahrungsaufnahme plötzlich mit anderen Augen. Hat man aber „Angst vor Essen“ kann das auch schon gefährlich sein. Warum und für wen, das besprach Dipl. oec. troph. Sonja M. Mannhardt, Gesundheitsmanagement, Schliengen mit MeinAllergiePortal.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Dipl. oec. troph. Sonja M. Mannhardt

Frau Mannhardt, wie häufig begegnen Ihnen in Ihrer Praxis Menschen, die Angst vor dem Essen entwickelt haben?

Ich würde mal sagen, mindestens einmal die Woche. Ängste haben seit Corona und mit Beginn des Ukraine-Krieges massiv zugenommen und suchen sich nicht selten Ventile beim Essen. Die Verunsicherung ist groß, Sicherheit fehlt. Deshalb suchen Menschen nicht selten Sicherheit vor und Kontrolle von vermeintlichen Gefahren, indem sie bestimmte Dinge essen bzw. weglassen. Es sind dies vor allem besorgte Mütter, oder erwachsene Frauen, die tatsächlich mit Anliegen wie „Ich habe Angst etwas Falsches zu essen“ in meine Praxis kommen. Männer kommen nicht direkt mit einer Angst, sondern häufig mit einem riesigen Fragenkatalog in die Beratungen. Sie wünschen sich Sicherheit durch viele Informationen.

Doch auch hinter solchen Rationalisierungen verstecken sich nicht selten Ängste.

Wer ist von der Angst vor dem Essen ganz besonders betroffen?

Von der Angst etwas „Falsches“ zu Essen, sind insbesondere Menschen sehr häufig betroffen, die zwar unspezifische Symptome haben, bei denen aber noch keine verlässliche Diagnose gestellt wurde. Sie suchen nach Sicherheit, suchen jedoch im Internet und verunsichern sich auf dem Weg nach Lösungen, nach Sicherheit immer mehr. Der Grund:

Informationen, die für jedermann gedacht sind, haben mit individuellen Symptomen und Ängsten, mit individuellen Beschwerden und Krankheitsbildern, individuellen Gewohnheiten, Denkweisen und Gefühlen einfach nichts zu tun.

Haben auch Menschen, bei denen eine Unverträglichkeit von Nahrungsmitteln festgestellt wurde, Angst vor dem Essen?

Auch Menschen mit diagnostizierten Nahrungsmittelunverträglichkeiten neigen dazu, sich vor „falschem Essen“ zu fürchten. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn Sie glauben, dass sie mit „verboten oder erlaubt“-Lebensmittellisten, oder Auslassdiäten von vermeintlichen Experten, alleine gelassen wurden. Sie haben Angst zu Essen, weil sie glauben, dass es unabdingbar ist, diese Listen einzuhalten, um beschwerdefrei zu werden. Doch Unverträglichkeiten sind so komplex, dass pauschale Weglassdiäten mittlerweile nicht als Lösung, sondern definitiv als Teil des Problems betrachtet werden können. Die Ängste bei Menschen mit gastrointestinalen Beschwerden aufgrund von nicht allergisch bedingten Unverträglichkeiten sind paradoxerweise sogar häufig größer als bei echten Nahrungsmittelallergien, obwohl die Symptomatik deutlich ungefährlicher ist.

Haben denn „echte“ Nahrungsmittelallergiker weniger Angst vorm Essen?

Wir wissen ja, dass echte Nahrungsmittelallergien bei Erwachsenen viel seltener sind als bei Kindern. Trotzdem haben sehr viele Menschen mit irgendwelchen Unpässlichkeiten und gastrointestinalen Beschwerden Angst, eine Allergie zu haben. Dieses Phänomen hat in den letzten Jahre deutlich zugenommen. Leidet ein Kind an einer Nahrungsmittelallergie und kam es bereits zu systemischen Reaktionen, also zu einer Anaphylaxie, sehe ich insbesondere ängstliche Mütter, die in der Praxis vorsprechen, um „ja nichts falsch“ zu machen. Dann kann zur Allergie noch eine Angstproblematik hinzukommen.

Haben Angst und Panik vor dem Essen angesichts einer drohenden Anaphylaxie nicht eine gewisse Berechtigung?

Angst ist eine natürliche Emotion auf drohende Gefahren. Sie ist also verständlich und sinnvoll, um in Sicherheit zu kommen oder zu bleiben. Es gibt allerdings förderliche und hinderliche Angststrategien. Sich in Sicherheit bringen JA, Lebensmittel zum Feind erklären NEIN. Wir wissen ja mittlerweile, dass eine vollkommene Elimination von Lebensmitteln auch bei bestehenden Allergien nicht unbedingt hilfreich dabei ist, eine Toleranz zu entwickeln. Vielmehr leistet dieses strikte Meiden Allergien eher Vorschub. Daher darf auch hier die Angst nicht übermächtig werden. Wer spürt, dass seine Angst allzu groß wird, sollte mit seinem Arzt oder seiner Ernährungsfachkraft sprechen. Dabei ist es das Ziel, das die Betroffenen gar nicht erst Vermeidungsstrategien entwickeln, die größeren Schaden anrichten.

Bei Nahrungsmittelallergien lautet der erste Ratschlag, das Allergen zu meiden, wann kann die Meidung des Allergens schädlich sein?

Schädlich kann es dann sein, wenn die Vermeidungsstrategie im Hinblick auf das Allergen im Alltag der Betroffenen zu viel Raum einnimmt. Dann lassen die Betroffenen alles weg, was auch nur annähernd nach Allergen klingt. Sie verstricken sich dann so sehr ins Detail, dass die Basisernährung schweren Schaden nimmt. Wichtig ist: Wir brauchen, trotz Allergie, immer auch eine gute, ausgewogene Basisernährung, sonst „schütten wir das Kind mit dem Badewasser“ aus. Außerdem wissen wir, dass überängstliche Mütter ihre Angst auf die Kinder übertragen, was den Angstkreislauf noch mehr verschärft. Das Fazit lautet also: Sicherheit JA, aber nur so viel wie nötig. Angst JA, um Gefahr abzuwehren, aber nicht um einen ganzen Menschen oder eine ganze Familie zu lähmen.

Und wenn der Erwachsene selbst Nahrungsmittelallergien hat, entwickelt er dann auch Angst vor Lebensmitteln?

Was ich schon erlebt habe, ist eine zunehmende Angst vor Lebensmitteln bei echten Nahrungsmittelallergikern, insbesondere wenn jemand Erfahrung mit Anaphylaxie hatte. Doch das ist ja äußerst selten.

Deutlich häufiger haben Menschen mit Kreuzallergien, Pseudoallergien, oder leicht erhöhtem IgE-Wert Angst vor dem Essen. Sie glauben lediglich, eine Nahrungsmittelallergie zu haben, denn oft basiert dieser Glaube auf einem IgG-Test. IgG-Tests sind jedoch zur Diagnose von Nahrungsmittelallergien nicht geeignet. Die Betroffenen denken aber aufgrund des IgG-Tests, dass sie 40 Allergien und mehr haben, obwohl noch niemand eine seriöse Allergie-Diagnostik bei ihnen durchgeführt hat. Wir sprechen daher eher von selbst diagnostizierten Nahrungsmittelallergien als von echten. Da hilft manchmal nur ein Provokationstest, um Klarheit zu schaffen.

Mit welchen falschen Diagnosen kommen die Patienten nach einem IgG-Test in Ihre Praxis?

In erster Linie kommen sie in die Praxis, weil sie immer mehr ihren Speiseplan einschränken und der Arzt sich sorgt. Es wird alles weggelassen und bei allen Speisen auf Spurensuche gegangen. Aktuell werden gehäuft Gluten, Weizen, Milch und natürlich Histamin zum Feind erklärt. Nichts kann diese Menschen beruhigen, noch nicht einmal aktuelle Studien oder Leitlinien. Diese besagen aber, dass für die meisten Nahrungsmittelallergien, außer Walnuss, Erdnuss, Fisch, nach ein- bis zweijähriger Allergenkarenz eine Re-Exposition erwogen werden kann. Der Grund: Es besteht die Möglichkeit der Toleranzentwicklung. Kleinste Spuren dienen dabei sozusagen als „Impfung“. Wenn es nicht möglich ist, diesen Menschen in 4 bis 5 Beratungseinheiten die Angst vor den Allergenspuren zu nehmen und ihren Speiseplan deutlich zu erweitern, hilft meist nur eine Hospitation. Dann wird in einer Klinik, also stationär provoziert, um den Speiseplan daraufhin zu erweitern. Dasselbe Phänomen sehe ich bei Kindern mit Neurodermitis, die noch nicht einmal auf Nahrungsmittel reagieren müssen, um bei der Mutter Angst auszulösen, in punkto Ernährung „etwas falsch“ zu machen.

Wurde dann die Angststörung vor dem Essen durch eine Allergie ausgelöst, oder hatten die Betroffenen dann bereits eine gewisse Neigung zur Ängstlichkeit?

Angststörung ist eine psychische Erkrankung. Doch nicht jede Angst ist eine Erkrankung. Angst ist menschlich und notwendig, um sich evolutionär schnell in Sicherheit zu bringen. Angst hat immer mit fehlendem Vertrauen zu tun und das muss erst wieder hergestellt werden. Wer einmal eine Anaphylaxie erlebt hat, hat natürlich Angst von so einem Ereignis und möchte eine neuerliche Erfahrung verhindern. Dann ist die Angst die Folge der Allergie und kann mit einem Notfallset und guter Beratung deutlich reduziert werden. Viel häufiger begegnen mir allerdings Menschen mit einer generellen Ängstlichkeit, die sich irgendwann auf´s Essen übertragen hat. Das sind Menschen, die sich ihrer Angst nicht einmal bewusst sind. Doch auch hier kann gute ernährungstherapeutische Begleitung helfen, mit Angst viel kreativer und konstruktiver umzugehen.

Viele meiner „ängstlichen“ Patienten sind auch Reizdarmpatienten.

Leiden Reizdarm-Patienten besonders häufig unter Angst vor dem Essen?

Patienten mit einem Reizdarm-Syndrom (RDS) leiden oft unter einer grundsätzlichen Angst. Viele haben Gewalterfahrungen machen müssen, viele haben sogar Traumen erlebt. Diese Menschen haben häufig einen erschwerten Zugang zu ihrer Gefühlswelt. Deshalb sind ihnen ihre wahren Bedürfnisse häufig gar nicht bewusst. Doch auch da kann Ernährungstherapie helfen, eine bessere Beziehung zu sich selbst, zum eigenen Körper, zu den eigenen Gefühlen und schließlich zum Essen zu entwickeln.

Sollte man sich zum Essen überwinden oder gar zwingen, wenn man Angst vor dem Essen hat?

Von Zwang und Gewalt halte ich grundsätzlich nichts, denn der Mensch handelt nicht absichtlich. Zunächst muss das unbewusst Wirkende verstanden werden, bevor überhaupt irgendwelche Maßnahmen ergriffen werden. Der Mensch handelt nicht, um sich zu schaden. Er handelt, weil er sich schützen will, weil ihm Sicherheit fehlt, weil er keine Angst haben möchte. Das zu übergehen, erzeugt nur noch mehr Angst und bringt niemanden weiter. In diesem Zusammenhang möchte ich betonen: Es gibt KEINE Ernährungstherapie von der Stange. Jeder findet in der Ernährungstherapie seinen eigenen Weg zu Sicherheit und Vertrauen. Eine gute Patienten-Berater-Beziehung und solides Vertrauen in die Beraterin oder den Berater ist dabei unabdingbare Voraussetzung.

Gibt es auch andere Erkrankungen, bei denen die Angst vor dem Essen zur Phobie wird?

In meiner Praxis sehe ich viele Frauen - und auch einige Männer - mit Essstörungen oder einem zumindest gestörten Essverhalten. Dort ist die Angst aber meist nicht eine Angst vor Lebensmitteln, sondern eine Angst, durch das Essen „falscher“ Lebensmittel in einer „falschen“ Menge, zuzunehmen, die Kontrolle zu verlieren. Manche entwickeln auch eine Angst davor, nach einer Phase des Verzichts ins andere Extrem zu fallen und Heißhunger-Attacken zu entwickeln. Eine latente Angst vor dem „falschen“ Essen finde ich jedoch auch in der ganz normalen Bevölkerung.

Können denn auch gesunde Menschen Angst vorm Essen haben?

Durchaus, und dafür gibt es auch Gründe. Früher wurden Ernährungsempfehlungen noch relativ sanft kommuniziert. Man sagte dann einfach, „Essen Sie in Maßen“! Heute hören sich die Botschaften „gesunder Ernährung“ aber deutlich radikaler und wertender an. Dann heißt es beispielsweise: „Mit der Ernährungspyramide zu einer „richtigen“ und „gesunden“ Ernährung.“ Das schürt eine subtile Angst, denn wenn es eine „richtige Ernährung“ gibt, gibt es ja auch eine „falsche Ernährung“. Und sofort ist sie da, die Angst, etwas „falsch“ zu machen oder gar „seine Gesundheit“ zu verlieren, wenn man sich nicht akribisch an alle Ernährungsregeln hält. Und das „böse Gluten“ und andere Verunglimpfungen von Inhaltstoffen, sowie die Botschaft „Du machst das nicht richtig“ schüren Angst, auch in der breiten Bevölkerung. Das bringt die Menschen immer weiter weg vom eigenen Spürsinn und von der eigenen Fürsorge. Die Menschen trauen sich selbst nicht mehr und delegieren mittlerweile lieber ihr Vertrauen an außen. Das ist eine gefährliche Entwicklung, die immer mehr destabilisiert und damit die Angstspirale weiter ankurbelt – ein gefundenes Fressen für „Ernährungsrattenfänger“.

Gibt es weitere Gründe dafür, dass auch gesunde Menschen eine Angst vor dem Essen entwickeln?

Auch mit der exponentiellen Zunahme von allen möglichen Ratgebern zur Ernährung wird bei völlig gesunden Menschen massiv Angst geschürt.

Zur „richtigen“ Ernährung bekommen wir Ratschläge durch:

  • Ernährungs-Experten
  • Ernährungs-Influencer
  • Ernährungsratgeber
  • Diätempfehlungen
  • Ernährungsinformationen
  • Ernährungs-Apps
  • Kalorien-Apps

Hinzu kommt eine zunehmende Angstmacherei durch die Bewerbung von diversen „Gesundheitsprodukten“. Mit der Angst werden bewusst Geschäfte gemacht, und Menschen kontrolliert und manipuliert. Angst ist mittlerweile zum probaten Machtmittel geworden, um Menschen zu destabilisieren. Die Angstspirale wird bewusst gedreht, und damit steigt der Angstpegel in der Bevölkerung grundsätzlich stärker an. Mit Corona und Ukraine ist dies nochmals mehr der Fall, als zuvor.

Sind Ernährungsempfehlungen zu streng und kommt daher die Angst, falsch zu essen?

„Früher hieß es: Man ist, was man isst. Heute heißt es: Man ist, was man nicht isst.“ sagte dazu die Ernährungswissenschaftlerin und Gesundheitspsychologin Hanni Rützner kürzlich in einem Interview.1 Prof. Christoph Klotter, Ernährungspsychologie an der Universität Fulda meint dazu: „An erster Stelle steht die Ernährung. Wir essen gesünder als jemals in der Menschheitsgeschichte – werden aber immer paranoider dabei. Die Gesundheit wird als Schwert im Kampf um einen moralisch höheren Standpunkt eingesetzt. Der lässt sich über Essen fast besser einnehmen als über Politik."2 Im Extremfall sprechen wir von Orthorexie, der krankhaften Sucht nach gesunder Ernährung. Es gibt aber auch den sogenannten „Nocebo-Effekt“, das heißt negative psychologische oder körperliche Reaktionen, die durch eine bestimmte Erwartungshaltung ausgelöst werden. Das heißt, wenn man erwartet, dass man ein bestimmtes Nahrungsmittel nicht verträgt, kann es sein, dass allein diese Vorstellung schon Symptome auslöst.3

Wann ist Angst vor dem Essen noch „normal“?

Angst vor Essen ist für mich nie normal. Essen ist Gemeinschaft, soll schön sein, guttun, Energie schenken und Freude bereiten. Essen ist Lebensschule, Teil von Bildung, aber doch nicht etwas, wovor man Angst haben soll! Essen ist ein Totalphänomen des Menschen und sozial, emotional und kulturell verankert. Es gibt kein einziges Lebensmittel, das „krank“ macht, oder durch das man „Gesundheit herstellen“ könnte. Zu glauben, dass man automatisch gesund bleibt, wenn man sich an DIE „gesunde Ernährung“ hält, ist ein gefährlicher Trugschluss. Ebenso wird man nicht zwangsläufig krank, wenn man sich NICHT daran hält.

Essen wird dann also angstbesetzt bis hin zur Angststörung?

Genau. Dann stehen nicht mehr das Wohl und die Gesundheit des Einzelnen, die Lebensqualität des Einzelnen, das Essen als Ganzes, der Genuss und der Geschmack im Zentrum.

Vielmehr geht es dann nur noch um die Gesundheit als höchstes Gut. Die Gesundheit wird dann zum Selbstzweck. Eine vermeintlich „gesunde Ernährung“ für Alle gibt es in dieser Form nicht und kann es auch gar nicht geben. Menschen sind nun einmal sehr verschieden. Sie haben zwar ähnliche „Bedarfe“, aber das heißt noch längst nicht, dass „gleich“ gegessen werden muss. Wir leben ja auch nicht alle gleich in denselben Häusern mit denselben Wohnungen und fahren auch nicht dasselbe Auto oder haben alle dieselbe Frisur. So generalisierbar ist Mensch nicht!

Wann kann die Angst vor dem Essen gefährlich werden?

Gefährlich wird für mich die Angst vor dem Essen dann, wenn Menschen sich nicht mehr Gedanken darüber machen: „Was möchte ich, was tut mir gut, was tut mir nicht gut? Wie bleibe ich neugierig aufs Leben und bringe Genuss in mein Leben und auf meinen Teller?“. Dann kommen stattdessen bohrende Fragen, wie „Was ist richtig? Was ist falsch? Was gesund, was ungesund? Wer sagt mir, was richtig ist?“. Wenn Menschen versuchen, Kontrolle über das Essen zu erlangen, und das „Weglassen“ als Lösung für sich entdeckt haben kann das gefährlich werden. Sie bemerken dann gar nicht mehr, dass sich ihr Speiseplan schleichend immer mehr einschränkt. Dann droht Fehl- und Mangelernährung und unter Umständen ein „selbstgemachtes“ gestörtes Essverhalten, mit all seinen Konsequenzen.

Gibt es bestimmte Kriterien, Vorerkrankungen oder Konstellationen, die Menschen dazu neigen lassen, Angst vor dem Essen zu entwickeln?

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er möchte dazugehören und sich sicher fühlen. Die heutige Welt ist aber sehr komplex und unsicher geworden. Viele Menschen suchen einen Ausweg und suchen Sicherheit in der Kontrolle, auch in der Esskontrolle. Die Angst sehe ich dabei quasi als „Ampel“ an, die diesen Menschen hilft „im sicheren Bereich“ zu bleiben.

Auch Menschen mit Magersucht und Bulimie fürchten nichts mehr, als die Kontrolle zu verlieren. Allen Menschen, bei denen sich solche Phänomene der Kontrollsucht zeigen, oder bei denen sich eine solche Entwicklung anbahnt, ist nur zu helfen, wenn sie andere Strategien entwickeln, um Sicherheit zu gewinnen. Die Strategie, manipulativ auf die Lebensmittelauswahl Einfluss zu nehmen, kann auf Dauer nicht hilfreich sein. So gewinnt man nicht wirklich ein Stück mehr Sicherheit in einer unsicheren Welt. Manchmal hilft eine professionelle Ernährungstherapeutin. Zumindest dann, wenn es sich noch nicht um eine Orthorexie, das heißt eine Sucht nach der „gesunden Ernährung“, handelt, ist das eine Option.

Manchmal kann aber nur ein Psychologe helfen, wenn aus einer Angst vor dem falschen Essen, eine regelrechte Angststörung geworden ist.

Wie gehen Sie mit Betroffenen um, die Angst vor ungesundem oder unbekanntem Essen haben?

Das kann ich nicht so pauschal beantworten. Die Menschen in meiner Praxis sind nicht alle gleich alt und bringen unterschiedliche Beschwerden, Symptome und Krankheiten mit. Sie unterscheiden sich auch in ihren Ängsten und Angststrategien. Meine Aufgabe ist es, jeden meiner Patienten dabei zu unterstützen, sich selbst, seine Angst, seine Angstminimierungsstrategien zu verstehen. Dann werden die Betroffenen Schritt für Schritt Sicherheit und Vertrauen in sich, in ihren Spürsinn, in ihre Beziehungsfähigkeit, Empfindungsfähigkeit und Emotionsregulation finden. Als Ernährungstherapeutin helfe ich jedem einzelnen Patienten dabei. Das tue ich mit Hilfe einer genauen Anamnese, eines genauen Symptomtagebuchs, einer genauen Ernährungsdiagnostik und machbaren Schritt-für-Schritt Maßnahmen, sowie viel pädagogischem und ernährungspsychologischen Know-How. So kann jeder einen für sich passenden, angstfreien und vertrauensvollen Weg finden und gehen.

Man könnte argumentieren, dass diese Angst für die Betroffenen mehr Vorteile bietet, weil sie so weniger Beschwerden haben …

Man GLAUBT, durch Weglassen weniger Beschwerden zu haben, doch die Strategie ist präventiv, also vorwegnehmend. Die Angst sorgt dafür, dass es ja gar nicht so weit kommt, zu prüfen, OB überhaupt Beschwerden auftreten könnten. Das ist ein Unterschied! Ob die Betroffenen mehr Vorteile haben, oder nicht, kann ich nicht sagen. Es ist jedoch zu vermuten, dass diejenigen, die nicht zur Beratung kommen, noch der Ansicht sind, dass die Vorteile überwiegen. Dagegen bringen diejenigen, die zur Beratung kommen, ja schon einen Leidensdruck mit. Sie magern ab, ihre Lebensmittelauswahl ist begrenzt, sie können am sozialen Leben nicht mehr teilnehmen. Oft klagen sie über fehlenden Genuss oder darüber, dass sie bereits Symptome eines Nährstoffmangels feststellen. Diese Menschen würden sicherlich dazu neigen, zu sagen, dass die Nachteile überwiegen, sonst würden sie wohl kaum in die Beratung kommen.

Nicht alle Menschen reagieren auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten mit „Angst vor dem Essen“. Manche sagen auch: „Ich mache mir keinen Stress, esse was ich will und habe dann halt Bauchweh!“ Ist dies die bessere Einstellung?

Nahrungsmittelunverträglichkeit ist nicht Nahrungsmittelunverträglichkeit. Rein von der Symptomatik her ist eine echte Nahrungsmittelallergie mit der Gefahr einer Anaphylaxie natürlich nicht zu vergleichen mit einer Nahrungsmittelunverträglichkeit, bei der es zu Bauchweh, Durchfall oder Blähungen kommt. Die beste Einstellung wäre die, sich selbst als Beobachter und Experte seines Ess- und Ernährungsverhaltens zu betrachten und zu Ärzten und professionellen Beratern Vertrauen zu haben. Diese können besser weiterhelfen und begleiten als jedes Buch oder alle Ratschläge im Internet. Nötig sind ein gutes Assessment, eine professionelle Diagnostik und Differentialdiagnostik und ein ganz individuelles Management der Erkrankung. Man würde ja auch nicht jedem Auto, welches in die Werkstatt kommt, dieselben Reparaturmaßnahmen, sprich „Behandlungen“ zukommen lassen. Es gibt folglich für jeden eine individuell „beste Ernährung“, auch ohne eine unnötige oder gar gefährliche Einschränkung des Speiseplans. Essen ist nicht unser Feind, egal ob wir eine Allergie oder Intoleranz haben, oder nicht.

Was raten Sie Ihren Patienten, wenn die Angst vor dem Essen bereits groß ist?

Ich rate meinen Patienten nichts, ich be-rate. Das ist eine wissenschaftlich fundierte, aber Mensch-zentrierte Begleitung. Sie führt dazu, dass man seinen eigenen „besten“ Ess- und Ernährungsweg findet. Jeder, der gesetzlich versichert ist, kann jedes Jahr professionelle Ernährungsberatung beantragen. Gerade wenn die Angst mit am Tisch sitzt, ist es Zeit, dieses Angebot auch zu nutzen. Mittlerweile gibt es schon einige Kollegen, die auch eine ernährungspsychologische Kompetenz haben, denn nicht bei jedem Menschen mit einer Angstproblematik ist sofort eine Psychotherapie von Nöten. Wir Ernährungsfachkräfte können auch schon dazu beitragen, die Angst zu nehmen und das Vertrauen zu fördern.

Und: Professionelle Ernährungsberater oder Ernährungstherapeuten mit dem Schwerpunkt Allergologie findet man unter:

  • www.vdoe.de
  • www.quetheb.de
  • www.vdd.de

oder mein eigenes Netzwerk der ernährungspsychologisch und pädagogisch geschulten www.profeat-essperts.de

Frau Mannhardt, herzlichen Dank für dieses Interview!

Quellen:

1. „Ernährungsdebatte: "Mich stört der Gestus moralischer Überlegenheit", SpiegelOnline, 11.2.2015, http://www.spiegel.de/kultur/literatur/hanni-ruetzler-wolfgang-reiter-muss-denn-essen-suende-sein-a-1017704.html)

2. „Fragen Sie einfach mal, was das Kind will“, Nido, 22. Juli 2013, http://www.nido.de/artikel/interview-christoph-klotter/

3. „Wie die Psyche eine Therapie verhindern kann“, Die Welt, 2. März 2015, http://www.welt.de/gesundheit/article127875906/Wie-die-Psyche-eine-Therapie-verhindern-kann.html)

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.