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Advertorial
Allergie Sesam Risiko gefährlich

Allergie auf Sesam: Ein unterschätztes Risiko?

Allergie auf Sesam: Ein unterschätztes Risiko?

Sesam (Sesamum indicum) gehört zu den Ölsamenpflanzen und wird seit ältester Zeit kultiviert. Auch heute noch erfreut sich Sesam großer Beliebtheit und wird sowohl in Nahrungsmitteln als auch in Kosmetika zunehmend verwendet. Allerdings kann man auch eine Allergie auf Sesam entwickeln und diese Möglichkeit wird oft nicht genügend in Erwägung gezogen, insbesondere bei Kindern. Für Dr. med. Lars Lange, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinder-Pneumologe, Allergologe und Oberarzt in der Fachabteilung für Kinder- und Jugendmedizin am St. Marien-Hospital in Bonn ist die Sesamallergie deshalb ein unterschätztes Risiko für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Mit MeinAllergiePortal sprach er über die Gründe dafür.

Herr Dr. Lange, was weiß man über die Häufigkeit der Allergie auf Sesam bei Kindern bzw. Erwachsenen?

Für Deutschland fehlen uns die Zahlen, aber wenn man davon ausgeht, dass hierzulande ca. 0,5 Prozent der Menschen von einer Erdnussallergie betroffen sind, könnte man von ca. 0,1 Prozent Sesamallergikern ausgehen. Es handelt sich also nicht um eine häufige Allergie. Unter den potenten Allergenen ist Sesam jedoch sehr relevant, weil er schwere allergische Reaktionen auslösen kann und auch die Lebensqualität stark einschränkt. Womöglich tritt die Sesamallergie bei Kindern sogar häufiger auf als bei Erwachsenen, aber auch hier fehlen uns konkrete Zahlen. Man sollte auch wissen: Die Anzahl der Patienten, die von einer Sesam-Allergie betroffen sind, ist je nach Land sehr unterschiedlich.

In welchen Ländern gibt es viele Sesamallergiker?

In Ländern mit einem hohen Sesamkonsum gehört Sesam zu den häufigsten potenten Allergenen. Dazu gehören zum Beispiel bestimmte Mittelmeerländer wie Israel und Marokko. In Israel zum Beispiel, wird Sesam häufig verzehrt, und hier sind bis zu 2,8 Prozent der Kinder von einer Sesamallergie betroffen.1) Aber auch in den angloamerikanischen Ländern, wie beispielsweise den USA, Kanada, Australien und Neuseeland, ist die Allergie auf Sesam eine häufige, gefährliche Allergie, und kommt bald nach den Erdnuss- und Nussallergien.

Wie kommt es zu einer Sesamallergie, was weiß man über den Sensibilisierungsweg?

Man kann davon ausgehen, dass der Sensibilisierungsweg bei der Allergie auf Sesam der gleiche ist, wie bei allen anderen Nahrungsmittelallergien: über die Haut. Dabei spielt insbesondere die Sesampaste, Tahini, eine klebrige Masse aus zermahlenem Sesamsamen, eine Rolle. Diese wird in der arabischen Küche häufig verwendet und enthält sehr potente Allergene. Im Gegensatz dazu passieren ganze Sesamsamen, wie man sie in Backwaren einsetzt, den Magen-Darm-Trakt schnell, ohne dass es zu allergischen Symptomen kommen muss.

Heißt das, dass ein Kind mit Neurodermitis eher gefährdet ist, an einer Sesamallergie zu erkranken?

In der Tat sind Kinder mit Neurodermitis stärker gefährdet, Nahrungsmittelallergien zu entwickeln, da die Hautbarriere gestört ist. Dadurch durchdringen unter anderem auch Allergene den nicht mehr funktionierenden Schutzmantel der Haut und es kann zu Nahrungsmittelallergien kommen. Insbesondere in Ländern, in denen Tahini häufig verzehrt wird, kommt es über den Hautkontakt zur Sesamallergie. Dabei handelt es sich um eine IgE-vermittelte, „echte“ Nahrungsmittelallergie.

Gibt es weitere Risikofaktoren für eine Sesam-Allergie? Wer ist gefährdet?

Wir wissen, dass das Risiko für eine Allergie auf Sesam bei Patienten, die multiple Hülsenfrucht- und Nussallergien haben, zum Beispiel auf Erdnuss, Haselnuss und Cashew, stark erhöht ist. Auch wenn Allergien auf andere Saaten bestehen, ist das Risiko, eine Sesamallergie zu entwickeln, erhöht.

Zu den Saaten gehören:

  • Kürbiskerne
  • Sesam
  • Sonnenblumen
  • Mohn

Man kann davon ausgehen, dass es in diesen Fällen zu einer gewissen Kreuzreaktivität kommt. Dafür könnte auch sprechen, dass sowohl Sesam als auch Nüsse 2S Albumine enthalten. Das sind Speicherproteine, die zur gleichen Familie potenter Allergene gehören.

Welche Symptome sind bei der Allergie auf Sesam möglich – kann es zur Anaphylaxie kommen?

Da die Sesamallergie eine primäre Allergie ist, kann sie genauso zu einer anaphylaktischen Reaktion führen, wie das bei Erdnuss und Nüssen der Fall ist. Zudem gibt es Daten, die zeigen, dass Sesam-Allergien ganz besonders schwere anaphylaktische Reaktionen auslösen können.

Diese allergischen Reaktionen können bei einer Sesamallergie auftreten:

  • Urtikaria
  • Rötungen
  • Angioödeme bzw. Schwellungen
  • Luftnot
  • Husten
  • Erbrechen
  • Durchfall
  • Kreislaufreaktionen
  • Anaphylaktischer Schock

Gibt es Faktoren, die bei Sesam-Allergikern die Reaktion verstärken?

Für die Schwere der Reaktion spielen viele Faktoren eine Rolle.

Verstärken kann sich die allergische Reaktion bei einer Sesamallergie durch Faktoren wie:

  • Dosis
  • Grad der Sensibilisierung
  • Begleiterkrankungen, zum Beispiel Gastroenteritis oder Asthma
  • Infekte
  • Anstrengung
  • Schlafmangel

Wie wird eine Sesam Allergie denn festgestellt bzw. wie sieht die Diagnose aus?

Nach einer Sesamallergie muss man schon suchen, denn im Standard-Allergie-Testpanel ist Sesam nicht enthalten.

Der erste Schritt bei der Diagnose der Sesamallergie ist jedoch wie immer die Anamnese. Berichten die Patienten bzw. deren Eltern von einer allergischen Reaktion des Kindes nach dem Genuss bestimmter Speisen, sollte man hellhörig werden.

Sesam könnte zum Beispiel in den folgenden Speisen enthalten sein:

  • Hummus
  • Mehrkornbrötchen
  • Körnerbrot
  • Körnerstangen
  • Orientalische oder asiatische Süßspeisen
  • Knabberartikel mit Sesam
  • Vegane Fertigprodukte

Mit welchen Allergietests stellt man denn dann eine Sesamallergie fest?

Nach der Anamnese folgt üblicherweise ein Prick-Test. Im Falle der Sesamallergie ist das jedoch etwas schwierig, weil hierzulande keine Pricktest-Extrakte für das Sesamallergen verfügbar sind. Das bedeutet, man muss für den Allergietest „natives Material“, also echten Sesam, verwenden. Ein Sesamkorn eignet sich dafür nicht sehr gut, denn man müsste mit der Pricknadel zuerst in das Korn und dann in die Haut des Patienten piksen. Also wäre die Sesampaste der bessere Weg, aber hier hat man das Problem, dass man ein reines Tahin, ohne Beimischungen anderer Substanzen finden muss, damit das Testergebnis nicht verfälscht wird. Alternativ dazu könnte man seine eigene Sesampaste mörsern und das wäre sehr aufwendig.

Für die spezifische IgE-Allergiediagnostik steht der Sesam-Allergenextrakt zur Verfügung. Eine neue Option für den Allergietest auf Sesam ist die Komponentendiagnostik, auch molekulare Allergiediagnostik genannt. Damit wird das spezifische IgE gegen das Majorallergen des Sesams, Ses i 1, bestimmt, auf das die Mehrheit der Sesamallergiker sensibilisiert ist. Ses i 1 ist, wie gesagt, ein 2S Albumin, ein Speicherprotein des Sesams, das aus der gleichen „Familie“ potenter Allergene kommt, wie die Speicherproteine von Erdnuss, Cashew, Walnuss und Haselnuss. Schlägt der Allergietest auf dieses Majorallergen positiv an, ist dies ein starker Hinweis auf eine Allergie auf Sesam. Die Vorhersagekraft der molekularen Allergiediagnostik ist präziser, denn der Test hat eine höhere Spezifität. Dann könnte man dem Kind unter Umständen die weitere Diagnostik zur Bestätigung der Sesamallergie in Form einer oralen Provokation des Kindes ersparen.

Gleichzeitig kann man mit der molekularen Allergiediagnostik aber auch einen Allergieverdacht widerlegen.

Heißt das, mit der molekularen Allergiediagnostik lässt sich nachweisen, dass keine Allergie besteht?

Oft ist es nach einer allergischen Reaktion auf Nahrungsmittel nicht so klar, welches Allergen der Übeltäter gewesen sein könnte. Türkische Speisen enthalten zum Beispiel häufig mehrere Saaten oder zusätzlich noch Nüsse. Im Allergietest findet man dann oft auch positive Werte für mehrere Allergene, zum Beispiel für Sesam und für Pistazie. In der Regel wird den Patienten dann geraten, zur Sicherheit auf beides zu verzichten. Mit der molekularen Allergiediagnostik sieht man jedoch, ob bei einem der beiden Allergene das Speicherprotein positiv ist. Ist dies der Fall, ist dies mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit das auslösende Allergen, beispielsweise der Sesam. Dann kann man in diesem Fall eine orale Provokation mit Pistazie durchführen und wenn diese negativ ausfällt, kann das Kind auch weiter Pistazien essen. Je weniger Nahrungsmittel gemieden werden müssen, desto besser für die Familien. Zudem gibt es auch nicht in allen Regionen Deutschlands Kliniken, die Nahrungsmittel-Provokationen durchführen. Dann ist die molekulare Allergiediagnostik sehr hilfreich. Grundsätzlich sollte jedoch in regelmäßigen Abständen durch eine orale Nahrungsmittelprovokation überprüft werden, ob die Sesamallergie noch vorhanden ist.

Welche Therapieoptionen gibt es bei der Allergie auf Sesam?

Bei einer Sesamallergie ist die Meidung das Sesamallergens das wichtigste.

In welchen Speisen bzw. Fertigprodukten könnte Sesam enthalten sein, wo müssen Sesam-Allergiker aufpassen?

Sesam ist eine gerne verwendete Zutat, die sehr vielfältig eingesetzt werden kann. Aufgrund einer EU-Verordnung müssen die 14 häufigsten Auslöser von Lebensmittelallergien und -unverträglichkeiten, auf der Zutatenliste einer Produktverpackung aufgeführt werden – darunter Sesam.

Grundsätzlich könnte sich Sesam unter anderem auch in den folgenden Speisen verstecken:

  • Arabische Küche
  • Asiatische Küche
  • Türkische Küche
  • Vegane Küche
  • Backwaren wie Brot oder Brötchen
  • Müslimischungen
  • Süßigkeiten oder Riegel

Sesam bzw. Sesamöl wird auch in Kosmetikprodukten eingesetzt. Kann es dadurch bei Sesamallergikern zu allergischen Reaktionen kommen?

Sesam in Kosmetikprodukten kann in vielen Kosmetika enthalten sein, meist als Sesamöl, dazu gehören:

  • Badezusätze
  • Duschgels
  • Cremes
  • Ölmischungen

Daten, speziell zum Zusammenhang von Sesamallergien und Sesam in Kosmetikprodukten, gibt es nicht. Es ist jedoch bekannt, dass es durch den Kontakt mit weizenhaltigen Kosmetikprodukten zu Sensibilisierungen auf Weizenallergene bzw. einer Weizenallergie kommen kann. Ebenso ist es vorstellbar, dass es durch sesamölhaltige Cremes oder Sesamöl, das bei Ayurvedischen Behandlungen verwendet wird, zu einer allergischen Sofortreaktion auf der Haut, einer Urtikaria, kommen kann. Dabei dürfte der Raffinadegrad eine Rolle spielen, ähnlich wie beim Erdnussöl. Hochraffinierte Öle werden unter Einfluss von Hitze und Chemikalien gewonnen, so dass die auslösenden allergenen Proteine nur noch in geringsten Mengen im Endprodukt enthalten sind und keine, bzw. kaum objektive allergische Symptome zu erwarten sind. Inwieweit dies beim Sesamöl eine Rolle spielt, ist nicht untersucht, aber es ist davon auszugehen, dass es sich ähnlich verhält.

Zurück zu den Nahrungsmitteln bzw. den Fertigprodukten, inwiefern müssen Sesamallergiker die Spurendeklaration „kann Spuren von Sesam enthalten“ beachten?

Die Spurendeklaration ist für viele meiner Patienten tatsächlich das größte Problem. Es ist fast unmöglich ein Brot zu kaufen, auf dem sich nicht der Zusatz findet „kann Spuren von Sesam enthalten“. Auch Bäckereien können nicht auf diesen Spurenhinweis verzichten, weil Sesam in den Backstuben allgegenwärtig ist. Für die Sesamallergiker bedeutet das, dass sie nicht einfach mal zum Bäcker gehen können. Das ist eine massive Einschränkung der Lebensqualität für die ganze Familie.

Insofern schränkt die Sesamallergie die Betroffenen sogar noch stärker ein als eine Nussallergie.

Wie kann man herausfinden, welche Menge an Sesam der Patient mit einer Sesam-Allergie verträgt?

Um die individuell verträgliche Sesammenge zu ermitteln, führen wir bei Kindern spezielle Schwellen-Provokationstestungen auf Sesam durch. In den ersten 3 Stufen testen wir ausschließlich ganze Sesamkörner. Dafür werden 175 Körner abgezählt, die titriert gegeben werden. Danach machen wir eine längere Pause. Wenn hier keine Reaktion auftritt, gehen wir davon aus, dass die Mengen, die sich als ganze Körner unbeabsichtigt und unbemerkt auf einem Brot befinden, keine Gefahr darstellen. In den nächsten 4 Stufen testen wir dann weiter mit Sesampaste bzw. Tahin. Diese ist durch das Mörsern der Körner und das Freilegen der Allergene deutlich potenter als komplette Körner. Hat ein Kind die ersten Stufen vertragen, ohne dass es zu allergischen Reaktionen gekommen ist, geben wir die „Spuren“ bei Konsum von Backwaren frei. Für das Kind und die Eltern ist dies eine enorme Hilfe und Befreiung.

Interessierten Kollegen stellen wir das Provokationsschema gerne zur Verfügung.

Allergien des Kindesalters „verwachsen“ sich manchmal, wie ist das auch bei der Allergie auf Sesam?

Eine Sesam-Allergie bleibt sehr wahrscheinlich bestehen. Über 50 Prozent der betroffenen Kinder sind auch im Schulalter noch allergisch auf Sesam. Aber: Die Chance, dass sich eine Sesamallergie „verwächst“, scheint immerhin etwas größer zu sein als bei den Schalenfrüchten, das zeigen Studien. Es lohnt sich deshalb durchaus, regelmäßige orale Provokationen auf Sesam durchzuführen, um dies zu überprüfen.

Herr Dr. Lange, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

Quelle:

1) Jenny Garkaby, Larisa Epov, Nadira Musallam, Meital Almog, Ellen Bamberger, Avigdor Mandelberg, Ilan Dalal, Aharon Kessel, The Sesame-Peanut Conundrum in Israel: Reevaluation of Food Allergy Prevalence in Young Children, J Allergy Clin Immunol Pract 2021 Jan;9(1):200-205. doi: 10.1016/j.jaip.2020.08.010. Epub 2020 Aug 19.