Hereditäres Angioödem Triggerfaktoren Therapien Forschung

Dr. Emel Aygören-Pürsün, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin (KKJM) am Universitätsklinikum Frankfurt zu Triggerfaktoren, Therapien und Forschung beim hereditären Angioödem!

Hereditäres Angioödem: Triggerfaktoren, Therapien, Forschung

Bearbeitet: 8.1.2018 Das hereditäre Angioödem gehört zu den bradykininvermittelten Angioödemen. Das bedeutet, die Therapien, die klassischerweise zur Therapie von histaminvermittelten Angioödemem eingesetzt werden, helfen hier nicht. Bei ihrem Vortrag beim 123. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM), der im April/Mail 2017 in Mannheim stattfand, ging Dr. Emel Aygören-Pürsün, Fachärztin für Innere Medizin und Hämostaseologie, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin (KKJM) am Universitätsklinikum Frankfurt, speziell auf Triggerfaktoren, aktuell zur Verfügung stehende Therapien und die Forschung an neuen Medikamenten zur Behandlung des hereditären Angioödems ein.

Angioödeme – Lebensqualität leidet messbar

Beim hereditären Angioödem (HAE) leiden die Patienten nicht allein an den Symptomen. Auch die Lebensqualität von HAE-Patienten insgesamt ist stark beeinträchtigt. „Dies konnte man in einer europaweiten Studie nachweisen, die den „weichen“ Faktor „Lebensqualität“ mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens, dem EQ-5D, messbar machte, und an der auch wir beteiligt waren“ so Aygören-Pürsün . Der EQ-5D ist ein Instrument, mit dessen Hilfe der Faktor Lebensqualität standardisiert ermittelt werden kann. Man erhält dann einen Wert zwischen 0 (Tod) und 1 (völlige Gesundheit). Im Vergleich zu gesunden Menschen, deren Lebensqualitäts-Wert bei durchschnittlich 0,86 lag, betrug der Wert von HAE-Patienten während der Attacken 0,44. „Bisher ging man davon aus, dass es den Patienten in der Episoden-freien Zeit gut geht“ erläuterte Dr. Aygören-Pürsün, „umso bemerkenswerter ist es deshalb, dass die HAE-Patienten auch in der Attacken-freien Zeit lediglich einen Wert von 0,72 erreichten, also deutlich niedriger lagen, als die gesunden Probanden.

Der von den Patienten in der episodenfreien Zeit erreichte Lebensqualitätsfaktor entspricht ungefähr dem Wert von Patienten, die unter einem schlecht eingestellten Asthma leiden. Nicht zu unterschätzen ist die Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit der Patienten in Schule, Ausbildung und Beruf durch HAE. Abhängigkeit von der Häufigkeit, Dauer und dem Schwergrad der Attacken, kann es zu erheblichen Fehlzeiten kommen. Und: Zu Fehlzeiten kann es auch bei betreuenden Familienmitglieder bzw. Partnern von HAE-Patienten kommen. Bestätigt wird das Ergebnis der Studie von Berichten der HAE-Patienten.

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Hereditäres Angioödem: Therapieziel Nr. 1 – Mortalität verhindern!

Da die Schwellungen beim hereditären Angioödem am gesamten Körper auftreten können, auch im Kehlkopfbereich, besteht bei HAE-Patienten das Risiko, ein Larynxödem zu entwickeln. Dies ist zwar nur bei ca. 1 bis zwei Prozent der HAE-Atacken der Fall, kann aber zum Ersticken führen, wenn nicht rechtzeitig eingegriffen wird. Das primäre Ziel der HAE-Therapie ist deshalb, lebensbedrohliche Situationen gar nicht erst entstehen zu lassen.

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Hereditäres Angioödem: Triggerfaktoren meiden!

Dazu gehört zum Beispiel die Vermeidung von individuellen Triggerfaktoren, falls diese beim Patienten ermittelt werden konnten. Oft ist es möglich, alternative Medikamente für z.B. ACE-Hemmer, orale Kontrazeptiva oder die Östrogen-Substitution auszuwählen. Andere Faktoren, wie z.B. mentaler und physischer Stress, Infektionen, Traumata, Menstruation oder Schwangerschaft, Operationen oder zahnärztliche Behandlungen sind weniger gut kontrollierbar.

„Das Risiko für eine Angioödem-Komplikation nach einem operativen Eingriff liegt bei bis zu ca. 30 Prozent“ so Dr. Aygören-Pürsün, „bei einer Zahnextraktion beträgt das Risiko, dass es zu Gesichtsschwellungen oder Larynxödemen kommt, ca. 20 Prozent. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen großen oder kleinen Eingriff handelt, das Angioödem muss nicht zwangsläufig am Ort des Eingriffs entstehen und es kann bis zu 30 Stunden dauern, bis die Schwellungen auftreten. Es ist auch grundsätzlich nicht vorhersehbar, ob es zu einem Angioödem kommt oder nicht. In allen Leitlinien werden präoperative Prophylaxemaßnahmen, d.h. vorbeugende Therapien, empfohlen.

 

 

Hereditäres Angioödem: bestehende Therapieoptionen

Die Hauptursache für das hereditäre Angioödem ist das Bradykinin, denn es erhöht die vaskuläre Permeabilität, d.h. die Durchlässigkeit der Blutgefäße, die zum Angioödem führt. Steroide und Antihistaminika sind bei bradykininvermittelten Angioödemen nicht wirksam.

Bradykinin ist sehr kurzlebig und wirkt über die Aktivierung des Bradykinin B2-Rezeptors. Eine wirksame Maßnahme bei HAE-Patienten ist deshalb die Blockade dieses Rezeptors. Eine andere Maßnahme ist die Substitution des C1-Inhibitors, d.h. jenes Proteins, das den HAE-Patienten fehlt. „In Studien untersucht wird zurzeit die Möglichkeit der direkten Hemmung des Plasmakallikreins, eines Enzyms“ so Dr. Aygören-Pürsün“ „dies soll die Bradykininproduktion vermindern und in unseren aktuellen Studien sehen wir erste positive Hinweise“.

In Deutschland stehen wirksame Medikamente zur Behandlung bradykininvermittelter Angioödeme zur Verfügung, die sowohl die Akutbehandlung als auch die Langzeitprophylaxe bzw. die Prophylaxe, z.B. vor Operationen, in der Schwangerschaft oder in der Stillzeit, gut abdecken. Es gibt drei C1-Inhibitor-Konzentrate, die alle intravenös verabreicht werden. Zwei dieser Präparate sind plasmatisch, eines ist rekombinant und alle sind für Erwachsene und Kinder verschiedener Altersstufen zugelassen. Nicht jedes dieser Präparate ist jedoch für alle Indikationen gleichermaßen zugelassen. Für die C1-Inhibitor Präparate sind die Indikationsgebiete die Akuttherapie von Attacken, präoperative Kurzzeitprophylaxe und teilweise auch die Langzeitprophylaxe.

Hereditäres Angioödem: Vielversprechende Forschungsansätze

Aktuelle vielversprechende Studien zur Langzeitprophylaxe laufen zurzeit zu drei C1-Inhibitoren, die subkutan gegeben werden, hier ist man am weitesten gediehen. Studien werden aktuell auch zu einem Antikörper, Lanadelumab, durchgeführt, der direkt gegen Kallikrein gerichtet ist und ebenfalls subkutan verabreicht wird.

Ebenfalls der Ansatzpunkt Kallikrein ist das Ziel einer oralen Prophyalxe des hereditären Angioödems. Dabei handelt es sich um einen oral resorbierbaren Plasma-Kallikreininhibitor. Die Ergebnisse einer aktuellen Phase-II-Studie-II-Studie zeigten in den Zwischenauswertungen bereits vielversprechende Ergebnisse in Form einer sehr deutlichen Attackenreduktion.

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