Nesselsucht behandeln: Mit welchen Therapien klappt das gut und was hilft wirklich?
Als Nesselsucht, auch Urtikaria oder Nesselfieber genannt, wird ein Hautausschlag mit roten Quaddeln bezeichnet. Die Hautveränderungen gleichen denen, die nach Kontakt mit Brennnesseln auftreten können. Die recht häufige Hautkrankheit ist also meist leicht zu erkennen, aber es gibt viele verschiedene Ursachen für eine Urtikaria. Manche Menschen reagieren mit einer akuten Urtikaria, wenn sie einen Virusinfekt haben. Die Hautveränderungen können sich auch als Reaktion auf Wärme, Kälte, bestimmte Nahrungsmittel oder andere Auslöser entwickeln. Meist gehen die juckenden Hautquaddeln rasch wieder vollständig zurück. Tritt der Hautausschlag aber länger als 6 Wochen immer wieder auf, handelt es sich um eine chronische Urtikaria. Die Urtikaria hat oft nichts mit einer Allergie zu tun; allerdings sind die Urtikaria-Symptome bei manchen Patienten auch Ausdruck einer Unverträglichkeit oder einer Allergie gegen Nahrungsmittel, Pollen oder andere Allergene. Was hilft bei dieser unangenehmen Hauterscheinung? Was kann man dagegen tun?
Autor: Dr. med. Susanne Meinrenken, Dr. med. Anna Eger
Nesselsucht: Die wichtigsten Fakten!
▶Bei einer Nesselsucht kommt es zu juckenden Quaddeln, die am gesamten Körer auftreten können
▶Bei einer Nesselsucht kann es auch zu Schwellungen, sogenannten Angioödemen, kommen
▶Als Ursachen für Nesselsucht kommen Druck, Reibung, Lichteinstrahlung, Wärme, Kälte, eine Infektion, körperliche Anstrengung, Allergene oder Medikamente infrage, aber manchmal bleibt die Ursache auch unbekannt
▶Die Behandlung von Nesselsucht erfolgt mit Antihistaminika. Reicht dies nicht aus, stehen sogenannte Leukotrienantagonisten und Kortison zur Verfügung
▶Auch moderne Biologika können zur Therapie der Nesselsucht eingesetzt werden, die Forschung ergibt weitere hoffnungsvolle Therapieansätze
Wie sehen die Symptome einer Nesselsucht aus?
Bei einer Nesselsucht kommt es ganz plötzlich oder immer wieder zu juckenden Hautrötungen, die wie Quaddeln etwas geschwollen sind. Diese Quaddeln können recht klein oder auch großflächig und verschieden geformt sein. Sie können überall am Körper zu sehen sein; manchmal verschwinden sie an der einen Stelle, um anderswo wiederzukommen. Sie jucken meist sehr stark, typisch ist ein brennender oder stechender Juckreiz. In der Regel gehen die Hautveränderungen nach einigen Minuten oder Stunden von selbst wieder weg.
Sind die tieferen Hautschichten beteiligt, dann entwickeln sich deutlichere Schwellungen des tieferen Gewebes, zum Beispiel an den Lippen oder im Gesicht. Dies nennt man Angioödem; die Schwellung kann mehrere Tage andauern. Hautquaddeln und Angioödem können gemeinsam oder auch einzeln vorkommen. Falls es sich um eine Allergie handelt, können auch typische allergische Symptome wie Kurzatmigkeit, Husten oder Bewusstlosigkeit hinzukommen.
Bei Vielen zeigt sich die Urtikaria nur ganz selten und stellt keine Belastung dar. Andere jedoch leiden immer wieder, manche täglich, an den plötzlich auftretenden Hautveränderungen, was die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen kann.
Wie lange dauert eine akute Nesselsucht?
Die typischen Hautrötungen verschwinden meist nach einigen Minuten bis Stunden von selbst. Manchmal dauert es etwas länger, wobei die einzelnen Quaddeln typischerweise nicht länger als 24 Stunden bestehen, die gesamte Episode jedoch über Tage bis Wochen dauern kann. Wenn ein Patient nach 6 Wochen immer wieder Symptome hat, spricht man von chronischer Urtikaria.
Was ist die Ursache für Nesselsucht?
Die Hautveränderungen entstehen dadurch, dass bestimmte Zellen in der Haut, die sogenannten Mastzellen, plötzlich sehr viel Histamin freisetzen. Histamin ist eigentlich ein natürlicher Botenstoff im Körper. Zu viel Histamin jedoch erweitert die Blutgefäße in der Haut und führt zu den genannten Beschwerden. Die Ursachen für diese Veränderungen sind vielfältig: Manche Personen reagieren auf Druck oder Reibung auf der Haut, auf Lichteinstrahlung, Wärme oder Kälte. Andere Patienten bekommen die typischen Symptome im Rahmen einer Infektion, nach körperlicher Belastung oder in Form einer Allergie auf ein bestimmtes Nahrungsmittel, Tierallergene oder Pollen etc. Auch Medikamente kommen als Ursache für Urtikaria infrage. Einige Menschen entwickeln nur dann eine Urtikaria, wenn mehrere Trigger gemeinsam auftreten – zum Beispiel der Verzehr eines Nahrungsmittels und anschließende körperliche Aktivität.
Bei der chronischen spontanen Urtikaria liegt in bis zu 50-80% der Fälle ein autoimmuner Mechanismus vor. Dabei richten sich die Antikörper gegen IgE oder dessen Rezeptoren auf Mastzellen und führen zur Aktivierung ohne äußeren Reiz.
Manchmal lässt sich jedoch trotz sorgfältiger Suche kein Grund für die Symptome finden. Dann spricht man von einer idiopathischen Urtikaria.
Kann Nesselsucht durch Stress ausgelöst werden?
Stress als belastendes Gefühl bewirkt auch körperliche Veränderungen. Es kann dann auch zu einer verstärkten Freisetzung von Histamin kommen. Bei Menschen mit Urtikaria werden die Symptome oft schlimmer, wenn Stress hinzukommt. Es kann sich ein Teufelskreis entwickeln: Stress verstärkt die juckenden Hautrötungen, was wiederum die psychische Belastung erhöht und die Gesamtsituation verschlimmert. Daher werden Betroffenen oft entspannende Übungen oder andere Methoden zum Stressabbau empfohlen.
Welche Lebensmittel können Nesselsucht auslösen?
Nesselfieber kann eine allergische Krankheit sein und manche Allergiker entwickeln Quaddeln, wenn sie bestimmte Nahrungsmittel verzehrt haben. Grundsätzlich kommen ganz verschiedene Lebensmittel infrage. Häufig sind es Kuhmilch, Nüsse, Fisch oder Hühnerei. Manche Personen reagieren auch schon auf bestimmte Lebensmittel, wenn sie diese nur berühren. Dies kann beispielsweise beim Kochen beziehungsweise bei der Zubereitung von Speisen passieren. Allerdings sind Nahrungsmittel im Allgemeinen selten die Ursache für die Beschwerden bei Nesselsucht.
Unabhängig von einer Allergie können Lebensmittel, die reich an Histamin sind, Beschwerden verursachen. Normalerweise wird Histamin aus der Nahrung bei der Verdauung abgebaut, bei manchen Menschen jedoch ins Blut aufgenommen; dann kann eine akute Urtikaria die Folge sein.
Neben histaminreichen Lebensmitteln gibt es auch sogenannte Histaminliberatoren (z. B. Erdbeeren, Tomaten, Schalentiere), die die körpereigene Histaminfreisetzung fördern. Zudem können manche Lebensmittel die Aktivität des Enzyms Diaminoxidase (DAO) hemmen, das für den Histaminabbau zuständig ist.
Auch Lebensmittel wie Soja, Erbsen, Oliven oder bestimmte Käsesorten können bei empfindlichen Personen eine Urtikaria auslösen – entweder durch Histamin oder durch individuelle Unverträglichkeiten.
Manche Menschen reagieren auch auf Zusatzstoffe in der Nahrung mit einer Urtikaria. Dies können Süßstoffe, wie Aspartam, oder Farb- und Aromastoffe sein. Solche Reaktionen haben mit einer echten Allergie meist nichts zu tun; man nennt sie Pseudoallergien.
Welches Essen ist bei Nesselsucht verträglich?
Wenn man an Urtikaria leidet, können bestimmte Lebensmittel die Ursache sein, auch wenn dies insgesamt eher selten vorkommt. Treten die Hautveränderungen gleich nach dem Verzehr beispielsweise eines gekochten Hühnereis auf, dann ist der Auslöser schnell gefunden. Der Betroffene sollte also Hühnerei meiden, kann aber alle Lebensmittel essen, die kein Hühnerei enthalten. Schwieriger ist es, den Auslöser zu finden, wenn die Hautbeschwerden verzögert zum Vorschein kommen. Falls der Verdacht auf ein Nahrungsmittel als Auslöser besteht, ist eine Untersuchung beim Arzt und gegebenenfalls eine Ernährungsberatung zu empfehlen. Es ist aber nicht sinnvoll, ohne vorherige Beratung verschiedene Lebensmittel auf Dauer nicht mehr zu essen oder bestimmte Diäten dauerhaft einzuhalten, denn eine vielfältige Ernährung ist wichtig für die Gesundheit. Je nach der Beratung beim Arzt kann man gezielt versuchen, ein verdächtiges Nahrungsmittel wegzulassen und genau überprüfen, ob dies der richtige Weg war.
Bei Verdacht auf eine histaminbedingte Urtikaria kann eine histaminarme Ernährung hilfreich sein. Verträglich sind dabei frische, wenig verarbeitete Lebensmittel wie Reis, Kartoffeln, Zucchini, Brokkoli, frisches Fleisch und glutenfreies Brot.
Lebensmittel mit hohem Histamingehalt wie gereifter Käse, Rotwein, Salami, Sauerkraut oder Oliven sollten bei empfindlichen Personen gemieden werden.
Ganz allgemein und zusammenfassend muss man sagen, dass es keine allgemeingültige Liste verträglicher Lebensmittel bei Urtikaria gibt. Entscheidend ist die individuelle Reaktion – daher sind Ernährungstagebücher und gezielte Provokationstests unter ärztlicher Aufsicht sinnvoll.
Bei vielen Menschen sind jedoch Nahrungsmittel gar keine Ursache für die Beschwerden; also können sie ihre Mahlzeiten ganz normal genießen.
Ist eine Nesselsucht ansteckend?
Nein, eine Urtikaria ist nicht ansteckend. Ursache ist kein Erreger, der weitergegeben werden kann, sondern eine Reaktion der Haut des Betroffenen auf bestimmte Reize.
Was hilft gegen akute Urtikaria?
Zeigen sich die Quaddeln ganz plötzlich, etwa nach Kontakt mit einem Trigger, dann lindert rasche Kühlung der Haut die Beschwerden meist deutlich. Reicht das nicht aus, hilft ein Antihistaminikum in Form einer Tablette, als Saft oder Tropfen weiter. Dieser Wirkstoff blockiert die Wirkung des Histamins, einer Substanz, die von bestimmten Zellen im Körper bei einer Urtikaria vermehrt freigesetzt wird und die Symptome verursacht.
Moderne Antihistaminika der zweiten Generation (z. B. Bilastin, Rupatadin, Desloratadin) sind besser verträglich und wirken gezielter als ältere Präparate wie Dimetinden oder Clemastin.
Wenn der Betroffene zusätzlich zu den Hautveränderungen an Schwellungen, etwa der Lippe oder des Gesichts leidet, ist eine ärztliche Untersuchung wichtig. Wahrscheinlich wird der Arzt dann Kortison verabreichen. Kommen zusätzlich weitere Beschwerden dazu, wie Benommenheit oder Kurzatmigkeit, kann es sich um eine schwere Reaktion handeln – dann sollte man den Notarzt rufen.
Seit Mai 2025 ist in Deutschland das erste Epinephrin-Nasenspray verfügbar. Es bietet eine Alternative zum klassischen Autoinjektor bei anaphylaktischen Reaktionen.
Wie behandelt man eine chronische Nesselsucht?
Leidet ein Patient an einer chronischen Urtikaria, hilft meist die regelmäßige Einnahme eines Antihistaminikums. Falls dies nicht ausreicht, gibt es weitere Möglichkeiten der Therapie, darunter auch Kortison für eine begrenzte Zeit.
Wichtig ist es dann zusätzlich, möglichst den Trigger zu identifizieren, damit der Betroffene diesen meiden kann. Sind zu große Wärme, Kälte oder auch Scheuern beziehungsweise Druck auf der Haut die Ursache, lässt sich dies oft vermeiden. Wenn man den Verdacht hat, dass Nahrungsmittel oder Nahrungszusatzstoffe als Ursache eine Rolle spielen, ist eine Ernährungsberatung und ggf. nachfolgende Diät ratsam.
Die Behandlung erfolgt heute stufenweise: Zunächst mit modernen Antihistaminika der zweiten Generation, zum Beispiel Bilastin, Rupatadin, Desloratadin. Falls diese in Standarddosierung nicht ausreichen, wird die Dosis auf das bis zu Vierfache erhöht.
Wenn auch die Hochdosis-Antihistaminika keine ausreichende Wirkung zeigen, kommt der monoklonale Anti-IgE-Antikörper Omalizumab zum Einsatz. Er gilt als wirksam und gut verträglich.
Was kann man gegen Nesselsucht tun? Wie bekomme ich sie weg?
Die Hautstellen, an denen sich die rötlichen Quaddeln zeigen, kann man rasch kühlen. Dies ist beispielsweise mit einem Cool-Pack möglich, den man in ein dünnes Handtuch wickelt. Auch kühlende Lotionen können hilfreich sein. Dadurch geht der Juckreiz oft zurück. Hilft dies nicht, kommen verschiedene Medikamente in Betracht – meist sogenannte Antihistaminika, Kortison und seltener weitere spezielle Medikamente wie Biologika. Wenn man weiß, welcher Trigger die Hautveränderungen verursacht, kann man diesen oft vermeiden.
Was sollte man bei Nesselsucht vermeiden?
Manchmal kann man herausfinden, auf welchen Reiz hin die Patienten die Hautquaddeln bekommen. Auslöser sind beispielsweise Wärme, wie ein heißes Bad, oder Kälte. Solche Situationen lassen sich also vermeiden. Manche reagieren auch auf Druck auf der Haut. Auch scheuernde Kleidung oder die eigenen kratzenden Finger können hier ein Problem sein. Aber auch das sind vermeidbare Faktoren.
Manche Medikamente, zum Beispiel übliche Schmerzmittel, können die Quaddeln auslösen; darauf sollten Betroffene also ebenfalls verzichten. Besonders nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure gelten als häufige Trigger und sollten möglichst gemieden werden, sofern medizinisch vertretbar.
Sind, was selten ist, bestimmte Nahrungsmittel oder -zusatzstoffe die Ursache, dann ist eine entsprechend veränderte Ernährung wichtig. Jedoch sollte eine diagnostisch gesicherte Unverträglichkeit gegenüber bestimmten Lebensmitteln oder Zusatzstoffen zunächst durch eine allergologische Abklärung bestätigt werden, bevor eine langfristige Diät erfolgt.
Wer durch sportliche Anstrengung Hautquaddeln bekommt, kann vor dem Sport ein Antihistaminikum einnehmen, um die Beschwerden zu verhindern. Dies betrifft die cholinergische Urtikaria, bei der körperliche Erwärmung durch Sport oder Stress die Symptome auslöst. Allerdings ist es leider nicht bei jedem möglich, den Auslöser für die lästigen Quaddeln zu finden. Besonders bei der chronischen spontanen Urtikaria bleibt die Ursache oft unbekannt. In solchen Fällen steht die symptomatische medikamentöse Therapie im Vordergrund.
Bei der Kälteurtikaria sollte direkter Kontakt mit kalten Temperaturen möglichst vermieden werden. Das betrifft nicht nur kalte Luft, sondern auch kaltes Wasser – etwa beim Schwimmen oder Händewaschen. Auch der Griff in die Tiefkühltruhe kann bei empfindlichen Personen bereits eine Reaktion auslösen. Warme Kleidung, das Meiden von Zugluft und das Tragen von Handschuhen im Winter sind einfache, aber wirksame Schutzmaßnahmen.
Bei der Druckurtikaria treten die Quaddeln oft verzögert nach mechanischer Belastung auf – zum Beispiel durch das Tragen enger Kleidung, Rucksackgurte oder längeres Sitzen auf harten Flächen. Hier hilft es, auf lockere Kleidung zu achten, Druckstellen zu vermeiden und gegebenenfalls auch Pausen bei längerem Sitzen oder Stehen einzulegen. Auch hier kann eine vorbeugende Einnahme von Antihistaminika sinnvoll sein, wenn sich die Auslöser nicht vollständig vermeiden lassen.
Welche Medikamente helfen bei Nesselsucht?
Sowohl bei der akuten als auch bei der chronischen Nesselsucht wirken Antihistaminika. Diese Wirkstoffe bremsen den Effekt des Histamins im Körper ab. Moderne Antihistaminika machen im Gegensatz zu älteren Präparaten nicht mehr müde und sollten bevorzugt werden. Antihistaminika kann man kurzzeitig oder bei chronischem Nesselfieber auch über längere Zeit einnehmen. Laut Leitlinie sind moderne H1-Antihistaminika der zweiten Generation, zum Beispiel Cetirizin, Loratadin, Bilastin, Rupatadin, die Therapie der ersten Wahl. Bei unzureichender Wirkung kann die Dosis auf das bis zu Vierfache gesteigert werden – unter ärztlicher Kontrolle.
Reicht dies nicht aus, stehen sogenannte Leukotrienantagonisten, Kortison und sehr selten auch spezielle weitere Medikamente wie Biologika zur Therapie der Nesselsucht zur Verfügung. Die Leukotrienantagonisten, zum Beispiel Montelukast, werden heute nicht mehr routinemäßig empfohlen, da ihre Wirksamkeit bei Urtikaria begrenzt ist. Systemische Glukokortikosteroide, zum Beispiel Prednisolon, sind nur für kurzzeitige Anwendung bei schweren akuten Schüben vorgesehen – sie sind nicht für die Dauertherapie geeignet. Bei therapierefraktärer chronischer spontaner Urtikaria ist Omalizumab, ein Anti-IgE-Biologikum, die empfohlene nächste Stufe. Bei Nichtansprechen kann Ciclosporin A als Off-Label-Therapie erwogen werden.
Was hilft bei Nesselsucht-Juckreiz?
Bei akuten Quaddeln lässt sich der Juckreiz oft durch Kühlung der Haut lindern, insbesondere bei Wärme- oder Kälte-Urtikaria. Auch Antihistaminika und Kortison helfen gegen den Juckreiz. Dabei sind Moderne H1-Antihistaminika der zweiten Generation, zum Beispiel Bilastin, Rupatadin, Cetirizin, laut Leitlinie die Therapie der ersten Wahl zur Juckreizlinderung. Sie wirken gezielt gegen die Histaminwirkung und verursachen deutlich weniger Müdigkeit als ältere Präparate. Kortisonpräparate sind nur bei schweren akuten Schüben und nur kurzfristig geeignet, für eine reine Juckreizlinderung jedoch nicht Mittel der Wahl.
Helfen Globuli bei Nesselsucht?
Globuli, also Kügelchen mit bestimmten hochverdünnten Inhaltsstoffen, die in der Homöopathie verwendet werden, kommen in der Naturheilkunde und Homöopathie gegen ganz verschiedene Beschwerden zum Einsatz. Möglicherweise können sie ebenfalls bei Urtikaria zur Linderung der Symptome führen; hierfür gibt es aber keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse. Homöopathische und alternativmedizinische Verfahren gelten bislang nicht als evidenzbasiert und sind daher von den Leitlinien nicht empfohlen. Es fehlen kontrollierte Studien, die eine Wirksamkeit über den Placeboeffekt hinaus belegen.
Manche Homöopathen versuchen zudem den Erkrankten mit einem chronischen Krankheitsbild durch die Gabe eines Brennnesselextrakts zu helfen. Dieses wird einige Wochen lang regelmäßig in den Muskel gespritzt. Auch für diese Methode fehlen die wissenschaftlichen Beweise für eine Wirkung; allerdings kann diese Methode manchen offenbar helfen. Die Basis der Nesselfieber-Therapie besteht aber darin, den Auslöser möglichst zu meiden und entsprechend wissenschaftlich untersuchte Medikamente einzunehmen.
Darf man trotz Nesselsucht Sport machen?
Bei manchen Patienten ist körperliche Belastung, also auch Sport, der Auslöser für die Symptome. Allerdings ist es nicht zu empfehlen, auf Sport zu verzichten, denn regelmäßige Bewegung hat viele gesundheitliche Vorteile. Der Arzt kann in solchen Fällen ein Antihistaminikum verschreiben, das die Betroffenen kurz vor dem Sport einnehmen, sodass keine Beschwerden auftreten. Die Leitlinie betont, dass körperliche Aktivität nicht generell vermieden werden sollte, sondern individuell angepasst werden kann. Bei gut eingestellter medikamentöser Therapie ist Sport in vielen Fällen problemlos möglich.
Darf man trotz Nesselsucht schwimmen gehen?
Manche Menschen reagieren auf Kälte, sie leiden an Kälteurtikaria. Für sie ist es ratsam, Kälte zu meiden – und dazu kann auch das Schwimmen gehören. Denn durch sehr kaltes Wasser oder auch das rasche Abkühlen der Haut nach dem Schwimmen können die Beschwerden dann ausgelöst werden. Die Leitlinie empfiehlt, dass Betroffene vor dem Schwimmen ärztlich abgeklärt werden, z. B. durch einen kontrollierten Kältetest. Bei bestätigter Kälteurtikaria sollte Schwimmen in kaltem Wasser vermieden werden. Alternativ kann in thermisch kontrollierten Becken, zum Beispiel Hallenbad mit warmem Wasser, unter medikamentöser Prophylaxe geschwommen werden – etwa mit H1-Antihistaminika der zweiten Generation.
Darf man trotz Nesselsucht in die Sauna?
Die Quaddeln entwickeln sich bei manchen Personen aufgrund von Wärme, die sogenannte Wärmeurtikaria. Ein Saunabesuch führt dann also meist zu den juckenden Hautveränderungen und sollte vermieden werden.
Kann Nesselsucht tödlich sein?
Beschränkt sich die akute oder chronische Urtikaria auf die Haut, ist dies zwar unangenehm, aber harmlos. In der Regel verschwinden die Hautveränderungen von selbst nach einiger Zeit. Bei Manchen kommt es jedoch zusätzlich zu Schwellungen der Haut (Angioödem) im Gesicht oder an den Lippen. Diese können sehr stark ausgeprägt und sehr unangenehm sein. Sind Zunge oder Gaumen betroffen, kann dies zu gefährlicher Atemnot führen. Auch wenn bei einer allergischen Reaktion noch weitere Symptome hinzukommen, wie Benommenheit, Kurzatmigkeit oder Husten, kann dies lebensgefährlich werden. In diesem Fall ist eine Notfalltherapie nötig. Personen mit bekanntem Anaphylaxie-Risiko sollten stets ein Notfallset mit sich führen und über dessen Anwendung geschult sein.
Kann Nesselsucht wieder verschwinden?
Manche Menschen leiden nur dann an den juckenden Quaddeln, wenn sie Kontakt zu ganz bestimmten Auslösern haben, beispielsweise Wärme. Die Hautveränderungen verschwinden dann recht schnell vollständig. Wenn man in Zukunft den Auslöser dann ganz vermeiden kann, wird auch die Urtikaria sozusagen wieder verschwinden. Manche Auslöser, etwa Pollen oder auch Sport, lassen sich aber nicht gut völlig vermeiden – hier helfen Medikamente weiter. Die Therapie bei Urtikaria führt bei Vielen dazu, dass sie gar keine oder kaum noch Beschwerden haben.
Bei der chronischen spontanen Urtikaria kommt es bei etwa 50 Prozent der Betroffenen innerhalb eines Jahres zu einer Spontanremission, bei etwa 80 bis 90 Prozent innerhalb von fünf Jahren. Die medikamentöse Therapie kann die Zeit bis zur Remission deutlich erleichtern und die Lebensqualität verbessern.
Warum kommt Nesselsucht oft abends?
Bei vielen Patienten treten die Beschwerden ganz plötzlich auf. Vor allem abends und nachts häufen sich solche Schübe mit Juckreiz und beeinträchtigen die Lebensqualität oft sehr stark. Denn neben den Beschwerden kommt es dann auch noch zu Schlafmangel und Müdigkeit am Tage. Warum die Symptome jedoch häufig vor allem abends und nachts auftreten, ist nicht genau geklärt.
Es gibt Hinweise darauf, dass circadiane Rhythmen – also die biologischen Tageszyklen – eine Rolle spielen. Der Histaminspiegel im Körper kann abends ansteigen, was bei Urtikaria-Patienten zu verstärktem Juckreiz führt.
Auch die Körpertemperatur steigt physiologisch gegen Abend leicht an, was bei bestimmten Urtikariaformen, zum Beispiel cholinergischer Urtikaria, als Trigger wirken kann.
Zudem sinkt abends die Cortisolkonzentration, ein körpereigenes Hormon mit entzündungshemmender Wirkung. Ein niedriger Cortisolspiegel könnte die Hautreaktionen begünstigen.
Die Wahrnehmung von Juckreiz ist nachts oft intensiver, da weniger Ablenkung besteht und die Haut durch Bettwärme oder Reibung stärker gereizt wird.
Wann sollte man mit Nesselsucht zum Arzt gehen?
Wenn eine Person nur bei Kontakt mit bestimmten Pflanzen oder Ähnlichem Quaddeln entwickelt hat und die Quaddeln von selbst wieder verschwunden sind, ist keine sofortige ärztliche Untersuchung nötig. Man kann allerdings beim nächsten geplanten Arztbesuch davon berichten; denn gerade bei Allergikern ist dies eine wichtige Information.
Falls jedoch zusätzlich zu den Hautveränderungen noch eine Schwellung von Lippen oder Gesicht auftreten, ist eine Untersuchung beim Arzt zu empfehlen. Patienten mit wiederkehrenden Quaddeln oder Angioödemen sollten ärztlich abgeklärt werden, insbesondere wenn die Symptome länger als sechs Wochen bestehen oder mit systemischen Beschwerden wie Atemnot einhergehen.
Wenn der Betroffene zusätzlich zu den Quaddeln noch kurzatmig wird, hustet oder gar das Bewusstsein verliert, handelt es sich um einen akuten Notfall. Hier gilt es schnell einen Notarzt zu rufen, denn es handelt sich um eine schwere allergische Reaktion. Auch die Schwellung der Zunge und der Lippen (Angioödem) kann zu lebensbedrohlicher Atemnot führen.
Welcher Arzt hilft bei Nesselsucht?
Wenn jemand beobachtet, dass immer mal wieder juckende rötliche Quaddeln auftreten, kann zunächst der Hausarzt weiterhelfen – oder bei Kindern am besten der Arzt für Kinder- und Jugendmedizin. Es ist wichtig, dass der Patient genau untersucht wird, um die richtige Diagnose stellen zu können, denn die Symptome können auch bei anderen, meist schwereren Krankheiten vorkommen, die dann eine andere Therapie erfordern.
Falls der Haus- oder Kinderarzt vermutet, dass eine Allergie dahinterstecken könnte, überweist er sie möglicherweise an einen Facharzt für allergische Krankheiten weiter. Das kann ein Dermatologe, ein Allergologe oder Immunologe sein.
Was tun bei Nesselsucht beim Kleinkind?
Wenn ein Kleinkind erstmals juckende Quaddeln entwickelt, also Beschwerden einer Urtikaria, sollte man dies genau beobachten. Akute Urtikaria bei Kleinkindern ist häufig viral bedingt und verläuft meist selbstlimitierend. Verschwinden die Quaddeln nicht sehr rasch wieder, wirkt das Kind beeinträchtigt, hat noch weitere Symptome wie Atemnot oder Erbrechen oder treten die Quaddeln erneut auf, ist ein Besuch beim Arzt für Kinder- und Jugendmedizin (Pädiatrie) wichtig. Wenn auf solche Hautveränderungen zusätzlich eine Schwellung von Gesicht und Lippen folgen, kann das gefährlich werden: Eine Notfalltherapie ist dann wichtig! Das gilt auch, wenn sich eine allergische Reaktion mit schweren, gar lebensbedrohlichen Symptomen entwickelt.
Wie lange kann man Nesselsucht haben? Wie lange dauert Nesselsucht an?
Bei der akuten Form des Nesselfiebers verschwinden die Hautrötungen nach wenigen Minuten oder Stunden wieder vollständig. Bei der chronischen Nesselsucht jedoch kommt es auch nach 6 Wochen immer wieder erneut zu Beschwerden. Betroffene können also grundsätzlich viele Jahre oder lebenslang an Urtikaria leiden. Bei den meisten Patienten lässt sich die Nesselsucht aber erfolgreich behandeln, sodass keine oder kaum noch Beschwerden auftreten. Studien zeigen, dass etwa 50 % der Patienten innerhalb eines Jahres beschwerdefrei werden, bei anderen kann die Erkrankung über mehrere Jahre persistieren.
Alltagstipps bei Nesselsucht
Hat ein Arzt die Diagnose Urtikaria gestellt, ist es sinnvoll zu überlegen, was der Auslöser sein könnte, um diesen dann möglichst zu meiden. Plötzliche Wärme oder Kälte beispielsweise stellen für einige Menschen mit Urtikaria einen Reiz dar, aber es gibt noch zahlreiche verschiedene andere Trigger, die man vermeiden kann. Überwärmung vorzubeugen und Stress zu verringern kann bei vielen zur Linderung beitragen. Hat der Arzt ein Antihistaminikum oder ein anderes Medikament wegen chronischer Nesselsucht verschrieben, sollte man es regelmäßig wie verordnet einnehmen. Es kann hilfreich sein, stets eine kühlende Creme oder ein schnell wirksames Medikament bei sich zu tragen, falls die Hautquaddeln plötzlich auftreten. Hat ein Patient im Rahmen der Urtikaria schon einmal eine anaphylaktische Reaktion erlitten, ist es wichtig, verordnete Notfallmedikamente stets bei sich zu tragen und richtig anwenden zu können.
Neuerungen in der Therapie der Urtikaria
Die Behandlung der chronischen spontanen Urtikaria entwickelt sich derzeit dynamisch weiter. Neben bewährten Wirkstoffen wie modernen H1-Antihistaminika der zweiten Generation rücken neue Medikamente in den Fokus der Forschung. Besonders vielversprechend ist der Wirkstoff Remibrutinib, ein Bruton-Tyrosinkinase-Inhibitor, der die Aktivierung von Mastzellen hemmt. In aktuellen Phase-III-Studien zeigte Remibrutinib eine rasche und anhaltende Symptomkontrolle, insbesondere bei Patienten mit Angioödemen, und das unabhängig vom IgE-Spiegel oder Urtikaria-Endotyp.
Ein weiterer innovativer Ansatz ist Briquilimab, ein monoklonaler Antikörper gegen CD117 (c-Kit), der die Reifung und Aktivierung von Mastzellen beeinflusst. In frühen Studien erreichten einzelne Patienten unter Briquilimab eine vollständige Remission der Symptome. Die Substanz wird derzeit bei Personen untersucht, die auf Omalizumab nicht ansprechen oder es nicht vertragen.
Zukünftig könnten Biomarker-gestützte Therapieentscheidungen und die Endotypisierung der Urtikaria – also die Einteilung in verschiedene Unterformen wie autoimmun oder idiopathisch – eine gezieltere und individuellere Behandlung ermöglichen.
Quellen:
PTA-Forum. (2024). Neues Epinephrin-Nasenspray. PTA-Forum.
AWMF. (2024). Leitlinie Urtikaria (AWMF-Register-Nr. 013-078). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
AWMF. (2022). S3-Leitlinie: Klassifikation, Diagnostik und Therapie der Urtikaria (AWMF-Register-Nr. 013-078). Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
Zuberbier, T., Aberer, W., Asero, R., et al. (2022). International guideline for the diagnosis and treatment of urticaria. EAACI/GA²LEN/EuroGuiDerm/APAAACI.
Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI). (2024). Aktuelle Leitlinienübersicht. DGAKI.
Maurer, M., & Zuberbier, T. (2022). Diagnostik der Urtikaria. Wiley Online Library.
Royal Children’s Hospital Melbourne. (2023). Clinical Practice Guideline: Urticaria. Royal Children’s Hospital.
Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA). (2024). Leitlinie Urtikaria.
Springer Medizin. (2024). Urtikaria bei Kindern – neue Erkenntnisse und Therapieansätze. Springer.
Wieczorek, D., & Wedi, B. (2024). Zugelassene Therapien und ihre Wirkung auf die Leitsymptome der Urtikaria. Dermatologie, 75, 281–288.
https://doi.org/10.1007/s00105-024-05315-w
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