Chronische spontane Urtikaria Diagnose Therapie

Chronische spontane Urtikaria: Was ist wichtig bei Diagnose und Therapie?, Bildquelle: M. Maurer

Chronische spontane Urtikaria: Diagnose & Therapie

Viele Patienten mit Urtikaria-ähnlichen Hautsymptomen haben eine lange Ärzte-Odyssee hinter sich. In manchen Fällen werden die Hautsymptome nicht als chronische spontane Urtikaria (CSU) erkannt. Manchmal werden aber auch Symptome als Urtikaria eingestuft, obwohl andere Erkrankungen die Ursache sind. Eine effiziente Therapie der chronischen spontanen Urtikaria ist nur mit der richtigen Diagnose möglich. Die Diagnose ist deshalb von entscheidender Bedeutung und nimmt auch in der neuen Urtikaria-Leitlinie eine wichtige Rolle ein. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Marcus Maurer, Oberarzt und stellvertretender Leiter des Allergie-Centrums-Charité und Direktor für Forschung an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité Universitätsmedizin in Berlin über wichtige Maßnahmen bei der Diagnose und Therapie der chronischen spontanen Urtikaria.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Prof. Dr. med. Marcus Maurer

Herr Prof. Maurer, wie sieht eine chronische spontane Urtikaria aus?

Bei einer chronischen spontanen Urtikaria oder CSU, das ist die Abkürzung, kommt es plötzlich zu kleinen roten Quaddeln an der Haut, die stark jucken. Man nennt das auch Nesselsucht oder Nesselfieber. Es kann auch zu Schwellungen kommen, zu sogenannten Angioödemen, die hat man früher auch Quincke-Ödeme genannt.

Wie häufig tritt eine chronische spontane Urtikaria auf?

Wir gehen davon aus, dass 1 Prozent aller Menschen derzeit an chronischer spontaner Urtikaria erkrankt sind. CSU ist also eine häufige Erkrankung.

Tritt die chronische spontane Urtikaria zusammen mit anderen Erkrankungen auf? Wenn ja, mit welchen?

Ja, bei Menschen mit einer chronischen spontanen Urtikaria treten andere Erkrankungen häufiger auf. Dazu gehören Autoimmunerkrankungen, zum Beispiel der Schilddrüse. Weiterhin sind Depression und Angststörungen häufiger. Wichtig ist außerdem, dass eine CSU bei circa jedem fünften Betroffenen zusammen mit einer Form der chronischen induzierbaren Urtikaria auftritt. Dazu gehören unter anderem die cholinergische Urtikaria, bei der Quaddeln und Angioödeme durch körperliche Anstrengung hervorgerufen werden.

Können Kleinkinder, Kinder und Babys an einer chronischen spontanen Urtikaria leiden?

Ja, die chronische spontane Urtikaria kann in jedem Lebensalter auftreten, also auch bei Kindern. Neuere Untersuchungen zeigen, dass das bei Kindern genauso häufig passiert wie bei Erwachsenen, eher sogar noch ein bisschen häufiger.

Wie geht man vor bei der Diagnose der chronischen spontanen Urtikaria?

Bei der Diagnose der chronischen spontanen Urtikaria sind zunächst drei Dinge wichtig, um eine optimale Versorgung des Patienten sicher zu stellen:

1. Man muss ausschließen, dass es sich um eine andere Erkrankung handelt.

2. Man muss untersuchen, ob schwere Entzündungen vorliegen.

3. Man muss die Krankheitsaktivität und –kontrolle messen.

Weiß man dann auch, was die Ursache der chronischen spontanen Urtikaria ist?

Oft fragen die Patienten nach den Gründen für ihre chronische Nesselsucht, für das Auftreten der Quaddeln und Angioödemen. Sie vermuten, dass Allergien, Hormonschwankungen, Eisenmangel oder Lebensmittel für die juckenden Quaddeln verantwortlich sind. Auch eine Erkrankung der Schilddrüse wird manchmal als Ursache der chronischen spontanen Urtikaria vermutet.

Wir wissen heute aber, dass bei den meisten Fällen einer chronischen spontanen Urtikaria Autoantikörper für die Aktivierung von Hautmastzellen verantwortlich sind, die dann zu Quaddeln und Angioödemen führen. Eine weiterführende Diagnostik ist also für die allermeisten Patienten nicht sinnvoll und sollte nur dann erfolgen, wenn die Krankengeschichte das sinnvoll erscheinen lassen.

Welche anderen Erkrankungen könnten mit der chronischen spontanen Urtikaria verwechselt werden?

Es gibt mehrere Erkrankungen, die ähnliche Anzeichen haben, wie die chronische spontane Urtikaria.

Angeborenes oder erworbenes autoinflammatorisches Syndrom

Ähnliche Hautsymptome wie bei der chronischen spontanen Urtikaria können bei angeborenen oder erworbenen autoinflammatorischen Syndromen auftreten. Typische Begleiterscheinungen sind hier Fieber, Gelenkschmerzen, Knochenschmerzen und ein allgemeines Krankheitsgefühl.

Urtikaria vaskulitis

Auch bei der Urtikaria vaskulitis – einer völlig anderen Erkrankung - können Symptome auftreten, die der chronischen spontanen Urtikaria sehr ähnlich sind. Hier ist die Frage nach der Dauer des Auftretens der einzelnen Quaddeln essentiell. Halten die Quaddeln länger als 24 Stunden an, kann dies ein Hinweis auf eine Urtikaria vaskulitis sein, was durch eine Biopsie diagnostiziert werden kann. Wichtig ist: Bei all diesen Erkrankungen hilft die klassische Urtikaria Therapie nicht!

Hereditäres Angioödem, erworbener C1 Inhibitormangel, ACE-Hemmer

Angioödeme, wie sie bei vielen Patienten mit chronischer spontaner Urtikaria vorkommen, treten auch beim hereditären Angioödem auf. Auch bei einem erworbenen C1 Inhibitormangel kann es zu Schwellungen kommen. Ebenso kennt man Angioödeme als Reaktion auf Arzneimittel wie zum Beispiel auf ACE-Hemmer. ACE-Hemmer werden zur Blutdrucksenkung oder bei Herzinsuffizienz eingesetzt. Da die Symptome bei diesen Erkrankungen nicht Histamin- sondern Bradykinin-vermittelt sind, bleiben hier die klassischen Urtikaria-Medikationen ebenfalls wirkungslos.

Chronische induzierbare Urtikaria

Außerdem kann man eine chronische induzierbare Urtikaria mit einer chronischen spontanen Urtikaria verwechseln. Bei der chronischen induzierbaren Urtikaria treten die Beschwerden ausschließlich und immer dann auf, wenn ein bestimmter Reiz vorhanden ist. Das kann zum Beispiel Kälte bei Kälteurtikaria sein, oder körperliche Anstrengung bei der cholinergischen Urtikaria.

Diagnostik bei chronischer spontaner UrtikariaDiagnostik bei chronischer spontaner Urtikaria © Prof. Dr. med. Marcus Maurer, Oberarzt und stellvertretender Leiter des Allergie-Centrums-Charité und Direktor für Forschung an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité Universitätsmedizin in Berlin

Warum muss man bei der Diagnose der chronischen spontanen Urtikaria untersuchen, ob schwere Entzündungen vorliegen?

Die einzige Labordiagnostik zu Blutwerten, die in der Diagnostik bei chronischer spontaner Nesselsucht relevant sind, sind die Entzündungsparameter BSG oder CRP und DiffBB. Damit wird ausgeschlossen, dass eine schwere Entzündung, eine entzündliche Grunderkrankung oder ein entzündliches Geschehen vorliegt, das ebenfalls Ursache von Urtikaria-ähnlichen Symptomen sein könnte.

Wie misst man die Krankheitsaktivität bei der chronischen spontanen Urtikaria?

Zur Messung der Krankheitsaktivität bei der chronischen spontanen Urtikaria stehen zwei Scoring-Instrumente zur Verfügung:

1. Der Urtikaria Aktivitäts-Score (UAS) ist der Goldstandard für das Messen der Krankheitsaktivität bei Patienten mit chronischer spontaner Urtikaria. Dazu füllt man täglich eine Art Symptomtagebuch aus und bewertet den Schweregrad der Symptome anhand eines Punktesystems. Je mehr Symptome auftreten und je stärker die Symptome, desto höher die Punktezahl und damit die Krankheitsaktivität. Der behandelnde Arzt sieht so auf einen Blick, wie hoch die Krankheitsaktivität ist und kann die Therapie entsprechend anpassen.

2. Treten auch oder ausschließlich Angioödeme auf, sollte man den Angioödem Aktivitäts-Score (AAS) hinzunehmen. Der funktioniert im Prinzip genauso wie der UAS, also mittels täglicher Dokumentation. Hier wird jeden Tag gefragt, ob ein Angioödem aufgetreten ist. Ist das der Fall macht man zusätzlich Angaben zu dessen Dauer und Schwere. Das ist eine Routine, die sich leicht beim abendlichen Zähneputzen erledigen lässt.

Warum sollte man bei der chronischen spontanen Urtikaria auch messen, wie die Symptome der Erkrankung kontrolliert sind?

Das Ziel der Behandlung ist die komplette Kontrolle der Erkrankung. Um zu sehen, ob dieses Ziel erreicht wird, muss man die Kontrolle messen. Hierfür nimmt man den Urtikariakontrolltest (Urticaria Control Test, UCT), der fragt den Grad der Kontrolle der Erkrankung in den letzten vier Wochen ab. Der UCT umfasst nur vier Fragen, die Patienten im Wartezimmer oder in Ruhe zu Hause beantworten kann. Auch hier werden für die Antworten Punkte vergeben, wobei die maximale Punktzahl (16 Punkte) für eine 100-prozentige Kontrolle der chronischen spontanen Urtikaria steht. Ab 12 Punkten gilt die CSU als gut kontrolliert, bei wenigen als 12 Punkten als unkontrolliert. Für den Arzt ist der UCT ein effizientes Instrument der Therapiekontrolle, das anzeigt, wann eine Intensivierung der Therapie angezeigt ist. Übrigens gibt es für Patienten, die hauptsächlich oder ausschließlich Angioödeme entwickeln auch einen Kontrolltest, den Antioödemkontrolltest (AECT). Der funktioniert ganz ähnlich.

Beide Aktivitätsscores und Kontrolltests sind in der neuen APP des UCARE Netzwerks enthalten, CRUSE heißt die. Also: CRUSE aus dem APP-Store runterladen und ab jetzt verwenden!

cruse app chronisch spontane urtikaria marcus maurer meinallergieportalDie CRUSE-App hilft beim Management der CSU! 

Wie hilft die CRUSE-App Patienten dabei, die Urtikaria unter Kontrolle zu bekommen und zu halten?

CRUSE steht für Chronic Urticaria Self Evaluation und der Name sagt eigentlich auch schon, wie das funktioniert. Mit Hilfe der App können die Patienten tagesgenau eingeben, welche Medikamente sie eingenommen haben, wie ihre Symptome aussehen und unter welchen Umständen sie aufgetreten sind. So weiß man nach kurzer Zeit, ob die aktuelle Therapie ausreicht. Wenn nicht, kann die Therapie dann so lange und so gut angepasst werden, bis die Symptome unter Kontrolle sind.

Wie behandeln Sie die chronische spontane Urtikaria?

Unabhängig von den Ursachen der Urtikaria gehen die aktuellen Therapien für Patienten mit chronischer spontaner Urtikaria gegen die Aktivierung von Mastzellen oder deren Mediatoren vor. Zunächst wird man versuchen, die Symptome der Urtikaria durch ein H1 Antihistaminikum der 2. Generation in üblicher Dosierung in den Griff zu bekommen. Ist diese Therapie nicht erfolgreich, empfiehlt die Leitlinie die Erhöhung der Dosis auf bis zu 4 Tabletten eines Antihistaminikums. Die Kombination verschiedener Antihistaminika ist nicht empfehlenswert, ebensowenig wie die Verwendung alter müde-machender Antihistaminika. Insbesondere bei Schulkindern führen diese veralteten Mittel zu Müdigkeit und so zu Lernschwäche. Auch Kortison sollte nicht mehr verwendet werden.

Was kann man tun, wenn die Therapie mit einem Antihistaminikum nicht hilft?

Das Ziel der Urtikaria-Therapie ist es, das Auftreten von urtikariellen Reaktionen zu vermeiden, also Patienten vor Quaddeln und Angioödemen zu schützen. Eine weitere wichtige Aussage in der neuen Leitlinie: „Treat the disease until it is gone.“ Das Ziel ist also eine völlige Symptomfreiheit. Viele Patienten mit chronischer spontaner Urtikaria erreichen dieses Ziel mit einer antihistaminischen Therapie nicht.

In diesen Fällen kommt zusätzlich Omalizumab zum Einsatz. Omalizumab, ist außerdem, neben den Antihistaminika, das einzige für die Therapie der chronischen spontanen Urtikaria zugelassene Medikament.

Patienten suchen oft nach „natürlichen“ Heilmitteln, gibt es das bei der CSU, zum Beispiel eine Darmsanierung?

Bisher wurde für keine „natürliche“ oder „alternative“ Therapie ein Wirksamkeitsnachweis erbracht. Am besten ist es, man folgt der Leitlinienempfehlung. Derzeit sind weitere Medikamente für chronische spontane Urtikaria in Entwicklung, manche auch schon in klinischen Studien, auch in Deutschland.

 

chronisch urtikaria diagnose therapie marcus maurer meinallergieportalInternationale Urtikaria Leitlinie © Prof. Dr. med. Marcus Maurer, Oberarzt und stellvertretender Leiter des Allergie-Centrums-Charité und Direktor für Forschung an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité Universitätsmedizin in Berlin

Herr Prof. Maurer, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.