Komponentendiagnostik Diagnose Sensibilisierungen

Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- und Asthma-Zentrum Westend, Berlin

Komponentendiagnostik: Exaktere Diagnose von Sensibilisierungen

Besteht ein Allergieverdacht, ist es mit der Komponentendiagnostik bei einer Reihe von Sensibilisierungen möglich, das Allergen genauer zu bestimmen, als dies mit der traditionellen Allergiediagnostik möglich war. Davon können u.a. Pollenallergiker profitieren, die unter multiplen Allergien zu leiden scheinen. Eine exaktere Diagnose von Sensibilisierungen durch die Komponentendiagnostik hat aber auch Auswirkungen auf die Therapie. Über Möglichkeiten und Grenzen der Komponentendiagnostik sprach MeinAllergiePortal mit Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- und Asthma-Zentrum Westend, Berlin.

Herr Privatdozent Kleine-Tebbe, in welchen Fällen bringt die Komponentendiagnostik Vorteile für Patienten, bei denen der Verdacht auf eine Allergie besteht?

Hilfreich ist die Komponentendiagnostik z.B. bei Pollenallergikern, die im Hauttest oder IgE-Test viele Sensibilisierungen zeigen. Hier sollte im Nachgang zu den klassischen Sensibilisierungstests noch mit Hilfe der Komponentendiagnostik getestet werden. Der Grund dafür ist: Wenn Patienten in herkömmlichen Sensibilisierungstests auf alle möglichen Pollenallergene positiv reagieren, könnte es sein, dass nicht Kreuzreaktionen die Ursache sind, sondern sogenannte Panallergene.

Warum führen Panallergene in herkömmlichen Sensibilisierungstests zu positiven Ergebnissen?

Das liegt daran, dass Panallergene Proteine sind, die in sämtlichen Pollenarten vorkommen können, egal ob in Baum-, Gräser oder Kräuterpollen. Bekannte Panallergene sind entweder Profliline oder Polcalcine. Sensibilisierungen auf Profiline finden sich bei ca. 10 bis 15 Prozent der Pollenallergiker.

Da Profiline in sämtlichen Pollen vorkommen und in fast allen pflanzlichen Nahrungsmitteln enthalten sind, erschweren sie die Diagnostik. Polcalcine kommen hingegen nur in den Pollen vor. Wenn ein Patient sowohl auf Profiline als auch auf Polcalcine sensibilisiert ist, wird er im traditionellen Hauttest und auch im Bluttest auf sämtliche Pollenextrakte und damit auf sämtliche Pollenarten, aber auch auf viele Nahrungsmittel positive Reaktionen zeigen. Deshalb ist es in diesen Fällen nötig, die Sensibilisierung auf spezifische Majorallergene, d.h. gewisse Hauptallergene in den Pollen, mit Hilfe der Komponentendiagnostik zu überprüfen. Ansonsten könnte fälschlicherweise die Diagnose "Multiple Allergien" gestellt werden und der Patient schränkt seinen Speiseplan unnötig ein.

Angenommen die Komponentendiagnostik weist bei einem Pollenallergiker eine Sensibilisierung auf Profiline nach, was ist die Konsequenz?

Wie für die klassische Diagnostik gilt für die molekulare Allergiediagnostik, dass ein positives Ergebnis nur im Zusammenhang mit korrespondierenden Symptomen klinisch relevant ist. Erst wenn der behandelnde Arzt die Testergebnisse mit den Berichten des Patienten zusammenbringt und richtig deutet, kann eine Diagnose erstellt werden.

Im Anschluss an den Test wird der Arzt im Gespräch mit dem Patienten ermitteln, bei welchen Nahrungsmitteln es wirklich zu Symptomen kommt und kann dem Patienten hilfreiche Empfehlungen geben.


Bei welchen Allergien kann die Komponentendiagnostik noch von Vorteil sein?

Ein Vorteil der molekularen Allergiediagnostik ergibt sich auf jeden Fall bei bestimmten Formen der Weizenallergie, weil dort die Sonderformen der anstrengungsabhängigen Weizenallergie, der WDEIA, häufig auf dem Klebereiweiß des Weizens beruhen, dem Omega-5 Gliadin, auch Tri a 19 genannt. Hier bietet ein positiver Sensibilisierungsnachweis mit dem spezifischen IgE-Test gegen Tri a 19 eigentlich gute Hinweise, ob diese anstrengungsabhängige Anaphylaxie wirklich vorliegt.

Der Grund dafür, dass das Allergen Tri a 19 einzeln geprüft werden muss, liegt in seiner Wasserunlöslichkeit. Das Allergen ist deshalb meist nicht in den üblicherweise wässrigen Extrakten von Weizenmehl enthalten. Die molekulare Allergiediagnostik ist im Hinblick auf das Weizenklebereiweiß deshalb deutlich zielgerichteter – die Laborärzte nennen das "analytisch spezifischer".

Ein anderes Beispiel für eine Allergie, bei der die molekulare Allergiediagnostik Vorteile bietet, wären Fleischallergien, die z.B. durch ein Bluttransportprotein, dem Serumalbumin, bedingt sein und durch die Inhalation von z.B. Katzenbestandteilen entstehen können. Serumalbumine sind Transportproteine, die von sämtlichen Säugetieren, einschließlich des Menschen, produziert werden. Allerdings ist diese Allergieform, die man früher als Katzen-Schweinefleisch-Syndrom bezeichnete, relativ selten. Meist führt sie nur beim Genuss von Innereien, wie z.B. Nieren oder anderen blutserumhaltigen Fleischprodukten, aber auch gemischten Fleischprodukten wie Wurst, zu Allergiebeschwerden.

Eine andere und neue Form der verzögerten Fleischallergie, die erst nach einigen Stunden vorwiegend zu Nesselsucht, d.h. Ausschlag mit juckenden Quaddeln führt, ist eine Allergie durch IgE-Antikörper gegen eine gewisse Zuckerseitenkette, das α-Gal, die von Säugetieren gebildet wird. Da diese Zuckerseitenkette auch an Fleischproteinen zu finden ist, kann es nach Genuss von rotem Fleisch, also Rind-, Schweine- und Lammfleisch, nicht aber nach Geflügel, zu diesen verzögerten allergischen Reaktionen kommen. Die Sensibilisierungen  gegen diese Zuckerseitenkette ist auch eher eine seltene Allergie und wird auf einen vorangegangenen Zeckenstich zurückgeführt, bei dem ebenfalls fremde Proteine mit dieser bestimmten Seitenkette, dem α-Gal, in den menschlichen Organismus gelangen. Dadurch entsteht eine Überempfindlichkeit vom Soforttyp. Auch hier bietet die Komponentendiagnostik Vorteile.

Auch bei der Bienengift- und Wespengiftallergie hat die komponentenbasierte Allergiediagnostik Vorteile. Da Bienengift und Wespengift zum Teil ähnliche Allergene aber auch Proteine enthält, die nur in einem der Gifte vorkommen, lässt sich mit einer Komponentendiagnostik gegen eines dieser Proteine das verantwortliche Insekt eindeutig zuordnen.

In einigen Fällen sind beim herkömmlichen Sensibilisierungstest beide Extrakte, d.h. sowohl Bienengift als auch Wespengift, positiv. In diesen Fällen blieb es bislang unklar, welches das verantwortliche Insekt war und womit genau die Spezifische Immuntherapie (SIT) durchgeführt werden sollte. Hier helfen dann Komponenten, die nur in einem Gift vorhanden sind. Bisher verfügbar sind das Api m 1 des Bienengiftes bzw. das Ves v 1 und das Ves v 5 des Wespengiftes.

Die Giftallergene der Hummel haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den Bienengifthauptallergenen, die Giftallergene der Hornisse ähneln denen der Wespe. In diesen Fällen bleibt nur die Option bei einer Allergie gegen Hummelgift mit dem Allergenextrakt vom Bienengift zu behandeln und bei einer Hornissengiftallergie mit dem Allergenextrakt vom Wespengift. 

Ist die Komponentendiagnostik bzw. die molekulare Allergiediagnostik bei der Diagnose aller Allergien von Vorteil?

Nein, es gibt eine Reihe von Allergien, bei denen Komponentendiagnostik zurzeit noch keinen Vorteil bietet. Dazu gehören die Allergie gegen Kuhmilch und Hühnerei. Auch bei der Fischallergie und der Allergie auf Schalentiere und Krustentiere ist noch kein direkter Vorteil sichtbar.

Herr Privatdozent Kleine-Tebbe, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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