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Luftschadstoffe herkommen meiden

Dr. Thomas Lob-Corzilius zum Thema: Luftschadstoffe - wo kommen sie her? Wie meidet man sie?

Luftschadstoffe: Wo kommen sie her? Wie meidet man sie?

Mit welchen Maßnahmen könnte man eine gesundheitsgefährdende Schadstoffbelastung vermeiden?

Neben der Reduzierung von verkehrsbedingten Schadstoffen weisen wir als Kinderärzte darauf hin, dass auch Schadstoffe aus anderen Quellen reduziert werden müssen. Zum Beispiel muss man den Eintrag von Ammoniak in die Atmosphäre reduzieren. Deutschland hat dies in den letzten dreißig Jahren nicht adäquat umgesetzt und damit auch gegen die EU-Regeln verstoßen. Zu Recht wurde Deutschland deshalb bereits zum zweiten Mal vor dem EuGH angeklagt. Der Regulierungsbedarf ist hoch, aber auch hier sind die Lobbyorganisationen der Agrarindustrie sehr mächtig.

Wo sehen Sie weitere Versäumnisse der Politik, die sich schädlich auf die Gesundheit auswirken könnten?

Ich habe mich fast zwanzig Jahre lang intensiv mit dem Phänomen der Fettleibigkeit = Adipositas bei Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Bei der Frage, was man tun kann, um Kinder vor Fettleibigkeit zu schützen, kamen wir schnell auf die Rolle von industriell gefertigten Produkten. Übersüßte Getränke und Lebensmittel mit hohem Zucker-, Fett- und zum Teil auch Eiweißgehalt, spielen bei der Entstehung von Adipositas eine maßgebliche Rolle. Seit Jahren fordern die kinderärztlichen Verbände und Fachgesellschaften eine Art „Nutriscore“ oder Ampelsystem, aber die jeweiligen BundesministerInnen für Ernährung und Landwirtschaft können sich ebenso lange nicht dazu durchringen. Stattdessen setzt man immer wieder auf die Selbstregulierung der Industrie und auf Verhaltensänderung der Menschen, um eine tatsächliche und wirksame, gesetzliche Regulierung zu vermeiden.

Um auf das Thema Luftschadstoffe zurückzukommen: Um Ammoniak in der Luft zu vermeiden, müsste man zum Beispiel die Massentierhaltung begrenzen, die Ernährung der Tiere in Richtung eiweißarmes Futter umsteuern und damit auch das Tierwohl an die erste Stelle setzen. Konkrete Möglichkeiten der Umsetzung stehen zur Verfügung, setzen jedoch auch hier politischen Willen und höhere Investitionen voraus.

Was können besorgte Eltern tun, um ihre Kinder vor Luftschadstoffen zu schützen?

Mir ist wichtig zu sagen: Es gibt keinen Grund zur Panik. Die Schadstoffkonzentrationen in der Außenluft, mit denen wir es in Deutschland aktuell zu tun haben, sind teilweise erhöht messbar, liegen aber deutlich unter den Werten z.b. in chinesischen oder indischen Ballungszentren. Im Sinne eines vorbeugenden Gesundheitsschutzes haben dennoch alle Menschen ob groß oder klein, vor allem die in der Stadt und in verkehrsreichen Stadtteilen wohnen, einen Anspruch darauf, vor schadstoffbelasteter Luft geschützt zu werden. Deshalb muss aus Sicht der umweltmedizinisch aktiven Kinder- und Jugendärzte die Einhaltung der EU-Jahresgrenzwerte für Feinstaub PM 2,5 von demnächst 20 µg/m³ und Stickoxiden von 40 µg/m³ kurzfristig durch geeignete gesetzgeberische und verkehrslenkende Maßnahmen erzwungen werden.

Wohnt man an einer viel befahrenen Straße sollte man das Lüftungsverhalten entsprechend anpassen. Das bedeutet, dass das Stoßlüften, das zwei bis drei Mal täglich für ca. 10 Minuten durchgeführt werden sollte, um die Feuchtigkeit in Innenräumen und auch das Kohlendioxid zu senken, möglichst in den verkehrsberuhigten Zeiten und nicht unbedingt zur Rush Hour erfolgen sollte.

Sinnvoll ist es - wenn immer möglich - an Stelle des Autos mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen. Dabei sollte man mit dem Fahrrad samt Kinderbeiwagen die stark belasteten Verkehrsadern meiden und lieber einen kleinen Umweg in Kauf nehmen, ein Rat, der auch für Spaziergänge mit dem Kinderwagen gilt, um so die kleinen Kinder möglichst wenig den Abgasen auszusetzen.

Wie schon betont, fällt die Luftschadstoffbelastung von Kindern durch Passivrauchen in Wohnungen ungleich höher aus als die Belastung durch die Außenluft, selbst an viel befahrenen Straßen. Die Eltern können also viel zur Gesundheit ihres Kindes beitragen, wenn sie nicht in Innenräumen oder Autos rauchen. Bereitet man das warme Essen mit dem Erdgasherd vor, sollte auf eine angemessene Lüftung geachtet werden.

Dunstabzugshauben schützen nur, wenn sie an einen Abluftkamin angeschlossen sind. Betreibt man einen geschlossenen Kaminofen, ist unbedingt auf einen Feinstaubfilter zu achten.

Wohnt man in der Nähe von Tiermastbetrieben kann man eigentlich nur empfehlen, auf eine Dauerlüftung zu verzichten und politisch aktiv zu werden, um die Betriebe zum Einbau von entsprechenden Filtern zu veranlassen.

Herr Dr. Lob-Corzilius, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

Quellen:

1) Thomas Lob-Corzilius, Feine und ultrafeine Stäube beeinflussen wesentlich die Kindergesundheit (Teil 1), Pädiatrische Allergologie » 04/2018, Umweltmedizin, S. 37 – 41

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