Atemnot durch Übergewicht: Ist das möglich? Ursachen und Risiken! Was hilft wirklich?
Adipöse Patienten klagen sehr häufig über Atemnot. Die Ursachen hierfür sind vielfältig. Neuere Studien sprechen dafür, dass selbst ein Asthma bronchiale durch Übergewicht entstehen kann. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. J. Seidenberg, ehemaliger Klinikdirektor an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Oldenburg (Niedersachsen) über Atemnot, Asthma und Übergewicht.

Autor: Sabine Jossé M. A.
Interviewpartner: Prof. Dr. med. J. Seidenberg
Herr Prof. Seidenberg, kann Übergewicht zur Atemnot führen?
Zahlreiche Studien zeigen eine Zunahme von Adipositas in den letzten Jahren. Je höher der BodyMassIndex (BMI), desto ausgeprägter sind auch damit verbundene Atembeschwerden. Diese äußern sich meist nur durch Kurzatmigkeit ohne Atemgeräusche. Allerdings kann es in einigen Fällen auch zu einer pfeifenden Atmung kommen, was dann der Atemnot bei Asthma sehr ähnelt. Selbst neu diagnostizierte Asthmaerkrankungen treten bei adipösen Patienten häufiger auf als bei Normalgewichtigen. Die Ursachen der Atemnot bei Adipositas sind also immer genau zu differenzieren.
Was weiß man über die Ursachen von Übergewicht und Atemnot bei Kindern?
Eine häufige Ursache für Übergewicht ist sicher die mangelnde Bewegung. Viele Kinder bewegen sich deutlich weniger als früher und verbrauchen somit auch weniger Kalorien. Zeitgleich werden mehr Kalorien in Form von gesüßten Getränken und kohlenhydratreicher Nahrung zugeführt, zum Beispiel um nervöse Spannungen beim Computerspiel oder anderem Medienkonsum abzubauen. Dies führt einerseits zu mehr Körpergewicht, das bei Bewegung mehr Atemarbeit fordert. Gleichzeitig sind aber durch weniger Bewegung auch Muskeln und Kreislauf weniger trainiert, was selbst bei gesunden Normgewichtigen eine belastungsbedingte Atemnot begünstigt. Ein weiterer begünstigender Faktor für Atemnot ist die mechanische Beeinträchtigung der Atemmechanik durch das Übergewicht.
Welche Rolle spielt das Übergewicht für die „Atemmechanik“?
Man nimmt an, dass sich die Atemmechanik durch Übergewicht wie folgt ändert: Die um den Brustraum herum liegende vermehrte Fettmasse und das Fett im Zwerchfell und Bauchraum drücken von außen die Lunge zusammen. Damit verlagert sich die Atemruhelage in Richtung Ausatmung. Dies allein kann bereits zu einem Verschluss von kleinen Atemwegen führen. Dadurch werden die dahinterliegenden Lungenbezirke noch schlechter belüftet. Somit steht insgesamt weniger Atemvolumen zur Verfügung, was eine Kurzatmigkeit begründet.
Zudem kann Fett zwischen den Bronchien diese auch einengen und somit zu Atemgeräuschen wie Pfeifen oder Giemen führen. Zusätzlich führt der Fettgehalt im Lungengewebe zu einer Versteifung der Lunge.
Wie führt das Fettgewebe um die Lunge herum zu einer Versteifung der Lunge?
Durch den hohen Fettgehalt im und außerhalb des Lungengewebes kann dieses bei Einatmung nicht mehr so leicht gedehnt werden, und dadurch muss mehr Atemarbeit bei der Einatmung aufgewendet werden. Gleichzeitig kommt es, ausgelöst durch die geringere Atembewegung, zu einem Elastizitätsverlust der Bronchien. Diese bleiben dann enger und bewirken somit ebenfalls eine pfeifende Atmung ähnlich wie bei Asthma.
Neben all diesen genannten Faktoren kann es bei adipösen Patienten durch die angestrengtere Atmung auch zu einem gastroösophagealen Reflux von Magensäure mit oder ohne Sodbrennen kommen. Die dadurch vermehrt gereizten Atemwege bewirken eine Verschlimmerung der asthmaähnlichen Symptome.
Sie betonen „asthmaähnlich“, heißt das, die Luftnot bei übergewichtigen Kindern kommt nicht unbedingt von einem Asthma?
In der Tat fehlt bei den bisher genannten Mechanismen der Atemnot die asthmatypische bronchiale Hyperreagibiltät, also der zum Beispiel anstrengungsinduzierte Bronchospasmus oder die Verbesserung nach Inhalation von bronchialerweiternden Medikamenten. Man spricht also eher von „Adipositasinduzierter respiratorischer Dysfunktion“ als von Asthma bronchiale, da das Merkmal bronchiale Hyperreagibilität fehlt. Bei Durchführung der Lungenfunktionstestung wird man in diesem Fall auch kein Ansprechen auf Salbutamol oder andere bronchialerweiternde Medikamente finden.
Ist neben diesen Mechanismen auch eine vermehrte Entwicklung eines Asthma bronchiale mit typischer bronchialer Hyperreagibiliät durch Adipositas zu beobachten?
Ja, dies ist durch neuere Studien hinreichend belegt. Mit steigendem Anteil des viszeralen Fetts nehmen sowohl die Diagnose Asthma als auch aktuelle Asthmasymptome signifikant zu (Xu 2024). Eine retrospektive Analyse bei 500 Tausend amerikanischen Kindern kommt zu dem Ergebnis, dass Adipositas für etwa 25 Prozent des neu aufgetretenen Asthma bronchiale verantwortlich ist, und ohne Übergewicht etwa 10 Prozent des Asthmas bei Kindern in den USA verhindert werden könnte (Lang 2018). Bei Erwachsenen erhöht sich laut einer Metaanalyse aus 13 Studien das Risiko für Asthma bronchiale um 30 Prozent je 10 kg Gewichtszunahme (Parasuaraman 2023).
Welche Mechanismen führen bei Adipositas zu der Entstehung eines Asthma bronchiale?
Vermehrtes Fettgewebe führt über verschiedene Wege zu einer vermehrten Entzündungsreaktion im Körper, und somit auch zu einer entzündlich bedingten Hyperreagibiltät der Atemwege. Der hohe Gehalt an Mastzellen und Makrophagen im Fettgewebe führt zur vermehrten Bildung von Entzündungsmediatoren und Leptinen (Peters 2018), die wiederum eine TH2-dominierte Entzündung induzieren (Noriega 2023) und die Verstärkung auf Allergenkontakt fördern können (Habibovic 2023). Das metabolische Syndrom bei Adipositas mit erhöhter basaler Lipolyse und erhöhter Insulinresistenz wiederum fördert die low TH2-Zytokine (An 2023) mit einer überwiegend neutrophilen Entzündung, die auf übliche Antiasthmatika wie inhalative Steroide deutlich schlechter anspricht.
Gehen Asthma-ähnliche Beschwerden oder das Asthma bronchiale durch Abnehmen zurück?
Ja, eine Reihe von Studien konnte zeigen, dass Abnehmen sehr gut hilft. Bereits 5 % Gewichtsverlust bewirkt eine deutliche Verbesserung der Asthmasymptomatik (Althoff 2024). Allerdings sind die Methoden zur Gewichtsreduktion sehr unterschiedlich erfolgreich. Einschneidende Maßnahmen wie ein Magenbanding (Bariatrische Operation) sind am effektivsten, während Schulungsmaßnahmen über 26 Wochen bei Kindern nur eine Reduktion des BMI um 0,3kg/m2, über 56 Wochen um 1,4 kg/m2 erreichen konnten (Torbahn 2025). Besser schneidet eine zusätzliche Therapie mit GLP-1-Agonisten ab, zum Beispiel mit Semaglutid um 5,9kg/m2, wobei diese zur Adipositasbehandlung in Deutschland nur bei einem BMI über 27kg/m2 bei adipositasbedingten Begleiterkrankungen zugelassen sind, und bei Jugendlichen ab dem Alter von 12 Jahren und 60kg KG. GLP-1-Agonisten verbessern die Asthmasymptomatik durch die Reduktion des BMIs, die Abnahme der Atemwegsentzündung und der Schleimproduktion, sowie der Zunahme der Surfactantproduktion und der Relaxation der glatten Atemmuskulatur (Kanwar 2022). Diese Wirkung besteht allerdings nur solange die Therapie gegeben wird. Eine langfristige Lebensmodifikation zu mehr Bewegung und weniger Konsum der Mischung Medien mit Chips ist deutlich kostengünstiger und für jeden verfügbar.
Herr Prof. Seidenberg, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Prof. Dr. med. J. Seidenberg ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin und war Klinikdirektor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Oldenburg (Niedersachsen). Als Experte für pädiatrische Pneumologie und Allergologie erläutert er die Zusammenhänge zwischen Atemnot, Asthma und Übergewicht im Kindes- und Jugendalter.
Quellen:
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- Lang JE, Bunnell HT, Hossain MJ, Wysocki T, Lima JJ, Finkel TH, et al. Being Overweight or Obese and the Development of Asthma. Pediatrics. 2018;142(6):e20182119. doi:10.1542/peds.2018-2119.
- Parasuaraman G, Ayyasamy L, Aune D, Sen A, Nagarajan R, Rajkumar P, et al. The association between body mass index, abdominal fatness, and weight change and the risk of adult asthma: a systematic review and meta-analysis of cohort studies. Sci Rep. 2023;13(1):7745. doi:10.1038/s41598-023-31373-6.
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- Althoff MD, Gaietto K, Holguin F, Forno E. Obesity-related Asthma: A Pathobiology-based Overview of Existing and Emerging Treatment Approaches. Am J Respir Crit Care Med. 2024;210(10):1186–1200. doi:10.1164/rccm.202406-1166SO
- Gabriel Torbahn, Anna Maria Cavini, Ines Gellhaus, Katja Knab1,Katharina Mörwald,Roland Reisenauer, Andreas van Egmond-Fröhlich, Martin Wannack, Susann Weihrauch-Blüher, Susanna Wiegand, Was konservative Adipositasschulung leisten kann und soll, Monatsschr Kinderheilkd 2025 · 173:386–395, https://doi.org/10.1007/s00112-025-02157-1
Angenommen: 10. Februar 2025, Online publiziert: 2. April 2025, © The Author(s) 2025 - Kanwar, Meeta & Sunku, Ramya & Alruwaili, Faisal & Mufti, Mariam & Raji, Mukaila. (2022). Beneficial Effects of Glucagon-Like Peptide-1 Receptor Agonists in Patients With Asthma: A Literature Review. Cureus. 14. 10.7759/cureus.30812.
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