Pruritus Juckreiz Therapieoptionen

Prof. Sonja Ständer berichtet über Pruritus - Juckreiz. Wird es bald neue Therapieoptionen geben?

Pruritus - Juckreiz: Gibt es bald neue Therapieoptionen?

Der Pruritus bzw. der Juckreiz ist ein Symptom vieler Erkrankungen. Für die Betroffenen ist er oft schwer zu ertragen. Die neuen Biologika könnten Therapieoptionen sein, die auch den Pruritus wirksam bekämpfen. Im Vorfeld der Düsseldorfer Allergie und Immunologietage 2019 sprach MeinAllergiePortal mit Prof. Sonja Ständer, Leiterin Kompetenzzentrum Chronischer Pruritus (KCP) an der Klinik für Hautkrankheiten am Universitätsklinikum Münster über die neuen Therapieoptionen.

Frau Prof. Ständer, bei welchen Erkrankungen kann es zu Pruritus kommen?

Man teilt die Formen des Pruritus nach den vier betroffenen Organsystemen ein. Zum dermatologischen Pruritus gehören die atopische Dermatitis, die Psoriasis, die Urtikaria, Arzneimittelexantheme und viele weitere entzündliche oder infektiöse Hauterkrankungen.

Dann gibt es die Gruppe des systemischen Pruritus. Dazu gehören der urämische Pruritus, Juckreiz durch Nierenerkrankungen, der cholestatische Pruritus, Juckreiz durch Lebererkrankungen, aber auch Juckreiz durch Medikamenteneinnahme. Auch Malignome, wie das Mammakarzinom und das Prostatakarzinom können Juckreiz auslösen, genau wie Leukämie und Lymphome.

Weiter gibt es den neuropathischen Pruritus, das heißt die Juckreiz-Formen, die direkt vom Nervensystem ausgehen. Dazu gehört zum Beispiel, wenn auch selten, die Multiple Sklerose. Auch Kleinfaserneuropathien können die Ursache von Pruritus sein. Die vierte große Gruppe der Erkrankungen, bei denen es zu Pruritus kommen kann, sind die psychischen Erkrankungen, wie Depressivität oder Wahnvorstellungen. Hierbei kann auch eine chronische Prurigo entstehen.

 

Wie kommt es zur chronischen Prurigo?

Eine chronische Prurigo entsteht, wenn Patienten langfristig kratzen, so dass Juckknoten entstehen. Die Grundlage kann eine atopische Dermatitis, eine Psoriasis oder eine Nieren- oder Lebererkrankung sein, aus der sich als weitere Erkrankung die chronische Prurigo, oder die sogenannten Juckknoten entwickeln.

Gibt es Faktoren, die den Juckreiz verstärken?

Ein wesentlicher Faktor, der den Pruritus bei bestimmten Formen wie z.B. der Neurodermitis verstärken kann, ist das Kratzen. Auch grobe Kleidung oder überhitzte Räume können den Pruritus fördern. Ebenso können häufiges Waschen und Baden, entfettende Alkoholumschläge, Eispackungen und Bestimmte Genussmittel wie Alkohol, scharfe Gewürze, heiße Getränke etc. Juckreiz hervorrufen. Darüber hinaus kann eine chronische Stressbelastung zu vermehrtem Juckreiz führen.

Advertorial

 

Welche neuen Therapieoptionen gibt es zur Behandlung des Pruritus und für welche Patienten kommen sie in Frage?

In der Pharmaindustrie wird viel geforscht, weil man erkannt hat, dass es in den letzten Jahrzehnten nur sehr wenig Fortschritte bei der Juckreiz-Therapie gab. Dabei ist der Leidensdruck der Patienten ausgesprochen hoch. Außerdem wird eine langfristige Therapie benötigt, weil ein chronischer Juckreiz sich wesentlich langsamer zurückbildet, als zum Beispiel die Haut-Läsionen einer Neurodermitis.

Die Dermatologie bietet ein großes Potenzial für den Einsatz von Biologika, zum Beispiel zur Therapie der mit Pruritus assoziierten schweren atopischen Dermatitis und schweren Psoriasis. Die gegen die Neurodermitis entwickelten Biologika blockieren die Wirkung des Interkeukin (IL)-4, IL-13 oder des IL 31 und damit gezielt Mechanismen, die an der Entzündung beteiligt sind.

Aber: Zurzeit sind Biologika nicht zur Therapie des Pruritus zugelassen, sondern zur Behandlung schwerer Formen der atopischen Dermatitis und der Psoriasis.


Biologika werden zurzeit also nicht allein zur Juckreiz-Therapie eingesetzt?

Hierzu wurde kürzlich eine klinische Studie an Patienten mit chronischer Prurigo durchgeführt. Eine chronische Prurigo entsteht, wenn Patienten langfristig kratzen, so dass Juckknoten entstehen. Die Grundlage kann eine atopische Dermatitis, eine Psoriasis oder eine Nieren- oder Lebererkrankung sein, aus der sich als weitere Erkrankung die genannten Juckreizknoten entwickeln.

In der Studie wurde das noch nicht zugelassene Biologikum Nemolizumab zur Behandlung derchronischen Prurigo eingesetzt, denn es gab Hinweise, dass das IL-31 in der Haut bei der chronischen Prurigo erhöht ist. Die Ergebnisse sollen demnächst veröffentlicht werden. Wir dürfen also gespannt sein, ob mittelfristig eine reine Prurigo-Therapie mit einem Biologikum zur Verfügung stehen wird.

Darüber hinaus werden aktuell in den USA weitere Untersuchungen zum Interleukin-31-Rezeptor durchgeführt. Hierbei liegt der Fokus auch auf der Möglichkeit, nur bestimmte Untereinheiten von IL-31 gezielt zu blockieren, um aktuell auftretende Nebenwirkungen zu vermeiden.

 

Für welche Patienten ist die Therapie mit Biologika die richtige Therapie?

Für die Biologika-Therapie mit dem bereits zugelassenen Biologikum Dupilumb kommen Patienten mit schwerer atopischer Dermatitis in Frage. Ansonsten haben wir für chronischen Pruritus eine Leitlinie entwickelt, in der auf verschiedene Formen und allgemeine Therapieprinzipien eingegangen wird. Auch für die Prurigo nodularis, eine Erkrankung, zu der es kaum Studien gibt, haben wir eine Stufentherapie entwickelt.

Darüber hinaus spielen die gesundheitlichen Gegebenheiten des Patienten eine Rolle. Dazu gehören das Alter des Patienten, das Vorhandensein von Komorbiditäten, Einnahme von Medikamenten oder ob eine Schwangerschaft vorliegt.

Auch die persönlichen Umstände der Patienten werden bei der Therapieentscheidung zunehmend berücksichtigt. So sind zum Beispiel stationäre Klinikaufenthalte für viele Patienten heutzutage nicht mehr umsetzbar, sei es aufgrund der Berufstätigkeit oder weil Kinder oder zu pflegende Angehörige zu versorgen sind.

Das heißt, auch das persönliche Umfeld der Patienten wird bei der Therapieentscheidung berücksichtigt?

Es gilt, sich an den Bedürfnisse des Patienten zu orientieren, und diese entsprechen nicht immer den Erwartungen. So zeigt zum Beispiel die Forschung von Prof. Matthias Augustin, UKE Hamburg, dass für viele Neurodermitis-Patienten nicht das Abheilen der Hautläsionen an erster Stelle steht. Für viele Patienten ist es in erster Linie wichtig, Medikamente an die Hand zu bekommen, die ihnen ein Stück Unabhängigkeit bieten und die ihnen häufige Klinikbesuche ersparen.

Die Biologika erfüllen diese Bedürfnisse, auch weil sie nicht täglich verabreicht werde müssen. Allerdings monitoriert man die Patienten in der ersten Therapiephase auch engmaschiger, um sicher zu gehen, dass die Verträglichkeit gegeben ist. Insbesondere die Laborwerte der Leber und Nieren werden beobachtet, um eine Schädigung der Organe zu vermeiden. Der Patient muss sich also in gewissen Abständen zur Blutuntersuchung vorstellen.

All diese Faktoren, sowie die Steuerung, Dauer und potenzielle Nebenwirkungen der Therapie  müssen mit den Betroffenen ausführlich besprochen werden, um eine praktikable Therapieentscheidung treffen zu können. Es ist wichtig, dass die Therapie für den Patienten umsetzbar ist und dass er weiß, was auf ihn zukommt.

Advertorial

 

Was ist in der Pipeline und in welchem Stadium?

Neben den bereits erwähnten Studien arbeiten Firmen an einem Antikörper gegen Interleukin-31-Rezeptor. Eine Phase-I-Studie zur atopischen Dermatitis wurde bereits erfolgreich durchgeführt, und eine Studie zur Prurigo ist in Vorbereitung. Recht weit ist man auch bei den sogenannten Small Molecules, wie den JAK-Inhibitoren oder den Neurokinin-1-Rezeptor-Antagonisten. Sie adressieren ebenfalls Prurigo bzw. chronischen Pruritus.

Für die Patienten ist dies eine sehr positive Entwicklung, die Hoffnung gibt, denn vor dem Jahr 2013 gab es hierfür keinerlei Therapieansätze. Um die Patienten besser über die Erkrankung und über neue Entwicklungen zu informieren, haben wir die Prurigo nodularis Liga gegründet, die auch durch eine Facebook-Gruppe vertreten ist. Hier berichten wir im Anschluss an Kongresse über neue Therapieansätze und stoßen damit bei den Betroffenen auf großes Interesse. Es wird zwar noch geraume Zeit dauern, bis diese neuen Therapieansätze in Form von zugelassenen Medikamenten zur Verfügung stehen, aber es gibt ein Licht am Horizont.

Frau Prof. Ständer, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden. Bitte beachte auch unsere Datenschutzbestimmungen gemäß DSGVO.