Neurodermitis Hautbarriere Mikrobiomforschung

Dr. Matthias Reiger zum Thema: Neurodermitis, Hautbarriere - Aktuelle Erkenntnisse der Mikrobiomforschung!

Neurodermitis, Hautbarriere: Aktuelle Erkenntnisse der Mikrobiomforschung

Dass die Hautbarriere bei der Neurodermitis eine zentrale Stellung einnimmt, ist bekannt. Aber auch die Bakterien, die die Haut besiedeln, haben einen Einfluss auf die Erkrankung. Das sogenannte „Mikrobiom der Haut“ steht deshalb im Mittelpunkt der Spitzenforschung, auch im Hinblick auf neue Therapien. MeinAllergiePortal sprach mit Dr. Matthias Reiger über die Zusammenhänge zwischen Neurodermitis und der Hautbarriere sowie über aktuelle Erkenntnisse aus der Mikrobiomforschung. Dr. Reiger ist Mikrobiologe, Leiter des Fachbereiches „Mikrobiologie“ am Lehrstuhl und Institut für Umweltmedizin, UNIKA-T, und Preisträger des DGAKI Wissenschaftspreises für besondere Forschung 2018.

Herr Dr. Reiger, Sie haben das Mikrobiom von Patienten mit atopischer Dermatitis speziell im Hinblick auf das Bakterium Staphylococcus aureus untersucht. Welche Wechselwirkungen haben Sie festgestellt?

Wir haben in unserer Publikation im „Journal of Allergy and Clinical Immunology“ beschrieben, dass das Mikrobiom der Haut von Neurodermitis-Patienten im Vergleich mit Gesunden ein anderes Verhältnis in Anzahl und Häufigkeit einzelner Bakterienspezies aufweist. Nicht akut betroffene, aber besonders läsionale Hautareale weisen eine deutlich erhöhte Besiedelung mit dem Bakterium S. aureus auf. Im Zuge dessen Zunahme beobachten wir einen Rückgang anderer, für die Hautbarriere möglicherweise nützlicher oder zumindest nicht schädlicher Staphylokokken. Das natürliche Gleichgewicht der Mikroorganismen auf der Haut verändert sich also hin zu einem krankhaften Zustand.

Konnten Sie sehen, wodurch es zur Vermehrung von Staphylococcus aureus kommt ?

Wie das Wachstum von Bakterien verläuft, bestimmen die jeweiligen Umweltbedingungen und die Verfügbarkeit von Nährstoffen. Die meisten Bakterien sind Spezialisten und an bestimmte Bedingungen/Nischen angepasst. Wenn sich die Bedingungen verändern, vermehren sich manche der Bakterien schneller als andere.

Gibt es Trigger, die das Wachstum von Staphylococcus aureus befördern?

Für das Wachstum von S. aureus zeigen frühere Forschungsergebnisse eine Abhängigkeit vom pH-Wert in der direkten Umgebung. Deshalb könnte ein erhöhter pH-Wert auf der Haut von Neurodermitikern ein Grund für dessen Wachstumsvorteil sein. In meiner Forschung am Lehrstuhl und Institut für Umweltmedizin versuche ich herauszufinden, welche Trigger für die rasante Vermehrung von S. aureus in Frage kommen. Dabei steht die Interaktion der Hautbarriere mit der Umwelt im Fokus. Dies kann sowohl die physikalische Barriere (pH, Trockenheit, dichter Zellverbund) und das lokale Immunsystem (spezifisch und unspezifisch) als auch die kommensale Mikroflora betreffen. Als Trigger kommen also viele Faktoren in Frage.

Advertorial

Führt Staphylococcus aureus zur Dysbalance des Mikrobioms oder ist die Dysbalance des Mikrobioms der Grund für die Vermehrung von Staphylococcus aureus?

Ein überproportional hoher Anteil an S. aureus charakterisiert das gestörte Verhältnis der bakteriellen Mikroorganismen zueinander in der läsionalen Haut von Neurodermitis-Patienten. Jedoch verändert sich das Mikrobiom immer zusammen mit anderen Teilen der Hautbarriere. Bisher ist unklar, ob eine generelle Barrierestörung die Veränderung des Mikrobioms nach sich zieht oder umgekehrt. In der Forschung arbeiten wir also mit einem vielschichtigen Ansatz. Verschiedene Faktoren bedingen sich gegenseitig. Dieser multifaktorielle Ansatz, der etwa weitere Mikroben (Bakteriophagen, Viren und Pilze), aber auch die genetische Information von Hautstrukturmolekülen und deren Interaktion mit den Bakterien meint, birgt ein unwahrscheinliches Potenzial für die weitere Forschung.


Die Hautbarriere von Patienten mit atopischer Dermatitis ist grundsätzlich gestört. Welche therapeutischen Optionen ergeben sich hierzu aus Ihrer Studie?

Wir nehmen an, dass der Gleichgewichtszustand im Mikrobiom ausschlaggebend für den Erhalt oder die Wiederherstellung der Gesundheit ist. Wir können also an mindestens drei verschiedenen Punkten – nämlich physikalischer Barriere, Immunsystem und Mikroflora – ansetzen, um den Gesundheitszustand positiv zu beeinflussen.

Therapeutisch bedeutet dies, dass alles die Barriere stärkt und die Symptome reduziert, was das komplexe Mikromillieu in der Haut Richtung „Normalzustand“ lenkt. Dies kann bei leichten Fällen der Neurodermitis bereits die Applikation einfacher Cremes bewirken.

Wir testen zusätzlich den Einsatz komplexer Metaboliten und Mikroorganismen, um die mittleren bis schweren Fälle des atopischen Ekzems behandeln zu können.

In der Umweltmedizin interessieren wir uns für den funktionellen Zusammenhang: Wie verändert sich die Interaktion der Hautbarriere-Schichten untereinander und in der Interaktion mit dem Immunsystem und der Umwelt, wenn eine bestimmte Therapieform zum Einsatz kommt.

Was ist der nächste Schritt bei Ihrer Forschung?

Unsere Bestrebungen zielen darauf ab, diejenigen Mechanismen zu identifizieren, die bei der Entstehung, Chronifizierung und bei besonders schweren Symptomen der Neurodermitis greifen. Zu diesem Zweck haben wir die ProRaD-Studie* mit initiiert, um möglichst viel zum natürlichen Verlauf dieser allergischen Erkrankung zu erfahren. Hierfür werden Neurodermitis-Patienten zu ihren Lebensgewohnheiten befragt und Bioproben ausgewertet.

Advertorial

In anderen Studien erforschen wir solche Umweltfaktoren, die für die Neurodermitis relevant sein könnten – etwa UV-Strahlung oder den transepidermalen Wasserverlust. Die Ergebnisse der Studien überprüfen wir parallel im Labor und durch bioinformatische Auswertungen am Computer. Ziel ist es, die gewonnenen Erkenntnisse direkt in die Therapie einfließen zu lassen, indem wir die natürliche Barrierefunktion unterstützen und somit den Verlauf der Erkrankung eindämmen lernen.

Informationen zum internationalen Patientenregister ProRaD und der Teilnahme können Sie hier nachlesen.

Die Publikation zum Thema Hautbarriere und Mikrobiom können Sie hier nachlesen.

Herr Dr. Reiger, herzlichen Dank für dieses Interview!

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden. Bitte beachte auch unsere Datenschutzbestimmungen gemäß DSGVO.