Allergie und Impfen: Gibt es ein Risiko für allergische Reaktionen?

Das Impfen wird stark diskutiert. Weniger die Vorteile des Impfens, nämlich der Schutz vor gefährlichen Infektionskrankheiten, werden gesehen. Zunehmend geraten mögliche Nachteile in den Fokus und Eltern befürchten, das Impfen könnte dem Kind schaden, insbesondere im Hinblick auf Allergien. Wie hoch ist das Risiko für allergische Reaktionen beim Impfen tatsächlich? MeinAllergiePortal sprach mit dem Kinderarzt Dr. med. Christopher Kolorz, Allergologe, Kinder-Pneumologe, Umweltmediziner in Telgte.

Herr Dr. Kolorz, kann es bei allergischen Kindern zu Nebenwirkungen kommen, wenn sie geimpft werden?

Zunächst sollte man Impf-Reaktionen von Impf-Nebenwirkungen unterscheiden. Selbstverständlich können bei allergischen Kindern Impf-Reaktionen, wie leichtes Fieber, Rötung, Schwellung, Überwärmung oder Schmerzen an der Einstichstelle genauso wie bei nicht-allergischen Kindern vorkommen. Dies entspricht der gleichen Häufigkeit und kann von 1/10 (sehr häufig) bis 1/10.000 (sehr selten) auftreten.

Impf-Nebenwirkungen sind sehr viel seltener und treten dann auf, wenn das Kind gegen Bestandteile des Impfstoffes, wie Konservierungsmittel oder Stoffe, die zur Anzüchtung der Impfviren notwendig sind, allergisch ist. Die Häufigkeit ist proportional zum Ausmaß der klinischen Reaktionen gegen die Stoffe, d.h. die Impf-Nebenwirkungen auf diese Stoffe treten nicht häufiger auf, als die Allergien auf eben jene Stoffe. Die Reaktionen können leicht sein wie ein Ausschlag oder sogar bis zum allergischen Schock führen. Diese Nebenwirkungen erfordern eine umgehende fachärztliche Behandlung und können unbehandelt fatale Auswirkungen haben.

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In Bezug  auf Impf-Nebenwirkungen wird das Hühnereiweiß häufig diskutiert. Ist dies relevant für Hühnereiweißallergiker?

Moderne Impfstoffe brauchen zur Herstellung ein sogenanntes Nährmedium, um sich zu vervielfältigen. Dies geschieht bei einigen Impfstoffen, wie zum Beispiel bei Impfstoffen gegen Masern-Mumps-Röteln, Tollwut oder FSME auf Hühnerfibroblastenzellkulturen. Der Hühnereiweißgehalt ist gering, sodass meistens die Kinder problemlos geimpft werden können. Andere Impfstoffe, wie zum Beispiel Impfstoffe gegen Influenza oder Gelbfieber wiederum enthalten größere Anteile an Hühnereiweiß.

In jedem Fall ist im Vorfeld eine sehr ausführliche und gründliche Anamnese erforderlich, um die Stärke der Allergie festzustellen. Liegt bei einem Kind zum Beispiel eine hochgradige Hühnereiweiß-Allergie vor, d.h. das Kind reagiert schon bei Haut- oder Schleimhautkontakt auf kleinste Mengen Hühnereiweiß mit starken Hautausschlägen, oder sogar mit Kreislaufreaktionen, so ist ein Impfstoff mit einem hohen Hühnereiweißgehalt, wie zum Beispiel gegen Gelbfieber, nur unter stationärer Überwachung und gegebenenfalls nach  vorheriger Testung fraktioniert zu impfen. Es sollte in diesen Fällen immer ein versierter Kinder-Allergologe zur Rate gezogen werden. Im Zweifel erfolgen diese Impfungen unter stationärer Beobachtung.

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Wie wahrscheinlich ist es, dass es bei Kindern mit und ohne Allergien zu Impf-Nebenwirkungen kommt?

Bei nicht-allergischen Kindern sind Impf-Nebenwirkungen sehr selten.

Das Risiko einer Impf-Reaktion bei einem entsprechend disponierten Kind erhöht sich proportional zum Ausmaß der klinischen Allergie. Vereinfacht gesagt: Hoher Grad an klinischer Allergie bedeutet hohe Wahrscheinlichkeit einer Impf-Nebenwirkung, also strenge Indikation, ausführliche Anamnese und gegebenenfalls vorherige Testung, fraktionierte Impfung oder stationäre Beobachtung.

Manche Eltern befürchten, eine Impfung könnte eine Allergie beim Kind erst auslösen, ist dies überhaupt möglich?

Das Entstehen von Allergien ist ein sehr komplexer Prozess. Unterschiedliche Faktoren wie Lebensstil, Geschwisteranzahl, Antibiotikatherapie oder Häufigkeit von viralen Infekten können dies beeinflussen. Mehrere Studien haben diese Befürchtung eingehend untersucht und sind zu dem Schluss gekommen, dass kein Zusammenhang zwischen Impfungen und erhöhter Allergiewahrscheinlichkeit hergestellt werden kann.

Gibt es weitere Faktoren, die Eltern bedenken sollten, wenn das Kind allergisch ist und Impfungen anstehen?

Die Eltern sollten mit ihrem Kinderarzt in einem ausführlichen Gespräch über ihre Sorgen sprechen. Er wird ein offenes Ohr dafür haben.
Es sollte eine ausführliche allergologische Anamnese erfolgen, die das Ausmaß der klinischen Allergie nach den folgenden Fragestellungen einordnet:

  • Gibt es nur einen positiven Hauttest?
  • Traten klinische Reaktionen, wie Ausschlag, Luftnot, Quaddeln, Bauchschmerzen auf?
  • Oder kommt es sogar zu systemischen Reaktionen mit Kreislaufreaktionen?

In jedem Fall sollte ein erfahrener Kinder-Allergologe zur Rate gezogen werden, wo immer Unklarheiten bestehen.

Herr Dr. Kolorz, herzlichen Dank für dieses Interview!

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