Allergie und Immunsystem: Ist es geschwächt, oder haben Allergiker ein besseres Immunsystem?
Viele Menschen mit allergischem Schnupfen oder allergischem Asthma waren angesichts der Coronavirus-Pandemie stark verunsichert. Aber auch Patienten, die aufgrund von Hauterkrankungen wie Neurodermitis oder Urtikaria therapiert werden, machten sich Gedanken. Die grundlegende Frage lautete: Sind Allergiker gegenüber Virusinfektionen stärker gefährdet oder haben sie ein besseres Immunsystem?

Autor: Sabine Jossé M.A.
Interviewpartner: Dr. med. Anna Eger
Allergie und Immunsystem: Die wichtigsten Fakten!
▶Allergien bedeuten keine Immunschwäche, sondern eine Fehlsteuerung.
▶Unbehandelte Allergien können Schleimhäute und Haut schädigen und dadurch Infekte begünstigen.
▶Medikamente wie Antihistaminika oder kurzfristiges Kortison schwächen das Immunsystem nicht, sondern regulieren die überschießende Rektion.
▶Seine Hyposensibilisierung trainiert das Immunsystem langfristig und kann Allergien dadurch abschwächen.
▶Allergiker sind nicht automatisch anfälliger für Infekte – konsequente Behandlung schützt die Abwehrbarrieren.
▶Ein gesunder Lebensstil unterstützt das Immunsystem zusätzlich.
Welche Rolle spielt das Immunsystem bei Allergien?
Das Immunsystem schützt uns vor Viren und Bakterien. Bei Allergien reagiert es jedoch „falsch“. Es bekämpft harmlose Stoffe wie Polle oder Hausstaubmilben, als wären sie gefährlich. Diese Überreaktion führt zu typischen Beschwerden wie Niesen, Juckreiz oder Hautausschlag. Forscher vermuten, dass diese starke Abwehrkraft in der Evolution ursprünglich einen Vorteil brachte – etwa beim Schutz vor Parasiten. Heute ist sie für viele Menschen ein Problem.
Haben Allergiker ein besseres Immunsystem als Nicht-Allergiker?
Früher gab es Studien, die zeigten: Menschen mit Allergien hatten seltener bestimmte Infektionen. Ein Beispiel war eine Untersuchung aus Italien in den 1990er Jahren an Militärrekruten mit Pollenallergien. Heute sehen Forscher das differenzierter. Allergien bedeuten nicht automatisch ein „stärkeres“ Immunsystem. Sie zeigen vielmehr, dass das Abwehrsystem überreagiert. Manche Studien deuten darauf hin, dass Allergiker bei bestimmten Infektionen Vorteile haben könnten. Bei anderen Erkrankungen gibt es diesen Schutz nicht. Das Immunsystem von Allergikern ist also nicht generell besser, sondern anders eingestellt.
Haben Allergiker ein schlechteres Immunsystem als Nicht-Allergiker bzw. ist es durch die Allergie allgemein geschwächt?
Allergien bedeuten nicht, dass das Immunsystem schwach ist. Es ist nicht allgemein geschwächt, sondern fehlgesteuert. Das Abwehrsystem reagiert übermäßig stark auf harmlose Stoffe wie Pollen oder Tierhaare. Gegen echte Krankheitserreger wie Viren oder Bakterien ist das Immunsystem von Allergikern nicht grundsätzlich schlechter gewappnet.
Welche Allergien schwächen das Immunsystem?
Nicht alle Allergien wirken gleichermaßen auf das Immunsystem. Manche belasten es stärker, weil sie den Körper dauerhaft in Alarmbereitschaft halten.
Zu den Allergien, die das Immunsystem in gewisser Weise belasten, gehören:
- Allergische Rhinitis: Heuschnupfen, Milbenallergie, Tierhaarallergie, Schimmelpilzallergie, Milben- oder Tierhaarallergie beispielsweise führen zu ständigen Entzündungen der Schleimhäute.
- Insektengiftallergie: Hier reagiert das Immunsystem extrem stark. Im schlimmsten Fall kommt es zu einem lebensbedrohlichen Schock.
- Nahrungsmittelallergie: Schon kleine Mengen des Allergens können bei einer Nahrungsmittelallergie heftige Reaktionen auslösen. Das Immunsystem ist dabei nicht „schwach“, sondern überempfindlich.
- Allergisch getriggerte Neurodermitis: Bei einer allergisch getriggerten Neurodermitis können Allergene Hautentzündungen verstärken und das Immunsystem dauerhaft reizen.
- Allergisches Asthma: Die Atemwege beim allergischen Asthma sind chronisch entzündet. Das Immunsystem reagiert übermäßig und die Lunge ist für virale Infekte anfälliger.
Welchen Einfluss haben Anti-Allergika, also Allergie-Medikamente bzw. Allergie-Tabletten, auf das Immunsystem?
Allergie-Medikamente regulieren das Immunsystem. Antihistaminika blockieren beispielsweise die Wirkung von Histamin, einem Botenstoff, der für Juckreiz, Niesen und Schwellungen verantwortlich ist. Kortisonpräparate dämpfen Entzündungen. Moderne Biologika greifen gezielt in die Immunreaktion ein.
Wird eine Allergie nicht behandelt, sind die Schleimhäute von Nase und Lunge dauerhaft geschädigt – ähnlich wie die Haut bei Neurodermitis. Nur durch konsequente Therapie bleiben die Patienten geschützt. Das gilt auch für die Hyposensibilisierung, die sogenannte allergenspezifische Immuntherapie (AIT). Sie trainiert das Immunsystem, Allergene besser zu tolerieren.
Stärken Antihistaminika das Immunsystem bei Allergikern oder schwächen sie es?
Antihistaminika schwächen das Immunsystem nicht. Sie wirken gezielt gegen den Botenstoff Histamin. Das Immunsystem bleibt dabei gegenüber Viren und Bakterien voll funktionsfähig. Antihistaminika regulieren die überschießende Reaktion und beruhigen es. Sie machen es aber auch nicht stärker. Antihistaminika sind also keine Immunsuppressiva oder Immunstimulanzien, sondern reine Symptomblocker. Deshalb gelten sie als sichere Standardtherapie bei Allergien.
Stärkt Kortison das Immunsystem bei Allergikern oder schwächt es eher?
Kortison stärkt das Immunsystem nicht. Es wirkt, indem es Entzündungen dämpft und die überschießende Immunreaktion beruhigt. Bei Allergien lindert es Schwellungen, Juckreiz und Atembeschwerden. Das Immunsystem wird durch Kortison auch nicht grundsätzlich geschwächt, solange es kurzfristig angewendet wird. Bei langfristiger Einnahme kann Kortison Nebenwirkungen wie eine erhöhte Infektanfälligkeit auslösen. Deshalb setzen Ärzte Kortison gezielt und nur zeitlich begrenzt ein.
Wird das Immunsystem durch eine Hyposensibilisierung geschwächt oder gestärkt?
Eine Hyposensibilisierung – auch allergenspezifische Immuntherapie (AIT) genannt – schwächt das Immunsystem nicht. Im Gegenteil: Die Hyposensibilisierung trainiert das Immunsystem. Durch die regelmäßige Gabe kleiner Mengen des Allergens gewöhnt sich das Immunsystem langsam daran. Es reagiert weniger stark und die Beschwerden nehmen ab. Man kann also sagen: Die Hyposensibilisierung stärkt das Immunsystem in dem Sinne, dass es besser reguliert wird. Es lernt, harmlose Stoffe wie Polle oder Tierhaare nicht mehr als Gefahr zu erkennen. Sie wird die überschießende Abwehrreaktion dauerhaft abgeschwächt.
Was passiert bei einem geschwächten Immunsystem bei einer Hyposensibilisierung?
Eine Hyposensibilisierung setzt voraus, dass das Immunsystem grundsätzlich funktionsfähig ist. Sie schwächt es nicht, sondern trainiert es, Allergene besser zu tolerieren.
Wenn das Immunsystem jedoch bereits geschwächt ist, zum Beispiel durch eine andere schwere Erkrankung oder durch Medikamente, die die Abwehr unterdrücken, dann kann die Wirkung der Therapie eingeschränkt sein. In solchen Fällen reagieren Patienten manchmal weniger stark auf die Behandlung oder die Therapie muss angepasst werden.
Wichtig ist jedoch: Die Hyposensibilisierung selbst schwächt das Immunsystem nicht. Sie kann aber bei Menschen mit stark geschwächter Abwehr weniger effektiv sein. Deshalb prüfen Ärzte vor Beginn der Therapie genau, ob die Therapie geeignet ist.
Sind Allergiker anfälliger für Erkältungen bzw. Infekte?
Prinzipiell ist das Immunsystem von Allergikern zwar nicht schwächer als das von Nicht-Allergikern, aber die entzündeten Schleimhäute bei Heuschnupfen oder Asthma können den Körper etwas verwundbarer machen. Viren haben leichteres Spiel, weil die Abwehrbarriere in Nase und Lunge geschädigt ist. Deshalb kommt es bei Allergikern manchmal häufiger zu Infekten der Atemwege.
Insgesamt bedeutet das, dass Allergien nicht automatisch das Risiko für Erkältungen erhöhen, aber unbehandelte Allergien können die Schleimhäute schwächen und damit die Infektanfälligkeit steigern.
Wie können Allergiker das Immunsystem stärken?
Allergiker können ihr Immunsystem auf verschiedene Arten unterstützen. Wichtig ist vor allem, die Allergie konsequent zu behandeln, denn nur so bleiben die Schleimhäute von Nase und Lunge und die Haut gesund und können ihre Abwehrfunktion erfüllen. Eine Hyposensibilisierung kann da Immunsystem langfristig regulieren.
Darüber hinaus gelten im Wesentlichen die gleichen Empfehlungen wie für alle Menschen: Gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung, genügend Schlaf, Stressabbau und Vermeidung von Schadstoffen.
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