Mastzellenaktivierungssyndrom MCAS Symptome Behandlung

Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS)

Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS)

Über das Mastzellaktivierungssyndrom (MCAS) wird heftig diskutiert. Wie sind Mastzellaktivierungssyndrome definiert? Welche Erkrankungen gehören dazu? Wie sehen Diagnose und Behandlung beim Mastzellaktivierungssyndrom aus? Diese Fragen beantwortet Prof. Dr. Knut Brockow, Klinik u. Poliklinik für Dermatologie u. Allergologie am Biederstein, Technische Universität München im Gespräch mit MeinAllergiePortal.

Autor: Sabine Jossé M.A.

Interviewpartner: Prof. Dr. Knut Brockow

 

Mastzellaktivierungssyndrom: Die wichtigsten Fakten!

Der Prototyp eines Mastzellaktivierungssyndroms ist die rezidivierende Anaphylaxie

Nach weiteren Formen des idiopathischen Mastzellaktivierungssyndroms wird gesucht; es finden sich jedoch vorwiegend Symptombeschreibungen bei denen die Diagnose nicht gestellt werden kann

Ein klinischer Verdacht auf MCAS ergibt sich durch wiederkehrende Allergie-artige Symptome an Haut, Nase, Atemwegen, Magen-Darm-Trakt und Kreislauf

Die Diagnose MCAS wird nach anerkannten internationalen Kriterien anhand von drei Kriterien gestellt

MCAS wird häufig auch bei unpassender Symptomatik und ungeklärter Diagnose vermutet; der Verdacht ist dann für die Patienten nicht hilfreich

Zur Therapie von MCAS werden die gleichen Medikamente wie zur Behandlung von Allergien eingesetzt, insbesondere Antihistaminika und Cromoglicinsäure

 

Herr Prof. Brockow, was für eine Erkrankung ist MCAS?

Das Mastzellaktivierungssyndrom ist keine etablierte Diagnose, sondern eher ein Konzept. Historisch gesehen entstand dieses Konzept, weil eine zunehmende Anzahl von Patienten mit Beschwerden in die Praxen kam, die den Eindruck erweckten, von Mastzellen ausgelöst worden zu sein. Diese Patienten zeigten teilweise ähnliche Symptome wie bei allergischen Reaktionen, Anaphylaxie oder Mastozytose, eine eindeutige Diagnose für diese Erkrankungen konnte jedoch nicht gestellt werden. Dennoch vermutete man, dass zumindest ein Zusammenhang mit Mastzellenerkrankungen bestehen könnte. Leider wurde mit dem Begriff MCAS insgesamt mehr Unsicherheit erzeugt als Verständnis geschaffen. Denn inzwischen wird MCAS als Diagnose in den Raum geworfen bei vielen Patienten mit vielen Symptomen und ungeklärter Diagnose. Dieses ist nicht hilfreich für die Patienten und schürt kurzfristig eine Hoffnung auf Diagnoseerkennung und Heilung, die später nicht erfüllt werden kann.

Ist MCAS eine Autoimmunerkrankung?

Nein, bei Autoimmunerkrankungen sind Mastzellen nicht vorrangig und nicht als Leitzellen beteiligt, sondern Lymphozyten, die körpereigene Strukturen angreifen, teilweise auch über die Bildung von Antikörpern.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Mastzellaktivierungssyndrom und Autoimmunerkrankungen?

Nein, ein Zusammenhang zwischen MCAS und Autoimmunerkrankungen ist nicht bekannt. Es wurde auch von speziellen Autoren behauptet, dass andere Erkrankungen, wie das Ehlers-Danlos-Syndrom, das Posturale orthostatische Tachykardiesyndrom (POTS) und das Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrom (ME/CFS) mit dem Mastzellaktivierungssyndrom zusammenhängen. Dafür gibt es jedoch keine guten Argumente. Solche Behauptungen sind leider schnell aufgestellt und schwer zu entkräften.

Was ist die Ursache des Mastzellaktivierungssyndroms?

Das Mastzellaktivierungssyndrom ist eigentlich eher eine Symptombeschreibung als eine eigenständige Diagnose. Ein Mastzellaktivierungssyndrom trifft voll zu bei wiederkehrenden Anaphylaxien (schwere allergische Reaktionen an mehreren Organsystemen wie Haut, Atemwegen, Verdauungstrakt und Kreislauf), zum Beispiel durch Insektenstiche. Hier werden alle Kriterien für ein Mastzellaktivierungssyndrom erfüllt. Allergische schwere Reaktionen sind die häufigste Ursache für ein MCAS. Jedoch ist der Begriff MCAS in diesem Zusammenhang zwar korrekt, bringt aber keine Zusatzerkenntnisse, denn Patienten mit solchen Ereignissen wird man besser als Patienten mit der Diagnose Anaphylaxie oder Allergie bezeichnen, der Begriff MCAS verwirrt hier etwas.

Ist das Mastzellaktivierungssyndrom genetisch bedingt?

MCAS selbst ist nicht genetisch bedingt, jedoch leiden Patienten mit der genetisch bedingten Erkrankung Mastozytose häufig unter Anaphylaxien, insbesondere auf Insektengift, und damit an MCAS. Zudem wird aktuell untersucht, ob Menschen mit einer genetisch bedingten hereditären Alpha-Tryptasämie häufiger an einem MCAS leiden.

Wie kam es zu der Bezeichnung Mastzellaktivierungssyndrom?

Es gab viele Patienten ohne eindeutige Diagnose von denen manche Patienten vorwiegend die für Mastzellerkrankungen typischen Symptome aufwiesen. Dementsprechend sahen die mit Mastzellerkrankungen befassten Experten die Notwendigkeit, ein Konzept zu entwickeln, das den „nicht diagnostizierbaren“ Beschwerden der Patienten Rechnung trägt. Im Zuge dessen wurden die Begriffe „Mastzellaktivierung“ und „Mastzellaktivierungssyndrom“ definiert. Zudem wurde versucht, alle Mastzellerkrankungen im Hinblick auf die Mastzellenaktivierung in einer Klassifikation zu sortieren. Die Schwierigkeit bei der Einordnung dieser Beschwerden besteht jedoch darin, dass viele der von den Patienten beschriebenen Beschwerden subjektiv, relativ unspezifisch und sowohl organisch als auch psychosomatisch auftreten können.

Wie haben Sie Erkrankungen der Mastzellen definiert und welche Erkrankungen gehören dazu?

Von Mastzellerkrankungen spricht man dann, wenn immer wiederkehrende chronische Symptome auftreten, die mit einer Mastzellaktivierung vereinbar sind.

Die Mastzellenaktivierung versucht man anhand von drei Kriterien einzugrenzen:

  • Wiederkehrende typische klinische Symptome an mindestens zwei Organsystemen
  • Ein Anstieg von Mastzellenbotenstoffen kann im Blut nachgewiesen werden, am häufigsten durch die Bestimmung des Serumtryptase-Wertes bei einem akuten Anfall
  • Gutes Ansprechen der Symptome auf eine Anti-Mastzellmediator-gerichtete Therapie, insbesondere auf H1-Antihistaminika

Welche Arten von Mastzellerkrankungen gibt es?

Die Klassifikation von Mastzellenerkrankungen, die mit Mastzellaktivierungssyndromen einhergehen, definiert drei Gruppen:

1. Das primäre Mastzellaktivierungssyndrom

Das primäre Mastzellaktivierungssyndrom erklärt sich durch eine klonale Expansion mutierter überaktiver Mastzellen. Es zeigt sich als systemische oder kutane Mastozytose. Sind diese Kriterien nicht vollständig erfüllt, aber es erfolgte der Nachweis klonaler Mastzellen, spricht man von einem monoklonalen Mastzellenaktivierungssyndrom.

2. Das sekundäre Mastzellaktivierungssyndrom

Das sekundäre Mastzellaktivierungssyndrom liegt dann vor, wenn klare Auslöser einer Mastzellenaktivierung bekannt sind. Für das sekundäre Mastzellaktivierungssyndrom gibt es feststehende Begriffe, die uns besser geläufig sind, wie zum Beispiel „Anaphylaxie“ auf einen bekannten Auslöser. Bei der Einordnung in die zweite Gruppe der Mastzellerkrankungen handelt es sich also lediglich um eine Neusortierung. Beispiele für eine Mastzellaktivierung sind die physikalische Urtikaria oder die Kälteurtikaria. Auch Allergien, wie die Pollenallergie gehören zu den sekundären Mastzellenaktivierungen, denn beim Heuschnupfen treten ebenfalls für Mastzellerkrankungen typische Symptome auf. Man findet bei Pollenallergien Mastzellenmediatoren im Blutserum und gegen Mastzellen gerichtete Medikamente zeigen eine gute Wirkung. Wenn die Beschwerden wiederkehrend an mehreren Organsystemen auftreten, so spricht man von einem Mastzellaktivierungssyndrom.

3. Das tertiäre oder idiopathische Mastzellenaktivierungssyndrom

Das tertiäre oder idiopathische Mastzellenaktivierungssyndrom bezeichnet die Mastzellenerkrankungen, deren Auslöser nicht bekannt sind. Zu dieser Gruppe würde zum Beispiel die chronische spontane Urtikaria hinzugehören, die weitere Symptome an anderen Organen aufweist. Hier weiß man zwar, dass Mastzellen aktiviert werden, aber nicht wodurch. In diese Gruppe der idiopathischen Mastzellaktivierungssyndrome würden auch Patienten mit bisher noch nicht beschriebenen Krankheitsbildern fallen, die Diagnosekriterien bekannter Mastzellenerkrankungen, zum Beispiel Allergie, Anaphylaxie, nicht erfüllen, bei denen die Erkrankung aber durch Mastzellen ausgelöst würde. Bei diesen Patienten muss der Zusammenhang zwischen den Beschwerden und den Aktivitäten der Mastzellen jedoch zwingend nachgewiesen werden.

Heißt das, das tertiäre bzw. idiopathische Mastzellaktivierungssyndrom ist eine Ausschlussdiagnose?

Man kann das idiopathische Mastzellaktivierungssyndrom insofern als Ausschlussdiagnose bezeichnen, dass die Voraussetzung für die Diagnose ist, dass keine andere Erkrankung besteht, die die Symptomatik verursacht. Häufig sind die beschriebenen Symptome jedoch sehr, sehr unspezifisch und könnten auch durch eine Vielzahl anderer Erkrankungen hervorgerufen werden. Jedoch gibt es die bereits genannten drei Kriterien des Mastzellenaktivierungssyndroms. Wenn diese nicht alle erfüllt sind, kann diese Diagnose nicht gestellt werden.

Wie häufig ist das Mastzellenaktivierungssyndrom?

Anaphylaxien und schwere wiederkehrende Allergien sind nicht selten und stellen die große Mehrzahl der passenden Fälle für ein MCAS. Zudem haben Mastozytose-Patienten häufig mehrfache Anaphylaxien und damit auch ein MCAS. Unsere initiale Idee, daneben eine neue Krankheit zu finden, das idiopathische Mastzellenaktivierungssyndrom, hat sich hingegen bisher nicht bestätigt. Es gibt zwar sehr viele Patienten mit vielen Symptomen, bei denen eine klare organische Diagnose bisher nicht gestellt werden kann. Der Nachweis, dass primär ein Fehler in den Mastzellen für die Beschwerden verantwortlich wäre, gelingt jedoch fast nie. Viele dieser Patienten beschreiben eine Symptomatik, die passen könnte, und bei manchen Patienten zeigen Antiallergika auch eine positive Wirkung. Aber bei nur sehr wenigen Patienten lässt sich im akuten Anfall ein Anstieg der Mastzellmediatoren nachweisen. Inzwischen glaube ich, dass bei vielen der untersuchten Patienten somatische Belastungsstörungen eine wesentliche Rolle spielen könnten.

Auch Histaminintoleranz ist eine Ausschlussdiagnose, gibt es hier einen Zusammenhang mit dem Mastzellenaktivierungssyndrom?

Die Histaminintoleranz kann eine ähnliche Symptomatik hervorrufen, gehört jedoch nicht zu den Mastzellerkrankungen und hat auch nichts mit MCAS zu tun. Bei der Aktivierung von Mastzellen wird der Botenstoff Histamin freigesetzt, der wiederum Symptome hervorrufen kann. Bei der Histaminintoleranz wird nicht die Mastzelle aktiviert – sie ist in keiner Weise beteiligt. Vielmehr beschreibt Histaminintoleranz Patienten mit einer gesteigerten Empfindlichkeit gegenüber Histamin, das, zum Beispiel über die Ernährung, zugeführt wird. Dadurch können zwar ähnliche Symptome entstehen, aber im Gegensatz zum Mastzellenaktivierungssyndrom gibt es bei der Histaminintoleranz einen klaren Auslöser, das Histamin. Daraus folgt, die Symptome treten nach Verzehr von histaminreichen Nahrungsmitteln auf, verschwinden aber wieder, wenn der Patient eine histaminarme Kost einhält. Zudem steht zur Diagnose von Histaminintoleranz ein Test zur Verfügung.

Dann gibt es also auch Patienten mit Verdacht auf ein Mastzellaktivierungssyndrom, die sich in keine Klassifizierungsgruppe einordnen lassen, obwohl sie entsprechende Symptome haben?

Es gibt viele Patienten, bei denen kein Mastzellaktivierungssyndrom trotz Verdacht nachgewiesen werden kann. Diese passen dann auch nicht in eine der drei Gruppen. Dazu gehörte jedoch früher auch das monoklonale Mastzellaktivierungssyndrom. Diese Patienten zeigten Anaphylaxien und eine KIT-Mutation, aber nicht die vollständigen Kriterien einer Mastozytose. Inzwischen hat man für diese Patienten eine eigene Krankheitsdiagnose geschaffen. Die eigenständige akzeptierte Erkrankung dieser Patienten liegt also zwischen der Mastozytose und dem Normalbefund.

Wir dachten, dass es vielleicht noch weitere Formen des idiopathischen MCAS mit bisher noch nicht beschriebenen Krankheitsbildern geben könnte. Dieses wird jedoch durch die bisherigen Erkenntnisse nicht unterstützt. Es gibt Patienten, die zwar eine entsprechende Symptomatik zeigen, auf die jedoch die notwendigen Kriterien des idiopathischen Mastzellenaktivierungssyndroms nicht zutreffen. Bei diesen Patienten bleibt die Diagnose nach wie vor unklar. Bei wie vielen dieser Patienten funktionelle Körperbeschwerden eine Rolle spielen, muss noch untersucht werden.

Gibt es Risikofaktoren, die ein Mastzellenaktivierungssyndrom begünstigen?

Hierzu gibt es kaum anerkannte Studien. In einer von Cem Akin in den USA durchgeführten Studie wurden Patienten untersucht, die den drei Kriterien für das idiopathische Mastzellaktivierungssyndrom entsprachen. Sie hatten eine passende Symptomatik, es lag ein Anstieg der Mediatoren vor und unter Therapie trat eine Verbesserung der Symptome ein. Hier konnte man zeigen, dass viele dieser Patienten unter einer Urticaria factitia litten, einer durch Kratzen induzierten Urtikaria, Bauchschmerzen und Flushing, das ist ein flächenhaftes Erröten.

Kürzlich wurde ein genetisches Merkmal entdeckt, die hereditäre Alpha-Tryptasämie mit erhöhten basalen Serumtryptasewerten. Bei Patienten mit diesem Merkmal und Insektengiftallergie scheint der Schweregrad der allergischen Reaktion erhöht zu sein. Es wird auch diskutiert, dass bei Patienten mit diesem genetischen Merkmal die Häufigkeit des Mastzellaktivierungssyndroms erhöht ist. Noch sind sich die publizierten Studien diesbezüglich aber nicht einig.

Welche Symptome können bei MCAS auftreten?

Die folgenden Symptome könnten Anzeichen eines Mastzellaktivierungssyndroms sein:

  • MCAS-Symptome an der Haut:
    • Auftreten einer plötzlichen kräftigen Rötung (Flush)
    • Juckreiz
    • Quaddelbildung
    • Tiefe Quaddelbildung (Angioödem oder Quincke-Ödem)
  • MCAS-Symptome an der Nase:
    • Nasale Verstopfung
    • Nasaler Juckreiz
  • MCAS-Symptome an den Atemwegen:
    • Anschwellen der oberen Atemwege
    • Giemen
    • Atemnot
  • MCAS-Symptome am Verdauungstrakt:
    • Erbrechen
    • Bauchschmerzen
    • Durchfall
  • Systemische MCAS-Symptome:
    • Synkope – dabei verliert man plötzlich, aber nur für kurze Zeit das Bewusstsein
    • Plötzlicher Blutdruckabfall
    • Allergischer Schock

Diese Symptome können sowohl zusammen als auch einzeln auftreten. Prinzipiell müssen für ein MCAS Symptome an zwei oder mehr Organsystemen auftreten. Auch für Mastozytose sind diese Symptome, zusammen mit den dafür typischen Hautveränderungen und Anaphylaxien, typisch.

Sind auch Muskelschmerzen und Haarausfall Symptome bei MCAS?

Nein, warum sollte man auf die Idee kommen, diese Beschwerden wären primär durch eine Fehlsteuerung durch Mastzellen verursacht? Mastzellen sind für Muskelschmerzen und Haarausfall keine wichtigen Zellen.

Wie wird bei MCAS die Diagnose gestellt?

MCAS ist eine Ausschlussdiagnose, das heißt, einen Mastzellaktivierungssyndrom-Test gibt es nicht. Aber das bedeutet nicht, dass sämtliche anderen Erkrankungen ausgeschlossen werden müssen, bevor die Diagnose MCAS gestellt werden kann.

Wenn man direkt auf ein Mastzellenaktivierungssyndrom untersucht, würden drei Kriterien untersucht werden, die alle erfüllt sein müssen, nicht nur zwei:

  • Zunächst muss ein Abgleich der Symptome erfolgen, ob die oben genannten Symptome führend sind, wiederkehren und an mindestens zwei Organsystemen auftreten.
  • Ergibt sich dann unter antiallergischen Medikamenten, Antihistaminika oder Cromoglicinsäure eine weitgehende oder vollständige Verbesserung der klinischen Symptomatik? Dann würde dieses Kriterium zutreffen.
  • Nun kann man die Blutwerte der Tryptase im Serum zu zwei verschiedenen Zeitpunkten untersuchen. Dabei würde man prüfen, ob es in einer stark symptomatischen Phase oder während eines Anfalls zu einem Anstieg der Mastzellmediatoren bzw. der Tryptase im Blutserum kommt im Vergleich zu einem Zeitpunkt mit keinen Beschwerden.

Was bedeutet der Tryptasewert im Blut bei der Diagnose des Mastzellaktivierungssyndroms?

Wenn während einer solchen Episode der Mastzellenmediator Tryptase um 20 Prozent des Basalwertes, das heißt des Ausgangswertes, + 2 ng/ml ansteigen sollte, ist die Diagnose Mastzellenaktivierungssyndrom gestellt, ohne dass zuvor andere Erkrankungen ausgeschlossen werden müssen. Die Blutabnahmen zur Bestimmung der Tryptasewerte sind allerdings sehr aufwändig, weil zum einen eine Blutabnahme im Normalzustand und dann eine weitere Blutabnahme während eines Anfalls oder einer stark symptomatischen Episode erfolgen sollte. Das bedeutet, der Patient muss in der akuten Phase rechtzeitig einen Arzt zur Blutabnahme aufsuchen. Fallen diese Tests negativ aus, kann ein Mastzellaktivierungssyndrom nicht bestätigt werden.

Auch bei Anaphylaxie spielt ein erhöhter Tryptasewert eine Rolle, gibt es einen Zusammenhang mit dem Mastzellenaktivierungssyndrom?

Die Anaphylaxie ist eine extrem starke Mastzellaktivierung, sozusagen der „Prototyp“ der Mastzellaktivierung. Dabei steigt der Tryptasewert an, sodass er als Indikator für eine Anaphylaxie gilt. Auch hier wird der Basalwert gemessen und mit dem Wert unter einer Episode verglichen. Der relevante Faktor ist der sich daraus ergebende Anstieg des Tryptasewertes. Die Therapie gegen Mastzellen ist in diesem Fall wirksam. Insofern ist die Anaphylaxie die klassische Form des Mastzellaktivierungssyndroms.

Der Tryptasewert spielt auch bei der Diagnose der Mastozytose eine Rolle, welche Zusammenhänge gibt es hier?

Auch Mastozytose-Patienten haben einen erhöhten Basis-Tryptasewert. Deshalb gilt dieser als Hinweis auf eine Mastozytose und als Indikation für eine abschließende Diagnose durch eine Knochenmarksbiopsie. Es gibt aber auch eine Mastozytose-unabhängige Korrelation zwischen Tryptase und Anaphylaxie. Menschen, die über eine höhere Anzahl von Mastzellen verfügen, entwickeln häufig schwerere Anaphylaxien als Menschen mit weniger Mastzellen. Der Tryptase-Basalwert gilt deshalb als eine Art Indikator für die Gesamtmastzellen im Körper. So besteht zum Beispiel bei Insektengift-Anaphylaktikern mit erhöhten basalen Mastzell-Tryptasewerten im Blut ein erhöhtes Risiko für schwere Anaphylaxien.

Was tun gegen MCAS bzw. welche Medikamente helfen?

Ziel der Therapie des Mastzellaktivierungssyndroms ist es, den Effekt der überaktivierten Mastzellen zu bremsen und die Mastzellen zu beruhigen. Zur Verfügung steht hierfür insbesondere die Meidung von allergischen Auslösern bei Allergie.

Medikamentös werden Histaminrezeptorblocker versucht, um die Effekte der Mastzellaktivierung durch Histamin zu blockieren. Auch Mastzellstabilisatoren oder Blocker der Mastzellausschüttung, die Cromoglicinsäure können die Mastzellen beruhigen. Cromoglicinsäure wird auch bei Mastozytose-Patienten eingesetzt. Wichtig zu wissen ist, dass der Einsatz von Cromoglicinsäure nicht sinnvoll ist, wenn der Anfall bereits seinen Lauf genommen hat. Hingegen erreichen viele Patienten eine deutliche Verbesserung der Symptomatik, wenn die Cromoglicinsäure durchgängig präventiv und in ausreichend hoher Dosis eingenommen wird. Auch bei Antihistaminika hat sich dies gezeigt.
Eine weitere Möglichkeit wären Leukotrienrezeptor-Antagonisten und kurzfristig, keinesfalls über einen längeren Zeitraum, Kortikosteroide.

Leider werden viele Patienten mit bisher unerklärten Beschwerden mit der Verdachtsdiagnose MCAS belegt und der Hoffnung, dass durch diese Erkenntnis eine bessere Behandlung oder vielleicht Heilung möglich wäre. Aber neben den genannten Medikamenten, die auch bei Verdacht versuchsweise eingesetzt werden können, stehen keine weiteren sinnvollen Medikamente zur Verfügung. Insofern bringt den Patienten der Verdacht auf MCAS leider auch keine zusätzlichen Behandlungsmöglichkeiten.

Gibt es Lebensmittel, die Mastzellen aktivieren oder deaktivieren?

Solche Lebensmittel sind am Menschen nicht bekannt. Natürlich kann man Mastzellen im Reagenzglas mit Lebensmitteln in hohen Konzentrationen beschießen und messen, ob die natürliche Aktivierung von Mastzellen vermehrt oder vermindert wird. Aber solche Untersuchungen haben zumeist für den Menschen bei Verzehr keine Aussagekraft.

Kann die Naturheilkunde bei einem Mastzellaktivierungssyndrom helfen?

Mir ist nicht bekannt, wie es helfen sollte. Naturheilkunde ist der Versuch, durch natürlich vorkommende Wirkstoffe eine positive Wirkung zu erzielen. Ist die Meidung von Allergenen in unser natürlichen Umgebung schon Naturheilkunde?

Könnten bestimmte Vitamine, zum Beispiel Vitamin C, bei MCAS förderlich sein?

Das wird von wenigen Ärzten behauptet, ohne dass überzeugende Ergebnisse dazu vorliegen. Auch gegen Seekrankheit soll Vitamin C helfen. Immerhin ist Vitamin C, in normalen Mengen genommen, nicht schädlich und günstig. Manchmal hilft auch die Überzeugung, dass eine Substanz einem gut tut. Darum stört mich der Versuch nicht.

Ist es möglich ein Mastzellaktivierungssyndrom vorzubeugen?

Ja, indem man bei MCAS mit bekanntem Trigger diesen meidet. Dieses ist bei Allergien der Fall. Bei Allergien und rezidivierenden Anaphylaxien als Form eines MCAS kann in einzelnen Patienten auch Omalizumab eingesetzt werden, ein Antikörper gegen Immunglobulin E.

Herr Prof. Brockow, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

1) Hamilton M.J., Hornick J.L., Akin C., Castells M.C., Greenberger N.J.. Mast cell activation syndrome: a newly recognized disorder with systemic clinical manifestations, J Allergy Clin Immunol. 2011 Jul;128(1):147-152.e2. Epub 2011 May 28. DOI: 10.1016/j.jaci.2011.04.037

2) Theo Gülen, Cem Akin, Patrizia Bonadonna, Frank Siebenhaar, Sigurd Broesby-Olsen, Knut Brockow, Marek Niedoszytko, Boguslaw Nedoszytko, Hanneke N.G. Oude Elberink, Joseph H. Butterfield, Wolfgang R. Sperr, Ivan Alvarez-Twose, Hans-Peter Horny, Karl Sotlar, Juliana Schwaab, Mohamad Jawhar, Roberta Zanotti, Gunnar Nilsson, Jonathan J. Lyons, Melody C. Carter, Tracy I. George, Olivier Hermine, Jason Gotlib, Alberto Orfao, Massimo Triggiani, Andreas Reiter, Karin Hartmann, Mariana Castells, Michel Arock, Lawrence B. Schwartz, Dean D. Metcalfe, Peter Valent. Selecting the Right Criteria and Proper Classification to Diagnose Mast Cell Activation Syndromes: A Critical Review. Journal of Allergy and Clinical Immunology: In Practice, 2021, Volume 9, Issue 11, Pages 3918-3928

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