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Anaphylaxie Notfall allergischer Schock

Woran erkennt man einen anaphylaktischen Schock?

Woran erkennt man einen anaphylaktischen Schock?

Bei bestimmten Allergien kann es zu einem anaphylaktischen Schock kommen. Wie aber äußert sich eine Anaphylaxie? Wie sehen die Symptome aus und was ist dann zu tun? MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. Knut Brockow, Klinik u. Poliklinik für Dermatologie u. Allergologie am Biederstein, Technische Universität München darüber, was bei einem anaphylaktischen Schock zu tun ist.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Prof. Dr. Knut Brockow

Herr Prof. Brockow, was passiert bei einem anaphylaktischen Schock im Körper? 

Ursächlich liegt der Anaphylaxie zumeist eine Allergie zugrunde. Ein harmloses Umweltallergen wie die Erdnuss wird irrtümlich durch Immunoglobulin E (IgE-) Antikörper als fremd erkannt und dieses IgE aktiviert Mastzellen an der Haut und an Schleimhäuten im Körper. Betroffene Mastzellen schütten daraufhin Botenstoffe der Allergie aus, insbesondere Histamin. Die Botenstoffe führen dann zu den Symptomen der Anaphylaxie, indem sie unsere Blutgefäße weit und durchlässig machen, Atemwege verengen sowie Juckreiz auslösen. Dadurch kommt es zu Flüssigkeitsverschiebungen aus den Gefäßen in das umliegende Gewebe. Es kommt zu Anschwellungen, Juckreiz, Atemnot und, durch Mangel an Blutflüssigkeit, auch zu Blutdruckabfall und Herzrasen. Bei schwerer Anaphylaxie kann die Sauerstoffversorgung für unser Herz und Gehirn nicht aufrecht gehalten werden und es kommt zu Bewusstlosigkeit und Kreislaufversagen.

An welchen Symptomen erkennt man einen anaphylaktischen Schock?

Ein wichtiges Merkmal eines anaphylaktischen Schocks ist, dass die Symptome ganz plötzlich auftreten. Bei den meisten anaphylaktischen Reaktionen ist die Haut beteiligt. Eine akute Urtikaria, d.h. rote juckend Quaddeln, ist deshalb das Leitsymptom einer Anaphylaxie.

Ein weiteres Merkmal einer Anaphylaxie ist, dass die allergischen Symptome an mindestens zwei Organsystemen auftreten. Kommt es also zusätzlich zur Urtikaria plötzlich zu Symptomen an den Atemwegen, am gastrointestinalen System oder ist auch das Herz-Kreislauf-System betroffen, ist dies ein weiterer Hinweis auf eine Anaphylaxie.

Handelt es sich bei dem Betroffenen bekanntermaßen um einen Allergiker, sollte man natürlich entsprechend früher an eine Anaphylaxie denken.

Wie schnell merkt man einen anaphylaktischen Schock?

Die ersten Symptome der Anaphylaxie setzen sehr schnell ein. Bei Nahrungsmittelallergien geschieht dieses wenige Minuten bis zu einer Stunde nach dem Essen. Nach Gabe eines Medikamentes oder nach einem Insektenstich ist das sogar schon nach Sekunden möglich. Zu Beginn können sich manchmal leichtere Beschwerden bemerkbar machen, wie Juckreiz an Handinnenflächen/Fußsohlen oder im Genitalbereich, Brennen, Kribbeln oder Juckreiz der Zunge oder am Gaumen, metallischer Geschmack, Angstgefühle, Kopfschmerzen oder Desorientierung. Beschwerden können dann fortschreiten oder auch jederzeit spontan zum Stillstand kommen. Ein Auftreten des anaphylaktischen Schocks nach mehr als einer Stunde gibt es nur in sehr seltenen Ausnahmen, wie bei einer Allergie auf rotes Fleisch (Allergie auf Galaktose-α-1-3-Galaktose).

Wie könnten die Symptome einer Anaphylaxie an den Atemwegen, gastrointestinalen System oder am Herz-Kreislauf-System aussehen?

Mögliche anaphylaktische Symptome an den Atemwegen sind Atemnot, Husten, pfeifende Atmung oder Heiserkeit.

Anaphylaktische Reaktionen am gastrointestinalen System, d.h. am Magen-Darm-Trakt, zeigen sich durch Übelkeit, Bauchschmerzen, Erbrechen oder Durchfall.

Ist das Herz-Kreislauf-System betroffen, kann es zu Schwindel, Herzrasen, Blutdruckabfall oder Bewusstlosigkeit kommen.

Eher seltener ist der Fall, dass es bei einer Anaphylaxie lediglich am Herz-Kreislauf-System zu Symptomen kommt.

Gibt es auch untypische Anaphylaxie Symptome?

Ja, die gibt es auch. Diese untypischen Symptome sind allein genommen kein Hinweis auf eine Anaphylaxie und erlauben uns nur dann die Diagnose zu stellen, wenn sie zusammen mit den anderen typischen klinischen Zeichen auftreten. Anaphylaxie ist häufig von Angst begleitet. Darum kann es sogar zu erhöhtem Blutdruck kommen, zu Unruhe, Zittern, Krämpfen und Kopfschmerzen. Verhaltensveränderungen und Bewusstseinseinschränkung sind möglich. Weiterhin kann es zu verstärkter Darmaktivität mit Stuhldrang bis hin zur unwillkürlichen Darmentleerung kommen. Auch Harndrang, Harnabgang sowie Uteruskrämpfe können auftreten.

Unterscheiden sich die Anaphylaxie-Symptome zwischen Erwachsenen und Kindern?

Kinder können je nach Alter häufig ihre Beschwerden nicht zum Ausdruck bringen. Bei ihnen treten darum häufig Verhaltensveränderungen auf mit Unruhe, Weinen, Anhänglichkeit, aber auch Rückzugsverhalten, zumeist Ängstlichkeit, selten Aggressivität. Die häufigsten Symptome bei Kindern finden sich an der Haut, z.B. Rötungen um den Mund herum bis hin zur Nesselsucht am ganzen Körper. Auch Bauchbeschwerden mit Schmerzen, Erbrechen und Durchfall treten häufig auf. Ein bedrohliches Symptom besonders bei Kindern ist die Atemwegsverengung mit Atemnot. Atemnot mit Giemen wie bei Asthma tritt insbesondere bei Kindern mit Nahrungsmittelallergie und Asthma-Neigung auf. Dafür sind die Blutgefäße bei Kindern jung und elastisch und noch nicht verkalkt. Darum sind Kreislaufreaktionen mit Blutdruckabfall bei Kindern auch viel seltener als bei Erwachsenen.

Welche Allergene können eine Anaphylaxie auslösen?

Zu einer Anaphylaxie kann es z.B. durch einen Insektenstich oder durch Medikamente kommen. Auch Nahrungsmittel-Allergene können eine Anaphylaxie auslösen, insbesondere das aggressive Erdnuss-Allergen.

Was sind die häufigsten Auslöser eines anaphylaktischen Schocks?

Die häufigsten Auslöser unterscheiden sich zwischen Erwachsenen und Kindern.

Bei Erwachsenen sind die häufigsten Auslöser anaphylaktischer Reaktionen Insektengifte von Wespe, Biene, Hummel oder Hornisse oder Medikamente wie Schmerzmittel, Antibiotika, Narkose- und Röntgenkontrastmittel. Nüsse, Erdnüsse, Fisch, Schalentiere, Sellerie, Soja und Weizen sind die wichtigsten Nahrungsmittel, die bei Erwachsenen Anaphylaxien auslösen. Besonders bei Weizen ist die Anstrengungsinduzierte Weizenanaphylaxie als Sonderform der Nahrungsmittelallergie beschrieben. Sie tritt nur dann auf, wenn auf den Verzehr eines weizenhaltigen Lebensmittels körperliche Aktivität folgt oder wenn Schmerzmittel oder Alkohol vorher eingenommen wurde.

Bei Kindern sind die häufigsten Auslöser anaphylaktischer Reaktionen Erdnüsse, Milch, Ei, Nüsse, Fisch und Weizen. Deutlich seltener und beim Heranwachsenden langsam zunehmend sind bei Kindern die typischen Anaphylaxie-Auslöser des Erwachsenenalters wie Insektengifte oder Medikamente.

Was kann man tun, wenn ein anaphylaktischer Schock droht?

Woran erkennt man einen anaphylaktischen Schock Prof. BrockowWichtig bei einem anaphylaktischen Notfall: Den Notarzt rufen und angeben: Wer ruft an?, Codewort „Anaphylaxie“ nennen, Adresse nennen, Was ist passiert?, Wer ist betroffen?, Eventuelle Fragen der Leitstelle beantworten, Bildquelle Pixabay geralt

Die allererste Maßnahme bei einem allergischen Schock ist es, den Notarzt zu rufen, unter 112! Dabei sollte man die notwendigen Informationen entweder direkt angeben:

  1. Wer ruft an?
  2. Codewort „Anaphylaxie“ nennen
  3. Adresse nennen
  4. Was ist passiert?
  5. Wer ist betroffen?
  6. Eventuelle Fragen der Leitstelle beantworten

Oder sich direkt von der Leitstelle abfragen lassen: z.B. „Hier ist … , eine erwachsenen Frau hier hat eine Anaphylaxie und braucht einen Notarzt, bitte fragen Sie mich ab.“

Was kann man bei einem anaphylaktischen Schock selbst tun, bis der Notarzt eintrifft?

Ist ein lebenswichtiges Organsystem betroffen, das heißt die Atemwege und das Herz-Kreislauf-System, kann man einen Adrenalin-Autoinjektor anwenden. Allerdings setzt dies voraus, dass beim Betroffenen bekannt ist, dass er anaphylaktisch reagieren kann und er ein Notfallset mit einem Adrenalin-Autoinjektor bei sich trägt.

Wenn der Patient also selbst nicht dazu in der Lage ist, sollte man den Adrenalin-Autoinjektor anwenden. Dafür nimmt man den Verschluss des Pens ab und stößt die Nadel in den Oberschenkelmuskel, notfalls auch durch die Hose hindurch.

Zusätzlich sollte man den Patienten bei Beteiligung des Herz-Kreislauf-Systems flach lagern und die Beine hochlagern. Ist das Atemsystem betroffen, kann man versuchen, den Patienten in die Kutscherstellung zu bringen, d.h. sitzend und leicht vornübergebeugt.

Was ist im Anaphylaxie Notfallset enthalten?

In deutschsprachigen Ländern werden vom Arzt ein Adrenalin-Autoinjektor, ein H1-Antihistaminikum (Antiallergikum), ein Kortisonpräparat und bei Patienten/Patientinnen mit Asthma oder vorheriger Reaktion mit Bronchienverengung ein Asthmaspray mit Sofortwirkung (ß2-Adrenozeptoragonist) zu einem Notfallset zur Soforthilfe zusammengefasst. Dieses sollte von Betroffenen immer zusammen mit dem Anaphylaxie-Pass mitgeführt werden.

Gibt es Risiken beim Verabreichen des Adrenalin-Autoinjektors?

Eine schwere Anaphylaxie kann sehr schnell ablaufen. Deshalb muss man sehr schnell handeln und Adrenalin ist einfach das am schnellsten wirkende Medikament. Das Risiko von systemischen Nebenwirkungen bei Gabe in den Muskel in der vom Arzt verschriebenen Dosis ist gering und nahezu immer kleiner als das Risiko durch die Anaphylaxie Schäden zu entwickeln.

Kann ein anaphylaktischer Schock auch ohne Therapie wieder abklingen?

Die Reaktion kann auf jeder Stufe spontan zum Stillstand kommen und im Verlauf rückläufig sein. Dieses ist jedoch nicht vorhersehbar. Auch bei einer Reaktion mit Nesselsucht ohne Kreislaufbeteiligung ist die weitere Entwicklung zunächst nicht absehbar. Darum ist in jedem Fall ärztliche Hilfe herbei zu rufen.

Welche Maßnahmen sollten nach dem anaphylaktischen Schock erfolgen?

Ist die Anaphylaxie erstmals aufgetreten, ist es wichtig, den Auslöser der allergischen Reaktion zu ermitteln. Dafür sollten entsprechende Allergietests durchgeführt werden. Ist das Allergen ermittelt, sollte der Patient einen Anaphylaxie-Pass, ein Notfallset mit Auto-Injektor und eine entsprechende Instruktion/Anweisung für den Umgang mit der Anaphylaxie erhalten. Dabei handelt es sich um eine Information mit Anwendungsübung, die jeder Anaphylaktiker bei Erstverschreibung erhalten sollte. Zusätzlich ist eine Anaphylaxie-Schulung in Form eines 2-Tagesprogramms für den Betroffenen angeraten. Eine solche Schulung, oder zumindest eine ausführliche Information zur Anaphylaxie, ist auch für Familie, Freunde, Arbeitskollegen, Kindergarten, Schule etc. sehr sinnvoll, damit im Notfall alle wissen, was zu tun ist. Wichtig ist dabei, dass die Inhalte der Schulung in regelmäßigen Abständen „geübt“ werden, damit die Abläufe im Notfall „sitzen“.

Je nachdem, welches Allergen der Auslöser der Anaphylaxie ist, kann eine spezifische Immuntherapie (SIT) durchgeführt werden. Bei einer Insektengiftallergie ist dies fast immer möglich, bei Nahrungsmittelallergien normalerweise nicht.

Gibt es eine grundsätzliche Therapie gegen Anaphylaxie?

Die grundsätzliche Therapie ist die konsequente Meidung des Auslösers. Dieses ist in den meisten Fällen, aber nicht immer sicher möglich, z.B. bei Insektenstich-, Einzelfällen mit Nahrungsmittel- oder der seltenen idiopathischen Anaphylaxie. In diesen Fällen kann bei leichteren Reaktionen versucht werden, mit einer Dauermedikation von H1-Antihistaminika und Cromoglicinsäuren vorzubeugen. Bei schweren Fällen hat sich die Gabe von Omalizumab, einem Antikörper gegen IgE, unter die Haut alle vier Wochen bewährt. Bezüglich der Meidung des Auslösers kann bei Nahrungsmittelallergie unter ärztlicher Anweisung versucht werden eine sehr kleine Menge dieses Nahrungsmittels regelmäßig zu essen. Diese Menge muss so klein sein, dass sie sicher keine Reaktion auslöst. Es gibt Hinweise darauf, dass so eine Gabe möglicherweise durch Gewöhnung des Immunsystems die Entwicklung von Toleranz fördern kann.

Herr Prof. Brockow, herzlichen Dank für dieses Interview!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.