AGATE Anapylaxieschulung

Prof. Dr. med. Dr. phil. Johannes Ring, emer. Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein, Technische Universität München und Gründungs-Vorsitzender von AGATE

AGATE – was lernt man bei einer Anaphylaxieschulung?

AGATE steht für „Arbeitsgemeinschaft Anaphylaxie - Training und Edukation e. V.“ und ist der „Dachverband für Anaphylaxieschulung in Deutschland“. Ziel der Organisation ist es, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die von Anaphylaxie Betroffenen und deren Umfeld umfassend über die Erkrankung informiert und für eventuelle Notfälle vorbereitet werden können. Unter anderem verantwortet AGATE das Qualitätsmanagement der Schulungsinhalte, bildet Anaphylaxie-Trainer aus und hält für Patienten die Kontaktdaten zu Anaphylaxie-Schulungszentren bereit. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Dr. phil. Johannes Ring, emer. Direktor der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein, Technische Universität München und Gründungs-Vorsitzender von AGATE über Anaphylaxie, Anaphylaxieschulungen, erreichte Ziele und zukünftige Pläne.

Herr Prof. Ring, AGATE wurde im Jahr 2009 gegründet, welche Ziele konnten aus Ihrer Sicht erreicht werden?

Wir haben mit AGATE eine ganze Menge erreicht. Zunächst haben wir ein Manual entwickelt, das sicherstellt, dass die Lerninhalte in unseren Schulungen standardisiert und qualitätsgesichert vermittelt werden. Dabei haben wir einen besonderen Fokus darauf gesetzt, dass die AGATE-Trainingsmodule leicht verständlich, ansprechend und motivierend sind.

Die Schulung wird von den Patienten sehr gut angenommen. Das haben wir sogar in  einer randomisierten kontrollierten Studie untersucht. Die Betroffenen, die an unseren AGATE-Schulungen teilgenommen hatten, zeigten in einer zufallskontrollierten Studie nicht nur ein signifikant besseres Wissen im Bereich Anaphylaxie und Allergie, sondern sie schnitten auch im praktischen Umgang mit den Notfallmedikamenten und im Verhalten in der akuten Notfallsituation deutlich besser ab als die normal betreute und nur individuell beratene Kontrollgruppe.

Mittlerweile gibt es acht Anaphylaxie-Akademien in Deutschland in denen nicht nur die Patienten im Umgang mit der Anaphylaxie geschult werden, sondern auch die Ärzte. Auch Anaphylaxie-Trainer werden bei AGATE ausgebildet, denn ein guter Arzt ist nicht automatisch auch ein guter Trainer.

Insgesamt konnten wir mit AGATE auch  erreichen, dass bei vielen Ärzten aller Fachrichtungen das Problembewusstsein für das Krankheitsbild Anaphylaxie geschärft und die Notfallkompetenz erheblich gesteigert wurde.

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Wo sehen Sie für AGATE noch Handlungsbedarf?

Zurzeit haben wir in Deutschland ca. 100 Anaphylaxie-Trainer, d.h. wir stehen noch immer am Anfang.

Ein großes Problem, das der Verbreitung der AGATE-Schulungen entgegensteht, ist die schwierige Kostenerstattung durch die Krankenkassen. Anders als die Neurodermitis-Schulung für Kinder, wird die Anaphylaxie-Schulung von manchen Krankenkassen noch nicht übernommen.

Das hängt u.a. auch damit zusammen, dass aus rechtlicher Sicht Schulungsmaßnahmen nur bei chronischen Erkrankungen als sinnvoll erachtet werden. Anaphylaxie ist jedoch keine chronische, sondern eine akute Erkrankung. Das Argument lautet: Ein Erdnuss-Allergiker ist nicht krank, solange er nicht mit Erdnüssen in Kontakt kommt. Die Diskussion wird dann allerdings fast schon zynisch, denn es gibt Menschen, die in Lebensgefahr schweben, sobald sie mit geringsten Allergenmengen in Berührung kommen. Für diese Menschen macht eine Schulung sehr viel Sinn, und es kann einfach nicht sein, dass ein Allergiker erst dann in den Genuss einer Schulung kommen soll, wenn er mindestens alle sechs Wochen einen anaphylaktischen Schock erleidet, nur weil dies dann besser in das Konzept passt, das sich der Gesetzgeber von chronischen Erkrankungen zurechtgelegt hat.

Wir bemühen uns im Geflecht der Kostenträger seit zwei Jahren intensiv um eine Lösung des Problems, konnten es aber noch nicht erreichen, dass die Krankenkassen sich generell zur Übernahme der Kosten für eine Anaphylaxie-Schulung bereit erklären. Unsere Anaphylaxie-Trainer sind sozusagen „Idealisten“ und das wird dauerhaft nur sehr schwer aufrecht zu erhalten sein.

Leider besteht bei unserer Gesundheitspolitik grundsätzlich nur ein sehr geringes Interesse an der Prävention. Im Fokus steht stets die kurative Medizin nach dem Motto „Je teurer desto besser!“ Maßnahmen, mit denen man Erkrankungen verhindern könnte, rufen Lippenbekenntnisse aber keine echte Gegenliebe hervor. In England liegt durch den National Health Service ein deutlich stärkerer Fokus auf Prävention und in Finnland ist die Prävention ein zentraler Faktor des Gesundheitssystems.

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