Reizdarm-Syndrom

 

Reizdarm-Syndrom - was ist das?

Von einem Reizdarm-Syndrom spricht man, wenn bestimmte, den Magen-Darm-Trakt betreffende Symptome vorliegen, wie Dr. Benz erklärt:

„Von einem Reizdarm oder einem Reizdarmsyndrom spricht man bei Vorliegen von Bauchschmerzen, die diffus, krampfartig oder dumpf sein können. Zusätzlich können ein Völlegefühl und Blähungen auftreten; Stuhlgangsveränderungen sind beim Reizdarmsyndrom ebenfalls möglich, aber nicht obligat. Diese können sich sowohl durch Durchfälle, als auch durch Verstopfung, als auch im Wechsel beider Symptome äußern.“

Reizdarm: Ursache, Symptome, Diagnose, und Therapie; Dr. med. Claus Benz

Reizdarm-Syndrom – wie ist das Krankheitsbild definiert?

Laut Definition, müssen zur Diagnose des Reizdarm-Syndroms drei Kriterien gegeben sein. Die Beschwerden müssen über einen längeren Zeitraum auftreten, die Lebensqualität eingeschränkt sein, und keine Erkrankung vorliegen, die die Symptome auslösen könnte.

Unter dem Reizdarmsyndrom (RDS) versteht man laut der S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom ein Krankheitsbild, das sich wie folgt definiert:

  • Es bestehen chronische, d.h. länger als 3 Monate anhaltende Beschwerden (z.B. Bauchschmerzen, Blähungen), die von Patient und Arzt auf den Darm bezogen werden und in der Regel mit Stuhlgangveränderungen einhergehen.
  • Die Beschwerden sollen so stark sein, dass der Patient deswegen Hilfe sucht und/oder sich sorgt und somit seine Lebensqualität hierdurch relevant beeinträchtigt wird.
  • Voraussetzung ist, dass keine für andere Krankheitsbilder charakteristischen Veränderungen vorliegen, welche wahrscheinlich für diese Symptome verantwortlich sind.

Allergie-Wiki: Reizdarmsyndrom (RDS)

Reizdarm-Syndrom – gibt es verschiedene Typen?

Laut Dr. oec. troph. Astrid H. Gerstemeier, gibt es vier Typen des Reizdarm-Syndroms:

  1. „Diarrhö-Typ: Täglich mehr als drei Darmentleerungen
  2. Obstipations-Typ: wöchentlich weniger als drei Darmentleerungen
  3. Schmerz-Typ: Krampfartige Schmerzen, ausgelöst durch eine gestörte Motilität, d.h. durch eine übermäßige Bewegung des Darms (Peristaltik)
  4. Meteorismus-Typ: Blähbauch“

Reizdarmsyndrom - wo liegt der Unterschied zu Allergien oder Unverträglichkeiten?; Dr. oec. troph. Astrid H. Gerstemeier

Was sind die Ursachen des Reizdarm-Syndroms?

Ursachen, die zu den Symptomen des Reizdarm-Syndroms führen können, sind vielfältig und komplex, wie Dr. Mühleib informiert:

„Genauso komplex wie die Symptome des RDS sind auch seine Ursachen: Die Ermittlung der Ursachen gleicht beim Reizdarm oft einem detektivischen Puzzle, bei dem die verschiedensten Faktoren eine Rolle spielen können. Angefangen von Störungen der Darmbarriere mit Mikroentzündungen in der Darmwand über gastrointestinale Infektionen, Hyperaktivität des enterischen Nervensystems und psychosomatische Faktoren bis hin zu einer gestörten Darmflora gibt es eine Vielzahl von möglichen Ursachen für das RDS. Oft führt erst das gleichzeitige Auftreten mehrerer möglicher Ursachen zur Manifestation eines RDS.“

Reizdarmsyndrom, Mikrobiom, Mikrobiota? Welche Rolle spielt die Darmflora?; Dr. Friedhelm Mühleib

Sind die Ursachen des Reizdarm-Syndroms vollständig bekannt?

Die Ursachen, die zu einem Reizdarm-Syndrom führen können, sind nicht vollständig geklärt, wie Dr. Benz berichtet:

„Die Ursachen sind letztendlich nicht ganz geklärt, wir wissen, dass aber strukturelle und funktionelle Veränderungen im Magen-Darm-Trakt, insbesondere im Bereich des sogenannten Darmnervensystems vorliegen. Hier können bestimmte Entzündungszellen vermehrt sein, außerdem kann es zu Veränderungen im Bereich der Darmflora kommen. Eine genetische Prädisposition ist möglich.

Aufgrund dieser Veränderungen kommt es zu Störungen der Darmbeweglichkeit und der Darmwahrnehmung; die Symptome können durch Stress oder emotionale Konflikte verschlimmert werden.“

Reizdarm: Ursachen, Symptome, Diagnose, und Therapie; Dr. med. Claus Benz

Reizdarm-Syndrom – welche Rolle spielen Genetik und Umweltfaktoren?

Genmutationen scheinen eine Rolle in der Ursache des Reizdarm-Syndroms zu spielen. wie Dr. rer. nat. Beate Niesler informiert:

„Dabei müssen Veränderungen im Erbgut, d.h. Genmutationen, nicht immer schwerwiegend sein und nicht zwingend zu bestimmten Erkrankungen führen“ erklärte Beate Niesler. Nicht bei allen Menschen, die Genmutationen in sich tragen, führt dies zur Manifestation der jeweiligen Erkrankung, das heißt, es spielen auch andere Faktoren eine Rolle. Die Frage lautet: Welche genetischen Veränderungen führen zusammen mit welchen externen Faktoren dazu, dass sich bei manchen Menschen eine bestimmte Form des Reizdarms manifestiert und bei anderen nicht.“

Der Umstand, dass nicht jede Genmutation zwangsläufig auch zu einer Erkrankung führt, deutet daraufhin, dass neben genetischen Veränderungen auch externe Faktoren, zur Erkrankung beitragen, wie Dr. rer. nat. Beate ergänzt:

„Neben genetischen Varianten gibt es extrinsische Faktoren, d.h. von außen kommende Faktoren, die die Entstehung des Reizdarmsyndroms begünstigen. Zu den Risikofaktoren zählen:

  • Zunehmendes Alter
  • Rauchen
  • Infektionen, insbesondere akute Gastroenteriten, d.h. Darmentzündungen
  • Stress
  • Das weibliche Geschlecht
  • Ernährung
  • Genetische Faktoren“

Reizdarmsyndrom: Gene oder Umwelt? Wie kommt es zum RDS?; Dr. rer. nat. Beate Niesler

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Reizdarm-Syndrom und Nahrungsmittelunverträglichkeiten?

Ob es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Reizdarm-Syndrom und Nahrungsmittelunverträglichkeiten gibt, ist unklar. Es wird aber angenommen, dass bei einigen Reizdarm-Patienten eine Nahrungsmittelunverträglichkeiten der Auslöser ist, wie Oecotrophologin Jennifer Fritz erläutert:

„Was häufig in der Praxis zu beobachten ist, ist dass es immer wieder Reizdarm-Patienten gibt, die nach langjährigen Beschwerden nach entsprechenden Untersuchungen auf Lebensmittelunverträglichkeiten - d.h. Kohlenhydratverwertungsstörungen, also Laktoseintoleranz, Fruktose- und Sorbitmalabsorption, aber auch Glutensensitivität, ein positives Testergebnis zeigen. Diese Patienten sind dann entsprechend mit Umstellung auf eine ernährungstherapeutische Diät praktisch beschwerdefrei.

Es kommt aber mindestens genauso häufig vor, dass bei Reizdarm-Patienten nachweislich Nahrungsmittelunverträglichkeiten ausgeschlossen werden können, obwohl dies vorher vermutet wurde. Diese Patienten hatten zuvor nach individuellen Ernährungsempfehlungen auf bestimmte Nahrungsmittel verzichtet und nach Verzicht eine merkliche Besserung empfunden, waren jedoch nicht beschwerdefrei. Bei diesen Patienten bedarf es an Unterstützung dahingehend, Veränderungen im Alltag herbeizuführen und Stressbewältigung durch mehr Gelassenheit zu erreichen.“

Reizdarmsyndrom? Nahrungsmittelunverträglichkeiten? Gibt es Zusammenhänge?; Oecotrophologin Jennifer Fritz

Reizdarm-Syndrom durch Nahrungsmittelallergie?

In jüngsten Studien konnte nachgewiesen werden, dass bei circa 70 Prozent der Reizdarmpatienten, eine atypische Nahrungsmittelallergie vorliegt, wie Prof. Schuppan berichtet:

„Das Tückische dabei ist, dass die Beschwerden erst mit Verzögerung auftreten, das heißt meist um einige Stunden später. Von besonderer praktischer Bedeutung für Patient und Arzt ist, dass in erster Linie Weizen, gefolgt von Milch und Soja, dann erst Hefe und weitere Nahrungsmittelallergene verantwortlich sind. In unserer jüngsten Studie von 2019 reagierten allein 60 Prozent der „Reizdarmpatienten“ auf Weizen. Sobald die Patienten das identifizierte Allergen (in Wirklichkeit "Allergengemisch)" von ihrem Speiseplan streichen, bessern sich die Beschwerden meist dramatisch.“

Reizdarm-Syndrom: Ist es doch eine Nahrungsmittelallergie?; Prof. Schuppan

Reizdarm-Syndrom durch Dünndarm-Fehlbesiedlung?

Von einer bakteriellen Darmfehlbesiedlung spricht man, wenn Bakterien, die normalerweise im Dickdarm angesiedelt sind, im Dünndarm vorkommen. Dies kann, laut Prof. Frieling, zu einer Unterform des Reizdarm-Syndroms führen:

„Bei einer bakteriellen Dünndarmfehlbesiedlung wird die aufgenommene Nahrung bereits im Dünndarm vergoren, d.h. die Bakterien beginnen, die Kohlenhydrate aus der Nahrung zu zersetzen. Dabei entstehen Flüssigkeiten, die wiederum die typischen Beschwerden auslösen, z.B. Blähungen, Bauchkrämpfe und Durchfälle. Diese Beschwerden findet man häufig auch beim Reizdarm und deshalb gilt es als eine Unterform des Reizdarmsyndroms, wenn man im Zusammenhang mit den typischen Beschwerden eine bakterielle Dünndarmfehlbesiedlung nachweisen kann.“

Dünndarm-Fehlbesiedlung beim Reizdarm: Was bedeutet das?; Prof. Dr. med. Thomas Frieling

Was sind die Symptome beim Reizdarm-Syndrom?

Die Symptome beim Reizdarm-Syndrom sind vielfältig und oftmals unspezifisch. Das liegt zum einen an den verschiedenen Symptomen selbst, als auch an deren Ausprägung und dem Zeitpunkt des Auftretens, wie Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe erklärt:

„Die Symptome können beim Reizdarm sehr rasch, unmittelbar nach der Nahrungsaufnahme, oder mit einigen Stunden Verspätung auftreten. Dabei kann es zu vermehrten Darmbewegungen kommen oder auch zu Geräuschphänomenen im Bauch. Manche Reizdarm-Patienten klagen über einen geblähten Bauch und, wenn die Blähung sehr ausgeprägt ist, auch über Schmerzen. Bei anderen Patienten kommt es auch zu vermehrtem Abgang von Winden bzw. vielleicht auch zu Durchfällen. Andere wiederum klagen unter Verstopfungen und wieder andere über alle Symptome im Wechsel.“

Reizdarm-Syndrom: Häufig unerkannt und oft nicht ausreichend behandelt!; Priv. Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe

Typische Symptome beim Reizdarm-Syndrom

Symptome, die typischerweise beim Reizdarm-Syndrom auftreten können, sind laut Dr. oec. troph. Astrid H. Gerstemeier:

  • „Durchfälle
  • Obstipation (Verstopfung)
  • Wechsel von Verstopfung und dünnem Stuhl
  • Krampfartige Bauchschmerzen
  • Bauchschmerzen durch Meteorismus (Blähbauch)
  • Häufiger Stuhldrang
  • „Empfindlicher Darm häufig bereits seit frühestem Kindesalter, bzw. seit einer Darminfektion
    Beim Reizdarmsyndrom (RDS) sind die Beschwerden beispielsweise unter Stress schlimmer oder im Urlaub besser und es findet sich kein Blut im Stuhl.“

Je nach vorliegenden Symptomen, lässt sich das Reizdarm-Syndrom, laut Dr. oec. troph. Astrid H. Gerstemeier, in verschiedene Typen einteilen:

  1. „Diarrhö-Typ: Täglich mehr als drei Darmentleerungen
  2. Obstipations-Typ: wöchentlich weniger als drei Darmentleerungen
  3. Schmerz-Typ: Krampfartige Schmerzen, ausgelöst durch eine gestörte Motilität, d.h. durch eine übermäßige Bewegung des Darms (Peristaltik)
  4. Meteorismus-Typ: Blähbauch“

Reizdarmsyndrom- wo liegt der Unterscheid zu Allergien oder Unverträglichkeiten?; Dr. oec. troph. Astrid H. Gerstemeier

Gibt es Faktoren, die die Symptome beim Reizdarm-Syndrom verstärken können?

Es gibt Faktoren, die das Reizdarmsyndrom begünstigen. Dazu zählen individuell ungünstige Auswahl, Zusammenstellung und Zubereitung der Nahrungsmittel sowie unzureichende Zeit und unzureichendes Kauen beim Verzehr der Mahlzeit. Des Weiteren zählen dazu psychische Faktoren, wie Stress, Hektik, Sorgen und Konflikte. Z.B. können sich beim Reizdarmsyndrom die Beschwerden unter Stress verschlimmern oder im Urlaub verbessern.

Auch Darminfekte, unsachgemäßer Gebrauch von Abführmitteln, ungesunde, ballaststoffarme Ernährung und Bewegungsmangel können die Entstehung des Reizdarmsyndrom begünstigen.

Allergie-Wiki: Reizdarmsyndrom (RDS)

Wie wird das Reizdarm-Syndrom diagnostiziert?

Beim Reizdarm, beziehungsweise dem Reizdarm-Syndrom, handelt es sich um eine Ausschlussdiagnose, also einer Diagnose die nach Ausschluss anderer möglicher für die Symptome verantwortlicher Erkrankungen, gestellt wird, wie Dr. Benz erklärt:

„Die Diagnose beim Reizdarmsyndrom erfolgt prinzipiell durch Ausschluss anderer, vor allem organischer Erkrankungen, so dass zur sicheren Diagnosestellung beim Reizdarmsyndrom immer eine vorherige Darmspiegelung obligat ist.

Desweiteren sollten auf jeden Fall häufige Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Intoleranzen, z. B. die recht häufig vorkommende Milchzuckerunverträglichkeit, ausgeschlossen werden.“

Reizdarm: Ursachen, Symptome, Diagnose, und Therapie; Dr. med. Claus Benz

Welche Unverträglichkeiten sollten vor einer Reizdarm-Syndrom Diagnose ausgeschlossen werden?

Da es sich beim Reizdarm-Syndrom um eine Ausschlussdiagnose handelt, müssen vor der Diagnose sämtliche mögliche Grunderkrankungen, inklusive Nahrungsmittelunverträglichkeiten, ausgeschlossen werden, wie Prof. Dr. med. Raithel informiert:

„Allerdings sind nicht alle Beschwerden und Irritationen aus dem Magen-Darmtrakt (reizdarmähnliche Symptome) tatsächlich auch dem Reizdarmsyndrom zuzuordnen. Vielmehr werden in der Klinik zunächst wichtige, schnell objektiv fassbare Erkrankungen ausgeschlossen, z. B. Magen-Darmgeschwüre, Infektionen, Krebs etc).. Oft verbleibt dann als mögliche Differentialdiagnose die Frage nach z. B. Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktoseintoleranz oder Fruktosemalabsorption oder das Vorliegen einer gastrointestinalen Allergie, die alle ähnliche Symptome verursachen können. Diese Erkrankungen können aber durch Meidung der entsprechenden Kohlenhydrate bzw. der auslösenden Trigger gut behandelt werden, während bei einem sogenannten idiopathischen RDS die Ursache, der Trigger und die exakte Therapie im Einzelfall unklar sind.“

Reizdarmsyndrom und Mastzellen: Gibt es eine Verbindung? Therapieoptionen?; Prof. Dr. med. Martin Raithel

Wie sieht die Behandlung beim Reizdarm-Syndrom aus?

Eine generelle Therapie für das Reizdarmsyndrom gibt es nicht. Je nachdem um welchen der vier Typen des Reizdarmsyndroms es sich handelt, ist die Therapie sehr individuell anzupassen. Auch je nachdem, ob es sich bei den Symptomen eher um eine Diarrhö oder eine Obstipation handelt.

Grundsätzlich sollte man ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Stress und Erholung schaffen – evtl. helfen hier Entspannungsübungen. Auch krampflösende und gegen Blähungen wirksame Medikamente können helfen. Wichtig ist es auch, angemessen zu trinken, allerdings kleine Mengen und gleichmäßig über den Tag verteilt.

Allergie-Wiki: Reizdarmsyndrom (RDS)

Reizdarm-Syndrom: Was ist der erste Schritt bei der Therapie?

Da es sich beim Reizdarm-Syndrom um eine Ausschlussdiagnose handelt, die Diagnose also durch den Ausschluss anderer Erkrankungen gestellt wird, können keine genauen Ursachen für die Beschwerden gefunden werden. Das kann sehr unbefriedigend für die Patienten sein. Es ist jedoch wichtig für den Behandlungserfolg, dass die Patienten die Diagnose annehmen, wie Prof. Dr. med. Heiner Krammer weiß:

„Ist die Diagnose „Reizdarmsyndrom“ gestellt, heißt das nicht unbedingt, dass die Beschwerden schnell verschwinden. Die individuell richtige Ernährung, der Umgang mit Stress, viele Faktoren können bei RDS eine Rolle spielen. Der Weg zur richtigen Therapie kann daher lang sein und erfordert eine hohe Eigeninitiative der Patienten. Für viele Betroffene ist eine so „unspezifische“ Diagnose wie RDS nicht zufriedenstellend und sie vermuten, dass doch noch andere Ursachen für ihre Beschwerden verantwortlich sind. „Es ist ein Charakteristikum der Reizdarm-Patienten, dass sie weiter auf der Suche sind“ so Prof. Krammer, „ich sage meinen Patienten deshalb immer, dass sie ‚ankommen‘ müssen!“

Reizdarmsyndrom (RDS): Gibt es neue Therapiemöglichkeiten?; Prof. Dr. med. Heiner Krammer

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es bei der Behandlung des Reizdarm-Syndroms?

Da das klinische Bild des Reizdarm-Syndroms sehr vielfältig und variable ist, gibt es nicht die eine Therapieform. Daher muss die Therapie immer individuell auf den Patienten angepasst werden. Laut Prof. Dr. med. Martin Storr, stehen aber folgende Therapieoptionen zur Verfügung:

  • „Ernährungsberatung (FODMAP-Diät)
  • Körperliche Betätigung (Reizdarm-Yoga)
  • Entspannungsverfahren (Achtsamkeitsmeditation, MBSR, Meditation)
  • Psychotherapeutische Verfahren (u. a. Darmhypnose)
  • Medikamentöse Maßnahmen

Die Basismaßnahmen wie Beratung, FODMAP-Ernährung, Entspannungsverfahren und Darmhypnose sollte jeder Betroffene anwenden. Danach werden in der sekundären Therapie am häufigsten medikamentöse Maßnahmen gewählt.“

MBSR: Wie hilft Achtsamkeit beim Reizdarm?; Prof. Dr. med. Martin Storr

Können Medikamente bei der Behandlung eines Reizdarm-Syndroms helfen?

Das Reizdarm-Syndrom kann medikamentös behandelt werden. Wie genau die medikamentöse Therapie aussieht, richtet sich nach den Subtyp der Erkrankung, wie Prof. Dr. Michael Karaus erklärt:

„Relativ einfach ist die Medikamentenauswahl bei dem Durchfallsubtyp, da hier mit Loperamid ein sehr wirksames Medikament schon seit Jahrzehnten zur Verfügung steht.

Bei dem Obstipationssubtyp kommen zunächst die üblichen Abführmittel zum Einsatz, sind diese jedoch nicht ausreichend wirksam bzw. führen zu einer Verschlechterung der Bauchbeschwerden, so können neue Medikamente wie das Linaclotid hier eine Alternative sein. Leider ist dieses Medikament vor kurzem wieder aus dem Vertrieb genommen worden, weshalb es derzeit nur über die internationale Apotheke bezogen werden kann.

Bei den Patienten bei denen die Schmerzen im Bauch im Vordergrund stehen, müssen oft die verschiedenen medikamentösen Ansätze ausprobiert werden. Neben den Phytopharmaka und Probiotika kommen hier zum einen Spasmolytika oder auch niedrig dosierte Antidepressiva, besonders die trizyklischen Antidepressiva, zum Einsatz.

Am schwierigsten ist die medikamentöse Behandlung des Blähungssubtyps. Auch hier sollten zunächst Probiotika und Phytopharmaka versucht werden. Manchmal hilft nur ein darmselektives Antibiotikum wie Rifaximin.“

Reizdarmsyndrom – können Medikamente helfen?; Prof. Dr. Michael Karaus

Reizdarm-Syndrom: Kann die mikrobiologische Therapie helfen?

Die mikrobiologische Therapie kann immer dann helfen, wenn Schleimhautorgane betroffen sind, beziehungsweise eine Fehlfunktion der Schleimhaut vorliegt. Dies ist beim Reizdarm-Syndrom der Fall. Durch eine Mikrobiota-Analyse, können Dysbalancen der Darmflora entdeckt und gezielt korrigiert werden, wie Dr. med. Annette Jänsch erklärt:

„Besteht ein Mangel an bestimmten Keimen, kann man diese zwar nicht einfach „auffüllen“, aber man kann Bedingungen schaffen, die ihr Wachstum fördern. Ist z.B. die mukonutritive Flora im Defizit, d.h. die Keime, die Schleim produzieren und abbauen, muss man Ballaststoffe bzw. resistente Stärke zuführen, die den Bakterien als Nahrungsgrundlage dienen.

Ist der pH-Wert zu basisch, müsse Laktobazillen und Bifidobakterien ergänzt werden, denn sie stellen kurzkettige Fettsäuren her, die den Darm wieder etwas ansäuern. Auch hier ist es jedoch nicht möglich, Defizite „aufzufüllen“ – vielmehr muss das System sich selbst regulieren.

Man kann aber auch klare Hinweise für eine Mikrobiom-förderliche Ernährung geben.“

Mikrobiologische Therapie bei Reizdarm & Co: Diagnose und Therapie; Dr. med. Annette Jänsch

Wie sollte die Ernährung beim Reizdarm-Syndrom aussehen?

Eine allgemein gültige Diätempfehlung für alle Patienten mit Reizdarm-Syndrom gibt es nicht. Eine Ernährungsstrategie muss für jeden Patienten, unter Einbeziehung verschiedener Faktoren, individuell erstellt werden. Ein besonderes Augenmerk sollte besonders auf dem vorherrschendem Leitsymptom liegen, wie Dr. Poschwatta-Rupp berichtet:

„Je nachdem, welches Leitsymptom vorherrscht, fällt auch die Therapie sehr unterschiedlich aus. Neigt der Patient z.B. zu Durchfällen, wird man insbesondere auf treibende Lebensmittel verzichten und eher eine leichte Kost zusammenstellen. Patienten mit Obstipation profitieren von einer ballaststoffreichen Kost und ausreichend Flüssigkeit. Geeignet sind Blattgemüse, Karotten, Fenchel, junger Kohlrabi, Zucchini, feinkrumige Brote, Flocken und sowie in kleinen Mengen Nüsse und Saaten, die gut gekaut werden sollten. Sowohl bei Diarrhoe als auch bei Obstipation haben sich Flohsamenschalen bewährt. Auch die Kombination aus Flohsamenschalen, Maisdextrin und Baobab ist eine sinnvolle, glutenfreie Ballaststoffmischung. Empfehlenswert ist es, insgesamt einen Tagesverzehr von mindestens 30 g Ballaststoffen zu erreichen.“

Reizdarm-Diät: Gibt es die richtige Ernährung beim Reizdarm-Syndrom?; Dr. Sabine Poschwatta-Rupp

Welche Nahrungsmittel sind bei der Behandlung des Reizdarm-Syndroms besonders geeignet?

Laut Prof. Dr. med. Martin Storr, sind einige Nahrungsmittel besonders geeignet, um die „guten Bakterien“ des Darms zu stärken. Dazu zählen:

  1. Kurkumin
  2. Heidelbeeren
  3. Kokosöl
  4. Quinoa
  5. Apfelessig
  6. Koriander
  7. Haferflocken
  8. Leinöl
  9. Knochenbrühe

Neun Superfoods für den Darm; Prof. Dr. med. Martin Storr

Hilft die Low-FODMAP-Diät beim Reizdarm-Syndrom?

Den Ausdruck „FODMAP„ erklärt Dr. Yvonne Braun so:

„FODMAP steht für „Fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide und Monosaccharide“, sowie auf Englisch "and" Poliole. Dabei handelt es sich um Zucker und Zuckeralkohole und wenn man von einer Low-FODMAP-Ernährung spricht, bedeutet dies, dass diese arm an diesen Zuckern und Zuckeralkoholen ist.“

Die Definition ist wichtig, um diese Ernährungsform und ihre Auswirkung zu verstehen, wie Dr. Yvonne Braun hervorhebt:

"Fermentierbar" bedeutet, dass die Stoffe, die im Dünndarm nicht resorbiert bzw. aufgenommen, werden, in den Dickdarm gelangen. Dort werden sie durch die Darmbakterien abgebaut, ein Prozess, den man „Fermentation“ nennt. Durch die Fermentation kann verstärkt Wasser in den Dickdarm einströmen und die Produkte der Fermentation können vermehrt Gase bilden. Beides kann zu Problemen führen, wie zum Beispiel Durchfall oder Blähungen, also vermehrte Luft im Darm.“

Low-FODMAP-Diät beim Reizdarm-Syndrom: Das muss man beachten!; Dr. Yvonne Braun

Low-FODMAP-Diät – kurz erklärt

In Ihrem Video „Low-FODMAP – FODMAP-arme Diät” erklärt Dr. Yvonne Braun kurz was sich hinter dem Begriff FODMAP verbirgt und für wen sie sinnvoll sein kann:

Low-FODMAP – FODMAP-arme Diät!; Dr. Yvonne Braun

FODMAP-arme Diät: Wie kann sie bei der Behandlung des Reizdarm-Syndroms helfen?

In Ihrem Podcast mit dem Titel „FODMAP-arme Diät: Was heißt das?“ erklärt Dr. Yvonne Braun etwas ausführlicher, was sich hinter dem Begriff „FODMAP“ verbirgt, wie die FODMAP-arme Diät beim Reizdarm-Syndrom sinnvoll angewendet werden kann und welche Lebensmittel dies beinhaltet:

FODMAP-arme Diät: Was heißt das?; Dr. Yvonne Braun

Können Probiotika bei der Behandlung des Reizdarm-Syndroms helfen?

Probiotika haben eine nachgewiesene Wirksamkeit gegen Magen-Darm-Beschwerden bei Reizdarm-Patienten. Sie werden vor allem zur Prävention der Beschwerden eingesetzt, können aber auch bei bestehenden Symptomen, innerhalb von 10-14 Tagen eine deutliche Besserung der Beschwerden herbeiführen. Wie sie wirken, erklärt Prof. Dr. med. Heiner Krammer so:

„Man geht davon aus, dass die probiotischen Bakterien, die den Joghurts zugesetzt werden, die Eigenschaft haben, die Magen-Darm-Passage zu überwinden, denn sie sind besonders widerstandsfähig gegenüber Magen – und Gallensäuren. Im Dickdarm angekommen siedeln sie sich an, verstärken die dort ansässigen Mikrobiota in ihrer Funktion und entfalten ihre positive Wirkung auf die Darmflora.

Je nach Bakterienstamm können die Probiotika, ausgehend vom Darm, das körpereigene Abwehrsystem unterstützen, dabei helfen die Verdauung zu normalisieren und Verdauungsbeschwerden wie Blähungen, Durchfälle und Verstopfungen lindern.“

Probiotika bei Allergien und Reizdarm, wann können sie Patienten helfen?; Prof. Dr. med. Heiner Krammer

Hilft die Pflanzenheilkunde bei der Behandlung des Reizdarm-Syndroms?

Beim Reizdarm-Syndrom kann es zu Durchfällen, Blähungen, Bauchschmerzen oder Verstopfung kommen. Bei den verschiedenen Beschwerden können unterschiedliche Heilpflanzen sinnvoll eingesetzt werden und so zu einer Verbesserung der Symptome führen, wie Prof. Dr. med. Karin Kraft informiert:

„Zur Behandlung dieser Symptome stehen unterschiedliche Phytotherapeutika zur Verfügung, die auch in der aktuellen S3-Leitlinie zum Reizdarmsyndrom als Therapieoption empfohlen werden. Dabei haben die einzelnen Phytotherapeutika unterschiedliche Wirkungen und müssen zielgerichtet eingesetzt werden. Insbesondere bei abdominellen Schmerzen empfiehlt die Leitlinie den Einsatz einer Kombination von Pfefferminz- und Kümmelöl.

Treten im Zusammenhang mit dem Reizdarmsyndrom Durchfälle oder Obstipation auf, stehen ebenfalls Phytotherapeutika zur Behandlung zur Verfügung. Dazu werden Leinsamenschleim, Flohsamen, Indische Flohsamen und Flohsamenschalen empfohlen.“

Reizmagen? Reizdarm? Was bietet Phytotherapie bzw. Pflanzenheilkunde?; Prof. Dr. med. Karin Kraft

Kann Cannabis bei der Behandlung des Reizdarm-Syndroms helfen?

Säugetiere und Menschen verfügen über ein sogenanntes „Cannabis-System“, das auf Cannabis reagiert. Wird es aktiviert, verlangsamt es den Darmtransport, wird es blockiert, beschleunigt es den Darmtransport. Dieser Umstand könnte in Zukunft bei der Therapie von Reizdarm-Patienten genutzt werden, wie Prof. Dr. med. Martin Storr berichtet:

„Bei Reizdarmsyndrom geht es um beides. Es gibt Reizdarm-Patienten, die überwiegend unter Durchfällen leiden. Hier wäre eine Reduktion der Darmbewegung das Ziel. Andere RDS-Patienten leiden unter Obstipation, so dass eine Beschleunigung der Darmmotilität wünschenswert wäre.

Das Cannabinoid-System ist deshalb so attraktiv, weil es die Darmgeschwindigkeit in beide Richtungen regulieren kann. Außerdem würde es die Schmerzwahrnehmung, sowie die Entzündung und die Sekretionsvorgänge, das heißt den Wassergehalt des Stuhlganges, regulieren.

Aber: Es muss noch viel geforscht werden, bevor man in der Lage ist, diese Studienerkenntnisse auf den Menschen zu übertragen, ein Medikament zu entwickeln und Studien an Patienten durchzuführen.“

Reizdarm-Syndrom (RDS): Könnte Cannabis helfen?; Prof. Dr. med. Martin Storr

Darmhypnose als Behandlung beim Reizdarm-Syndrom?

Die Darmhypnose versucht nicht nur die Symptome, sondern auch die Ursachen des Reizdarm-Syndroms zu Behandeln. Sie wird in der Behandlung des Reizdarm-Syndroms empfohlen und kann einfach zuhause via Audioprogramme von den Patienten durchgeführt werden, wie Prof. Dr. med. Martin Storr erzählt:

„Für den Patienten ist das relativ einfach, denn die Darmhypnose ist eine Art „fortgeschrittenes autogenes Training“, ein Training, das sich direkt auf den Darm bezieht. Dafür muss der Patient eine ruhige Position einnehmen und das Audiotape anhören und nachvollziehen und Nachruhen. Auf dem Audiotape wird erklärt, was eine Darmhypnose genau bedeutet und die Wirkmechanismen werden dargestellt.

Bei der Darmhypnose selbst werden Bilder von „Ruhe“ und von „Fließen“ aufgebaut, die der Tätigkeit des Darms entsprechen. Auch an der Atmung wird bei der Darmhypnose gearbeitet, denn Atmung und Zwerchfell können sich beruhigend auf die Darm-Hirn-Achse auswirken.“

Darmhypnose- eine wirksame Therapie beim Reizdarmsyndrom?; Prof. Dr. med. Martin Storr

Hilft die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) bei der Behandlung des Reizdarm-Syndroms?

Eine noch recht unbekannte Therapiemöglichkeit beim Reizdarm-Syndrom, ist die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion. Sie ist ähnlich leicht anzuwenden wie die Darmhypnose, und setzt, wie die Darmhypnose auch, an der Darm-Hirn-Achse an, wie Prof. Dr. med. Martin Storr berichtet:

„Ein Achtsamkeitstraining zur Selbstanwendung kann hier sehr gut helfen, weil die Ursache der Beschwerden, die Darm-Hirn-Achse, der Angriffspunkt ist. Sowohl MBSR (Achtsamkeitsmeditation) als auch die Darmhypnose (Hypnotherapie) setzen als ursächliche Therapie direkt am Nervensystem an und verändern an der Darm-Hirn-Achse fehlerhafte Verknüpfungen, falsche Erinnerungen und inadäquate Reflexantworten. Im Gegensatz zu anderen Maßnahmen werden dabei die Ursachen des Reizdarmsyndroms und nicht nur die Beschwerden angegangen. MBSR und Darmhypnose können die Beschwerden vollständig beseitigen und ein Reizdarmsyndrom so quasi heilen.“

MBSR: Wie hilft Achtsamkeit beim Reizdarm?; Prof. Dr. med. Martin Storr