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Anaphylaxie Register

Prof. Dr. Margitta Worm, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie Charité - Universitätsmedizin Berlin

Anaphylaxie Register: Wie werden Anaphylaxie Patienten versorgt?

Eine Anaphylaxie ist die schwerste allergische Reaktion, die ein Allergiker haben kann und im schlimmsten Fall kann sie sogar tödlich enden. Eine generelle Meldepflicht für solche schweren "Anaphylaktischen Schockereignisse" gibt es nicht und deshalb gibt es keine offiziellen Daten zur Häufigkeit, Verlauf und Ausgang anaphylaktischer Reaktionen. Für Anaphylaxie-Patienten bedeutet dies, dass Daten zu Auslösern, Kofaktoren und Versorgung der Anaphyhlaxie nicht strukturiert vorliegen und zur Optimierung zukünftiger Therapien herangezogen werden könnten. Um diesem Problem entgegenzuwirken, wurde im Jahr 2006 das Anaphylaxie Register gegründet, dem derzeit über 80 allergologische Zentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeschlossen sind. In einer gemeinsamen Datenbank des Anaphylaxie Registers werden seither erstmals schwere Anaphylaxie-Ereignisse für den Raum Deutschland, Österreich und Schweiz systematisch erfasst. MeinAllergiePortal sprach mit der Gründerin des Anaphylaxie Registers Frau Prof. Dr. Margitta Worm, Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie, Charité - Universitätsmedizin Berlin über die neusten Erkenntnisse, die aus diesem Projekt gewonnen werden konnten und den Stand der Versorgung von Anaphylaxie-Patienten in Deutschland.

Frau Prof. Worm, welche Daten werden in Ihrem Anaphylaxie Register erfasst?

Wir erfassen im Anaphylaxie Register Daten von Patienten, die eine schwere anaphylaktische Reaktion erlebt haben. Erfasst wird das Alter, das Geschlecht, Symptome, Auslöser, inkl. der Wahrscheinlichkeit mit der dieser Auslöser für das anaphylaktische Geschehen verantwortlich ist, Kofaktoren, Grunderkrankungen sowie die diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen. Vom Start des Registers bis zum März 2013 haben wir 3953 Meldungen erhalten. Die Meldungen erfolgen auf freiwilliger Basis über die uns angeschlossenen Zentren, so dass wir von einer gewissen Repräsentativität für den deutschsprachigen Raum ausgehen können.

Wann ist eine anaphylaktische Reaktion eine schwere anaphylaktische Reaktion? Wie ist dies definiert bzw. woran erkennt dies der Patient?

Eine schwere allergische Reaktion ist durch das plötzliche Auftreten von Symptomen gekennzeichnet. Die Symptome treten an zwei oder mehr Organsystemen auf, häufig sind dies die Haut und Schleimhaut gemeinsam mit Atemwegssymptomen wie Luftnot oder kombiniert mit Herzkreislaufsymptomen wie Kreislaufkollaps oder Bewusstlosigkeit. Frühe Symptome einer Anaphylaxie können Kribbeln der Hände, Hautrötungen und Engegefühl in der Brust sein.

Wie oft endet eine anaphylaktische Reaktion in Deutschland, Österreich oder der Schweiz tödlich? Wie sieht die Entwicklung dieser Zahlen aus?

Im Register haben wir sieben Todesfälle zu verzeichnen. Darunter befinden sich sowohl Erwachsene als auch Kinder. Drei der sieben Patienten hatten bereits zuvor anaphylaktische Reaktionen und das bedeutet, man hätte diese Todesfälle verhindern können, wenn rechtzeitig geeignete Maßnahmen ergriffen worden wären. Klassische Auslöser waren Insektengifte, Nahrungsmittel und Medikamente.

Gemäß der Daten vom Statistischen Bundesamt sind in den Jahren 2006 bis 2008 92 Todesfälle, die Diagnoseschlüssel einer Anaphyhlaxie beinhalten und in den Jahren 2009 bis 2011 113 Todesfälle gemeldet worden. Dies zeigt eine steigende Tendenz, die sich auch in Österreich und der Schweiz abzeichnet (Österreich: 2006 bis 2008 5 Fälle, 2009 bis 2011 7 Fälle; Schweiz: 2006 bis 2008 16 Fälle, 2009 bis 2011 27 Fälle). Da nicht alle Todesfälle infolge einer Anaphylaxie erkannt werden, ist davon auszugehen, dass die realen Todesfallzahlen wahrscheinlich um den Faktor 10 bis 50 höher liegen.


Wodurch werden anaphylaktische Reaktionen laut Anaphylaxie Register am häufigsten ausgelöst?

Es gibt leichte Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern in Bezug auf die Häufigkeit der Auslöser anaphylaktischer Reaktionen. Bei den Erwachsenen werden anaphylaktische Reaktionen häufiger durch Insektengifte ausgelöst, bei Kindern überwiegen Nahrungsmittel. Allerdings haben wir mit Hilfe der Meldungen von Notärzten im Berliner Raum gesehen, dass es auch bei Erwachsenen sehr häufig zu schweren Anaphylaxien durch Nahrungsmittel kommt.  

Innerhalb der Nahrungsmittel stehen bei den Kindern Erdnüsse, Haselnüsse und Kuhmilch als Auslöser allergischer Schockreaktionen an erster Stelle. Bei Erwachsenen wird ein Allergischer Schock eher durch Weizen, Sellerie oder Krustentiere ausgelöst.

Neben Nahrungsmitteln können auch Insektengifte schwere allergische Reaktionen auslösen - Hornissen, Bienen und Wespen stehen hier an erster Stelle. Bei Kindern sehen wir allerdings, wenn sie auf Insektengift reagieren, häufiger als bei Erwachsenen schwere allergische Reaktionen auf Bienengift als auf Wespengift.

Medikamente sind eine weitere wichtige Gruppe unter den Auslösern schwerer anaphylaktischer Reaktionen. Bei Erwachsenen stehen Analgetika und Antibiotika an erster Stelle der Auslöser. Durch das Register hat sich jedoch gezeigt, dass auch die PPH (Protonenpumpen-Inhibitoren) schwere anaphylaktische Reaktionen auslösen können. Diese Medikamente dienen u.a. zur Behandlung von Sodbrennen und sind mittlerweile als sogenannte OTC-Produkte (over the counter-Produkte) frei verkäuflich, ohne dass eine ärztliche Verordnung benötigt wird. Auch Röntgenkontrastmittel und Muskelrelaxanzien spielen eine Rolle als Auslöser eines anaphylaktischen Schocks.

Wie schnell nach Allergenkontakt können schwere anaphylaktische Reaktionen auftreten? Welche Erkenntnisse ergeben sich aus Ihrem Anaphylaxie Register?

Bei 48 Prozent der Registerfälle entwickeln sich die Symptome innerhalb von 10 Minuten nach Allergenkontakt. Dies macht deutlich wie klein das zur Verfügung stehende Zeitfenster ist, um eine Reaktion zu behandeln. Insbesondere bei Insektengift- und Nahrungsmittelallergikern sind die Zeiten bis zum Auftreten der Reaktion sehr kurz.

Schwere allergische Reaktionen, die zwei Stunden nach Allergenkontakt auftreten, sind seltener – dies tritt häufiger bei Allergien auf Medikamente auf. Dennoch können bei jeder Allergie schwere Reaktionen auch verzögert auftreten. Deshalb ist es wichtig, dass z. B. Provokationstestungen mit Medikamenten stationär erfolgen, wo Patienten nach einer Exposition bis zu 24 Stunden beobachtet werden.

Wie häufig treten schwere anaphylaktische Reaktionen wiederholt auf?

Bei 29 Prozent der im Anaphylaxie Register erfassten Patienten traten schwere Reaktionen wiederholt auf. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn Nahrungsmittelreaktionen der Auslöser der anaphylaktischen Reaktion waren. Es ist deshalb sehr wichtig, dass die betroffenen Patienten Schulungen erhalten und mit einer Notfallmedikation, die einen Adrenalin Autoinjektor beinhalten sollte, ausgestattet werden.


Wie sieht die Versorgung der Anaphylaxie-Patienten in Deutschland aus, zum einen im Akutfall und zum anderen in Bezug auf die Prävention?

Bei einen akuten schweren allergischen Schock ist gemäß der Europäischen Leitlinie eine Behandlung mit Adrenalin intramuskulär die erste Wahl. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Patienten respiratorische und kardiovaskuläre Symptome zeigen, d.h. wenn die Atmung und das Herz-Kreislauf-System betroffen sind.

Aus dem Register ergibt sich hier leider ein ernüchterndes Bild. Es zeigt sich, dass bei der Behandlung von Patienten mit schweren allergischen Schockreaktionen nicht Adrenalin, sondern Antihistaminika und Kortikosteroide an erster Stelle stehen. Das bedeutet, dass diese Patienten nicht leitliniengerecht versorgt. Die Daten von 2007 bis 2012 zeigen, dass sich daran in den letzten Jahren auch nichts geändert hat.

In Bezug auf die Prävention wurde in der Europäischen Leitlinie klar definiert, welche Patienten einen Adrenalin Autoinjektor erhalten sollten. Dazu gehören zunächst alle Patienten, die bereits einen anaphylaktischen Schock durchgemacht haben, Patienten mit einem instabilen Asthma, Mastozytose-Patienten und Insektengiftallergiker zu Beginn einer spezifischen Immuntherapie (SIT).  

Aus dem Anaphylaxie Register geht jedoch hervor, dass nur 25 Prozent der Patienten, die zum wiederholten Male einen schweren anaphylaktischen Schock erlitten, einen Adrenalin Autoinjektor verordnet bekommen hatten. Auch in Bezug auf die Prävention ist es Ziel, Anaphylaxie Patienten zukünftig leitliniengerecht zu behandeln und optimal zu versorgen.

Ein Ziel Ihres Anaphylaxie Registers ist es, das Bewusstsein bzw. die Aufmerksamkeit für das Krankheitsbild Anaphylaxie bei Patienten und Ärzten bzw. in der Öffentlichkeit insgesamt  zu steigern. Wie bewerten Sie aus aktueller Sicht den Effekt? Welche Maßnahmen planen Sie für die Zukunft?

Wir können resümieren, dass unsere Arbeiten bislang maßgeblich dazu beigetragen haben, dass das Thema Anaphylaxie nicht nur auf Fachtagungen, sondern auch in den Medien allgemein verstärkt präsent ist. In der Zukunft planen wir, das Anaphylaxie-Register auf weitere europäische Staaten auszudehnen, um länderspezifische Vergleiche durchführen zu können. Darüber hinaus haben wir mit Forschungsarbeiten begonnen, die zum Ziel haben, die Ursachen und grundlegenden Mechanismen der Anaphylaxie besser zu verstehen, um beispielsweise Personen, die ein erhöhtes Anaphylaxie-Risiko haben, frühzeitig zu erkennen.

Frau Prof. Worm, herzlichen Dank für dieses Interview!

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