Zöliakie

Die Zöliakie ist eine seltene Erkrankung. Schätzungen gehen davon aus, dass in der westlichen Welt ca. 0,8 Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Allerdings wird die Zöliakie auch nicht immer erkannt, so dass man von einer hohen Dunkelziffer ausgeht. Was genau ist Zöliakie und was weiß man über die Ursachen? Wie zeigen sich die Symptome? Wie wird die Diagnose gestellt und welche Therapien gibt es?

 

 

Die Zöliakie, früher auch Sprue genannt, ist eine chronisch entzündliche Darmerkrankung und gehört zu den Autoimmunerkrankungen. Manchmal wird Zöliakie auch als „Glutenunverträglichkeit“ bezeichnet. Zöliakie bedeutet, dass der Darm auf die Nahrungsaufnahme von Gluten mit Beschwerden reagiert. Unter Gluten versteht man ein Getreideeiweiß, das Klebereiweiß, das in Weizen, aber auch in diversen anderen Getreidesorten vorkommt

Gluten ist u.a. in den folgenden Getreidesorten enthalten, bzw. auch in allen Produkten, die aus diesen Getreidemehlen hergestellt werden:

  • Weizen
  • Roggen
  • Dinkel
  • Gerste
  • Grünkern
  • Hafer
  • Emmer
  • Einkorn
  • Kamut
  • Triticale

Wiki Zöliakie

Was ist die Ursache für Zöliakie?

Vollständig bekannt sind die Ursachen für Zöliakie nicht. Allerdings wird hier viel geforscht und so mehren sich die Erkenntnisse. Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan erklärt:

„Zöliakie gehört zu den Autoimmunerkrankungen und man weiß, dass hier die Vererbung eine Rolle spielt. Ebenso ist bekannt, dass Autoimmunerkrankungen vergesellschaftet auftreten können, d.h. es bestehen bei einem Patienten gleichzeitig mehrere Autoimmunerkrankungen. In manchen Familien scheint sich dieses Phänomen zu häufen.“

Autoimmunerkrankungen: Wann kommt es zu gehäuftem Auftreten in Familien?

Allerdings steht fest: Bei der Zöliakie spielt auch die Genetik eine Rolle. Haben die Eltern eine Zöliakie, besteht auch für die Kinder ein Risiko. So berichtet Prof. K.P. Zimmer:

„Bei der Zöliakie haben die Erbmerkmale HLA-DQ2 und DQ8 den stärksten Effekt – sie sind zu etwa 10 Prozent für die Vererbung von Zöliakie verantwortlich. Zwar vermutet man, dass bei der Zöliakie auch andere Gendefekte eine Rolle spielen, allerdings nicht in gleichem Maße wie HLA-DQ2 und DQ8.“

Zöliakie-Diagnose: Wozu braucht man den HLA-DQ2 und den HLA-DQ8-Test?

Wie häufig ist Zöliakie?

Zöliakie gehört nicht zu den häufigen Erkrankungen. In der westlichen Welt gehen Schätzungen von ca. 0,8 Prozent der Bevölkerung aus. Im Video „Zöliakie: Häufigkeit, Ursachen, mögliche Folgen“ erläutert Dr. Yvonne Braun, was man aktuell dazu weiß.

Was ist eine refraktäre Zöliakie?

Die refraktäre Zöliakie oder auch „refractory celiac disease“ (RCD) ist eine Komplikation der Zöliakie. Bei diesen Patienten kommt es trotz Einhaltung der glutenfreien Diät zu Symptomen. Dr. med. Michael Schumann erklärt:

„Wir gehen davon aus, dass sich die refraktäre Zöliakie aus der regulären Zöliakie entwickelt. In der Praxis kommt es jedoch vor, dass Patienten, die bei der Erstdiagnose mit einer regulären Zöliakie diagnostiziert wurden, bereits refraktär sind. Das zeigt sich dann daran, dass sich die Patienten nach der Diagnose der vermeintlichen regulären Zöliakie, trotz strikter glutenfreier Diät auch nach einem halben Jahr klinisch nicht verbessern, d.h. weiter über die gleichen Symptome klagen. In diesen Fällen stellt sich dann heraus, dass es sich eigentlich bereits bei der Erstdiagnose um eine refraktäre Zöliakie gehandelt hat Häufiger sind jedoch die Fälle, in denen der Patient bereits seit längerer Zeit eine Zöliakie hatte, zunächst auch auf die glutenfreie Diät gut ansprach und weder Durchfälle noch ein Malabsorptions-Syndrom hatte. Im Verlauf wird der Patient dann jedoch, trotz glutenfreier Diät, refraktär – scheinbar aus dem Nichts.“

Refraktäre Zöliakie (RCD): Ursachen, Risikofaktoren, Genetik

Dermatitis herpetiformis Duhring - eine Sonderform der Zöliakie

"Chamäleon der Gastroenterologie" – so nennen Mediziner die Zöliakie. Individuell sehr unterschiedliche Symptome und eine ganze Reihe von Erkrankungen, die mit der Zöliakie einhergehen können, u.a. auch die Dermatitis herpetiformis Duhring, auch Morbus Duhring genannt, verhalfen ihr zu dieser Bezeichnung. Die Folge: Viel zu oft bleibt die Zöliakie unerkannt! Professor Dr. med. Andreas Stallmach erklärt:

„Der Morbus Duhring ist eine chronische blasenbildende Hauterkrankung. Zunächst bemerken die Patienten einen starken Juckreiz und es bilden sich kleine Pickel oder Pusteln, die dann in Blasen übergehen. Das Hautbild verschlimmert sich und kann sich auch auf die Extremitäten, den Rücken oder im Genitalbereich ausdehnen.

Die Dermatitis herpetiformis Duhring ist allerdings eine sehr seltene Erkrankung. In Deutschland gehen wir von einem Patienten mit Morbus Duhring auf ca. 1 Million Einwohner aus. In einigen Ländern Europas kommt die Erkrankung allerdings wesentlich häufiger vor. Dazu gehören z.B. Skandinavien, England, Schottland und insbesondere Irland. Die Inzidenz, d.h. die Häufigkeit, mit der die Erkrankung auftritt, liegt dort bei 1 zu 100.000 bis 1 zu 50.000. Für eine Stadt wie Berlin mit 4,5 Millionen Einwohnern heißt das, dass zwischen 4 und 10 Patienten einen Morbus Duhring haben. Man kann sich also ausrechnen, wie oft ein Berliner Hautarzt in seinem Leben einen solchen Patienten zu sehen bekommt.“

Dermatitis herpetiformis Duhring - eine Sonderform der Zöliakie  

Wie sehen bei Zöliakie die Symptome aus?

Die Symptome der Zöliakie sind oft unspezifisch und leicht mit den Symptomen von Nahrungsmittelallergien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu verwechseln. Die richtige Diagnose ist deshalb entscheidend. Dr. Stephanie Baas erläutert:

„Zunächst muss man sagen, dass die meisten Zöliakie-Patienten nur minimale Beschwerden haben und oft auch nur einzelne Symptome zeigen. Im Magen-Darm-Bereich kann sich die Zöliakie durch Beschwerden wie Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfungen Blähungen, Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit und das Gefühl von Müdigkeit und Schlappheit bemerkbar machen.

Häufig leiden Zöliakie-Betroffene aber nicht an diesen typischen Beschwerden. Vielmehr leiden Menschen mit Zöliakie oft unter Abgeschlagenheit und Nährstoffmangelerscheinungen und weisen Defizite an Eisen, Zink, Folsäure, Kalzium und Vitamin D. Besteht ein Zinkmangel kann es auch zu Hauterkrankungen kommen, z.B. zu Exanthemen (Hautausschläge). Kalziummangel und Vitamin D-Mangel können zu einer frühzeitigen Osteoporose führen. Der Mangel an Folsäure kann sich durch eine verminderte Bildung von weißen Blutkörperchen bemerkbar machen oder, bei werdenden Müttern, durch ein Spina bifida beim ungeborenen Kind. Auch erhöhte Leberwerte können ein Zeichen für eine Zöliakie sein.“

Zöliakie: Wie erkennt man die Symptome und wie erfolgt die Diagnose?

Extraintestinale Symptome bei Zöliakie

Zwar denken Viele bei Zöliakie zuerst an Bauchbeschwerden, es gibt aber auch extraitestinale Symptome.

„Weitere Symptome zeigen sich in den sogenannten "extraintestinalen Manifestationen". Darunter versteht man die Manifestationen der Zöliakie, die außerhalb des Magen-Darm-Traktes zu finden sind und die nicht auf Nährstoffdefizite zurückzuführen sind. Zu diesen extraintestinalen Manifestationen gehören z.B. gynäkologische Probleme wie Infertilität, Fehlgeburten, Frühgeburten und Zyklusstörungen. Eine Zöliakie kann aber auch neurologische Probleme, Depressionen, Migräne, die erwähnten Leberwerterhöhungen oder eine Dermatitis herpetiformis Duhring verursachen.“

Zöliakie: Wie erkennt man die Symptome und wie erfolgt die Diagnose?

Zöliakie und psychische Störungen wie Depressionen, Angststörungen, Panikattacken und Burnout

Auch psychische Störungen gehören bei Zöliakie zu den extraintestinalen Symptomen. So betont Prof. Dr. med. Yurdagül Zopf:

„Es wird zunehmend deutlich, dass eine Assoziation zwischen Zöliakie, Glutensensitivität und Symptomen wie Depressionen, Angststörungen, Panikattacken und Burnout vorliegen muss. Insbesondere im letzten Jahr häufen sich bei uns die Zuweisungen aus der Psychiatrie. Z.B. litt eine meiner Patientinnen, eine junge Frau, unter schwersten Panikattacken. Nach einer Ernährungsumstellung - und hier ging es hauptsächlich um die Getreideanteile – hörten die Panikattacken auf.“

Zöliakie – Glutensensitivität: Es gibt auch extraintestinale Symptome!

Zöliakie: Depressionen und Ängste - was hilft den Patienten?

Hinzukommen können bei der Zöliakie neurologische Erkrankungen, wie Dr. Stephanie Baas ergänzt:

„Auch andere Organsysteme können Manifestationen der Zöliakie zeigen, allerdings sind diese seltener. Leider treten auch, trotz guter Diätführung, bei manchen Zöliakiebetroffenen neurologische Probleme auf, wobei deren Entstehung bisher noch nicht gut untersucht wurde.“

Zöliakie: Wie erkennt man die Symptome und wie erfolgt die Diagnose?

Zu den Symptomen und der Diagnose bei Zöliakie nimmt Dr. Yvonne Braun im Video Stellung:

Was ist anders bei Zöliakie beim Kind?

15 Prozent aller Kinder in Deutschland sind chronisch erkrankt, davon 1 Prozent an Zöliakie. Die Adhärenz zur glutenfreien Diät ist für diese Kinder die wichtigste Therapie, und diese liegt bei kindlicher Zöliakie bis zur Pubertät bei ca. 60 Prozent. Nach der Pubertät geht man sogar bei klassischer Zöliakie von weniger als 40 Prozent aus. Eine wichtige Ursache für die geringe Adhärenz zur glutenfreien Diät liegt in psychosozialen Fragestellungen.

Zahlreiche Gründe können bei Kindern und Jugendlichen dazu führen, dass die Zöliakie-Diät nicht eingehalten wird. Univ.-Prof. Dr. K.-P. Zimmer zählt auf:

„Für das „Nicht-Einhalten“ der glutenfreien Diät zöliakiekranker Kinder gibt es viele Gründe. Manchmal haben die Eltern nicht die Zeit, das glutenfreie Kochen umzusetzen.

Auch wenn Kinder aufgrund ihrer Zöliakie in der Schule diskriminiert werden, kann dies zu Diätfehlern führen. Es kommt durchaus vor, dass es gesunde Kinder ausnutzen, wenn ein Kind ein Handicap hat und nicht jedes von Zöliakie betroffene Kind hat das Selbstbewusstsein auf glutenfreier Kost zu bestehen und eben nicht das „normale“ Brot zu essen. Diese Kinder essen glutenhaltige Speisen, weil sie sich nicht „outen“ wollen. Bei einer hohen Anzahl von Fehltagen in der Schule und Probleme bei bestimmten Fächern sollte der Arzt deshalb unbedingt nachhaken, wo genau das Problem liegt.

Eine weitere recht häufige Ursache für mangelnde Adhärenz bei der Zöliakie-Diät liegt in familiären Problemen. Wenn die Eltern sich oft streiten oder sich getrennt haben, wenn das Kind sich plötzlich mit dem Leben in einer „Patchworkfamilie“ konfrontiert sieht, oder wenn es zu Unstimmigkeiten mit dem neuen Lebenspartner eines Elternteils kommt, kann sich dies durchaus auf die Diättreue zöliakiekranker Kinder auswirken. Nicht selten zerbrechen Ehen sogar an der unheilbaren Erkrankung des Kindes, insbesondere dann, wenn die Beziehung bereits vor der Zöliakie-Diagnose eher angespannt war. Wenn es dann noch Streit um das Sorgerecht gibt, stehen die Kinder „zwischen den Fronten“ und die Therapieadhärenz wird immer schwieriger. Manchmal nutzen Kinder dann auch die Erkrankung, um die Aufmerksamkeit der Eltern zu gewinnen.

Ein sehr wichtiger Faktor für die Therapietreue bei Zöliakie-Kindern ist die Akzeptanz der Erkrankung. Die Frage ist: Inwieweit wurde es tatsächlich akzeptiert, dass das Kind eine Zöliakie hat und damit eine lebenslang bestehende chronische Erkrankung? Haben das Kind, aber auch die Eltern, diese Tatsache nicht akzeptiert, ist oft auch die Compliance zur glutenfreien Diät nicht gut, insbesondere dann, wenn das Kind nur leichte Zöliakie-Symptome hat.

Das Ausmaß der Symptome ist übrigens auch ein wichtiger Faktor für die Therapietreue zur glutenfreien Kost. Leidet das Kind sehr stark unter der Zöliakie, ist es schwach, untergewichtig, hat Wachstumsstörungen und starke Durchfälle, ist die Motivation für eine glutenfreie Diät grundsätzlich größer als bei einem Kind, das kaum Symptome hat und die Auswirkungen der Zöliakie nicht unmittelbar spürt - die Compliance dieser Kinder liegt nur bei ca. 10 bis 20 Prozent. Wenn ein Kind mit starken Symptomen unter der glutenfreien Diät beschwerdefrei leben kann, ist dies hingegen sowohl für das Kind als auch für die Familie sehr motivierend.“

Kindliche Zöliakie, Adhärenz zur glutenfreien Diät, psychosoziale Fragen

Ist die Magenspiegelung bei Kindern mit Zöliakie zwingend nötig?

Über Jahrzehnte war eine Magenspiegelung bei Kindern und Jugendlichen unumgänglich, um die Diagnose einer Gluten-Unverträglichkeit (Zöliakie) zu bestätigen. Eine große internationale Studie – koordiniert vom Dr. von Haunerschen Kinderspital des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität München – konnte nun zeigen, dass in über 50 Prozent der Fälle die Diagnose zuverlässig ohne diesen Eingriff gestellt werden kann.

„Die Ergebnisse schaffen endlich Klarheit und bestätigen das von der europäischen Fachgesellschaft vorgeschlagene Vorgehen“, sagt Prof. Koletzko, Leiterin der Kindergastroenterologie im Dr. von Haunerschen Kinderspital am LMU-Klinikum. „Das erspart vielen Kindern die belastende Magenspiegelung mit Narkose. Außerdem führt das zu erheblichen Kosteneinsparungen im Gesundheitssystem, da neben der Magenspiegelung auch die teure genetische Analyse nicht notwendig ist“. Aufgrund der Komplexität und der möglichen Fallstricke bei der Auswertung der Testergebnisse ist spezielles Fachwissen gefragt. Deshalb rät Prof. Sibylle Koletzko betroffenen Familien für die Diagnosestellung (mit und ohne Magenspiegelung) einen Kinder-Gastroenterologen oder einen Kinderarzt mit zusätzlichem Fachwissen für Glutenunverträglichkeit aufzusuchen. Ob auch bei Kindern ohne offensichtliche Symptome oder bei Erwachsenen eine Zöliakie ohne Biopsie sicher diagnostiziert werden kann und mit welchen Kriterien, muss in weiteren Studien abgeklärt werden.

Zöliakie-Diagnose bei Kindern - ohne Magenspiegelung!

Wenn ein Kind mit Zöliakie in die KiTa oder Schule kommt, was tun?

Öffentliche Einrichtungen wie Krippe, Kita, Schule und Hort sind nur sehr selten auf die Anforderungen von Kindern mit Zöliakie eingerichtet. Auch haben Eltern manchmal den Eindruck, dass die Einhaltung bestimmter Maßnahmen in diesen Einrichtungen nicht verlässlich funktioniert. Dann besteht schnell die Gefahr, dass aus dem Versuch, dem Kind eine glutenfreie Umgebung zu schaffen, ein Kampf gegen Windmühlen wird. Das muss nicht so sein. Mit viel Eigeninitiative und dem Eindenken in die Prozesse öffentlicher Einrichtungen hat Carina Friedrich, Mutter einer Tochter mit Zöliakie und Mitglied der Facebook Gruppe Zöliakie-Austausch, es geschafft, ihre Tochter "glutenfrei" durch Krippe, Kita, Schule und Hort zu bringen.

Mit Zöliakie in Krippe, Kita, Schule und Hort? So funktioniert’s!  

Welche weiteren Erkrankungen können bei Zöliakie auftreten?

Bleibt die Zöliakie unbehandelt, kann es zu weiteren Erkrankungen kommen. Wie Dr. Stephanie Baas erklärt, kann man die Folgen, die sich aus dem Entzündungsprozess ergeben, prinzipiell in vier Gruppen einteilen:

„In die erste Gruppe fallen die Nährstoffdefizite bzw. die daraus resultierenden Folgen. Hier sind vor allem die Nährstoffe zu nennen, die im oberen Dünndarm aufgenommen werden, wie Eisen, Zink, Folsäure, Kalzium und Vitamin D. Damit verbunden sind z.B. bei Zinkmangel Hauterkrankungen wie z.B. Exantheme (Hautausschläge), bei Kalziummangel und Vitamin D-Mangel kann es zu Osteoporose kommen. Ein Mangel an Folsäure kann sich durch eine verminderte Bildung von weißen Blutkörperchen bemerkbar machen. Aber, und das ist gerade auch für Frauen im gebärfähigen Alter wichtig, bei Folsäuremangel der Mutter tritt beim ungeborenen Kind auch Spina bifida gehäuft auf – hier verschließt sich die Wirbelsäule des Embryos nicht richtig.

In die zweite Gruppe gehören die extraintestinalen Manifestationen. Damit sind die negativen Auswirkungen gemeint, die außerhalb des Magen-Darm-Traktes liegen und nicht direkt durch Nährstoffdefizite verursacht werden. Hier sind gynäkologische Probleme wie Infertilität, Fehlgeburten, Frühgeburten und Zyklusstörungen möglich. Es kann aber auch zu neurologischen Problemen, Depressionen, Migräne, Leberwerterhöhungen oder einer Dermatitis herpetiformis During kommen. Auch an anderen Organsystemen können Manifestationen der Zöliakie auftreten, diese sind allerdings nicht ganz so häufig. Leider sehen wir auch trotz guter Diätführung bei manchen Zöliakie-betroffenen neurologische Probleme, die von der Zöliakie herrühren. Ihre Entstehung ist bisher aber noch nicht gut untersucht.

Der dritte Komplex wird aktuell noch diskutiert. Man vermutet, dass eine über viele Jahre unbehandelte Zöliakie dazu führen kann, dass es eher zur Ausbildung weiterer Autoimmunerkrankungen kommt. Eine Studie scheint zu zeigen, dass es bei Kindern bei denen eine Zöliakie zu einem frühen Zeitpunkt diagnostiziert wird, im späteren Leben weniger häufig zu weiteren Autoimmunerkrankungen kommt als bei Erwachsenen, deren Zöliakie erst sehr spät erkannt wurde. Allerdings wird diese Aussage durch andere Studien nicht in dieser Form bestätigt – hier gibt es also keine eindeutige Aussage. Es ist aber schon so, dass Zöliakiepatienten zusätzlich andere Autoimmunerkrankungen entwickeln können. In erster Linie gehen Schilddrüsenerkrankungen wie Hashimoto und Morbus Basedow oder Diabetes Typ 1 mit einer Zöliakie einher. Auch die chronisch entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn kommt in Verbindung mit Zöliakie etwas häufiger vor, jedoch nicht in gleichem Maße wie die Schilddrüsenerkrankungen und die Diabetes. Auch andere Autoimmunerkrankungen wie Leberautoimmunerkrankungen, Colitis Ulcerosa, Morbus Addison (autoimmunbedingte Nebenniereninsuffizienz), Vitiligo oder die Alopezia areata (kreisrunde Haarausfall) treten in Verbindung mit der Zöliakie durchaus häufiger auf.

Das vierte Gebiet der negativen Begleiterscheinungen macht ganz besonders vielen Zöliakie-Patienten Sorgen - die Ausbildung von Tumoren bei einer über lange Jahre unbehandelten Zöliakie. Hier sind deshalb auch eher Patienten im höheren Lebensalter betroffen, die erst im Alter von 50 bis 60 Jahren diagnostiziert wurden. Tumore sind in der Folge von Zöliakie zwar sehr selten, aber sie kommen vor.“

Zöliakie und Folgeerkrankungen: Womit muss man rechnen? Was ist selten?

Zöliakie und weitere Autoimmunerkrankungen

Bei der Zöliakie kommt es sehr häufig zu weiteren Autoimmunerkrankungen. Studien haben gezeigt, dass bei den erwachsenen Zöliakie-Patienten ein Drittel von einer weiteren Autoimmunerkrankung betroffen ist. Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan sagt zum Zusammenhang von Zöliakie und anderen Autoimmunerkrankungen:

„Dafür haben wir ganze Familien untersucht, die eine besondere Veranlagung haben, neben der Zöliakie noch andere Autoimmunerkrankungen zu entwickeln. In manchen Fällen treten sogar zwei bis drei Autoimmunerkrankungen gleichzeitig auf. In unserer Studie haben wir uns besonders auf die Familienmitglieder konzentriert, die neben der Zöliakie sowohl eine Typ-1-Diabetes als auch eine autoimmune Schilddrüsenerkrankung und gegebenenfalls noch eine weitere Autoimmunerkrankung hatten.

Die wichtigsten Autoimmunerkrankungen, die auch in Bezug auf die Anzahl der Erkrankten einen Schwerpunkt bilden, sind der klassische insulinabhängige Typ-1-Diabetes und die Schilddrüsen-Autoimmunerkrankungen. Dazu gehören die Überfunktion der Schilddrüse, Morbus Basedow und die Unterfunktion der Schilddrüse, Hashimoto-Thyreoiditis.

Es ist schon lange bekannt, dass es zu einer Häufung dieser Autoimmunerkrankungen bei Zöliakie kommen kann. Umgekehrt findet man bei Patienten mit Typ-1-Diabetes, Morbus Basedow und Hashimoto-Thyreoiditis auch häufig eine Zöliakie. Jedoch ist das gleichzeitige Vorkommen mehrerer Autoimmunerkrankungen seltener.“

Autoimmunerkrankungen: Wann kommt es zu gehäuftem Auftreten in Familien?

Zöliakie – Hashimoto – Morbus Basedow: Welche Zusammenhänge gibt es?

Wie sieht die Diagnose bei Zöliakie aus?

Zur Diagnose von Zöliakie erklärt Dr. Stephanie Baas:

„Beim Arzt wird in der Regel wird zuerst ein Bluttest gemacht, der Tranglutaminase-IgA-Antikörpertest. Es gibt auch noch andere Testverfahren, die aber nicht so häufig eingesetzt werden. Der nächste Schritt wäre dann eine Magenspiegelung, bei der man mehrere Gewebeproben aus dem Zwölffingerdarm entnimmt.“

Zöliakie: Wie erkennt man die Symptome und wie erfolgt die Diagnose?

Zöliakie-Diagnose mit der Dünndarmbiopsie

„Die Dünndarmbiopsie, auch Duodenalbiopsie genannt, ist eine Probenentnahme, hauptsächlich aus dem Zwölffingerdarm, auf Latein Duodenum genannt. Die Biopsieentnahme erfolgt im Rahmen einer Magenspiegelung. Sie erfolgt immer dann, wenn der Verdacht auf eine Zöliakie besteht. Aber auch bei Verdacht auf andere Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes bedient man sich der Dünndarmbiopsie. Dazu gehört zum Beispiel Morbus Crohn, da man weiß, dass diese Erkrankung alle Abschnitte des Darms befallen kann, von der Mundschleimhaut bis zum After. Eine Dünndarmbiopsie wird in der Regel unter Sedierung durchgeführt, also einer milden Narkose, bei der der Patient schläft.“

Zöliakie: Was passiert bei einer Dünndarmbiopsie?

Zöliakie Test auf die Erbmerkmale HLA-DQ2 und DQ8

Bei der Zöliakie spielt auch die Genetik eine Rolle. Haben die Eltern eine Zöliakie, besteht auch für die Kinder ein Risiko, eine Zöliakie zu entwickeln. Univ.-Prof. Dr. K.-P. Zimmer erklärt:

„Das 10prozentige Vererbungsrisiko bezieht sich entweder auf einen Gendefekt bei DQ2 oder bei DQ8. Liegen beide Erbmerkmale vor, liegt das Vererbungs-Risiko sogar bei über 10 Prozent bis 15 Prozent!

30 Prozent der Deutschen haben ein solches Erbmerkmal, aber nur ein kleiner Teil dieses Personenkreises entwickelt eine Zöliakie. Es bedeutet also nicht, dass man eine Zöliakie hat, wenn man das Erbmerkmal nachweisen kann.

Umgekehrt, wenn man dieses Erbmerkmal nicht hat, ist es extrem unwahrscheinlich, dass man eine Zöliakie entwickelt. Deshalb benutzt man dieses Erbmerkmal, um die Erkrankung auszuschließen und nicht um sie nachzuweisen.

Bei Patienten mit Diabetes ist der HLA-DQ2/DQ8-Test ein wichtiger Test, denn Diabetiker haben ein erhöhtes Zöliakie-Risiko. Zwischen 5 und 10 Prozent der Diabetiker haben auch Zöliakie. Ist der DQ2/DQ8-Test aber negativ, kann man davon ausgehen, dass es nicht zusätzlich zu einer Zöliakie kommt.“

Zöliakie-Diagnose: Wozu braucht man den HLA-DQ2 und den HLA-DQ8-Test?

Was bedeuten die Marsh-Kriterien bei Zöliakie?

Im Zusammenhang mit Zöliakie hört man immer wieder von den sogenannten „Marsh-Kriterien“. Welche Rolle sie bei der Diagnose spielen und was sie aussagen, erklärt Dr. Stephanie Baas:

„Die Marsh-Kriterien beschreiben Auffälligkeiten an der Darmschleimhaut, die man im Zusammenhang mit einer Zöliakie beobachtet. Dafür werden der Darmschleimhaut Gewebeproben entnommen.

Marsh I beschreibt das sogenannte infiltrative Stadium. Hier sieht man zunächst nur ein vermehrtes Einströmen von intraepithelialen Lymphozyten (IEL), das heißt, von weißen Blutkörperchen in der Deckschicht der Schleimhaut. Gerade eine besonders hohe Zahl dieser intraepithelialen Lymphozyten ist sehr typisch für die Zöliakie. Häufig liegt der Wert bei über 60 in Bezug auf 100 Schleimhautzellen, wobei die Schleimhaut noch normal strukturiert ist. Das Marsh I-Stadium gilt deshalb noch nicht als eindeutiger Nachweis einer Zöliakie.

Das zweite Stadium der Zöliakie ist das hyperplastische Stadium. In diesem Stadium beginnt der Schleimhautumbau. Es kommt zu einer Verlängerung bzw. Versteifung der Krypten, das heißt sie hyperplasieren. So versucht der Körper in den Krypten, in denen die neuen Zellen gebildet werden, vermehrt Zellen nachzuproduzieren. Dadurch kommt es zu diesen beschriebenen Veränderungen.

Das Marsh II-Stadium findet man bei Patienten allerdings nur selten, wahrscheinlich handelt es sich um ein Übergangsstadium, das zum Teil auch nur für Randbereiche beschrieben wird.

Ab dem Marsh-Stadium III a bis c beginnt das destruktive Stadium, mit den verschiedenen Formen der Zottenverkürzung. Dieses Stadium findet man bei Zöliakie Patienten am häufigsten, genau wie das Marsh-Stadium I.

Im Marsh-Stadium III a sind die Darmzotten etwas kürzer und breiter als normal, beim Stadium Marsh III b findet man stummelförmige Zotten und bei Marsh III c sind die Zotten der Darmschleimhaut komplett abgeflacht. Die tiefen Krypten zwischen den ehemaligen Zotten bleiben allerdings bestehen, das heißt die Schleimhaut des Darmes ist nicht gänzlich flach, sondern von Vertiefungen durchzogen.“

Zöliakie: Marsh-Kriterien, was ist das? Was sagen sie aus?

Wie man bei der Diagnose von Zöliakie vorgeht und warum man im Vorfeld auf keinen Fall Gluten meiden sollte, erklärt Dr. Yvonne Braun im Video:

 ßßßßßßßßßßßßßßßßßßß

Marsh-Kriterien
Marsh 0                            Durch glutenfreie Nahrung regenerierte Darmschleimhaut
Marsh I                             Infiltratives Stadium
Marsh II                            Hyperplastisches Stadium
Marsh III a – c                  Destruktives Stadium
Marsh IV                          Vernarbung der Schleimhaut
Quelle: Dr. Stephanie Baas, DZG, www.dzg-online.de

 

Gibt es Schnelltests für Zöliakie?

Zunehmend werden zur Diagnose auch Schnelltests angeboten. Davor warnt allerdings die Deutsche Zöliakie-Gesellschaft e.V. (DZG), da diese Tests aus Apotheken oder Onlineshops keine Sicherheit bieten. Die DZG rät Betroffenen daher von der Verwendung von Schnelltests für Zuhause ab. Bei Beschwerden unklarer Herkunft sollte an erster Stelle ärztlicher Rat eingeholt werden.

Zöliakie: Keine sichere Diagnose durch Schnelltests 

Wie sieht bei Zöliakie die Therapie aus?

Menschen, die unter einer Zöliakie leiden, müssen lebenslang strengste Diät halten und selbst die Aufnahme von Spuren von Gluten muss vermieden werden. Wenn dies gelingt, ist ein beschwerdefreies Leben durchaus möglich. Neben einer großen Auswahl von Nahrungsmitteln, die von Natur aus glutenfrei sind, gibt es eine ganze Reihe von glutenfreien Produkten, z.B. glutenfreie Brote und Teigwaren.

Bei einigen Produkten, von denen man dies nicht annimmt, kann jedoch Gluten enthalten sein. Aufpassen sollte man deshalb u.a. bei:

  • Pommes Frites
  • Kroketten
  • Kartoffelpuffer
  • Wurst, Würstchen
  • Frischkäsezubereitungen mit Kräutern
  • Eis
  • Nuss-Nougat-Cremes
  • Milchprodukten mit Fruchtanteil
  • Fettreduzierten Produkten
  • Salzigen Snacks wie Chips, Flips etc.
  • Ketchup, Senf usw.
  • Schokolade
  • Gewürzmischungen

Wiki Zöliakie

Wie vermeidet man bei Zöliakie die Kontamination?

Ein besonderes Augenmerk sollten Zöliakie-Betroffene auf die Kontamination legen. Da bereits kleinste Spuren starke Beschwerden und Entzündungen hervorrufen können, gehört die Vermeidung von Kontaminationen im eigenen Haushalt zum Alltag zöliakiekranker Menschen. Anett Ebock, DZG, rät:

„Eine 100prozentige Sicherheit gibt es nie. Es ist jedoch schon ein wichtiger Faktor, wie oft die Küchenutensilien wie Lappen, Spülbürsten etc. gewechselt werden, welche Materialien verwendet werden oder ob Einmaltücher genutzt werden. Viele Patienten lösen das Problem indem sie ihre eigenen „glutenfreien“ Küchenutensilien vorhalten und diese z.B. durch Farben oder Aufkleber kennzeichnen. Diese Utensilien werden dann ausschließlich zum Reinigen „glutenfreier“ Kochutensilien genutzt. Man benötigt aber keine separate Spülmaschine.“

Um zu prüfen, wie gut das Einhalten einer glutenfreien Kost gelingt, wird regelmäßig eine Zöliakie-Verlaufskontrolle durchgeführt, bei der die Blutwerte ermittelt werden, insbesondere der Transglutaminase-Antikörper.

Zöliakie: Kontaminationsrisiken im eigenen Haushalt verringern!

Alles über Zöliakie im MeinAllergiePortal Podcast

Im MeinAllergiePortal Podcast „Zöliakie: Die wichtigsten Fakten“ finden Sie eine ausführliche Erklärung zu Zöliakie als Audio:

Oder