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Darmbarriere

Dipl. oec. troph. Ulrike Breunig, Ernährungsberatung und –therapie in München

Welche Rolle spielt die Darmbarriere bei allergischen Erkrankungen?

Die Darmbarriere wird zunehmend im Zusammenhang mit allergischen Erkrankungen genannt und oft ist dann von einer gestörten Darmbarriere die Rede. Welche Mechanismen spielen hier eine Rolle? MeinAllergiePortal sprach mit Dipl. oec. troph. Ulrike Breunig, Ernährungsberatung und –therapie in München über die Funktionen des Darmimmunsystems und die Folgen, wenn die Darmbarriere gestört ist.

Autor: Sabine Jossé M.A.

Interviewpartner: Dipl. oec. troph. Ulrike Breunig

Frau Breunig, im Zusammenhang mit Allergien und Unverträglichkeiten ist häufig von einer gestörten Darmbarriere die Rede – was ist damit gemeint?

Hinter dem Begriff "Darmbarriere" verbirgt sich die Eigenschaft des Darms, sich gegen die Außenwelt abzugrenzen. Die Darmbarriere besteht aus speziellen Darmzellen sowie einem spezifischen und einem unspezifischen Darmimmunsystem. Wenn diese Abwehrmechanismen geschwächt sind, sprechen wir von einer gestörten Darmbarriere, d.h. der Darm wird "undicht". Immer mehr Studien bestätigen den Zusammenhang zwischen einer Funktionsstörung der Darmbarriere und dem Vorliegen bestimmter Erkrankungen. Allerdings ist noch unklar, ob die gestörte Darmbarriere Auslöser oder Folge dieser Erkrankungen ist.

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Wie funktioniert eine gesunde Darmbarriere und was funktioniert nicht, wenn die Darmbarriere gestört ist?

Damit die Darmbarriere gut funktioniert, müssen das Darmimmunsystem, die Mikrobiota – das sind die Darmbakterien und die Ernährung gut zusammenspielen. Wie wichtig das Immunsystem ist, kann man daran erkennen, dass sich über 70 Prozent der Immunzellen im Darm befinden. Dabei spielt die Mikrobiota eine zentrale Rolle, da sie sowohl die Darmzellen als auch das Darmimmunsystem beeinflusst.

Nun ist die Darmwand ein komplexes Gefüge mit widersprüchlichen Aufgaben. Einerseits muss sie Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme ermöglichen, andererseits muss sie das Eindringen von unerwünschten Bakterien und deren Giftstoffe verhindern. Damit das funktioniert, gibt es einen dichten Zellverband, dessen restliche Zwischenräume von undurchlässigen Verbindungen, sogenannten tight junctions, abgedichtet werden. Werden diese tight junctions porös, ist die Barrierefunktion gestört.

Wenn unerwünschte Stoffe über den Darm in den Körper eindringen, wird das Darmimmunsystem aktiviert. Es wird eine Entzündungsreaktion ausgelöst. Die Immunzellen wiederum setzen Botenstoffe frei, welche die Durchlässigkeit der tight junctions weiter erhöhen. So entsteht ein Teufelskreis, da neue Bestandteile von Bakterien und Giftstoffe eintreten und der Prozess sich weiter fortsetzt.

Ist die Darmbarriere bei allen Menschen mit Allergien und Unverträglichkeiten gestört, oder gilt dies nur für bestimmte Krankheitsbilder?

Eine erhöhte Durchlässigkeit des Darms und das in Folge des erhöhten Eindringens von Antigenen aus der Nahrung gilt als Voraussetzung für die Entstehung von Lebensmittelallergien bei Kindern.

Von der Allergieprävention wissen wir, dass eine frühe Auseinandersetzung von Verdauungstrakt und Immunsystem mit der Umwelt wichtig ist, weil beide erst dadurch reifen können. Als Folge dieser Reifung entsteht die orale Toleranz, d.h. das Immunsystem lernt, fremde aber harmlose Stoffe zu tolerieren. Man weiß, dass wenn sich bei Kindern die Entwicklung von bestimmten Immunzellen oder die volle Ausbildung der Darmbarriere verzögert, das Risiko für eine Nahrungsmittelallergie steigt. Umgekehrt besagt die Hygiene-Hypothese, dass eine zu hygienische Lebensweise ein Ausreifen des Darmimmunsystems verhindern kann.

Das bakterielle Ökosystem des Menschen etabliert sich innerhalb der ersten Lebensjahre. Während der Geburt und kurz danach erfolgt die erste bakterielle Besiedlung des vorher sterilen Darms. Bei natürlich geborenen Kindern beginnt die Besiedlung bereits während der Geburt. Durch Kaiserschnitt geborene Kinder dagegen erhalten zunächst eine unnatürliche Darmflora. Einen weiteren besonderen Einfluss auf die Besiedlung der Bakterien im Darm hat die Nahrung. Ob ein Kind gestillt oder mit Flaschennahrung gefüttert wird, lässt sich an der Darmflora erkennen. Baby, die während der ersten vier Lebensmonate ausschließlich gestillt wurden, leiden offenbar seltener an gewissen allergischen Symptomen.

Doch neben den genannten Punkten spielen auch genetische Faktoren eine Rolle. Alle Aspekte greifen ineinander und sind wichtig für die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts in der Darmschleimhaut. Eine Nahrungsmittelallergie entsteht also nie durch nur eine einzelne Ursache.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Grundstein für eine Nahrungsmittelallergie bereits sehr früh gelegt wird.

Gibt es auch andere Erkrankungen, bei denen die gestörte Darmbarriere eine Rolle spielt?

Ja, mit einer gestörten Darmbarriere werden chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, aber auch das Reizdarmsyndrom in Verbindung gebracht.

Man hat bei einem Teil der Reizdarmpatienten Veränderungen in der Zusammensetzung der Mikrobiota gefunden. In Dickdarmbiopsien konnte eine erhöhte Durchlässigkeit als Hinweis auf eine verringerte Barrierefunktion nachgewiesen werden.

Eine zunehmende Zahl an Studien bestätigt auch einen Zusammenhang zur Adipositas. Bei Normalgewichtigen dominiert eine andere Gattung an Darmbakterien als bei Adipösen. Eine solche Verschiebung der Hauptstämme wirkt sich unmittelbar auf den Energiestoffwechsel aus.

Weitere Erkrankungen sind das metabolische Syndrom, Fettlebererkrankungen sowie rheumatische und infektiöse Erkrankungen.

Als mögliche Auslöser einer gestörten Darmbarriere werden Infektionen, Toxine, Nahrungsfaktoren sowie Medikamentenwirkung in Betracht gezogen.

Wie erfolgt die Diagnose bei einer gestörten Darmbarriere?

In der Komplementärmedizin wird beispielsweise Zonulin im Serum als Marker für die Durchlässigkeit der Darmschleimhaut verwendet. Zonulin erhöht sowohl Durchlässigkeit der Darmschleimhautzellen als auch die Durchlässigkeit der tight junctions. Ein erhöhtes Zonulin im Serum scheint auf eine gestörte Darmbarriere oder ein "leaky gut" hinzuweisen.

Zur Messung der Immunabwehr der Darmschleimhaut wird das sogenannte sekretorische IgA im Stuhl ermittelt. Das sIgA ist mitverantwortlich für einen kontrollierten Stofftransport durch die Darmschleimhaut. Verminderte Mengen an sekretorischem IgA gehen oft einher mit erhöhter Schleimhautdurchlässigkeit. Verminderte Konzentrationen an sekretorischem IgA im Stuhl treten auf bei Erkrankungen des allergischen Formenkreises, bei erhöhter Infektanfälligkeit, aber auch bei Darmpilzen.

Was kann man tun, um die Darmbarriere zu stärken? Lässt sich dies dauerhaft erreichen?

Man vermutet, dass man über die Ernährung sowohl die Darmflora als auch das Immunsystem nachhaltig positiv beeinflussen kann. In diesem Zusammenhang stehen Probiotika und Präbiotika immer mehr im Fokus der Wissenschaft.  

Probiotika sind lebende, nicht krank machende Mikroorganismen, die im Vergleich zu Joghurtbakterien widerstandsfähiger gegen die Säure des Magens sind und daher zu einem größeren Anteil lebend in tiefere Darmabschnitte gelangen. Probiotische Bakterienstämme sind erhältlich als probiotische Arzneimittel, als Nahrungsergänzungsmittel oder in Form von probiotischen Lebensmitteln als Zusatz von Joghurt oder Joghurtdrinks. Probiotika haben dann einen Gesundheitseffekt, wenn sie in ausreichender Menge zugeführt werden. Ihre Effekte sind dosisabhängig und stammspezifisch.  

Präbiotika sind Substanzen, die im oberen Verdauungstrakt weder verdaut noch aufgenommen werden können. Erst im Dickdarm werden Sie von den dort ansässigen Bakterien zersetzt. Das führt zu einer veränderten Zusammensetzung der Mikrobiota. Typische Präbiotika sind Inulin z.B. in Schwarzwurzeln, Spargel, Chicoree, Lauch u.a., Pektine z.B. in schwarzen Johannisbeeren, Äpfel, Quitten u.a. oder Galactooligosaccharide z.B. in der Muttermilch. Präbiotika stimulieren das Wachstum der gewünschten Bifidobakterien, in geringem Umfang auch der Laktobazillen. Gleichzeitig wird das Wachstum von unerwünschten Organismen unterdrückt.

Bei manchen Erkrankungen gibt es bereits konkrete Empfehlungen zum Einsatz von Probiotika. Die aktuelle Leitlinie für das Reizdarmsyndrom empfiehlt sechs konkrete Probiotikastämme und setzt diese in Bezug zu dem vorherrschenden Symptom des Reizdarms.

Bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen haben Studienergebnisse gezeigt, dass die körpereigene antibakterielle Aktivität deutlich geringer ist als bei Gesunden, das betrifft das Abwehrsystem der Defensine. Es wurde herausgefunden, dass das probiotische Bakterium Escherichia Coli Nissle das menschliche Beta-Defensin hoch regulieren kann. Dieser Bakterienstamm zeigt präventive Wirkung bei Colitis ulcerosa, indem es einen erneuten Schub verhindern und die Remissionsphase verlängern kann.

Was die Entstehung von Allergien betrifft, so gibt es Hinweise, dass durch den Verzehr probiotischer Milchprodukte in der Schwangerschaft und frühen Kindheit ein Schutz gegenüber allergischen Krankheitsbildern wie Neurodermitis, Heuschnupfen und Asthma aufgebaut werden kann. Allerdings kann man hierfür noch keine generellen Empfehlungen aussprechen.

Bei Laktoseintoleranz ist ein Versuch mit Probiotika durchaus sinnvoll. Die Ergebnisse der bislang vorliegenden Studien sind nicht eindeutig, dennoch können Patienten mit Laktoseintoleranz  probieren, ob Probiotika die Symptome verbessern. Es empfiehlt sich, in der Testphase, probiotische Lebensmittel ohne Laktose oder mit niedrigem Laktosegehalt in den täglichen Speiseplan einzubauen.

Der Einsatz von Probiotika sollte immer auf der Grundlage einer individuell angepassten Ernährung erfolgen.

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Gibt es Maßnahmen, die man ergreifen kann, damit es erst gar nicht zu einer gestörten Darmbarriere kommt?

Um einer gestörten Darmbarriere vorzubeugen, ist es sicher sinnvoll, auf eine gesunde Mikrobiota zu achten. Ein wichtiger Beitrag hierzu stellt eine vollwertige Ernährung dar. Dazu gehören ausreichend Ballaststoffe aus Gemüse, Obst, Getreideprodukte und Hülsenfrüchte. Eine Anpassung der Mikrobiota  findet vor allem über die Kohlenhydrate statt. Sie ermöglichen eine Veränderung vor allem durch bestimmte Ballaststoffe, die man größtenteils in Hülsenfrüchten vorfindet. Weniger Einfluss auf die Bakterienernährung haben Proteine, Aminosäuren oder bestimmte Fette.

Bei dem Verzehr von probiotischen Lebensmitteln handelt es sich nicht um die Prävention von bestimmten Erkrankungen, sondern eher um Prävention im Allgemeinen.

Neben den genannten Punkten wirken sich auch regelmäßige Bewegung und eine seelisch gesunde Lebensweise langfristig positiv auf die Darmgesundheit aus.

Frau Breunig, herzlichen Dank für dieses Interview!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.