Psoriasis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Inwiefern hängen Psoriasis und Erkrankungen des Herz-Kreislauf Systems zusammen? Bildquelle: A.Tsianakas

Psoriasis & Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Wie hoch ist das Risiko?

Psoriasis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, viele sehen hier auf den ersten Blick keinen Zusammenhang. Allerdings hat sich gezeigt, dass Erkrankungen des Herzens bei Patienten mit Schuppenflechte gar nicht so selten sind. Kann Schuppenflechte also aufs Herz gehen? Wie hoch ist das Risiko? Darüber sprach MeinAllergiePortal mit PD Dr. med. Athanasios Tsianakas, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Bad Bentheim.

Autor: Sabine Jossé M.A.

Interviewpartner: PD Dr. med. Athanasios Tsianakas

Herr Privatdozent Tsianakas, wie viele Menschen mit Psoriasis haben auch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung?

Bekannt ist, dass Patienten, die an mittelschwerer bis schwergradiger Psoriasis leiden, ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko haben. In der Summe sind bis zu 40 Prozent der Psoriasis Patienten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen, das konnten unterschiedliche Studien nachweisen.

Welche Erkrankungen gehören zu den kardiovaskulären bzw. den Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Folgende einzelne Erkrankungen gehören zu den Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die bei Psoriasis-Patienten häufiger vorkommen:

  • Bluthochdruck, der auch in eine Herzerkrankung münden kann
  • Angina pectoris, auch als Herzenge bezeichnet, die zu einem Herzinfarkt führen kann (koronare Herzkrankheit, KHK)
  • Hyperlipidämie, das heißt hohe Cholesterinwerte im Blut
  • Diabetes
  • Adipositas
  • Schlaganfall

Das gemeinsame Auftreten der verschiedenen hier aufgeführten Krankheiten nennt man auch Metabolisches Syndrom.

Weitere wichtige Begleiterkrankungen bei Psoriasis sind entzündliche Gelenkserkrankungen wie die Psoriasis-Arthritis und Depressionen.

Welche Rolle spielt der Schweregrad der Psoriasis für das Auftreten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Zahlreiche Studien konnten zeigen: Mit dem Schweregrad der Psoriasis steigt auch die Gefahr, Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln. Das gilt für die mittelschwere bis schwergradige Psoriasis. Für eine leichte Psoriasis hingegen, die nur wenige Areale, wie Ellenbogen oder Knie betrifft, ist der Zusammenhang mit koronaren Herzkrankheiten (KHK) noch nicht ganz so gut belegt.

 

Sehen Sie hier oben links: eine leicht gradige Psoriasis, unten links: eine mittelgradige Psoriasis und rechts: eine schwergradige Psoriasis! Bildquelle: meinallergieportal Sehen Sie hier oben links: eine leicht gradige Psoriasis, unten links: eine mittelgradige Psoriasis und rechts: eine schwergradige Psoriasis! Bildquelle: A. Tsianakas

 

Was ist zuerst da, die Psoriasis oder die koronare Herzerkrankung?

Das ist schwer zu sagen, denn man untersucht die Herzerkrankungen bei Psoriasis-Patienten ja erst dann, wenn beide Erkrankungen sichtbar werden. Das heißt aber auch: Bereits eine sichtbare Psoriasis bedeutet für den Patienten, dass ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen besteht. Aus diesem Grund gehört es zum Standard der Psoriasis Behandlung, Patienten, mit mittelschwerer bis schwerer Schuppenflechte auf mögliche Erkrankungen des Herzens anzusprechen bzw. zu untersuchen. Gibt es erste Anzeichen, werden bestimmte Untersuchungen über die hausärztliche Versorgung veranlasst.

In welchem Alter kommt es bei den Psoriasis-Patienten zu Herz-Kreislauf-Erkrankung?

Bei Patienten, die schon früh in der Kindheit eine Schuppenflechte bekommen, kommt es in der Regel auch schon in sehr jungem Alter zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Heißt das, auch Kinder können im Zusammenhang mit Psoriasis eine Herz-Kreislauf-Erkrankung bekommen?

Ja, auch Kinder mit Psoriasis können schon Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Das ist eine relativ neue Erkenntnis, denn früher glaubte man nicht, dass schon bei Kindern mit Psoriasis deutlich gesteigerte Risiken für diese Begleiterkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems existieren. Heute weiß man, dass wir bei Kindern mit Schuppenflechte alle Begleiterkrankungen sehen, die Erwachse auch haben. Das gilt beispielsweise für Übergewicht, aber auch für Bluthochdruck, Diabetes, zu hohe Cholesterinwerte etc.. Alle Erkrankungen, die wir normalerweise gar nicht mit Kindern in Zusammenhang bringen, sind bei den Psoriasis-Kindern auch schon da. Das Risiko besteht von Anfang an, und auch hier spielt wieder der Schweregrad der Psoriasis eine Rolle.

Gibt es bei Psoriasis und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch einen Unterschied zwischen Männern und Frauen?

Tendenziell sind Männer mit Psoriasis häufiger und auch früher als Frauen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen. Es gibt bei Psoriasis aber auch noch weitere Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die eher in der Lebensführung begründet sind. Dazu gehören zum Beispiel das Rauchen und die Ernährung.

Inwiefern erhöht Rauchen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Psoriasis-Patienten?

Rauchen ist definitiv ein Risiko für Bluthochdruck und auch für koronare Herzkrankheiten wie den Myokardinfarkt (Herzinfarkt). Der Tabakkonsum ist somit ein zusätzliches, aber vermeidbares Risiko. Wir sprechen das bei den Patienten auch offen an, und deshalb gibt es zum Beispiel im Rahmen von Rehabilitationsaufenthalten von Psoriasis-Patienten auch Raucherentwöhnungs-Gruppen.

Welchen Einfluss hat bei Psoriasis die Ernährung auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Ernährung ist ein ganz wichtiges Thema bei Psoriasis, denn die Adipositas, die Fettleibigkeit, kommt nicht von alleine und stellt ein hohes Risiko dar. Oft sind eine Fehlernährung und mangelnde Bewegung die Ursachen, also eine für den Bedarf zu hohe Kalorienzufuhr. Auch Alkohol ist ein negativer Faktor bei Psoriasis.

Wir versuchen, die Psoriasis-Patienten durch Ernährungsprogramme, Ernährungsberatung und Kochkurse zu unterstützen. Wichtig ist, dass regelmäßige Bewegung Teil des Alltags wird. In unseren dreiwöchigen Psoriasis-Reha-Programmen klären wir die Patienten über all diese Faktoren und Zusammenhänge auf. Das motiviert die Patienten nachhaltig und unterstützt sie bei der Umsetzung.

Früher dachte man, Schuppenflechte sei eine reine Hauterkrankung. Heute wissen wir, dass die Psoriasis eine “System-Entzündungserkrankung” ist. Man spricht deshalb auch von der “Psoriasis Krankheit”, um dies zu verdeutlichen. Dementsprechend muss die Therapie auch ganzheitlich ansetzen.

Was bedeutet es genau, dass die Psoriasis heute als Systemerkrankung gesehen wird?

In den letzten Jahren hat man die immunologischen Prozesse bei der Psoriasis besser erforscht. Man weiß nun, dass die Zytokine, die Entzündungsfaktoren, die man in der Haut findet, bei Psoriasis-Kranken auch im Körper erhöht sind. Bei der Schuppenflechte sind das die drei “Klassiker”: Das Interleukine 17, das Interleukin 23 und TNF-α.

Interessant ist, dass man diese Entzündungen auch bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen findet. Arteriosklerotische Plaques zum Beispiel, zeichnen sich nicht allein durch eine Verkalkung der Blutgefäße aus, sondern auch durch eine Entzündung. Bei diesen arteriosklerotischen Plaques findet man das gleiche immunologische Muster wie in der Psoriasis-Haut.

Und: Auch im Fettgewebe, insbesondere im Bauchfett, werden Entzündungsfaktoren produziert, die wir auch von der Haut der Psoriasis kennen.

Sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Psoriasis auch genetisch bedingt?

Zunächst einmal zur Rolle der Genetik bei Psoriasis: Wir kennen die Psoriasis-Gene mittlerweile sehr gut. Allerdings kann man die Erkrankung nicht an einem einzigen Gen festmachen, es spielen mehrere Gene eine Rolle. Doch auch wenn eine genetische Veranlagung zur Schuppenflechte besteht, muss die Erkrankung nicht ausbrechen. Erst wenn ein bestimmter Trigger (Auslösefaktor) das Immunsystem aus dem Lot bringt, bricht die Erkrankung aus.

Welche Trigger können dazu führen, dass eine genetische Veranlagung zur Schuppenflechte zum Ausbruch der Erkrankung führt?

Die Lebensführung, Rauchen und Alkohol spielen sicherlich eine Rolle. Entzündungserkrankungen wie die Psoriasis können aber auch durch emotional fordernde Stresssituationen oder durch Infekte getriggert werden. Auch wenn der Infekt lange ausgeheilt ist, kann die Psoriasis bestehen bleiben. Dann hat sich ein Immungedächtnis in der Haut gebildet.

An welchen Symptomen erkennt ein Mensch mit Psoriasis, dass sich eine Herz-Kreislauf-Erkrankung anbahnt?

Dass sich eine Herz-Kreislauf-Erkrankung entwickelt, spüren viele Psoriasis-Patienten oft gar nicht. Natürlich gibt es sehr offensichtliche Anzeichen, zum Beispiel eine Gewichtzunahme. Wenn der Bauchumfang zunimmt, ist das ein deutlicher Risikofaktor. Viele Patienten, die zum Beispiel einen Diabetes oder einen Bluthochdruck entwickeln, merken das oftmals gar nicht. Das gilt übrigens auch für Patienten, die nicht an Schuppenflechte leiden. Die Symptome von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Psoriasis unterscheiden sich nicht von denen reiner Herz-Kreislauf-Patienten.

Wie entwickeln sich die Symptome bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wenn nicht behandelt wird?

Bei Psoriasis-Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sehen wir im Vergleich zur Normalbevölkerung eine Übersterblichkeit. Ziel ist es deshalb, diese Erkrankungen frühestmöglich zu erkennen und zu therapieren. Aus diesem Grunde sollte der Hausarzt bei Psoriasis-Patienten Blutdruck und Blutzucker standardmäßig kontrollieren.

Wenn die Patienten erste Anzeichen einer Herz-Kreislauf-Erkrankung bemerken, welcher Arzt ist dann der richtige?

Wenn man Psoriasis hat und gewisse Risiken vorhanden sind oder auch erste Anzeichen bemerkt, sollte man den Hausarzt aufsuchen. Dieser kann alle wichtigen Untersuchungen durchführen. Und: Für die Patienten, deren Schuppenflechte mit systemischen Therapien behandelt wird, und das sind in der Regel die Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Psoriasis, wurde das deutsche Psoriasis Register etabliert. Für die hier gemeldeten Patienten gibt es ein Screeningprogramm, das alle wichtigen Untersuchungen enthält. Diese Psoriasis-Kontrolluntersuchungen werden im Rahmen der hautärztlichen Kontrollen alle Vierteljahr durchgeführt.

Welche Untersuchungen werden routinemäßig bei Psoriasis-Patienten mit Verdacht auf eine koronare Erkrankung durchgeführt?

Eine Screening auf Begleiterkrankungen wird bei Psoriasis-Patienten grundsätzlich im Rahmen einer Rehabilitation durchgeführt. In der rein ambulanten Versorgung verweisen wir dafür an den Hausarzt.

Um Herz-Kreislauf-Erkrankungen abzuklären, wird der Hausarzt die folgenden Werte bestimmen:

  • Blutdruck
  • Blutzucker
  • Cholesterin Werte
  • Bei Bedarf: EKG oder Belastungs-EKG

Außerdem wird geprüft, ob eine Adipositas (Fettleibigkeit) vorliegt, da dies ein Risikofaktor ist. Im Zuge dessen werden Bauchumfang und Hüftumfang gemessen.

Entdeckt der Hausarzt Auffälligkeiten im Bereich Herz-Kreislauf-System, überweist er sogar gegebenenfalls den Patienten weiter an einen Kardiologen.

Welche Therapien stehen zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen Verfügung?

Welche Therapie zur Anwendung kommt, hängt davon ab, um welche Herz-Kreislauf-Erkrankung es sich handelt. Die meisten Patienten mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung leiden an Bluthochdruck. Hier haben wir mittlerweile eine große Anzahl an sehr potenten Präparaten zur Behandlung zur Verfügung. Dabei werden auch mehrere Präparate gleichzeitig eingesetzt, deren Wirkungen sich ergänzen. Weiter gibt es sehr effektive Cholesterinsenker, und auch zur Behandlung der koronaren Herzkrankheit gibt es spezielle Präparate. Ebenso für die Therapie von Diabetes mellitus. Dies managt der Hausarzt.

Sind diese Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Psoriasis reversibel?

Ein Diabetes kann durch eine Gewichtsabnahme durchaus wieder verschwinden. Bei Übergewicht abzunehmen ist auch deshalb sinnvoll, weil gerade das Bauchfett Entzündungssignale produziert, die das Krankheitsgeschehen befeuern. Reduziert man durch Gewichtsabnahme das Bauchfett, reduziert dies auch die Entzündungsaktivität. Dann kann auch eine internistische Herz-Kreislauf-Erkrankung wie hoher Blutdruck oder erhöhtes Cholesterin wieder verschwinden. Oft lässt sich so zumindest der Medikamentenbedarf senken. Man könnte das in gewisser Weise als “Heilung” bezeichnen. Aber: Wenn man an der Grundsituation nichts ändert, lassen sich diese Komorbiditäten der Psoriasis nur medikamentös und symptomatisch behandeln. Das bedeutet, sobald die Therapie abgesetzt wird, kommen die Symptome wieder.

Kann man Herzerkrankungen bei Psoriasis vorbeugen?

Vorbeugen kann man Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Psoriasis sehr wirkungsvoll, indem man eine gesunde Lebensweise führt, mit gesunder Ernährung, Bewegung und Sport. Besteht Übergewicht, sollte man dies unbedingt reduzieren - hier zählt jedes Kilo. Auch Zigaretten und Alkohol sollte man meiden.

Herr Privatdozent Tsianakas, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.