Mikrobiom Allergie Umwelt

Prof. Dr. med. Claudia Traidl-Hoffmann

Allergie und Umwelt: Einflussfaktoren und die Rolle des Mikrobioms

Man weiß heute, dass bei allergischen Erkrankungen neben der Genetik, auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Dabei definiert man „Umwelt“ als die Summe aus physischen, biologischen und psychosozialen Faktoren. Angesichts von 80 Mio. Allergikern in Europa, davon allein 20 Mio. in Deutschland, Tendenz steigend, arbeitet die Spitzenforschung mit Hochdruck an Lösungen. Welche Faktoren beeinflussen die Allergieentstehung? Welche Umwelteinflüsse sind besonders relevant? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die Forschung zur Allergieprävention? MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Claudia Traidl-Hoffmann, Leiterin des Forschungsschwerpunktes „Die Einflüsse der Umwelt auf atopische Erkrankungen“ bei CK-CARE, Christine Kühne – Center for Allergy Research and Education in Davos und  Direktorin und Chefärztin am Institut für Umweltmedizin, Klinikum Augsburg und Technische Universität München über die Zusammenhänge zwischen Allergien und Umwelt und ihren Forschungen am Mikrobiom der Haut.

Frau Prof. Traidl-Hoffmann, Allergien treten gehäuft in der westlichen Welt auf, welche Umweltfaktoren haben einen Einfluss auf die Entwicklung von Allergien?  

Zunächst sollte man unterscheiden, zwischen Faktoren, die Allergien begünstigen und protektiven Faktoren. Dazu haben wir sehr viel aus unserer Ost-West-Studie gelernt, bei der wir Patienten aus Ost- und Westdeutschland im Hinblick auf Allergien miteinander verglichen haben. 1)

Dabei hat sich herausgestellt, dass die ostdeutschen Patienten deutlich weniger Allergien hatten, als die westdeutschen, was man auf unterschiedliche partikuläre Umweltstoffe zurückgeführt hat.

Während in Ostdeutschland das Vorkommen grober Rußpartikel in der Luft ausgeprägter war, traten in Westdeutschland eher flüchtige organische Substanzen in Form von ultrafeinen Partikeln auf. Daraus hat man abgeleitet, dass gerade diese ultrafeinen Partikel und flüchtigen organischen Substanzen bei der Allergieentstehung förderlich sind.

Handelt es sich bei den „ultrafeinen Partikeln“, um Rückstände der Dieselpartikelfilter?

Ja, die ultrafeinen Partikel entstehen als Rückstände der Dieselpartikelfilter. Die Tatsache, dass die Luft nach dem Filtern nicht mehr mit groben Rußpartikeln belastet ist, bedeutet nicht automatisch, dass die Rückstände keine Auswirkungen mehr auf die Gesundheit haben.

Gibt es weitere Umweltfaktoren, die Allergien beeinflussen?

Eine weitere Erkenntnis aus der Ost-West-Studie bezieht sich eher auf einen protektiven Faktor bei Allergien. In Ostdeutschland hat man die Kinder gegen Keuchhusten durchgeimpft, was in Westdeutschland nicht der Fall war. Für die Keuchhustenimpfung konnte man einen protektiven Effekt in Bezug auf die Entwicklung von Allergien ganz klar nachweisen.  

In den Medien wird zwar immer wieder diskutiert, ob Impfungen Allergien fördern. Es gibt aber keine klaren Daten, die zeigen würden, dass Impfungen Allergien verstärken. Eher im Gegenteil, denn wie gesagt haben die Ost-West-Studien ganz klar gezeigt, dass die Keuchhusten-Impfung die Allergierate ganz klar reduziert hat. Mittlerweile gehört die Keuchhusten-Impfung generell zu den Standardimpfungen in Deutschland, die von der ständigen Impfkommission empfohlen werden.  

Das Leben auf einem Bauernhof scheint ein weiterer Faktor bei der Entwicklung allergischer Erkrankungen zu sein. Dabei spielen die Bakterien eine Rolle, die auf einem Bauernhof vorkommen. Aber auch „rohe“, d.h. nicht erhitzte Milch, scheint ein protektiver Faktor zu sein, ausschlaggebend sind wohl die in der Rohmilch vorhandenen microRNA. Da microRNA hitzeempfindlich ist, enthält die handelsübliche Milch diese Substanzen nicht mehr. Die Industrie ist deshalb gefragt, neue Produkte zu entwickeln, denn Rohmilch kann mit Krankheitserregern kontaminiert sein, so dass ein Verzehr nicht empfohlen werden kann. Zuvor müssen wir jedoch erst einmal verstehen, welche Bestandteile der Rohmilch protektive Faktoren sein könnten.

Auch die Einnahme von Präbiotika und Probiotika, das sind positive Keime, die die Mikrobiota des Darms unterstützen sollen, kann durchaus allergiepräventiv wirken. Dies konnte man in diversen Studien, insbesondere zur Neurodermitis, nachweisen. Hier gibt es bereits Produkte der Pharmaindustrie und der Lebensmittelindustrie, allerdings ist auch in Bezug auf Prä- und Probiotika noch nicht eindeutig geklärt, welche Produkte bzw. welche Keime für die allergieprotektive Wirkung ausschlaggebend sind. Auch welches Mikrobiom das Ziel einer Behandlung mit Metabiotika sein sollte, ist noch nicht geklärt. Hinzu kommt, dass Mikrobiome individuell verschieden sind. Die Frage lautet also: Welche Metabiotika-Zusammensetzung hilft wem bei welchen Erkrankungen? Wahrscheinlich läuft es nicht auf eine Lösung hinaus, die für alle anwendbar ist, sondern auf individuelle Lösungen. Die Zukunft liegt in der personalisierten Prävention, aber davon sind wir aktuell noch sehr weit entfernt.

Advertorial

Nicht unbedingt ein Umweltfaktor, aber ein Faktor, der Allergien begünstigt, ist der genetische Faktor. Hat die Mutter eine Allergie, besteht beim Kind ein erhöhtes Risiko, ebenfalls eine Allergie zu entwickeln. Dabei spielt eine Allergie der Mutter eine maßgeblichere Rolle als die Allergie des Vaters. Geschlechtsspezifische Faktoren bzw. die Tatsache, dass die Mutter das Kind trägt, scheinen hier eine Rolle zu spielen. Ein Umweltfaktor ist es allerdings, wenn die Mutter raucht. Rauchen erhöht das Allergierisiko der Kinder.

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