Zöliakie Übergewicht

Bianca Maurer, Ernährungsmanagerin Diätetik (B. Sc.) und Pressesprecherin der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft e.V. (DZG) zu Zöliakie und Übergewicht! © Messe Stuttgart

Zöliakie und Übergewicht: Wie kann es zur Gewichtszunahme kommen?

Nach der Diagnose Zöliakie beschäftigen Betroffene zunächst die zahlreichen Schwierigkeiten, die bei der Umstellung ihrer Ernährung auf glutenfreie Kost auftreten können. Sind diese Hürden bewältigt, haben manche jedoch noch mit einem weiteren Problem zu kämpfen: Gewichtszunahme. Ist das steigende Gewicht tatsächlich auf die glutenfreie Ernährung zurückzuführen? Wie kommt es bei glutenfreier Ernährung zu Übergewicht? MeinAllergiePortal sprach mit Bianca Maurer, Ernährungsmanagerin Diätetik (B. Sc.) und Pressesprecherin der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft e.V. (DZG) über Zöliakie und Übergewicht.

Frau Maurer, von Zöliakiebetroffenen hört man häufig die Klage, dass die Umstellung auf eine glutenfreie Kost bei ihnen eine Gewichtszunahme zur Folge hatte? Würden Sie dies bestätigen und wie häufig ist dies der Fall?

Ja, es gibt durchaus einige Zöliakiebetroffene, die nach der Umstellung auf die glutenfreie Ernährung zunehmen. Wie viel Prozent der Betroffenen dies betrifft, lässt sich jedoch nicht sagen.

Welche Ursachen führen bei glutenfreier Kost zur Gewichtszunahme, spielen glutenfreie Fertigprodukte eine Rolle?

Die Gewichtszunahme kann verschiedene Ursachen haben und muss nicht zwangsläufig an Fertigprodukten liegen.

Zum einen kann dies durch die Erholung des Darmes bedingt sein. Bei Zöliakiebetroffenen ist die Dünndarmschleimhaut vor der Ernährungsumstellung geschädigt, wodurch Nährstoffe nicht vollständig aufgenommen werden können. Bekommt der Körper dadurch zu wenig Energie in Form von Kohlenhydraten, Eiweißen und Fetten, dann fährt er – ähnlich wie bei einer Reduktionsdiät – den Stoffwechsel herunter und läuft sozusagen auf „Sparflamme“. Erholt sich der Dünndarm nun unter der glutenfreien Ernährung, sodass die Nährstoffe wieder gut resorbiert werden können, nimmt man aufgrund des geringen Grundumsatzes durch den zuvor bestandenen Energiemangel zu.

Ein weiterer Grund für eine Gewichtszunahme kann die wieder gefundene Freude am Essen sein. Durch ständige ungeklärte Beschwerden nach dem Essen, kann es bei Zöliakiebetroffenen vor der Ernährungsumstellung zu Appetitlosigkeit kommen und es wird weniger gegessen. Verschwinden die Beschwerden nun unter der glutenfreien Ernährung, kommt der Genuss zurück.

Natürlich kann auch die Zusammensetzung von glutenfreien Fertigprodukten eine Gewichtszunahme begünstigen. Die glutenfreien Produkte enthalten in der Regel weniger sättigende Ballaststoffe, wodurch mehr gegessen wird. Außerdem sind sie durch das fehlende Klebereiweiß häufig trockener. Um das auszugleichen und den Geschmack zu verbessern, ist meist der Anteil an Zucker und Fett höher, wodurch die Produkte mehr Kalorien enthalten, als vergleichbare herkömmliche Produkte.

Wichtig ist noch, dass die Gewichtszunahme nicht immer ein Grund zur Klage ist, sondern in einigen Fällen auch durchaus gewünscht ist, beispielsweise wenn vor der Ernährungsumstellung eine Mangelernährung bzw. Untergewicht bestanden hat.


Gibt es Risikofaktoren für eine Gewichtszunahme?

Die Risikofaktoren von Zöliakiebetroffenen für eine Gewichtszunahme unterscheiden sich nicht von denen für die Allgemeinbevölkerung. Beispielsweise erhöhen Bewegungsmangel, eine unausgewogene, kalorienreiche Ernährung, der übermäßige Verzehr zuckerhaltiger Getränke, sowie die erbliche Veranlagung, Wechseljahre und steigendes Alter das Risiko für Übergewicht.

Gibt es auch Menschen, die durch die glutenfreie Kost abnehmen?

Ja, auch eine Gewichtsabnahme kann erfolgen. Dies kann zum einen am ungewohnten Geschmack der glutenfreien Produkte liegen. Die glutenfreien Getreide und Pseudogetreide, welche als Alternative zu den bei uns gängigen Getreiden wie Weizen, Dinkel, Gerste und Roggen verwendet werden, sind geschmacklich nicht mit diesen zu vergleichen und haben oft einen besonderen Eigengeschmack. Buchweizen schmeckt beispielsweise nussig und etwas herb. Außerdem ist die Konsistenz häufig trockener und krümeliger. Manchen Betroffenen schmecken deshalb viele glutenfreie Produkte nicht, weshalb sie weniger essen und dadurch abnehmen.

Außerdem sind Betroffene durch die Umstellung auf die glutenfreie Ernährung dazu gezwungen, sich mit ihrem Ernährungsverhalten zu beschäftigen. Zutatenlisten müssen überprüft werden, alternative Rezepte werden ausprobiert und viele Lieblingsprodukte fallen weg. Dadurch ernähren sich viele nach der Diagnose gesünder als zuvor.

Ein wichtiger Faktor ist auch die Verfügbarkeit von glutenfreien Produkten. Hat sich beispielsweise ein Betroffener vor der Diagnose beim Gang durch die Fußgängerzone immer von Leckereien beim Bäcker verführen lassen, so ist er hier durch die glutenfreie Ernährung eingeschränkt. Glutenfreie Produkte sind nicht immer und überall verfügbar, sodass öfter verzichtet werden muss und der schnelle Snack zwischendurch wegfällt.

Welche Möglichkeiten gibt es bei einer Gewichtszunahme, gegenzusteuern?

Prinzipiell ist die Rechnung ganz einfach: Verbrauche ich mehr Kalorien, als ich zu mir nehme, dann nehme ich ab. Nehme ich aber langfristig mehr Kalorien auf, als ich verbrauche, dann nehme ich zu. Das Grundprinzip für ein gesundes Körpergewicht ist also eine ausgeglichene Kalorienbilanz.

Wichtig sind dazu eine vollwertige, ausgewogene Ernährung und eine Steigerung der körperlichen Aktivität für ausreichende Bewegung. Eine gute Orientierung hierfür bieten die 10 Regeln für vollwertiges Essen und Trinken der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE): https://www.dge.de/ernaehrungspraxis/vollwertige-ernaehrung/10-regeln-der-dge/

Frau Maurer, herzlichen Dank für dieses Interview!

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