Zöliakie, Glutensensitivität oder Weizenallergie

Was ist der Unterschied zwischen einer Zöliakie, einer Weizenallergie und einer Gluten- oder Weizenunverträglichkeit? Bildquelle: U.Körner

Unterschied Zöliakie, Weizen Allergie, Gluten- bzw. Weizenunverträglichkeit

Bei Bauchschmerzen, Durchfällen, Völlegefühl oder Übelkeit nach dem Essen denken Viele zuerst an den Weizen als Ursache. Eine gute Diagnose ist dann sehr wichtig, denn es ist ein Unterschied, ob eine Zöliakie, eine Weizen Allergie oder eine Gluten- bzw. Weizenunverträglichkeit die Ursache ist. MeinAllergiePortal sprach mit Ute Körner, Diplom-Oecotrophologin (Univ.) und Ernährungsfachkraft Allergologie mit Praxis in Köln.

Autor: Sabine Jossé M.A.

Interviewpartner: Dipl.oec.troph Ute Körner

Frau Körner, was ist der Unterschied zwischen Zöliakie, Glutenunverträglichkeit und Weizen Allergie?

Bei der Zöliakie handelt es sich um eine T-zellvermittelte Autoimmunerkrankung des Dünndarms. Durch den Kontakt mit Gluten bildet der Körper Antikörper, die sich gegen das eigene Gewebe richten und zur Zerstörung der Darmzotten führen.

Dagegen kommt es im Fall einer Weizen Allergie meist zur Bildung spezifischer Immunglobulin-E-Antikörper, die sich gegen bestimmte Allergene im Weizen richten. Es gibt auch Nicht-IgE-vermittelte Weizen Allergien, die sich zum Beispiel als Spätreaktion mit Ekzemverstärkung bei Kindern mit Neurodermitis, als Allergie in der Speiseröhre (Eosinophile Ösophagitis) oder im Magen-Darm-Trakt äußern können. Je nach Allergen und Immunmechanismus unterscheidet man verschiedene Formen der Weizen Allergie.

Menschen, die trotz sicherem Ausschluss einer Zöliakie und einer Weizen Allergie von einer glutenfreien Diät profitieren, leiden möglicherweise unter einer Weizenunverträglichkeit. Man spricht heute von „Nicht-Zöliakie-Weizensensitivität“ (NCWS), da Gluten nur einer der möglichen Auslöser im Weizen ist und eine Zöliakie bei Verdacht auf NCWS ausgeschlossen sein muss. Die Weizenunverträglichkeit trifft vor allem Erwachsene.

Man hört oft den Begriff Gluten-Allergie, gibt es das?

Nein, das gibt es nicht. Eine Allergie richtet sich immer gegen ganz bestimmte Allergene (Eiweiße). Allein im Weizen gibt es mehr als 20 verschiedene Allergene, unter anderem ein Lipid-Transferprotein oder das Omega-5-Gliadin. Gluten dagegen ist der Oberbegriff für das Klebereiweiß in verschiedenen Getreidesorten. Hierzu zählen Weizen, Dinkel, Roggen und Gerste sowie alte Weizensorten wie Kamut und Emmer.

Wie sehen die Beschwerden bei Zöliakie aus?

Je nach Schwere und Ausdehnung der Veränderungen der Dünndarmschleimhaut kommt es bei einer Zöliakie zu unterschiedlichen Symptomen einer Malabsorption. Das reicht von leichten Blähungen und Eisenmangel bis hin zu schweren Durchfällen. Screening-Untersuchungen zeigen, dass die bisher diagnostizierten Fälle mit den typischen gastrointestinalen Symptomen nur die Spitze des Eisbergs sind. Insbesondere bei Erwachsenen wird die Zöliakie aufgrund untypischer Symptome oft lange nicht erkannt.

Wie sehen die Beschwerden bei Weizenunverträglichkeit (NCWS) aus?

Symptome der Weizenunverträglichkeit (NCWS) ähneln denen von Zöliakie-Betroffenen. Im Unterschied zur Zöliakie treten bei der Weizenunverträglichkeit Durchfälle allerdings seltener auf. Auch ist das Krankheitsbild in der Regel weniger schwerwiegend als bei der Zöliakie. Aufgrund der häufig auftretenden Bauchschmerzen bei fehlenden Zöliakie-Antikörpern wird oft vorschnell die Diagnose Reizdarmsyndrom gestellt. NCWS-Patienten berichten außerdem von Kopfschmerzen, chronischer Müdigkeit und Gelenkbeschwerden.

Wie sehen die Beschwerden bei Weizen Allergie aus?

Die klassische Form der Weizen Allergie trifft Kinder und löst vor allem Hautreaktionen aus, kann aber auch mit Atemnot oder Erbrechen einhergehen. Bei Erwachsenen tritt immer häufiger die sogenannte anstrengungsinduzierte Weizen Allergie (WDEIA) auf. Hier zeigen die Betroffenen nach Verzehr von Weizenprodukten, vereinzelt auch nach Verzehr von Lebensmitteln mit Roggen und Gerste, UND in der Regel NUR in Verbindung mit körperlicher Anstrengung und anderen Kofaktoren wie Alkohol oder Schmerztabletten schwere allergische Symptome, oft beginnend mit Hautreaktionen bis hin zum lebensbedrohlichen Allergieschock. Das bedeutet auch, dass die meisten der betroffenen Allergiker Weizen ohne Kombination mit ihren individuellen Kofaktoren vertragen.

Kann es auch harmlose Ursachen für ähnliche Bauchbeschwerden geben?

Bauchschmerzen, Blähungen und Völlegefühl können durch eine Vielzahl anderer Erkrankungen ausgelöst werden. Diese sollten genau wie bei der Zöliakie vor der Umstellung auf eine glutenfreie Ernährung abgeklärt werden.

Mögliche Gründe für Bauchbeschwerden sind:

In der Ernährungstherapie kann ich solche Unverträglichkeiten durch eine gezielte Anamnese und Auswertung eines Ernährungs- und Symptomtagebuches erkennen.

Wie erfolgt die Diagnose bei Zöliakie? 

Zur Diagnose der Zöliakie empfehlen die Zöliakie-Leitlinie* sowie die deutsche Zöliakiegesellschaft (DZG):

  • die Bestimmung der Zöliakie-Antikörper (AK)
  • den positiven Gennachwei
  • die Dünndarmbiopsie (Magen-Darmspiegelung mit Gewebeentnahme) als Goldstandard

Transglutaminase -IgA-Antikörper (tTG-IgA-AK) sind der zuverlässigste Indikator und werden auch zur Verlaufskontrolle verwendet. Die Bestimmung von Endomysium-Antikörpern sollten nur in bestimmten Fällen, zum Beispiel bei widersprüchlichen Befunden eingesetzt werden. Im Fall eines IgA-Mangels empfiehlt die Zöliakie-Leitlinie die Bestimmung von IgG-Antikörpern gegen Transglutaminase, Endomysium oder deamidierten Gliadinpeptiden. Die Konzentration der Antikörper im Blut gibt Hinweise auf die Schwere der entzündlichen Veränderungen der Darmschleimhaut. Ein sicherer Beweis einer Zöliakie durch Antikörpernachweis und positiver Gewebeprobe gelingt jedoch nur unter ausreichend glutenhaltiger Kost!

Wie testet man auf eine Weizen Allergie?

Bei Verdacht auf eine Weizen Allergie erfolgt ein Hauttest mit Weizenmehl und die Bestimmung spezifischer IgE-Antikörper gegen bestimmte Weizenallergene. Der Auslöser der WDEIA ist das hitzestabile Omega-5-Gliadin. Dies lässt sich mittels molekularer Allergiediagnostik identifizieren. Aber: Hauttest und Bestimmung von IgE-Antikörpern zeigen nur eine Sensibilisierung an. Sie sind kein Beweis für eine bestehende Nahrungsmittelallergie. Deshalb basiert die zuverlässige Diagnose einer Weizen Allergie nur auf dem Ergebnis einer erfolgreichen diagnostischen weizenfreien Diät mit nachfolgender oraler Weizenprovokation in der Klinik. Die diagnostische Diät erstellt eine auf Allergien spezialisierte Ernährungsfachkraft.

Was darf man mit einer Weizen Allergie essen?

Weizenallergiker können Haferprodukte, zum Beispiel Haferflocken, und in den meisten Fällen reines Roggenbrot oder Produkte mit Gerste,(zum Beispiel Gerstenmalz), vertragen. Der Umfang der Meidung von Weizen und gegebenenfalls auch von Roggen und Gerste sowie von unbeabsichtigten Kontaminationen mit Weizen („ kann Spuren von Weizen enthalten“) ist individuell verschieden und hängt vom verantwortlichen Weizenallergen ab. Nach eindeutiger Diagnose der Form der Weizen Allergie kann eine allergologisch spezialisierte Ernährungsfachkraft eine individuell abgestimmte Kost zusammenstellen.

Wie erfolgt die Diagnose bei einer Weizenunverträglichkeit (NCWS)?

Zur Diagnose Weizenunverträglichkeit gelangt man zurzeit nur mittels Ausschlussverfahren. Das bedeutet, dass zunächst eine Zöliakie und eine Weizenallergie sicher ausgeschlossen werden müssen. Dann erst erfolgt im Rahmen einer Ernährungstherapie der Versuch einer gluten- und weizenfreien Diät, unbedingt mit begleitendem Ernährungs- und Symptomtagebuch, um Diätfehler auszuschließen. Beobachten die Betroffenen eine Symptombesserung unter der Diät erfolgt eine kontrollierte Glutenbelastung. Erst bei deutlicher Beschwerdezunahme unter der Glutenbelastung und bei Ausschluss anderer Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Diätfehler durch ein begleitendes Ernährungs- und Symptomtagebuch, ist von einer Glutenunverträglichkeit auszugehen. Die genaue Vorgehensweise habe ich in unserem Buch als Diagnoseprotokoll für die ernährungstherapeutische Praxis in Anlehnung an die „Salerno-Experts-Kriterien“ beschrieben.

Heißt das, wenn Patienten weder an einer Zöliakie noch an einer Weizen Allergie leiden, aber dennoch von der glutenfreien Diät profitieren, handelt es sich um eine Gluten- bzw. Weizenunverträglichkeit?

Nein, nicht zwangsläufig. Es können auch andere Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie die bereits Erwänthen verantwortlich sein.

Viele Menschen, die unter Magen-Darm-Beschwerden leiden, berichten, dass sich die Beschwerden bessern, wenn sie auf Gluten verzichten? Warum sollte man das nicht einfach ausprobieren?

Angesichts der vermutlich hohen Dunkelziffer nicht diagnostizierter Zöliakiefälle in Deutschland muss vor Umstellung auf eine glutenfreie Diät eine Zöliakie mit den diagnostischen Kriterien der Zöliakie-Leitlinie* ausgeschlossen werden. Sowohl der Nachweis typischer Zöliakie-Antikörper als auch die Biopsie führen nur unter glutenhaltiger Ernährung bzw. Glutenbelastung zu aussagekräftigen Ergebnissen. Bei Verzicht auf glutenhaltige Nahrungsmittel über einen längeren Zeitraum, ist eine Zöliakie-Diagnostik nicht mehr möglich. Möglicherweise ernähren sich diese Patienten dann völlig unnötig glutenfrei, was mit einer starken Einschränkung der Lebensqualität und höheren Kosten verbunden ist. Andererseits erfolgt – bei unerkannter Zöliakie - die Ernährungsumstellung ohne ernährungstherapeutische Begleitung oft nicht konsequent genug.

Eine glutenfreie Diät ist also nur bei Zöliakie sinnvoll?

Nein, wie schon gesagt ist die richtige Diagnostik entscheidend, ob nur Weizen incl. Dinkel, Kamut etc. gemieden werden muss oder auch andere glutenhaltige Getreidesorten wie Roggen, Gerste und Hafer.

Warum ist es wichtig, dass die glutenfreie Diät bei Zöliakie strikt eingehalten wird?

Bei Zöliakiepatienten können bereits Spuren von Gluten im Milligramm-Bereich zu Schäden der Darmschleimhaut führen. Diätfehler können langfristig das Darmkrebsrisiko erhöhen. Gelegentliches „Sündigen“, indem man ab und zu glutenhaltige Nahrungsmittel wie Pizza oder Brötchen isst, verbietet sich also.

Auch ist es wichtig, dass Zöliakie-Patienten eine versehentliche Kontamination durch Gluten vermeiden. Das kann zum Beispiel durch die Benutzung des Familientoasters für das ansonsten glutenfreie eigene Brot passieren.

Bei Patienten, die unter einer Weizen Allergie leiden, kann es unter einer glutenfreien Diät sogar zu lebensbedrohlichen Reaktionen kommen, wenn sie aus Versehen kleine Mengen an Weizen, etwa beim Außer-Haus-Essen, aufnehmen oder Produkte mit glutenfreier Weizenstärke verzehren. Eine glutenfreie Ernährung ist nicht automatisch weizenfrei!

Ohne eine gute Diagnose geht es also nicht, wenn man den Verdacht hat, unter Zöliakie, Weizen Allergie oder Glutenunverträglichkeit zu leiden?

Genau. Mein Fazit lautet: Voraussetzung für eine individuelle Ernährungstherapie bei Verdacht auf Gluten- oder Weizenunverträglichkeit ist eine gründliche Anamnese. Dazu gehören das Ernährungs- und Symptomtagebuch und die Beratung durch eine qualifizierte Ernährungsfachkraft. Weiter ist eine Differentialdiagnostik wichtig, die andere Erkrankungen des Magen-Darmtrakts ausschließt. Ebenso bei entsprechendem Verdacht, eine anschließende ausführliche Diagnostik zur Abklärung einer Zöliakie oder Weizenallergie.

Frau Körner, herzlichen Dank für das Gespräch!

Weiterführende Informationen:

U. Körner und Allergologin A. Schareina: Differentialdiagnose von Nahrungsmittelunverträglichkeiten bei Erwachsenen, Deutscher Allergiekongress, Bonn (14.-16.09.2023) im World Conference Center Bonn, AllergoActive Freitag, 15.09.2023 von 10:15 - 11:15 Uhr, Thema unter anderem: Unterschied zwischen Gluten- bzw. Weizenunverträglichkeit, Zöliakie und Weizenallergie incl. Fallbeispiele

Quellen:

  • Catassi C., Elli L, Bonaz B ,… Körner U… et al.: Diagnosis of Non-celiac gluten sensitivity (NCGS): The Salerno Experts Criteria. Nutrients 2015, 7: 4966-4977; doi:10.3390/nu7064966
  • Felber J, Bläker H, Fischbach W et al.: Aktualisierte S2k-Leitlinie Zöliakie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS), Dezember 2021 – AWMF-Registernummer: 021-021, https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/021-021l_S2k_Zoeliakie_2021-12_1.pdf
  • Körner U, Schareina A: Nahrungsmittelallergien und –unverträglichkeiten - Diagnostik, Therapie und Beratung. 2. Aufl. Thieme; 2021

Wichtiger Hinweis

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