Biopsie Endoskopie Zöliakie

Braucht man für die Zöliakie-Diagnose bei Kindern keine Biopsie mehr? Bildquelle: J. Spalinger

Zöliakie-Diagnose beim Kind ohne Biopsie

Gemäss den neusten Empfehlungen ist zur Bestätigung einer Zöliakie beim Kind KEINE Biopsie mehr notwendig. Allerdings bestehen weiterhin klare Vorgaben, wie die Diagnose einer Zöliakie gestellt und bestätigt werden muss. Die europäische Fachgesellschaft für Kindergastroenterologie (ESPGHAN) hat entsprechende Richtlinien erstellt, die seit 2020 gelten. MeinAllergiePortal sprach deshalb mit Dr. med. Johannes Spalinger, Co-Chefarzt Pädiatrische Gastroenterologie und Hepatologie am Kinderspital in Luzern.

Autor: Sabine Jossé M.A.

Interviewpartner: Dr. med. Johannes Spalinger

Herr Dr. Spalinger, weshalb ist eine Biopsie des Dünndarms für die Diagnose der Zöliakie bei Kindern nicht mehr nötig?

Die Sicherung der Diagnose ist bei der Zöliakie ausgesprochen wichtig, da es sich um eine lebensbegleitende Diagnose handelt. Dazu war es in der Vergangenheit zwingend, eine Biopsie durchzuführen. Dabei wurde ein winziges Stück Dünndarmgewebe entnommen und unter dem Mikroskop untersucht. So liess sich die Zöliakie-Diagnose eindeutig stellen.

Seit einigen Jahren wurde die Diagnostik im Blut verbessert, so erlaubt die Messung der Blutwerte (Gewebetransglutaminase) die Diagnose einer Zöliakie zu vermuten und bei Erfüllung spezieller Kriterien diese auch zu bestätigen.

In welchem Fall raten Sie Eltern auf jeden Fall zu einer Dünndarmbiopsie?

Es gibt immer noch Situationen, bei denen eine Biopsie notwendig ist. Wenn ein grosser Verdacht besteht und die Blutwerte bzw. die Antikörper keine klare Diagnose erlauben – ist weiterhin die Durchführung einer Dünndarmbiopsie mittels Magen-Darmspiegelung notwendig.

Unter welchen Umständen kann denn bei Zöliakie-Verdacht auf eine Darmbiopsie beim Kind verzichtet werden?

Dies wurde 2020 von der ESPGHAN, der europäischen Gesellschaft für Kinder-Gastroenterologie in einer Leitlinie festgelegt:

Eine Zöliakie-Diagnose ohne Biopsie ist möglich, wenn bei einem Kind:

  • Die Antikörper-Werte deutlich erhöht sind (TTG-IgA 10-fach über dem Normwert)
  • In einer 2. Blutentnahme der Befund bestätigt wird bzw. durch die Bestimmung eines 2. anderen Wertes ergänzt (EMA-IgA-Antikörper) wird

Was kann passieren, wenn die Diagnose „Zöliakie“ fälschlicherweise gestellt wird und die Ernährung bereits auf glutenfrei umgestellt wurde?

Bevor aufgrund des Verdachts einer Zöliakie eine Umstellung der Diät durchgeführt wird, muss zwingend die Diagnose Zöliakie nach den offiziellen Kriterien (ESPGHAN) bestätigt werden. Sobald die Diät eingeführt und konsequent eingehalten wird, sinken die Antikörper im Blut und die Diagnose kann unter Diät nicht mehr gestellt werden.

Besteht denn die Möglichkeit, dass ein Kind keine Zöliakie hat, obwohl die Kriterien erfüllt sind?

Sind die Werte der genannten Indikatoren sehr hoch, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um ein falsch positives Ergebnis handelt, gering. In seltenen Ausnahmen kann es vorkommen, dass die Diagnose trotz Vorliegen dieser Indikatoren durch die Biopsie nicht bestätigt werden kann. Ein Grund dafür kann sein, dass die Zöliakie in diesen Fällen noch nicht „ausgereift“ ist. Auch Infektionen, die zu einer erhöhten Durchlässigkeit des Gewebes führen, könnten einen Anstieg der Antikörper-Werte verursacht haben.

Welche Infektionen können denn auch zu einem Anstieg der Zöliakie-Antikörper-Werte führen?

Das ist leider zu wenig bekannt. Es gibt Beobachtungen, wonach nach viralen Infekten eine höhere Bereitschaft besteht, eine Zöliakie zu entwickeln.

Wie häufig findet man denn bei Kindern, bei denen der Verdacht auf Zöliakie besteht, sehr hohe Antikörper-Werte?

Das hängt davon ab, wie schnell nach Auftreten der Symptome die Vorstellung des Kindes beim Arzt erfolgt und wie schnell der Arzt dann eine Zöliakie vermutet und die entsprechenden Antikörper-Untersuchungen durchführt. Erfolgen die Bluttests zu einem sehr frühen Zeitpunkt, sind die Antikörper-Werte eventuell noch nicht stark erhöht. Bestehen ausgeprägte klinische Symptome über einen langen Zeitraum hinweg, sind die Antikörper-Werte in der Regel deutlich erhöht.

Heißt das, man sollte den Bluttest auf Zöliakie bei Kindern nicht zu schnell nach dem ersten Auftreten von Symptomen durchführen?

Nicht zwingend, sondern bei Verdacht soll die Zöliakie- Diagnostik gemacht werden. Allerdings empfehlen wir bei niedrigen Werten und sofern es die Symptome zulassen, die Laboruntersuchungen im Verlauf nach 6 bis12 Monaten zu wiederholen und eine normale glutenhaltige Ernährungweiterzuführen.

Welche Symptome und Laborwerte müssen für eine definitive Zöliakie Diagnose bei Kindern vorhanden sein?

Wir können uns heute auf eine sehr zuverlässige Labordiagnostik verlassen.

Dabei ist wichtig, dass die Untersuchungen in 2 verschiedenen Blutuntersuchungen mit separaten Blutentnahmen durchgeführt werden.

Für die Diagnose Zöliakie gelten folgende Kriterien:

  • 10-fach erhöhte Antikörper gegen die Gewebstransglutaminase (TTG-IgA)
  • Bestätigung dieses Befundes in einer 2. Blutentnahme (TTG-IgA oder EMA-IgA)
  • Normaler IgA-Wert im Serum

Wie führt man eine Biopsie bzw. Endoskopie zur Diagnose von Zöliakie bei Kindern durch?

Ein Endoskop ist im Prinzip ein langer Schlauch mit einer Kamera an der Spitze und einem Kanal, durch den eine kleine Zange vorgeschoben werden kann. Bei der Endoskopie wird das Endoskopiegerät über den Mund durch den Magen in den Dünndarm vorgeschoben. Im Dünndarm wird ein kleines Gewebestück, eine Biopsie, von der Darmoberfläche entnommen. Das entnommene Material wird dann unter einem Mikroskop beurteilt. 

Herr Dr. Spalinger, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.