Laktoseintoleranz

Dr. Gabriele Geurtzen, Ernährungsberatung und –therapie in Kleve.

Laktoseintoleranz - worin liegen die Ursachen? Was kann man essen?

Die Laktoseintoleranz gehört zu den Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Die Beschwerden entstehen dadurch, dass bei den Betroffenen die Laktose, also der Milchzucker, nicht durch das Enzym Laktase im Dünndarm aufgespalten werden kann. Die Laktose bleibt dadurch teilweise unverdaut und gelangt so in den Dickdarm. Typische Beschwerden wie Bauchschmerzen, Bauchgeräusche, Blähbauch etc. sind die Folge. MeinAllergiePortal sprach mit Frau Dr. Gabriele Geurtzen, Ernährungsberatung und –therapie in Kleve über Ursachenund die Frage: "Was kann man essen"?.

Frau Dr. Geurtzen, wie unterscheidet sich Laktoseintoleranz von Milcheiweißunverträglichkeit? 

Die Laktoseintoleranz ist im Gegensatz zur Milcheiweißunverträglichkeit keine "echte" Allergie. Die Begriffe wie Intoleranz oder Unverträglichkeit machen deutlich, dass das Kohlenhydrat der Milch, der Milchzucker, nicht vertragen wird. Hervorgerufen wird diese Unverträglichkeit durch einen Mangel an Laktase, dem Enzym, das für die Spaltung des Milchzuckers im Darm zuständig ist.

Erst wenn die Laktose, ein Zweifachzucker, in seine beiden Bestandteile Glukose und Galaktose aufgespalten ist, können diese über die Darmschleimhaut ins Blut aufgenommen werden. Wenn nicht genügend Milchzucker spaltendes Enzym vorhanden oder die Aktivität vermindert ist, bleibt dieser im Darm und wandert weiter in den Dickdarm. Dort entstehen durch Vergärung des Milchzuckers die Gase Kohlendioxid und Wasserstoff sowie Säuren, welche die entsprechenden Symptome wie Völlegefühl, Krämpfe, Blähungen und Durchfälle hervorrufen.

Die Laktoseintoleranz ist auf den Magen-Darm-Trakt beschränkt, während bei einer "echten" Milcheiweißallergie allergische Reaktionen der Haut oder der Atemwege wie z.B. Asthma nach dem Verzehr von Milch oder Milchprodukten auftreten können. Hier kann eine allergische Reaktion bereits auf kleinste Mengen erfolgen und bis hin zur Anaphylaxie führen. Daher muss bei einer Milcheiweißallergie eine strikte Karenz eingehalten werden.

Gibt es Risikofaktoren, die die Ausprägung einer Laktoseintoleranz negativ beeinflussen?

Die klassische Ursache für eine Laktoseintoleranz beruht auf einem Mangel oder einer verminderten Wirksamkeit des Enzyms Laktase. Allerdings kommt ein angeborener Laktasemangel (Alactasie) nur sehr selten vor. Häufiger findet sich der entwicklungsbedingte Laktasemangel.

Sehr oft entwickelt sich eine solche Verwertungsstörung auch erst im Alter bei bis dahin normaler Laktoseverträglichkeit. Wir finden aber auch häufig vorübergehende Laktoseverwertungsstörungen vor. Ein solcher sekundärer Laktasemangel kann als Begleiterscheinung einer Darmerkrankung auftreten. Dazu zählen z.B. die Zöliakie oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen oder auch Darmschädigungen nach Magen- oder Darmoperationen, Strahlenbehandlung oder Magen-Darm-Infektionen.

Bei einer Laktoseintoleranz  sollte man Milchprodukte meiden und welche Nahrungsmittel Milch enthalten, wissen die meisten Menschen. Welche Produkte enthalten Laktose, ohne dass man das vermutet?

Viel Laktose enthalten neben Kuhmilch auch Joghurt, Sahne, Kaffeesahne, Kondensmilch, Magerquark, Frischkäse, Schmelzkäse und Kochkäse sowie (Milch-) Schokolade, Milcheis und viele andere Süßigkeiten.

Vorsicht ist ebenfall geboten bei vielen Fertignahrungsmitteln wie Müsli, Kartoffelbrei, Klößen und fertigen Backmischungen oder auch Würzsoßen und –mischungen, Suppen und Soßenbindern, weil man dort die Laktose nicht vermutet. Allerdings müssen laut Lebensmittelkennzeichnungsverordnung Milch und Milcherzeugnisse einschließlich der Laktose bei verpackten Lebensmitteln in der Zutatenliste aufgeführt sein. Daher sollten die Betroffenen bei verpackten Lebensmitteln immer die Zutatenlisten überprüfen. Angaben wie Molkepulver, Magermilchpulver oder Vollmilchpulver bedeuten, dass Milchzucker enthalten ist.

Für lose Ware ist diese Allergenkennzeichnung nicht verpflichtend, so dass die Betroffenen beim Kauf unverpackter Ware sicherheitshalber immer nachfragen sollten. Dies betrifft solche Lebensmittel wie Backwaren, Fleisch- und Fischerzeugnisse oder Feinkostsalate.

Bei hellen Brotsorten wie Weißbrot oder Toast, Brötchen, Kuchen, Keksen und Waffeln gilt es ebenfalls, vorsichtig zu sein. Bei den Betroffenen besteht auch häufig die Fehlinformation, dass Milch anderer Tierarten wie Schaf, Stute oder Ziege frei von Laktose sei, was aber nicht zutrifft. Laktose oder Milchpulver in Medikamenten sind dagegen nur in seltenen Fällen diätetisch von Bedeutung.


Bei Laktoseintoleranz ist es nicht immer nötig, wirklich alle Milchprodukte strikt zu meiden. Wie findet man die für sich verträgliche Dosis?

Die individuelle Verträglichkeit von Laktose variiert bei den Betroffenen sehr stark und hängt von der Restaktivität des Enzyms Laktase ab. Zum Austesten der individuellen Toleranzgrenze wird ein 3-stufiges Vorgehen empfohlen. Am Anfang steht immer eine streng laktosearme "Karenz-Phase", um eine weitestgehende Beschwerdefreiheit zu erreichen. Diese kann von einem Verzicht auf lediglich größere Mengen Trinkmilch bis zu einem völligen Verzicht auf alle Milchprodukte und laktosehaltigen Lebensmittel reichen. Ein komplettes Meiden jeglicher Spuren von Laktose ist allerdings nur in sehr seltenen Fällen notwendig.

Danach wird in einer Testphase die individuelle Verträglichkeit von Milchprodukten an Hand kleiner Mengen ausgetestet und die Ernährung so schrittweise wieder aufgebaut.

Wenn man seine persönliche Verträglichkeitsmenge bzgl. Laktose gefunden hat, bleibt diese dann so bestehen oder kann sie sich verbessern oder verschlechtern?

Je nach Schweregrad der Störung wird als Dauerernährung eine laktosefreie bzw. laktosearme Ernährung empfohlen. Eine  Steigerung der Laktase-Aktivität kann durch eine steigende Laktose-Zufuhr nicht erreicht werden. Die in der Testphase als verträglich ermittelten Lebensmittelmengen sollten in der Dauerernährung beibehalten werden.

Weiterhin wird die Verträglichkeit auch von den Nahrungseigenschaften beeinflusst. Wenn Joghurt und Dickmilch mehr Fett enthalten oder zusammen mit fetthaltigen Lebensmitteln verzehrt werden, sind sie meist besser verträglich. Durch das Fett werden die Speisen langsamer aus dem Magen in den Darm abgegeben und die Laktose abbauenden Enzyme haben mehr Zeit, den Milchzucker abzubauen. Auch Sauermilchprodukte erhöhen durch den Gehalt an Milchsäurebakterien die Verträglichkeit.

In den Fällen, in denen eine vorübergehende Laktose-Verwertungsstörung durch andere zugrunde liegende Darmerkrankungen ausgelöst wird, kann sich die Laktose-Intoleranz auch durchaus wieder vollständig bessern, sobald die ursprüngliche Erkrankung erfolgreich therapiert wurde.

Für Menschen mit einer Laktoseintoleranz werden Laktasetabletten angeboten. Ist es mit Hilfe dieser Enzyme möglich, sorgenfrei und unbegrenzt Laktose zu konsumieren?

Die Einnahme der Laktase-Enzympräparate sollte nur zu besonderen Anlässen erfolgen und ist nicht als Dauerlösung gedacht. Zudem sollten diese Präparate auch erst nach der Ermittlung der individuellen Toleranzgrenze eingesetzt werden, da auch hier die Dosierung individuell angepasst sein sollte.


Es gibt mittlerweile eine breite Palette laktosefreier Produkte. Gibt es bei der Auswahl der Produkte etwas zu beachten? Insbesondere im Hinblick auf Käse?

Laktosearme Milch und laktosearme Milchprodukte sind mit dem Begriff "laktosefrei" gekennzeichnet. Weitere Ersatzprodukte können Sojadrinks und Sojaprodukte darstellen. Es ist aber nicht in jedem Falle unbedingt notwendig, auf alle Milchprodukte zu verzichten oder auf entsprechende Ersatzprodukte zurückzugreifen, da der Milchzucker in sehr unterschiedlichen Mengen in den verschiedenen Milchprodukten wie Milch, Molke, Buttermilch, Creme Fraîche, Joghurt, Sahne, Schmand, Quark, Frischkäse, Käse und Butter enthalten ist. Hier gibt die Austestung der individuellen Verträglichkeit Sicherheit bei der Auswahl.

Insbesondere bei Käse gibt es Unterschiede bei der Verträglichkeit von länger gereiften Käsesorten wie Hart-, Schnitt- oder Weichkäse, oder auch Sauermilchkäse, die deutlich weniger Laktose enthalten und dadurch weitaus besser verträglich sind.

Wie stellt man bei einer Laktoseintoleranz die nötige Vitaminversorgung bzw. Mineralstoffversorgung sicher? 

Bei der Sicherstellung der Vitamin- und Mineralstoffversorgung bei Laktose-Intoleranz spielen hauptsächlich das Vitamin D und das Kalzium eine Rolle. Ob eine Mangelversorgung auftreten kann, hängt auch von der individuellen Verträglichkeit der Milchprodukte ab.

Welche Nahrungsmittel enthalten viel Vitamin D und Kalzium?

Zur Kompensation der Milchprodukte kann zur Sicherstellung der Versorgung natürlich auf die "laktosefreien" Angebote zurückgegriffen werden. Es gibt aber auch spezielle mit Kalzium angereicherte Soja-, Reis- oder Haferdrinks, die eine gute Alternative darstellen können, sowie kalziumhaltiges Mineralwasser und mit Kalzium angereicherte Fruchtsäfte.

Kalziumreiche Gemüsesorten wie z.B. Brokkoli, Lauch, Spinat und Grünkohl, sollten ebenfalls häufiger auf den Tisch kommen. Samen und Nüsse sowie frische Kräuter enthalten zwar auch viel Kalzium tragen jedoch nicht entscheidend zur Kalziumversorgung bei.

Besonders Vitamin D-reich sind z.B. fettreiche tierische Lebensmittel wie Hering, Makrele, Lachs, Thunfisch aber auch Leber, Eigelb und Käse und Butter. Die Vollmilch enthält dagegen vergleichsweise relativ wenig Vitamin D. Zu den pflanzlichen Vitamin D-Lieferanten zählen Pilze, wie Champignons, Steinpilze oder Pfifferlinge.

Über die Nahrung können etwa 10 bis 20 Prozent des täglichen Bedarfs gedeckt werden. Die Vitamin D-Versorgung hängt allerdings sowohl von der Aufnahme aus den Lebensmitteln als auch zusätzlich von der Intensität und Dauer der Sonneneinstrahlung ab, der die Haut ausgesetzt ist. In Absprache mit dem Arzt können bei einem bestehenden Mangel auch entsprechende Vitamin D- und Kalziumsupplemente eingesetzt werden.

Von Zeit zu Zeit wird diskutiert, ob eine Laktoseintoleranz nicht eigentlich „normal“ sei, da Milch als Kälbernahrung für den Menschen nicht geeignet sei. Wie sehen Sie das Thema?

Es ist richtig, dass die Aktivität des Enzyms Laktase im Laufe der natürlichen Entwöhnung auf etwa 5 bis 10 Prozent absinkt. Das gilt für den Menschen und alle anderen Säugetiere. In Asien und Afrika betrifft dies 90 Prozent oder mehr der Bevölkerung. In Deutschland leiden schätzungsweise 15 bis 25 Prozent der Bevölkerung unter einer Laktose-Unverträglichkeit. Nur bei Populationen, die seit langer Zeit Milchwirtschaft betreiben, hat sich eine Mutation durchgesetzt, die dazu führt, dass auch noch im Erwachsenenalter genügend Laktase produziert wird. Die Gründe für diese selektive Evolution lassen sich nur vermuten.

Dennoch leisten Milch und Milchprodukte einen wertvollen Beitrag zu unserer Kalzium- und Vitamin D-Versorgung und vor allem die Sauermilchprodukte üben viele positive Effekte auf unsere Gesundheit und unser Darmsystem aus. Es gibt aus meiner Sicht keine Veranlassung, absolut darauf zu verzichten und sie gehören für mich zu einem gesunden Mix.

Frau Dr. Geurtzen, herzlichen Dank für dieses Interview!

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden. Bitte beachte auch unsere Datenschutzbestimmungen gemäß DSGVO.