Lausner Primarschule Nussverbot nussfrei Schule

Urs Beyeler, Schulleiter der Lausner Primarschule zu seinen guten Erfahrungen mit dem Nussverbot!

Lausner Primarschule: Gute Erfahrungen mit dem Nussverbot

Welche Reaktionen kamen von den Kindern?

Aus den Schulzimmern wird mir berichtet, dass auch bei den Schülerinnen und Schülern nach wie vor eine hohe Sensibilisierung vorhanden sei und diese – manchmal mehr als die Erwachsenen – ihr Znüni auf mögliche Nussbestandteile untersuchen. Bei einzelnen Kindern musste sogar sehr bewusst daran erinnert werden, dass ihr Beitrag nicht als belastende Verantwortung wahrgenommen werden soll.


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Wie zufrieden sind Sie mit der Umsetzung des Nussverbots?

Natürlich ist es insgesamt als positiv zu werten, dass Annahme und Umsetzung dieser Vorgabe zu einer weitgehend unauffälligen Selbstverständlichkeit geworden sind. Andererseits ist damit aber auch die Gefahr verbunden, dass ein nach wie vor nötiges Risikobewusstsein allenfalls durch eine zwischenfallfreie Alltäglichkeit etwas abgeschwächt wird. Deshalb wird das Thema periodisch wieder auf Konventsebene angesprochen, und im Lehrerzimmer erinnert ein Aushang mit Fotos von besonders zu beachtenden Kindern an unsere stetige Aufgabe.

Für neu eintretende Kinder, resp. deren Eltern und Lehrpersonen stehen entsprechende Informations-Unterlagen bereit, welche sich auch aufgrund von Erfahrungswerten verändert haben. So wurde es z.B. als hilfreich erachtet, den Eltern eine visualisierte Liste von problemlosen Znünis und solchen mit Nussbestandteilen abzugeben. Auch das Notfallsetting wurde kürzlich mittels einer unangekündigten „Alarm-Übung“ durch mich überprüft und erfuhr punktuelle Anpassungen.

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Oft hört man von Kindergärten und Schulen, dass eine große Angst vor juristischen Konsequenzen besteht, wenn „etwas passiert“. Wie haben Sie dieses Problem in Ihrer Schule gelöst?

Tatsächlich war ich aufgrund anderer Erlebnisse mit fordernden Eltern sehr sensibilisiert darauf, „meine“ Lehrpersonen nicht der Überforderung anheim zu stellen und sie auch vor einer potentiellen Verfolgung in juristischem Sinne zu schützen. Dazu wurde nach entsprechenden Vorabklärungen eine Vereinbarung zwischen der Schule – nicht der Lehrperson – und den Eltern aufgesetzt und gegenseitig unterzeichnet. Sie regelt in Ergänzung zu Notfallplan und Supportmechanismen, z.B. Assistenz,  auch bestimmte Bereiche des schulischen Alltags, z.B. Exkursionen, Feiertage etc., und weist hier auch den Eltern Verantwortlichkeiten zu.

Hinsichtlich justiziabler Aspekte wird generell ausgeführt, dass die Schule keine Haftung für das Vorhandensein von Nüssen übernehmen kann und sich die Eltern des Umstands bewusst sind, dass keine Garantie hinsichtlich der Verhinderung eines anaphylaktischen Schocks, uneingeschränkter Kontrolle oder medizinischer Unfehlbarkeit besteht.

Bezüglich der zivilrechtlichen Haftung wird ein vermögensrechtlicher Anspruch von Geschädigten gegenüber der Lehrperson ausgeschlossen; die Haftpflichtversicherung des Kantons kann nur bei erwiesenem Vorsatz oder Grobfahrlässigkeit Regressforderungen stellen.

Strafrechtliche Konsequenzen wie „Gefährdung des Lebens und der Gesundheit“ oder „Unterlassen von Nothilfe“ sind zwar wie in allen Fällen von schulischen Vorkommnissen denkbar, hinsichtlich der Prüfung im Einzelfall unter Bezugnahme auf das Notfallsetting aber praktisch sehr unwahrscheinlich.

In diesem Zusammenhang ist es mir ein Anliegen, auf die wichtige Rolle der betroffenen Eltern und der betreuenden Lehrpersonen hinzuweisen. Die offene und dankbare Haltung der Eltern -  fernab von ultimativ postulierten Forderungen - war in unserem Fall sicher eine zentrale Gelingensbedingung für eine zielgerichtete Kooperation. Darauf basierend wurde ihre nachvollziehbare Not auch zu einem Herzensanliegen der Lehrpersonen, die sich den damit verbundenen Herausforderungen sehr professionell stellten und nach wie vor stellen.

Sie haben nun seit einem Jahr Erfahrungen mit dem konsequenten Nussverbot an der Lausner Primarschule. Was würden Sie anderen Schulleitern raten, die nussallergische Kinder aufnehmen sollen?

Primär ist sicher die Einschätzung der Bedürfnislage resp. der medizinischen Indikation ein wegweisender Schritt in den Vorabklärungen. In vielen Fällen ist unter Berücksichtigung des Alters der Kinder und der schulischen Gegebenheiten die Etablierung von „nuss- und/oder erdnussfreien“ Schulzimmern sicher bereits ausreichend. Aber auch dann ist der frühzeitige Einbezug von Lehrpersonen, Hausdienst, Schulrat und Gemeinde zwingend angezeigt. Sollte sich aber die Notwendigkeit einer hochschwelligeren Massnahme abzeichnen, ist der Kommunikation nach aussen, an Elternschaft, Öffentlichkeit, Vereine etc. ein spezielles Gewicht beizumessen. Hier könnte sich die Zusammenarbeit mit anderen Schulen oder Fachinstitutionen, z.B. dem „Verein Erdnussallergie & Anaphylaxie“ oder dem „Allergiezentrum Schweiz“, allenfalls als hilfreich erweisen.

Dienlich wäre in jedem Fall die Unterstützung durch die kantonale Schulbehörde, was in unserem Fall nur bedingt der Fall war. Abgesehen von der Beantwortung rechtlicher Fragen konnte uns nicht mit Empfehlungen oder Vorgaben gedient werden, - entsprechende  Wegleitungen wie im Kanton Zürich sind jetzt erst in Planung. Und last but not least: Nehmen Sie sich Zeit für eine eigene Positionierung - in welcher Art auch immer. Anders als in anderen Ländern, wo Nussfreiheit bereits als Standard gilt, müssen bei uns noch nachvollziehbare Widerstände überwunden werden. Aber das Leben kann bekanntlich Spuren von Müssen enthalten....

Herr Beyeler, herzlichen Dank für dieses Interview!

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