Bodenbeläge Schadstoffe Allergene Innenraum

Josef Spritzendorfer, Vorstand der Europäischen Gesellschaft für gesundes Bauen und Innenraumhygiene – European Society for healthy building and indoor air quality e.V. EGGBI, zu Schadstoffen und Allergenen im Innenraum und die Rolle der Bodenbeläge!

Bodenbeläge, Schadstoffe, Allergene: Risiken für Allergiker im Innenraum?

Ob Teppichboden, Parkett oder Laminat - in Bodenbelägen gibt es eine Reihe von Stoffen, die schädlich sein bzw. Allergien auslösen können. Welche Schadstoffe findet man in Bodenbelägen? Wozu werden Sie genutzt? Welche Auswirkungen können Sie haben? Welche Stoffe wirken allergen? MeinAllergiePortal sprach mit Josef Spritzendorfer, Vorstand der Europäischen Gesellschaft für gesundes Bauen und Innenraumhygiene – European Society for healthy building and indoor air quality e.V. EGGBI, über Schadstoffe und Allergene im Innenraum und die Rolle der Bodenbeläge.

Herr Spritzendorfer, welche Stoffe kommen in Bodenbelägen vor?

In den unterschiedlichen Bodenbelägen finden sich oftmals eine Vielzahl von Schadstoffen, vor allem aber auch sensibilisierende Stoffe, die insbesondere für Allergiker und Chemikaliensensitive ein echtes Problem darstellen können. In vielen Fällen können sie aber auch für „Gesunde“ ein unvertretbares Risiko sein.

Welche Schadstoffe bzw. Allergene findet man in welchen Arten von Bodenbelägen?

Typische „Raumschadstoffe“ sind zum Beispiel:

• Pestizide in Teppichböden, Kork, Linoleum

• Weichmacher, Styrol und Flammschutzmittel in Teppichböden, Oberflächen von Parkett, Laminatböden, PVC- und Kunststoffböden

• Lösemittel aus den Produkten, den Oberflächenbeschichtungen, den Verarbeitungs- und Pflegemitteln

• Formaldehyd und andere Aldehyde, ebenfalls aus den meisten angeführten Produktgruppen

Daneben findet man vor allem auch:

• Amine, Antistatika und Isocyanate mit teilweise hohem toxischem Potential, oft auch mit hormonellen Spätfolgen

Mit einem teilweise stark allergenisierenden, toxischen Potential sind es aber auch ebenso wirkende Stoffe aus den diversen Klebern, Grundierungen und Pflegemitteln, wie zum Beispiel die als Konservierungsstoffe gerne eingesetzten Isothiazolinone. Auch natürliche Inhaltsstoffe des Holzes, wie Terpene und Essigsäure können bei entsprechenden Konzentrationen sensibilisierend wirken.

Wozu dienen die Schadstoffe in den Bodenbelägen?

ahlreiche dieser Stoffe sind in Substanzen enthalten, die natürlich eine bestimmte Funktion zu erfüllen haben. Sie dienen zur Haltbarmachung und technischen „Optimierung“ von Klebern und Oberflächenbehandlung (Isothiazolinone), zur Vermeidung elektrostatischer Aufladung (Antistatika) oder für mehr Elastizität von Kunststoffböden (Weichmacher). Manchmal sind sie aber auch nur Folge einer „kostenoptimierten“ Rohstoffbeschaffung, ohne entsprechende Vorprüfungen.

Natürliche Allergene aus Bauprodukten haben ebenso häufig eine grundsätzliche Funktion. Terpenhaltige Harze, wie z.B. aus der Kiefer, schützen den Baum gegen übermäßige Kälteeinflüsse im Winter.

Manche Stoffe (Aldehyde) sind aber auch Ergebnis natürlicher Oxidationsprozesse von Naturprodukten wie Öle oder Wachse und daher sind individuell auch zahlreiche „Naturprodukte“ für manche Allergiker absolut unverträglich.

Könnte man Schadstoffe und Allergene in Bodenbelägen durch „gesündere“ Stoffe ersetzen?

Zahlreiche Hersteller beweisen seit Jahren, dass es auch Alternativstoffe gibt, die wesentlich verträglicher sind; so gibt es bereits Kunststoffböden mit natürlichen „Weichmachern“, z.B. aus Rapsöl, Schurwollteppiche mit Pyrethroid-freiem Mottenschutz, Parkettböden und Teppiche mit stark reduzierten Emissionen, die auch für die meisten Allergiker verträglich sind.

Sind bestimmte Materialien, wie z.B. Fliesen, grundsätzlich schadstoffärmere Bodenbeläge als z.B. Teppiche?

Während organische Produkte grundsätzlich nicht emissionsfrei sind, sind gebrannte mineralische Produkte in diesem Bereich in der Regel tatsächlich völlig „verträglich“. Selbst bei in der Regel unbedenklichen Fliesenböden kann es allerdings zu „reizenden“ Belastungen aus Kleber, Grundierung, Fugenmassen und Randfugen-Silikonen kommen. Auch die in „ökologischen“ Klebern verwendeten Naturharze sind nicht für alle verträglich.

Auf die Verträglichkeit der Kleber sollte man also ebenfalls achten?

Gerade bei der Auswahl dieser Stoffe sollte verstärkt auf die gesundheitlichen Risiken geachtet werden; nur sehr wenige Hersteller sind bis heute bereit, hier eine transparente Verbraucherinformation zu bieten.

Welche dieser Schadstoffe können sich negativ auf die Gesundheit auswirken und wie äußert sich dies?

Grundsätzlich stellen alle eingangs angeführten Schadstoffe ein gesundheitliches Risiko dar – nicht nur für Allergiker.

Formaldehyd und zahlreiche Lösemittel äußern sich bereits durch unmittelbare Symptome wie Kopfschmerzen, Reizung und Schwellung der Schleimhäute, Atembeschwerden, Konzentrationsschwäche u.a. = Sick Building Syndrom.

Andere Stoffe, wie Weichmacher oder Flammschutzmittel wirken hingegen oft erst „langfristig“, teils sogar mit dauerhafter hormoneller Beeinträchtigung bis hin zur Krebsbildung.

Übrigens gilt auch Formaldehyd seit 2014 offiziell als krebserzeugend. Dennoch wurden in Deutschland die diesbezüglichen Grenzwerte dadurch nicht reduziert und liegen wesentlich höher als in manchen anderen europäischen Ländern.

Verliert sich die schädliche Wirkung von Schadstoffen in Bodenbelägen mit der Zeit?

Natürlich reduziert sich die gesundheitliche Auswirkung nach längerer Nutzung bei vielen Stoffen. Im Bereich Spanplatten aus den 70er Jahren beispielsweise, haben wir aber bei unseren Beratungen immer wieder mit auch nach Jahrzehnten weit überhöhten Formaldehydwerten zu tun.

Und welche Stoffe in Bodenmaterialien können Allergien auslösen?

Neben Formaldehyd sind dies vor allem zahlreiche sogenannte VOCs (Lösemittel). VOC ist die Abkürzung für „volatile organic compounds“ – dies bedeutet „flüchtige organische Substanzen“.

Das massive Zunehmen des Sick-Building Syndroms (SBS) in Wohnungen, Büros, Schulen, Kindergärten führte zu einer Sensibilisierung der Öffentlichkeit zur Thematik Innenraumluftqualität und damit auch „Wohngesundheit“. Während die gesundheitlichen Risiken von Formaldehyd, Holzschutzmitteln, Weichmachern, Flammschutzmitteln u.a. bereits seit Jahren bekannt sind, besteht noch immer eine hohe Uneinigkeit bzgl. der Gesundheitsgefährdung und des allergenen bzw. sensibilisierenden Potentials durch die Belastung von Räumen mit zahlreichen weiteren, unterschiedlichen VOCs.

Gibt es für die Hersteller von Bodenbelägen eine Kennzeichnungspflicht wirklich aller Inhaltsstoffe?

gesundheitliche bewertung guetezeichen allergie bodenbelagGesundheitliche Bewertung von Gütezeichen, Quelle: Josef Spritzendorfer, EGGBIGesundheitliche Bewertung von Gütezeichen, Quelle: Josef Spritzendorfer, EGGBIFür eine bauaufsichtliche Zulassung müssen Hersteller von Bodenbelägen seit einigen Jahren einem „Schadstoffprüfbericht“ vorlegen und dürfen gewisse - für Allergiker viel zu großzügige - VOC und Formaldehydwerte nicht mehr überschreiten. Diese Prüfberichte betreffen aber nicht Schadstoffe wie Weichmacher, Flammschutzmittel u.a..

Zudem gibt es keine Regelungen bezüglich der Probenahme für die Schadstoffprüfungen. Anders als bei seriösen Gütezeichen, bei denen von „Externen“ oder dem prüfenden Institut selbst Materialproben aus der laufenden Produktion entnommen werden, können hier die Hersteller selbstausgewählte Muster zur Prüfung einsenden. Bekanntlich kommt es aber bei älteren Produkten oftmals zu wesentlich geringeren Emissionen als bei aktueller Handelsware.

Gegenüber dem Verbraucher gibt es generell für Bauprodukte bis heute keine Kennzeichnungspflicht. Gerade Naturbaustoffhersteller berufen sich sehr gerne auf sogenannte „Volldeklarationen“, die aber von niemandem überprüft werden können. Ökotest stellte erst im April 2016 wieder fest, dass bei diesen Herstellerdeklarationen immer wieder auch bedenkliche Stoffe wie z.B. Butanonoxim „vergessen“ werden.

Welchen Stellenwert hat die EU-Gesetzgebung im Zusammenhang mit einer transparenteren Deklaration der Stoffe und Allergene in Bodenbelägen?

Im Zuge der derzeitigen Standardisierung der europäischen Bauprodukteverordnung stehen sogar die derzeit in Deutschland geforderten Emissions-Prüfungen für Bodenbeläge wieder zur Diskussion. Eine Verbesserung der Produktsicherheit für den Verbraucher sehen wir hier aber nicht.

Wie sollte man bei der Auswahl möglichst schadstoffarmer Bodenbeläge vorgehen?

gesundheitliche bewertung guetezeichen erklaerung allergie bodenbelagErläuterungen der gesundheitlichen Bewertung von Gütezeichen, Quelle: Josef Spritzendorfer, EGGBIErläuterungen der gesundheitlichen Bewertung von Güetezeichen, Quelle: Josef Spritzendorfer, EGGBINachdem uns bei unseren Beratungen für Allergiker und Chemikaliensensitive Herstelleraussagen grundsätzlich nicht reichen, wir aber auch durch zahlreiche industrieeigene „Gütezeichen“ und sehr oft „Labels“ keine wirklich ausreichende Verbraucherinformation erkennen können,
bleibt dem wirklich „kritischen“ Kunden nur die Möglichkeit, umfassende „Schadstoffprüfberichte“ vom Verkäufer einzufordern.

Hersteller, die diese Berichte verweigern, haben aus unserer Erfahrung nahezu immer Dinge zu verbergen.

Menschen mit besonderen individuellen Unverträglichkeiten bzw. Allergien können nur aus solchen Prüfberichten, optimal in Absprache mit dem behandelnden Arzt, erkennen, ob für sie sensibilisierende Stoffe in einem Produkt zu erwarten sind.

Gerne von Herstellern angebotene „Sicherheitsdatenblätter“ haben für den Verbraucher keine ausreichende Aussagekraft, da hier nur für den Verarbeiter kurzfristig wirksame Schadstoffe deklariert werden müssen, damit aber keinerlei Informationen über das für den Verbraucher entscheidende Langzeit-Emissionsverhalten geboten wird.

Herr Spritzendorfer, herzlichen Dank für dieses Interview!

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.