Zöliakie Screening

Prof. Dr. med. habil. Thomas Richter, Chefarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Fachkrankenhaus Hubertusburg

Zöliakie: Mit Zöliakie-Screening unerkannte Erkrankungen erkennen

Zöliakie gehört zu den Erkrankungen, bei denen die Patienten oft sehr lange auf eine konkrete Diagnose warten müssen. Die Symptome sind oft nicht eindeutig, die Patienten sind sich oft nicht bewusst, dass ein Zusammenhang zwischen glutenhaltigen Speisen und ihren Problemen besteht und nicht immer wird bei unklarem Beschwerdebild an Zöliakie gedacht. Bisher setzte man auf Aufklärung, aber eine aktuelle Studie hat nun ergeben, dass die Zahlen der Zöliakie-Erkrankten deutlich höher sein könnten, als bisher angenommen. Es stellt sich deshalb die Frage, ob nicht ein Zöliakie-Screening die effizientere Methode wäre. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. habil. Thomas Richter, Chefarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Fachkrankenhaus Hubertusburg über seine Zöliakie-Studie, die erschreckenden Ergebnisse und die Voraussetzungen für ein Zöliakie-Screening.

Herr Prof. Richter, Sie haben  in einer Studie alle Patienten Ihrer Kliniken, bei denen ohnehin eine Blutabnahme nötig war, auf Zöliakie untersucht und kamen pro 50 bis 100 Kinder auf 1 Zöliakie-Patienten. Hatten Sie mit diesem Ergebnis gerechnet?

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Erkrankungen des Magen-Darm-Kanals, natürlich auch mit der Zöliakie. Das Krankheitsbild der Zöliakie lernte schon in den siebziger Jahren jeder Student: chronischer Durchfall, dicker Bauch, Gewichtsverlust, Kleinwuchs. Wir nahmen damals an, dass etwa 1 Patient auf 1000 bis 2000 Menschen betroffen war.

Inzwischen wurden besonders aus den skandinavischen Ländern ganz andere Zahlen bekannt: 1:50. Solche Häufigkeiten erschienen für Deutschland unglaubwürdig und passten auch nicht zur gesellschaftlichen Realität. In meinem Krankenhaus bekamen in einem Jahreszeitraum von 5 Jahren von ca. 130.000 stationär behandelten erwachsenen Patienten gerade einmal 71 Patienten wegen einer Zöliakie glutenfreie Kost. Das entspricht einer Häufigkeit von etwa  1:1800. In der Kinderklinik wurden im gleichen Zeitraum von ca. 12.700 Patienten 61 Zöliakie- Patienten betreut. Hier lag die Häufigkeit immerhin bei ca. 1:210.

Natürlich war ich schon überrascht, dass wir durch unsere Screening-Studie eine erstaunlich große Anzahl von bisher nicht erkannten Zöliakie-Patienten fanden.

Wie kommt es zu der relativ großen Bandbreite von 50 bis 100 Kindern?

Ein Problem besteht darin, dass wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine exakten Zahlen angeben können. Bei einer relativ großen Anzahl von Kindern, bei denen wir durch die Studie positive Antikörper fanden und die mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Zöliakie haben, können wir das zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht beweisen.

Diese Patienten befanden sich zumeist wegen irgendeiner Erkrankung "außerhalb des Magen-Darm-Kanals" in unserer Betreuung und wurden bisher nicht wieder vorgestellt. Deshalb geben wir gegenwärtig unsere Zöliakie-Häufigkeit mit 1:50 bis 1:100 an. Ich hoffe, dass wir am Ende dieses Jahres diese Zahl konkretisieren können.

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.