Reizdarmsyndrom Mastzellen Dinatriumcromoglycinsäure

Prof. Dr. med. Martin Raithel, Chefarzt der Medizinischen Klinik II des Waldkrankenhauses St. Marien in Erlangen zur Verbindung zwischen Reizdarmsyndrom und Mastzellen!

Reizdarmsyndrom und Mastzellen: Gibt es eine Verbindung? Therapieoptionen?

Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist pathophysiologisch eine beim individuellen Patienten schwer zu fassende Erkrankung, die sich durch eine Vielzahl unterschiedlicher Symptome äußern und bei jedem Patienten anders ausgeprägt sein kann. Bei aller Unterschiedlichkeit der Auslösemechanismen scheint es jedoch bei vielen Reizdarm-Patienten eine Gemeinsamkeit zu geben und dabei spielen die Mastzellen eine Rolle. Was haben die Mastzellen mit dem Reizdarmsyndrom zu tun und welche Therapiemöglichkeiten ergeben sich daraus? Darüber sprach MeinAllergiePortal mit Prof. Dr. med. Martin Raithel Internist, Gastroenterologe, Allergologe, Gesundheitsökonom (EBS), Ernährungsmedizin (BLAEK) und Chefarzt der Medizinischen Klinik II des Waldkrankenhauses St. Marien in Erlangen.    

Herr Prof. Raithel, Bauchbeschwerden werden oft mit dem Reizdarmsyndrom (RDS) in Verbindung gebracht, ist dies eigentlich ein neues Krankheitsbild?

Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist keine neue Erkrankung, sondern bereits seit längerer Zeit bekannt. In den letzten fünf Jahrzehnten beobachten wir allerdings eine gewisse Zunahme der Erkrankung, die im Wesentlichen klinisch definiert ist, da es keinen beweisenden Laborparameter dafür gibt. Gerade in den westlichen Ländern werden immer häufiger Beschwerden geschildert, die dem Reizdarmsyndrom entsprechen und ähnlich wie Adipositas, Allergien und psychosomatische Beschwerden zunehmen.

Allerdings sind nicht alle Beschwerden und Irritationen aus dem Magen-Darmtrakt (reizdarmähnliche Symptome) tatsächlich auch dem Reizdarmsyndrom zuzuordnen. Vielmehr werden in der Klinik zunächst wichtige, schnell objektiv fassbare Erkrankungen ausgeschlossen, z. B. Magen-Darmgeschwüre, Infektionen, Krebs etc).. Oft verbleibt dann als mögliche Differentialdiagnose die Frage nach z. B.  Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie Laktoseintoleranz oder Fruktosemalabsorption oder das Vorliegen einer gastrointestinalen Allergie, die alle ähnliche Symptome verursachen können. Diese Erkrankungen können aber durch Meidung der entsprechenden Kohlenhydrate bzw. der auslösenden Trigger gut behandelt werden, während bei einem sogenannten idiopathischen RDS die Ursache, der Trigger und die exakte Therapie im Einzelfall unklar sind.

Auffällig ist, dass man auch bei anderen Erkrankungen in den letzten fünfzig Jahren eine Zunahme an Krankheitsfällen beobachten kann, insbesondere in den westlich orientierten Ländern. Dazu gehören z.B. Übergewicht, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Allergien und Asthma bronchiale, so dass man schon den Eindruck hat, dass viele unserer heutigen Lebensweisen, Ernährungsfaktoren, Hygiene, Antibiotikaverbrauch und nicht zuletzt Konsum von Alkohol, exotischen Gewürzen etc. Einfluss auf die Gesundheit und die Begünstigung bestimmter Erkrankungen haben.

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Gab es in den letzten fünfzig Jahren tatsächlich mehr Patienten mit Reizdarmsyndrom oder wird RDS nur zunehmend besser mittels Ausschlussdiagnose diagnostiziert?

Früher hat man Reizdarmbeschwerden, d.h. funktionelle Magen-Darm-Beschwerden oder Dyspepsie, häufig als nervlich, neuropsychiatrisch oder neuro-vegetativ vermittelt eingestuft. Heute wissen wir, dass der Reizdarm ein riesengroßes Spektrum verschiedener Ursachen und Störungen aufweisen kann, die zum Teil im Immunsystem, teilweise aber auch in der Darmflora oder im Nervensystem lokalisiert sind. Die Ausprägung der Beschwerden ist dabei natürlich auch an neurovegetative und psychosomatische Mechanismen gekoppelt, diese sind aber oft nicht die allein vorhandene Ursache, sondern ein Modulationsfaktor.

Das bedeutet: Während Reizdarmbeschwerden in der Vergangenheit als nicht fassbare psychische Erkrankung gesehen wurden, findet man heute zunehmend eine Erklärung der Symptome in verschiedenen Teilbereichen, z.B. der genetischen Expression von Serotonintransporter-Proteinen, im Histaminabbau in bestimmten Darmsegmenten (Stichwort Histamin-vermitteltes RDS) oder differenzierten Veränderungen der Darmflora (Mikrobiota). Weitere Beispiele hierfür sind z.B. Patienten mit einer bakteriellen Dünndarmüberwucherung, Patienten, die auf FODMAP-Bestandteile der Nahrung, also bestimmte Kohlenhydrate, sogenannte Frukto- und Galakto-Oligosaccharide, Disaccharide, Polyole, mit Blähungen reagieren, Patienten mit gastrointestinalen Nahrungsmittelallergien und Patienten, die verstärkt Mastzellen im Darm aufweisen.Letztendlich ist die Symptomatik des Reizdarmsyndroms das Ergebnis einer gestörten intestinalen Physiologie, die sich aus der Interaktion mit der Umwelt bei einer gegebenen genetischen Konstitution in einer gestörten intestinalen Immunhomöostase und einer gestörten Darmbarriere äußert.

Reizdarmpatienten sind also eine extrem heterogene Gruppe. Das Spektrum der Phänotypen beim Reizdarmsyndrom ist enorm groß und ist medizinisch extrem schwer komplett abzuklären. Vom Phänotyp her gibt es Reizdarm-Patienten, die lediglich Blähungen haben, andere klagen nur in stressigen Prüfungssituationen über Durchfälle und wieder andere können aufgrund extremer Durchfälle und starker Schmerzen nicht zur Arbeit gehen. Bei schweren Verlaufsformen verändern sich die Personen im Laufe der Zeit psychisch aufgrund ständiger Sorge um ihren Darm, die Ernährung und ihr Leben. Auffällig ist hier auch eine hohe Komorbidität mit anderen Stresserkrankungen, psychischen Veränderungen und Depressionen.   

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