Neurodermitis Nahrungsmittelallergie Provokation Muttermilch

Prof. Dr. med. Bodo Niggemann, Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie, Charité Universitätsmedizin Berlin zum Zusammenhang zwischen Neurodermitis und Nahrungsmittelallergie!

Neurodermitis - Nahrungsmittelallergie? Provokation über die Muttermilch!

Es ist sehr selten, dass ein Säugling bereits auf Nahrungsmittelallergene in der Muttermilch allergisch reagiert. Es gibt aber Konstellationen, die auf eine solche Möglichkeit hinweisen, und dann sollte eine möglichst klare Diagnose erfolgen. Wie aber kann die Diagnose erfolgen? MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Bodo Niggemann, Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie, Charité Universitätsmedizin Berlin über den Zusammenhang zwischen Neurodermitis und Nahrungsmittelallergie und die Diagnose über die Provokation über die Muttermilch.

Herr Prof. Niggemann, welche Indikatoren weisen darauf hin, dass ein Säugling mit Neurodermitis auf Nahrungsmittelallergene reagiert, die in der Muttermilch vorhanden sind?

Grundsätzlich muss man feststellen: Statistisch gesehen besteht nur bei ca. 30 Prozent der Kinder mit Neurodermitis überhaupt eine Nahrungsmittelallergie. Allerdings ist diese Statistik irreführend. Tatsache ist, je jünger das Kind und je schwerer das Ekzem, umso wahrscheinlicher ist es, dass auch eine Nahrungsmittelallergie besteht. So liegt bei einem vier Monate alten Säugling mit schweren Ekzemen die Wahrscheinlichkeit, dass eine Nahrungsmittelallergie besteht, bei 80 bis 90 Prozent. Dagegen ist bei einem Kind, das mit 2 bis 3 Jahren erstmals ein Beugenekzem entwickelt, das Risiko einer Nahrungsmittelallergie sehr gering.

Zurück zur Frage: An eine über die Muttermilch ausgelöste allergische Reaktion beim Säugling auf Allergene in Nahrungsmittel, denkt man dann:

1.    wenn ein Kind ausschließlich gestillt wird und ein schweres Ekzem hat;

2.    wenn es regelmäßig in den ersten Stunden nach der Stillmahlzeit beim Säugling zu einer Verschlechterung des Hautzustandes kommt;

3.    wenn beim Säugling eine allergische Sensibilisierung vorliegt.

Die allergische Sensibilisierung wird über die regulären Allergietests festgestellt?

Die allergische Sensibilisierung bestimmt man über einen Haut-Prick-Test oder über eine Immunglobulin E-Messung im Blut. Im Säuglingsalter ist ein Allergietest im Blut die übliche Vorgehensweise. Man bestimmt z.B. die IgE-Antikörper gegen Kuhmilch, Hühnerei und Erdnuss, die die häufigsten Allergene in diesem Alter darstellen.

Findet man beim Säugling ausschließliche Sensibilisierungen auf reine Nahrungsmittelallergene oder kann auch eine Kreuzreaktion auf Pollenallergene vorliegen?

Pollenallergene spielen im Stillalter, d.h. im ersten Lebensjahr, nie eine Rolle. Ein Kind muss ja zunächst mindestens eine Pollensaison erlebt haben, um eine Sensibilisierung gegen Pollen entwickeln zu können und das ist vor dem Alter von 2 bis 3 Jahren kaum denkbar.

Ein Säugling reagiert also auf Allergene in der Nahrung der Mutter allergisch?

Die Kinder reagieren auf Bestandteile der Kuhmilch oder des Hühnereis in der Muttermilch. Das ß-Lactoglobulin aus der Kuhmilch kann man z.B. direkt in der Muttermilch messen. Die Allergene in der Nahrung der Mutter werden beim Verdauungsvorgang zwar deutlich verändert, es gelangen aber noch Einzelallergene in die Muttermilch, die allergische Reaktionen beim Kind auslösen können.

Sie sagten Nahrungsmittelallergien auf Milch und Hühnerei seien bei Säuglingen mit schwerer Neurodermitis am häufigsten, welche anderen Allergene sind möglich?

Die „Hitliste“ der Allergene lautet:

1.    Hühnerei

2.    Kuhmilch

3.    Erdnuss

4.    Baumnüsse

5.    Weizen

6.    Soja

7.    Fisch

Hühnerei und Kuhmilch liegen in dieser Hitliste dicht zusammen und sind mit Abstand die häufigsten Allergene. Mit einem leider immer kleiner werdenden Abstand folgen dann Erdnüsse und Baumnüsse, mit einem größeren Abstand folgt Weizen, mit einem noch weiteren Abstand folgt Soja und nach einem letzten Abstand schließlich Fisch. Krustazeen, also Krustentiere, sind bei Säuglingen jedoch nicht relevant, sondern spielen eher bei Jugendlichen eine Rolle. Selbstverständlich können Säuglinge auch auf mehrere Allergene, z. B. Kuhmilch und Hühnerei, allergisch reagieren.

Wenn ein Säugling ein schweres Ekzem hat, die Mutter einen Zusammenhang mit dem Stillen beobachtet und beim Allergietest beim Säugling eine Sensibilisierung gegen ein Nahrungsmittel im Blut festgestellt wird, obwohl das Kind selbst das entsprechende Nahrungsmittel noch nie gegessen hat, ist es möglich, dass die Sensibilisierung über die Muttermilch erfolgte. Dann sollte abgeklärt werden, ob diese Sensibilisierung eine klinische Relevanz hat. In meiner Einschätzung beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass dies unter diesen Umständen der Fall ist ca. 5 Prozent. Das ist allerdings meine persönliche Wahrnehmung und nicht durch Studien belegt.

Allerdings ist auch dann an eine über die Muttermilch ausgelöste Nahrungsmittelallergie zu denken, wenn bei einem Säugling einfach nur eine sehr schwere Neurodermitis mit persistierendem Ekzem auftritt, denn nicht immer erfolgt die Reaktion sofort nach Allergenkontakt.

Leichte, nur hin und wieder auftretende Ekzeme sind hingegen eher nicht mit Nahrungsmittelallergien vergesellschaftet, denn Säuglinge werden relativ gleichmäßig ernährt und ein Ekzem, das mal leicht und mal schwer ist, passt im Säuglingsalter nicht zu diesem Bild.

Wie gehen Sie konkret vor, wenn Sie bei einem Säugling mit schwerer Neurodermitis eine Provokation auf Nahrungsmittelallergene über die Muttermilch vornehmen?

Um zu testen, ob die Sensibilisierung des Säuglings in einem Zusammenhang mit der Neurodermitis steht, gehen wir in der Charité bei der Provokation über die Muttermilch wie folgt vor:

Die Mutter wird gebeten, für ca. eine Woche auf das relevante Allergen, z.B. Kuhmilch und alle Milchprodukte komplett zu verzichten und die Hautreaktion des Säuglings zu beobachten. Im Anschluss daran muss die Mutter die Milchprodukte wieder normal bis reichlich verzehren. Im positiven Fall kommt es spätestes nach einigen Tagen wieder zu einer Verschlechterung des Hautbildes. Es kann jedoch auch sein, dass sich relativ schnell (innerhalb weniger Stunden) nach einer Milchmahlzeit die ersten Neurodermitis-Symptome beim Kind zeigen.

Kommt es unter der mütterlichen Einnahme des Nahrungsmittels nicht zu einer Verschlechterung des Hautbildes beim Kind, ist es nicht wahrscheinlich, dass das Kuhmilch-Allergen die Ursache ist. Bestand beim Kind mehr als eine Sensibilisierung, würde der Test mit dem nächsten Allergen wiederholt.

Und wie geht es weiter, wenn sich nach dem Provokationstest über die Muttermilch die Neurodermitis des Kindes verschlechtert?

Verschlechtert sich das Hautbild des Kindes, zeigt dies, dass eine Nahrungsmittelallergie gegen Kuhmilch bestehen könnte. Um ganz sicher zu gehen, wird das Vorgehen dann wiederholt, d.h. die Mutter wird erneut für eine Woche auf alle Milchprodukte verzichten und sie dann wieder einführen.

Zeigt das Kind dann beide Male im gleichen zeitlichen Zusammenhang mit dem gleichen diätischen Regime die identischen Symptome, halten wir es für wahrscheinlich, dass eine Nahrungsmittelallergie vorliegt.

Wie gehen Sie vor, wenn die Kuhmilch tatsächlich der Auslöser für die schwere Neurodermitis beim Kind ist?

Ist die Kuhmilch tatsächlich der Auslöser für das Ekzem beim Säugling, gilt es abzuwägen, welche Maßnahmen zu ergreifen sind. Dabei spielen die Vorgeschichte, das auslösende Allergen und die Ernährungsgewohnheiten der Mutter eine Rolle. Fällt es der Mutter leicht, z.B. auf Hühnerei zu verzichten, wird man das Kind über die Ei-freie Diät der Mutter therapieren.

Wenn die Mutter auf Milchprodukte verzichten müsste, wäre dies schwierig, weil dies den Speiseplan stark einschränkt und auch die Qualität der Muttermilch unter einer Kost leiden kann, die gänzlich frei von Milchprodukten ist und vielleicht den Kalziumbedarf für Mutter und Kind nicht ausreichend deckt.

Eine weitere Frage, die bei der Therapieentscheidung zu berücksichtigen ist, ist das Alter des Kindes. Ist das Kind schon 5 bis 6 Monate alt und würde man deshalb sowieso bald abstillen, wäre das eine sinnvolle Lösung. Ist der Säugling erst 3 Monate alt und eine längere Stillzeit wäre besser für das Kind, würden wir nur ungern zum Abstillen raten und eher eine Diät der Mutter in Kauf nehmen.

Welche Nahrung kommt für das Kind nach dem Abstillen in Frage, wenn eine Nahrungsmittelallergie vorliegt?

Im Fall einer Kuhmilchallergie würde man auf eine für Kuhmilch-Allergiker geeignete Ersatznahrung, d.h. auf eine extensiv hydrolysierte Formula auf Kuhmilchbasis oder eine Aminosäurenformula zurückgreifen.

Bei Kindern geht die Nahrungsmittelallergie ja oft nach einiger Zeit von selbst …

Wir überprüfen bei den Kindern, die bereits über die Muttermilch eine Nahrungsmittelallergie entwickeln, kurze Zeit nach dem Abstillen mit einer direkten oralen Provokation beim Kind, ob die Allergie wirklich oder noch vorhanden ist. Im Gegensatz zur Erdnuss- und Baumnussallergie dauert es meist nur wenige Jahre, bis eine Kuhmilch- oder Hühnereiallergie beim Kind wieder verschwindet. Danach wird dies alle zwei Jahre überprüft.

Herr Prof. Niggemann, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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