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Mit Zöliakie ins Krankenhaus? Es gibt gute und schlechte Erfahrungen!

Ins Krankenhaus geht niemand gerne, aber wenn man Zöliakie hat kommt noch eine Sorge hinzu. Viele stellen sich die Frage, ob es im Krankenhaus ein verläßlich glutenfreies Angebot gibt. Da Kliniken über Dätküchen oder zumindest spezielle Caterer verfügen, sollte man meinen, dass eine glutenfreie Ernährung möglich ist, aber wie sieht das wirklich aus in deutschen Kliniken? MeinAllergiePortal und Patrizia und Jürgen Schmidtlein von Zöliakie Austausch wollten das genau wissen und haben deshalb zusammmen eine Online-Umfrage gestartet. Die Ergebnisse sind interessant.

Zöliakie Krankenhaus
Wie lauten die Ergebnisse der Umfrage über Zöliakie im Krankenhaus? Bildquelle: canva Andrey Popov, jacobchuk, Ekahardiwito Subagio Purwito

Autor: Sabine Jossé M.A.

Kollaborationspartner: Patrizia und Jürgen Schmidtlein 

Mit Zöliakie ins Krankenhaus: Wer hat geantwortet?

An der Umfrage haben mit 87,16 Prozent deutlich mehr Frauen als Männer an der Online-Umfrage teilgenommen. Die Ursache liegt vermutlich darin, dass Frauen häufiger diagnostiziert werden und Mütter für ihre Kinder teilgenommen haben. Dabei bezog sich die deutliche Mehrheit mit 82,32 Prozent auf eigene Erfahrungen, 16,15 Prozent berichteten aus Sicht von Angehörigen. Die meisten der Betroffenen, 68,83 Prozent, gehörten der Altersgruppe zwischen 30 bis 59 Jahren an und die beschriebenen Erfahrungen waren zu einem hohen Prozentsatz aktuell. Bei 66,46 Prozent der Befragten fand der Klinikaufenthalt in den letzten drei Jahren, von 2023 bis 2025, statt. Bei den jeweiligen Einrichtungen lagen die öffentlichen Kliniken mit 48,16 Prozent an der Spitze der Nennungen, gefolgt von Unikliniken mit 20,55 Prozent und freien bzw. gemeinnützigen Einrichtungen mit 14,72 Prozent, der Rest verteilte sich auf andere Einrichtungen. Im Hinblick auf die Region bezogen sich die meisten Antworten auf die großen Bundesländer Nordrhein-Westfalen, 19,27 Prozent, Bayern, 17,13 Prozent und Baden-Württemberg, 14,68 Prozent. In den meisten Fällen, bei 57,62 Prozent, war der Krankenhausaufenthalt geplant. Ein nicht unerheblicher Teil der Betroffenen, 42,38 Prozent, gab jedoch an, dass es sich um einen Akutfall, also einen unvorhergesehenen Klinikaufenthalt handelte. Dabei dauerte der Aufenthalt in der jeweiligen Einrichtung bei den Meisten unter einer Woche, 69,21 Prozent, oder ein bis zwei Wochen, 24,39 Prozent.

Die Erkrankung Zöliakie ist in Kliniken oft nicht bekannt

Laut DZG1) haben etwa 1 Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine diagnostizierte Zöliakie. Wie die Umfrage zeigte, ist die Erkrankung jedoch nicht in allen Kliniken durchgängig bekannt. So antworteten auf die Frage „Wusste das medizinische Personal über Zöliakie Bescheid?“ lediglich 64,72 Prozent der Befragten mit „ja“. Eine gewisse Unkenntnis in Sachen Zöliakie zeigte sich zum Teil sogar bei der Klinikküche, wenn die Diätküche der Klinik nachfragte, wie man eine glutenfrei Suppe kocht.

Hinweis auf Zöliakie keine Garantie für glutenfreie Mahlzeiten

Postitiv scheint zunächst, dass die besonderen Ernährungsbedürfnisse bei Zöliakie bei der Aufnahme ins Krankenhaus in der überwiegenden Anzahl der Fälle erfasst wurden, dies gaben 90,21 Prozent der Befragten an. Allerdings war dies oft keine Garantie für eine glutenfreie Versorgung. Zwar bestätigten immerhin 62,80 Prozent der Umfrageteilnehmer, dass auf ihre Hinweise zur glutenfreien Ernährung eingegangen wurde, bei 37,20 Prozent war das nach eigenen Angaben aber nicht der Fall. Bei der Umsetzung einer glutenfreien Versorgung zeigten sich weitere Defizite. So gaben 62,15 Prozent der Befragten an, entweder keine glutenfreien Speisen, immer wieder auch glutenhaltige Speisen oder potenziel kontaminierte Speisen erhalten zu haben. Das scheint auch an internen Prozessen zu liegen, denn es wurde berichtet, dass „die Umsetzung des Gesprächs mit der Ernährungsberatung in der Küche nicht funktioniert hat“. Befragt zu ihrer Reaktion auf fehlerhafte Speiseangebote gaben 71,15 Prozent der Befragten an, sich über die Ausgabe glutenhaltiger oder kontaminierter Speisen beschwert zu haben, 28,25 Prozent verzichteten aus „Angst“ oder „Scham“ auf eine Beschwerde.

Glutenfreies Angebot vorhanden, aber nicht immer einwandfrei!

Erfreulich ist es auf den ersten Blick, dass immerhin 37,85 Prozent der Befragten tatsächlich glutenfrei versorgt wurden. So wurde zum Beispiel berichtet von einem „Grundsystem im Tablet bei der Servicekraft“, bei dem mit einem Button ‚glutenfrei‘ eingestellt werden konnte“. Andere berichteten von problemlosen Essensbestellungen mit einem Vorlauf von 24 Stunden und es gab auch absolute Highlights wie diese: „Da noch andere Unverträglichkeiten vorliegen, wurde alles mit der Diätküche genauestens durchgegangen“.

Allerdings klappte das nicht immer so gut. So hieß es in einem Kommentar: „Erst wollte man mir nichts zu essen geben und schließlich bekam ich gefrorenes glutenfreies Brot auf den Teller gelegt“, in manchen Fällen waren die Backwaren auch verschimmelt. Und als schlimmstes Erlebnis im Krankenhaus wurde berichtet: „Die Tatsache, dass ich selbst am 2. Tag glutenhaltiges Brot erhalten habe mit der Aussage sie hätten nichts anderes für mich. Absolut keine Kenntnisse über die Folgen wenn ich Gluten gegessen hätte“. Nicht ungefährlich für die Betroffenen können Erfahrungen wie diese sein: “Als das glutenfreie Essen aus war, wurde mir glutenhaltiges serviert, ohne dass ich das wusste“. Manchmal wurde die glutenfreie Versorgung aber auch im Verlauf des Aufenthalts besser: „Es hat zwei Tage gedauert, bis es funktionierte bzw. bis es mehr als Obst und Joghurt gab“.

Glutenfrei im Krankenhaus: Sicherer ist es mit Eigeninitiative

Dass es vor diesem Hintergrund nur bei 19,44 Prozent der Befragten zu Symptomen wegen einer unbeabsichtigten Glutenaufnahme kam, klingt zunächst erstaunlich gut, allerdings nicht mehr bei näherem Hinsehen. So zeigte sich, dass es viel Eigeninitiative der Betroffenen braucht, um einem Glutenunfall zu entgehen. 58,02 Prozent gaben bei der Umfrage an, dass sie während ihres Krankenhausaufenthaltes Essen ablehnen mussten, weil es glutenhaltig oder kontaminiert war. Auch haben 61,42 Prozent der Befragten aus Sorge vor glutenhaltigem Essen weniger gegessen oder Mahlzeiten ausgelassen. 64,81 Prozent machten sich komplett unanbhängig von der Klinikküche, indem sie sich glutenfreie Speisen ins Krankenhaus bringen ließen. Dass die gemachten Erfahrungen einen Einfluss auf das Vertrauen in die Umsetzung einer glutenfreien Ernährung im Krankenhaus hatten, verwundert nicht. So gaben 63,81 Prozent der Befragten an, sich in Bezug auf eine glutenfreie Ernährung nicht sicher gefühlt zu haben.

Mit Zöliakie im Krankenhaus: Es geht auf die Psyche

Ein Krankenhausaufenthalt stellt per se eine psychische Belastung dar. Diskriminierende Erlebnisse aufgrund der Zöliakie können diese Mental Load aber noch verstärken, denn 54,60 Prozent der Befragten fühlten sich nicht ernstgenommen. bzw. hatten den Eindruck „belächelt“ zu werden. So wurde in einem Fall vom Klinikpersonal „gefragt, ob es denn wirklich so schlimm ist oder mehr dem Trend nachgegangen wird. Ob einmal Gluten nicht doch gehen würde.“ Andere bekamen während des gesamten Klinikaufenthaltes nichts oder nur sehr wenig zu essen, oft nur Obst oder Aufschnitt, oder haben vor der OP die Klinik verlassen, weil eine glutenfreie Versorgung nicht möglich war.

Mit Zöliakie ins Krankenhaus? Es kommt drauf an!

Die Umfrage zeigt: Ja, es gibt Kliniken, die das Thema „glutenfreie Ernährung“ sehr professionell und sorgsam angehen und umsetzen. Allerdings ist da noch sehr viel Luft nach oben. Wenn in jeder dritten Klinik, das Thema nicht bekannt ist, besteht grundsätzlicher Aufklärungsbedarf. Darauf aufbauend ist das Klinikpersonal dafür zu sensibilisieren, welche schwerwiegenden Folgen eine unbeabsichtigte oder fahrlässig herbeigeführte Glutenaufnahme für eine an Zöliakie erkrankte Person haben kann. Das kann nur erfolgreich sein, wenn das medizinische Personal entsprechend geschult wird. Insofern sollte diese Aufklärung Pflichtbestandteil jeder Schulung von medizinischem Fachpersonal und den Mitarbeitern der Klinikküchen sein.

Quellen:

1) https://www.dzg-online.de/was-ist-zoeliakie#

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

09. November 2025
Autor: S.Jossé

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