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Zöliakie Depressionen Ängste

PD Dr. Winfried Häuser, Leiter des Schwerpunkts Psychosomatik am Klinikum Saarbrücken

Zöliakie: Depressionen und Ängste - was hilft den Patienten?

Die Psyche kann bei allen Erkrankungen eine Rolle spielen. Auch die Diagnose "Zöliakie" kann zu psychischen Belastungen wie Depressionen oder Ängsten führen. Zöliakie-Patienten müssen sich ihr Leben lang glutenfrei ernähren, die Lebensqualität kann dadurch massiv eingeschränkt sein. Manchen Betroffenen fällt es schwer, mit dieser Diagnose zu leben. Wie können sich psychische Beschwerden bei Zöliakie bemerkbar machen? Was kann bei der Bewältigung dieser Beschwerden helfen? MeinAllergiePortal sprach Herrn PD Dr. Winfried Häuser, Leiter des Schwerpunkts Psychosomatik am Klinikum Saarbrücken, über mögliche Therapien.

Herr Privatdozent Häuser, wie häufig geht eine Zöliakie mit psychischen Beschwerden einher?

Zunächst muss man differenzieren zwischen psychischen Beschwerden, die ein Hinweis auf eine nicht diagnostizierte Zöliakie sein können und psychischen Beschwerden, die auf Grund der Diagnose Zöliakie auftreten.

Zunächst zum ersten Fall: Die aktuelle Studienlage lässt zurzeit keine Aussage darüber zu, bei wie vielen Patienten mit psychischen Problemen eine Zöliakie die eigentliche Ursache ist. Es liegen aber einzelne Berichte über Patienten mit psychotischen Verhaltensweisen vor, bei denen man dann eine Zöliakie diagnostiziert hat und bei denen sich die psychischen Probleme unter glutenfreier Kost normalisiert haben, obwohl sie zuvor nicht die für Zöliakie typischen Beschwerden hatten.

Man vermutet, dass die psychischen Probleme auf einen extremen Vitaminmangel zurückzuführen sind, der aufgrund der Malassimilation durch die Zöliakie entstanden ist. Aber auch die in manchen Fällen über Jahre hinweg bestehenden undiagnostizierten Beschwerden oder bestehende andere Autoimmunerkrankungen, wie z.B. Diabetes, werden als Ursachen diskutiert. Zudem findet man bei unbehandelten Zöliakie Patienten eine Minderdurchblutung in bestimmten Gehirnarealen, wie man sie auch bei Patienten mit Depressionen und Angststörungen antrifft.1) Generalisieren lassen sich diese Berichte allerdings nicht – es handelt sich hier eher um seltene Einzelfälle. Man sollte also daraus nicht den Schluss ziehen, dass alle depressiven Menschen auf Zöliakie untersucht werden müssen.

Nun zum zweiten Fall: Es gibt eine Vielzahl von Untersuchungen, die bei Zöliakie-Patienten sehr unterschiedliche Reaktionen zeigen. Viele Zöliakie Patienten kommen gut mit der Erkrankung zurecht und es gelingt ihnen, die Änderungen in der Lebensführung, die eine Zöliakie mit sich bringt, in ihr Leben zu integrieren. Andere Menschen – und dies ist gilt für alle chronischen Erkrankungen  – entwickeln aufgrund der Erkrankung anhaltende psychische Probleme. Bei der Zöliakie geht man davon aus, das ca. 10 Prozent der Erkrankten psychische Probleme entwickeln bzw. Schwierigkeiten damit haben, mit der Erkrankung angemessen umzugehen.

Vor einigen Jahren haben wir zusammen mit der Deutschen Zöliakie Gesellschaft (DZG) die erste repräsentative Umfrage in Deutschland zur Lebensqualität von Zöliakie Patienten durchgeführt. In dieser Umfrage gaben 20 Prozent der Befragten an, dass sich ihre Lebensqualität nach der Diagnose Zöliakie "stark" oder "sehr stark" verschlechtert habe und mehr als 10 Prozent der Befragten berichteten, unter Angst oder Depressionen zu leiden.2)

Welche Arten von psychischen Beschwerden können Patienten mit Zöliakie entwickeln?

Die Hauptsymptome sind eine vermehrte Depressivität bzw. eine vermehrte Angst, wie dies bei allen chronischen Erkrankungen der Fall ist. Spezifisch für die Zöliakie sind diese Probleme nicht.

Spezifische Belastungen für die Zöliakie sind die sozialen Einschränkungen z.B. bei Einladungen zum Essen, Restaurantbesuchen oder im Urlaub, die bei anderen Menschen mit chronischen Erkrankungen nicht in dieser Form auftreten.


Ist es möglich, eine Grenze zu ziehen zwischen „erwartbaren“ psychischen Reaktionen, die mit der Diagnose Zöliakie einhergehen können und Reaktionen, bei denen man Hilfe suchen sollte?

Die Grenzen sind hier natürlich immer fließend. Das beginnt mit einer vorübergehenden angemessenen Niedergeschlagenheit bzw. Traurigkeit über die Diagnose und kann im Extremfall zu einer dauerhaften Niedergeschlagenheit werden, die das gesamte Leben beeinträchtigt.

Ein Kriterium, der den Unterschied zwischen "normal" und "problematisch" definiert, ist der Faktor Zeit. Wenn ein Mensch länger als 14 Tage depressive Symptome aufweist, spricht man per definitionem von einer depressiven Episode, die leicht, mittelschwer und schwer sein kann.

Ein weiteres Kriterium ist, ob der Mensch durch seine psychischen Probleme, Depressionen, Angststörungen etc. in seiner Lebensführung beeinträchtigt ist. Wenn z.B. die Arbeitsqualität oder die schulische Leistung nachlässt, man die sozialen Kontakte vernachlässigt oder sich zurückzieht, dann kann man davon ausgehen, dass eine Behandlungsbedürftigkeit besteht.

Umgekehrt gefragt: Wann braucht man sich denn keine Sorgen zu machen, obwohl man unter der Zöliakie leidet?

Eine normale Reaktion auf die Diagnose Zöliakie ist die Sorge über die Konsequenzen der Diagnose. Die Patienten fragen sich dann: "Wie soll es jetzt weitergehen?" Es ist auch normal, mit seinem Schicksal zu hadern, wütend zu werden und sich zu fragen: „Warum hat das jetzt ausgerechnet mich getroffen?“ Allerdings sollte diese Phase nicht zu lange anhalten.

Welche Konsequenzen hat es für Zöliakie Patienten, wenn Sie psychische Probleme entwickeln?

Psychische Probleme können zusätzliche Probleme nach sich ziehen. Es gibt einige Studien an Zöliakie Patienten, die gezeigt haben, dass Zöliakie-Betroffene mit einer klinisch relevanten depressiven Symptomatik weniger adhärent bezüglich einer glutenfreien Kost sind. Das heißt Zöliakie Patienten mit Depressionen neigen in stärkerem Maße zu Diät-Verstößen als das bei nicht depressiven Zöliakie Patienten der Fall ist und schädigen sich damit noch zusätzlich. Dieses Verhalten ist jedoch nicht typisch für die Zöliakie, sondern für die Depression. Auch bei Diabetikern, die depressiv sind, kommt es häufiger zu Diätverstößen als bei Diabeteserkrankten ohne psychische Probleme.

Eine weitere Konsequenz ist die mit psychischen Problemen einhergehende verminderte Lebensqualität. In einer weiteren mit der Deutschen Zöliakie Gesellschaft (DZG) durchgeführten Studie konnten wir zeigen, dass Faktoren wie Depressionen und Angststörungen die Lebensqualität der Zöliakie Patienten in erheblichem Maße negativ beeinflusst. Dies gilt übrigens auch für Faktoren wie eine Zöliakie Diagnose in jungen Jahren, mangelnde Diättreue und der Eindruck einer "mangelnden Information" durch den behandelnden Arzt.3)


Welche Therapiemöglichkeiten hat man in der Psychosomatik für Zöliakie-Patienten mit psychischen Problemen?

Eine wichtige Maßnahme ist zunächst die Vermeidung psychischer Probleme. Hier spielt der Kontakt zu anderen Betroffenen eine wichtige Rolle. Anhand mehrerer Studien konnte man nachweisen, dass psychologische Unterstützungsgruppen für die Patienten sehr hilfreich sein können. Gerade unmittelbar nach der Diagnose Zöliakie können Gruppengespräche, in denen Fragen behandelt werden wie: "Was bedeutet die Erkrankung Zöliakie für mich?" "Zu welchen Problemen kann sie führen?" "Wie kann ich mit diesen Problemen umgehen?" etc. dabei helfen, besser mit der Erkrankung umzugehen. Der Austausch mit anderen Betroffenen unter der Leitung eines Psychologen oder Psychotherapeuten helfen dabei, aus dem anfänglichen "Stimmungstief" herauszukommen.

In der neuen Leitlinie für Zöliakie wird deshalb sogar ausdrücklich empfohlen, dass die Patienten sich mit Selbsthilfeorganisationen in Verbindung setzen sollen. Dort erhalten sie wichtige Informationen zur Umsetzung einer glutenfreien Kost und finden, wenn der Bedarf besteht, den nötigen emotionalen Austausch. Insbesondere für Eltern zöliakiekranker Kinder ist der praktische Erfahrungsaustausch oft eine wertvolle Hilfe. Außerdem kann es emotional entlastend wirken wenn man sieht: "Andere haben die gleichen Probleme wie wir!"

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es, wenn die Zöliakie-Selbsthilfegruppe zur Bewältigung der Probleme nicht ausreicht - was kommt danach?

Man geht hier entsprechend einer Stufentherapie vor. An erster Stelle steht die Selbsthilfe, d.h. man informiert sich und versucht die Erkrankung alleine zu bewältigen. Der zweite Schritt wäre die Selbsthilfe-Gruppe und die dritte Stufe wäre eine professionelle Unterstützung durch einen ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten, der mit den Besonderheiten des Krankheitsbildes Zöliakie vertraut sein sollte.

Es gibt in der Psychotherapie bewährte Techniken zur Unterstützung von Menschen mit chronischen körperlichen Erkrankungen, man nennt das supportive Psychotherapie, d.h. unterstützende Psychotherapie. Liegt bereits klar eine depressive Störung oder eine Angststörung vor, kann man auf klare Psychotherapie-Module zurückgreifen, z.B. aus der psychodynamischen Therapie oder der kognitiven Verhaltenstherapie. Diese manualisierten Therapien werden unabhängig davon eingesetzt, welche anderen Erkrankungen eine auslösende Rolle spielen.

Gibt es auch Therapiemöglichkeiten für die Familien zöliakiekranker Kinder?

Es gibt nur sehr wenige Studien zur Lebensqualität von Familien von Kindern mit Zöliakie. Eine Studie, die letztes Jahr in Italien durchgeführt wurde, konnte jedoch zeigen können, dass der Stress-Level von Eltern zöliakiekranker Kinder höher ist als der von Eltern nicht erkrankter Kinder.4)

Auch für Familien gibt es verschiedene Techniken, die, unabhängig davon um welche Erkrankung es geht, angewendet werden können. Hier geht es darum, die Angehörigen eines Kindes zum besseren Umgang mit der Erkrankung zu befähigen. Ähnlich wie bei der erwähnten Einzeltherapie geht man bei der Einbeziehung der Angehörigen von Patienten stufenweise vor, d.h. in Abhängigkeit von der Dringlichkeit der Erkrankung bzw. dem Schweregrad der Symptome.  

Herr Privatdozent Häuser, herzlichen Dank für dieses Gespräch!


Quellen:

1) Häuser W. Psychosomatische Aspekte der Zöliakie. In: DZG Medizin: Zöliakie/Sprue. Stuttgart, 2010, S. 45-47

2) Health-related quality of life in adult coeliac disease in Germany: results of a national survey, Winfried Häuser, Joachim Gold, Jürgen Stein, Wolfgang S. Caspary, Andreas Stallmach, European Journal of Gastroenterology & Hepatology, 2006, Vol 18 No 7

3) Predictors of reduced health-related quality of life in adults with coeliac disease, W. Häuser, A. Stallmach, W.F. Caspary, J. Stein, Alimentary Pharmacology & Therapeutics, 2007, Vol 25, 569 - 578

4) Parenting stress and impact of illness in parents of children with coeliac disease, Epifanio MS, Genna V, Vitello MG, Roccella M, La Grutta S., Pediatr Rep. 2013 Dec 19;5(4):e19. doi: 10.4081/pr.2013.e19. eCollection 2013.

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