Glutensensitivität

Prof. Dr. med. Wolfgang Holtmeier, Chefarzt der Klinik für Gastroenterologie, Diabetologie und Innere Medizin im Krankenhaus Porz am Rhein in Köln.

Glutensensitivität – ein umstrittenes Krankheitsbild

Heißt das, es kann sein, dass bei der Glutensensitivität gar nicht das Gluten der auslösende Faktor der Beschwerden ist?

Das ist durchaus möglich. Z.B ist Herr Prof. Detlef Schuppan, der an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz zu diesem Thema forscht, der Auffassung, dass sogenannte Resistenzgene des Weizens die Ursache für die Unverträglichkeitsreaktionen bei der Glutensensitivität sind. Diese Resistenzgene hat man in den letzten Jahrzehnten vermehrt in den Weizen hineingezüchtet, um die Anfälligkeit des Weizens gegenüber Insekten herabzusetzen und so die Erträge zu steigern. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Protein Adenosin-Triphosphat-Amylase oder ATI, bei dem Prof. Schuppan einen Zusammenhang mit der Glutensensitivität sieht.

Aus meiner Sicht ist Glutensensitiviät ein Oberbegriff, unter dem verschiedene Unverträglichkeiten subsumiert sind, die in einem wie immer gearteten Zusammenhang mit Weizen stehen. Dazu ist es wichtig zu wissen, dass Weizen über ein sehr komplexes Genom verfügt, das ähnlich komplex wie das Genom des Menschen ist und über 10.000 verschiedene Proteine enthält. Ernährt sich ein Patient glutenfrei, ernährt er sich automatisch auch weizenfrei und damit fallen auch all die anderen Proteine des Weizens weg, die durchaus auch für diese Nahrungsmittelunverträglichkeit verantwortlich sein könnten. Der Begriff Glutensensitivtät wird zwar mittlerweile für das Krankheitsbild verwendet, aber wahrscheinlich handelt es sich eher um eine Weizensensitivität. Es ist noch Gegenstand der Forschung, welcher Bestandteil es ist, der die Beschwerden auslöst.

Gibt es neben den ATI noch andere mögliche Inhaltsstoffe des Weizens, die ursächlich für das Krankheitsbild Glutensensitivität sein könnten?

Es gibt Vermutungen, nach denen bestimmte Sacharide, die in Weizen enthalten sind, die Beschwerden auslösen können, die bei einer Glutensensitivität auftreten (sogenannte FODMAPS: fermentable, oligo-,di-, monosaccharides, and polyols). Mit einer glutenfreien Diät meidet man nicht nur die Weizenproteine, sondern auch die Sacharide, also die Zuckerverbindungen. Quasi als Nebeneffekt kommt es so zu einem Ausschluss dieser Sacharide und eine Besserung der Beschwerden würde man dann fälschlicherweise dem fehlenden Weizenprotein der glutenfreien Diät zuschreiben, obwohl eigentlich die Zuckerverbindungen die Ursache sind.

Wie sehen Ihre Erfahrungen mit Patienten mit einer Glutensensitivität aus und wie gehen Sie vor in Bezug auf die Diagnose?

In meine Praxis kommen immer wieder Patienten, die über lange Jahre unter Beschwerden gelitten haben, diverse Ärzte konsultiert haben und schließlich aus eigenem Antrieb eine glutenfreie Diät begonnen haben, die sie von ihrem Beschwerden befreit hat. Die Patienten kommen dann in unsere Praxis, weil sie wissen wollen, was die Ursache ihrer Beschwerden war.  

Der erste Schritt ist dann der Ausschluss einer Zöliakie. Dafür muss der Patient allerdings wieder "normal" essen, also glutenreich, denn nach einer längeren Karenzzeit, in der Gluten nicht verzehrt wurde, kann man die Zöliakie nicht mehr nachweisen, weil die Marker im Blut dann fehlen. Unter glutenreicher Diät treten die Beschwerden in der Regel dann wieder auf und dann kann ein Test auf Zöliakie erfolgen. Fällt dieser Test negativ aus und verschwinden die Symptome unter glutenfreier Diät dann erneut, kann man von einer Glutensensitivität ausgehen. Für den Patienten bedeutet eine glutenfreie Ernährung durch aus eine gewisse Einschränkung und er wird sie nur dann auf sich nehmen, wenn er eine Besserung seiner Beschwerden feststellt. Gerade Reizdarmpatienten haben in der Regel schon viele Diäten hinter sich und wissen genau, was ihnen hilft. Zur Sicherung der Diagnose sollte zu einem späteren Zeitpunkt, z.B. nach 3 bis 4 Monaten, eine erneute Belastung mit Weizen erfolgen, um herauszufinden, ob es erneut zu Beschwerden kommt.

Vor Beginn der Diät sollte auf jeden Fall möglichst noch eine Magen- und Darmspiegelung durchgeführt werden, um neben der Zöliakie auch eine chronisch entzündliche Darmerkrankung auszuschließen.

Als nächstes stellt sich dann die Frage, wie streng die glutenfreie Diät denn sein sollte. Bei den meisten Patienten mit Glutensensitivität ist es möglich, Weizen in bestimmten Mengen zu verzehren. An die für ihn individuell verträgliche Menge muss der Patient sich dann "herantasten".  

Tritt unter glutenfreier Kost beim Patienten jedoch keine dramatische Besserung der Beschwerden ein, handelt es sich nicht um eine Glutensensitivität.

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