Reisen Essen gehen Glutango Zöliakie

Christina Rückert spricht über ihren Blog "Glutango" und ihren Weg vom „Gluten-Eiertanz zum Tango!

Reisen und Essen gehen mit Glutango: Vom Gluten-Eiertanz zum Tango

Mehrmals in der Woche Essen gehen und mehrere kleinere oder größere Reisen im Jahr sind nichts Besonderes mehr. Für viele gehört das einfach zur Kontaktpflege bzw. zur Freizeitgestaltung. Im Alltag ist das "auswärts essen" oft eine Notwendigkeit und eine Vereinfachung des Alltags, z.B. in der Mittagspause. Für Menschen, die sich glutenfreifrei ernähren müssen, kann das zu einer echten Barriere werden. Man möchte dabei sein und unbeschwert genießen, aber wie? Antworten gibt Christina Rückert auf ihrem Blog Glutango. MeinAllergiePortal sprach mit ihr über ihren Weg vom „Gluten-Eiertanz zum Tango“.

Frau Rückert, auf Ihrem Blog Glutango geht es hauptsächlich um „glutenfreie“ Reiseerlebnisse und Restauranterlebnisse – sind diese eher positiv oder eher negativ, bzw. ist der Glutango ein Eiertanz?

Der Vergleich eines „Eiertanzes“ passt ganz gut zu meinen Erfahrungen am Anfang meiner Diagnose -  immer ganz vorsichtig und vage nachfragen. Bloß nicht zu fordernd wirken. Man tanzte ein Stück weit um einander herum oder trat beim Tanz dem Gegenüber vielleicht auf den Fuß. Ich war noch sehr unsicher und wusste nicht, was und wie ich fragen soll.

Mit der Zeit kamen die Erfahrung und mehr Selbstbewusstsein. Seither würde ich sagen, dass ich bereits die ganze Bandbreite, von positiv bis negativ erfahren habe. Am besten sind für mich die Momente, wenn man unverhofft etwas Neues entdeckt. Man geht durch die Straßen einer unbekannten Stadt, liest „glutenfrei“ und stellt fest, dass man sich dort auch wirklich auskennt.

Glutenfreies Reisen und Auswärtsessen ist anders. Man kann nicht einfach losgehen und auf das Beste hoffen. Gründliche Vorbereitung ist ein Muss. Aber ich bin dadurch auch schon mit sehr vielen Menschen in Kontakt gekommen und war an Orten, wo ich wahrscheinlich sonst als Tourist nicht hingekommen wäre. In dem kleinen Ort Sitges in Spanien, bei Barcelona, beispielsweise, habe ich mich den ganzen Abend mit der Eigentümerin eines kleinen Restaurants unterhalten. Sie hat mir erzählt, wie sich das Bewusstsein über Zöliakie in den letzten Jahren in Spanien geändert hat und was ihre persönlichen Herausforderungen sind.

Ist aus Ihrer Sicht die „glutenfreie Bewegungsfreiheit“ größer geworden?

Ich möchte keinesfalls das Gefühl vermitteln, dass Reisen und auswärts essen mit Zöliakie mittlerweile das Einfachste auf der Welt ist. Ich stoße auch heute noch regelmäßig an meine Grenzen. Beispielsweise letzten Sommer bei meiner Reise durch Portugal: Das Restaurant hatte eine gut ausgewiesene Allergenkarte. Ich habe detailliert mit dem Inhaber und Koch über die Anforderungen der Zubereitung gesprochen. Dann, nach den ersten 4 bis 5 Löffeln merkte ich, dass das Gericht Sojasoße enthält. Leider war es normale, glutenhaltige Sojasoße. Das wusste der Koch nicht. Ich selbst hatte nicht daran gedacht, dass sie auch Sojasoße verwenden könnten. Der Abend war gelaufen, alle anderen glutenfreien Optionen (inkl. Supermärkten) in der Nähe hatten bereits geschlossen.

Vor unfreiwilligem Glutenverzehr ist man also trotz aller Sorgfalt nicht gefeit?

So ein konkreter Glutenunfall ist äußerst selten und wirft mich meist einige Tage aus der Bahn. Aber in 95 Prozent der Fälle erkenne ich bereits vorher, ob ich sicher essen kann oder nicht.

Letztlich lerne ich auch heute noch regelmäßig dazu, wie der „Tanz“ mit dem Gluten funktioniert. Jedoch sehe ich es nicht mehr als „Eiertanz“ an. Für mich ist es ein „Paartanz“ - es gibt einen, der führen kann und einen, der geführt wird. Wir Zöliakiebetroffene können dabei „führen“, wir kennen unsere Anforderungen am besten.

Sie beschreiben, dass es schwierig für Sie war, im Restaurant nach glutenfreien Speisen zu fragen, was war der größte Hemmschuh?

Direkt nach meiner Diagnose wollte ich nicht „auffallen“ und wollte in Gesellschaft von Freunden und Familie keine „Extrawurst“ verlangen. Manchmal habe ich einfach ein Gericht bestellt, ohne explizit auf meine Zöliakie hinzuweisen. Das ging auch schon einmal schief.


Wie bereiten Sie Reisen und Restaurantbesuche heute vor?

Das hängt immer ganz davon ab, wo es hingeht und auch, wie ich mich an dem Tag fühle. Meist habe ich bereits ein grobes Wissen, wie die „glutenfreie Situation“ vor Ort ist. Wenn die Situation gut ist, suche ich spontan im Internet nach Empfehlungen, entweder direkt über die Suchmaschine oder über die Facebook Zöliakie Austausch Gruppe, und markiere mir die Orte im Handy auf der Karte. Dann schaue ich regelmäßig, ob ich mich gerade zufällig dort befinde.

Wenn es nicht viele Optionen gibt, dann plane ich auch schon mal meinen Tag so, dass ich an diesem Ort vorbeikomme. Anders ist es, wenn das Restaurant schon feststeht – zum Beispiel bei einer Familienfeier oder Treffen mit Freunden. Dann recherchiere ich spezifisch dieses Restaurant und rufe vorher dort an. Ich erfrage, was sie mir anbieten könnten. Meist klappt das auch ganz gut. Wenn das auch alles nichts hilft, esse ich einfach vorher zu Hause und bestelle im Restaurant nur etwas zu trinken.

Woran erkennen Sie, dass ein Hotel oder Restaurant vertrauenswürdig glutenfrei ist?

Am einfachsten ist es natürlich, wenn das Hotel oder das Restaurant ein „Zertifikat“ besitzt. Das habe ich relativ häufig in Portugal, Spanien und Italien gesehen. In Deutschland gibt es das leider bislang nur vereinzelt bei Restaurants. Jedoch tragen alle Vapiano Filialen dieses Zertifikat der Deutschen Zöliakie Gesellschaft. Das heißt, dass nach einem standardisierten Prozess evaluiert wird, ob Zöliakiebetroffene hier sicher essen können.

Aber auch bei diesen Zertifikaten kann man sich nicht immer zu 100 Prozent darauf verlassen. Daher stelle ich immer ein paar „Standardfragen“ zu Beginn. Zum Beispiel „Ich habe Zöliakie, kann ich bei Ihnen essen?“. Darüber hinaus schaue ich mir immer die Allergenkarte an. Finde ich hier viele konkrete „Fehler“ – frage ich noch einmal genauer nach.

Kann das Personal nichts mit „Zöliakie“ anfangen oder äußert sich zum Beispiel „Gluten – das ist das mit dem Mehl, oder?“, gehe ich lieber wieder.

Das heißt, lieber verzichten, als ein Risiko einzugehen…

Wenn ich gerade beim Vorbeischlendern auf das Restaurant aufmerksam geworden bin und sich im Gespräch herausstellt, dass man keine Ahnung von „glutenfrei“ hat, gehe ich einfach wieder.

Wenn es keine andere Option gibt, wie zum Beispiel im Hotel, bringe ich mir zum Frühstück mein eigenes Brot mit und schaue, dass es am Buffet verpackte Lebensmittel (Nutella, Butter, Marmelade, etc.) gibt.

Wichtig ist aber auch, die Restaurants und Hotels aufzuklären. So erkläre ich, wieso ich das glutenfreie Brot, was direkt am glutenhaltigen Brot liegt, nicht essen kann und gebe einfache Lösungsvorschläge. Nicht immer werden die Tipps umgesetzt. Aber ich lebe nach dem Motto, dass man die Dinge nur ändern kann, wenn man sie anspricht.

Wie gesagt, es war mir früher unangenehm, nachzufragen. Aber es nützt nichts: Wir müssen fragen, fragen, fragen.

Welche Reiseziele bzw. Städte bzw. Restaurants sind Ihre glutenfrei-Favoriten?

Das größte glutenfreie Schlaraffenland bzw. Stadt war bislang Barcelona. Es gibt allein mindestens drei 100prozentig glutenfreie Bäckereien in einem Radius von 2 km. Es gibt so viele glutenfreie Empfehlungen, ich konnte gar nicht alles probieren!

Frau Rückert, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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