Positionspapier NCGS glutenfrei Glutenunverträglichkeit

Dr. Imke Reese: Positionspapier NCGS: Kann eine vorschnelle Diagnose schaden?

Positionspapier NCGS: Kann eine vorschnelle Diagnose schaden?

Sie erwähnten die Nachteile einer glutenfreien Ernährung: Welche Risiken könnten sich durch glutenfreie Ernährung ergeben?

Wenn bei einer glutenfreien Ernährung sehr kohlenhydratbetont gegessen wird und nicht ausreichend Gemüse im Speiseplan enthalten ist, könnte es zu Folgeerkrankungen mit neuen Symptomen kommen. Durch den hohen Stärke-, aber verminderten Ballaststoffgehalt verweilen glutenfreie Produkte kürzer im Magen und passieren unseren Verdauungstrakt schneller. Dies führt einerseits zu einer schnellen Anflutung von Zuckern, was wiederum die nichtalkoholische Fettlebererkrankung“ (NAFLD) und als Folge Fettstoffwechselstörungen begünstigen kann. Andererseits kann die niedrige Ballaststoffzufuhr zu Obstipation und dadurch zu Enddarmerkrankungen wie Hämorrhoiden u. a. führen. Diese Folgeerkrankungen kennen wir auch von unseren Zöliakiepatienten.

Aber auch das zu häufige Ausweichen auf Obst, um Gluten zu vermeiden, kann die Entstehung einer Fettleber vorantreiben. Wenn man, zum Beispiel, oft außer Haus isst, die Pausenverpflegung aus Keksen und Obst besteht und man immer auf Obst ausweicht, dazu Obst zum Frühstück verzehrt und zwischendurch den „kleinen Hunger“ mit einigen Smothies stillt, erreicht man schnell unphysiologisch hohe Mengen an Fruchtzucker. Dass Fruktose unsere Leber fett macht, wissen wir schon lange aus dem Tierreich. Möchte man Gänsestoffleber erzeugen, aber die Tiere nicht stopfen, gibt man Ihnen einfach süße Früchte. Diese machen die Leber schnell fett. Doch was wir im Tierreich mit einer Delikatesse verbinden, ist bei uns Menschen eine ernste metabolische Erkrankung.

Bei Zöliakie-Betroffenen können wir den bekannten Folgeerkrankungen frühzeitig begegnen, in dem wir diese Menschen von Diagnose an ernährungstherapeutisch betreuen. Verzichten Menschen freiwillig auf Gluten, werden Sie in der Regel nicht ernährungstherapeutisch betreut, so dass sie oft gar nicht wissen, wie wichtig es ist, auf einen hohen Gemüseanteil sowie ausreichend Fett und Eiweiß zu achten.

Im NCGS-Positionspapier der DGAKI wurde auch Orthorexie als eine mögliche Folge der glutenfreien Ernährung genannt…

Hier geht es eher darum, dass eine NCGS-„Diagnose“ eine bestehende Orthorexie verschleiern bzw. die Entstehung dieser Ess-Störung vorantreiben kann. Unter Orthorexie versteht man die übermäßig ausgeprägte Beschäftigung mit „gesundem“ Essen. Wenn nun Gluten über die Medien laufend „verteufelt“ wird, scheint das die übermäßige Beschäftigung mit „gesundem“ Essen zu legitimieren. Die „Diagnose“ einer NCGS kann dann zur Folge haben, dass eine zugrunde liegende Ess-Störung nicht erkannt wird und dass die Patienten deshalb nicht die Betreuung erhalten, die ihnen helfen würde.

Sie betonen im NCGS-Positionspapier generell die Gefahren unnötiger Diäten…

Jedes Verbot und jede Einschränkung ist dann „zu viel“ wenn dies nicht medizinisch notwendig ist. Die Betroffenen drängt das in die falsche Richtung, weil man ihnen suggeriert, durch eine Diät Symptome lindern zu können, die so gar nicht zu ändern sind.

Dieses Phänomen finden wir aber nicht zur in Bezug auf Gluten, sondern zum Beispiel auch bei der Histaminintoleranz. Oft sehen wir dann Patienten, die ihre Diäten immer weiter ausweiten, weil die Symptome durch das Weglassen eines Nahrungsmittels eben nicht komplett verschwinden. Irgendwann bleiben nur einige wenige Nahrungsmittel übrig, die der Patient glaubt, vertragen zu können und die Lebensqualität sinkt in erheblichem

Das Schwierige bei Bauchproblemen ist, dass uns sehr viele Dinge sprichwörtlich „auf den Magen schlagen“ können, ohne dass ein Ernährungsbezug besteht. Aufregung, langes Sitzen, Sorgen, Freude, Stress – viele Faktoren können sich auf den Magen-Darm-Bereich auswirken – auch bei gleichbleibender Kost. Noch ist das Bauchhirn nicht vollständig erforscht! All diese Erkenntnisse sind nicht neu, aber dennoch bleiben all diese Faktoren oft unerwähnt und es wird suggeriert, man könne alle Bauchbeschwerden allein über den Ernährungsansatz lösen.

Das NCGS-Positionspapier des DGAKI geht auch auf die Risiken des Nährstoffmangels durch eine glutenfreie Ernährung ein…

In den Schalenbereichen des Getreides befinden sich zahlreiche Vitamine, die bei glutenfreier Ernährung wegfallen. Wechselt man auf eine Ernährung mit einem hohen Anteil glutenfreier Produkte, wird die Ernährung deutlich einseitiger. Vor allem bei den Makronährstoffen findet dann, wie bereits erwähnt, eine deutliche Veränderung zugunsten der Kohlenhydrate statt. Dem lässt sich leicht entgegenwirken, wenn die Ernährung bunt und abwechslungsreich mit ausreichend Gemüse, Eiweiß und Fett im Sinne einer Mediterranen Ernährung gestaltet wird. In letzterem Fall lassen sich auch die höhere Kosten glutenfreier Produkte eindämmen.

Eine weitere Folge der glutenfreien Ernährung ist erst seit jüngster Zeit bekannt - die erhöhte Akkumulation von Schwermetallen, wie zum Beispiel die offensichtlich erhöhte Arsenbelastung von Reis. So zeigten sich in einer Studie3) aus 2018 bei glutenfrei lebenden Menschen signifikant erhöhte Blutspiegel von Blei, Quecksilber und Kadmium sowie Arsen. Unklar ist allerdings, welche Risiken mit diesen erhöhten Werten verbunden sind.

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