Positionspapier NCGS glutenfrei Glutenunverträglichkeit

Dr. Imke Reese: Positionspapier NCGS: Kann eine vorschnelle Diagnose schaden?

Positionspapier NCGS: Kann eine vorschnelle Diagnose schaden?

Die Diagnose einer „Nicht-Zöliakie-Gluten/Weizen-Sensitivität“ (NCGS), auch als Glutenunverträglichkeit, Glutensensitivität, Weizenunverträglichkeit oder Weizensensitivität bezeichnet, gehört zu den Ausschlussdiagnosen. Das bedeutet, es gibt bislang keinen Test, der die Erkrankung hieb- und stichfest nachweisen kann. NCGS wird deshalb auch unter Experten kontrovers diskutiert. Mit einem Positionspapier zu NCGS1) hat die DGAKI-Arbeitsgruppe Nahrungsmittelallergie, unterstützt durch Gastroenterologen und eine Patientenorganisation, nun die Faktenlage analysiert. Sowohl Ärzten als auch Patienten soll das Positionspapier den aktuellen Wissensstand und die aktuelle Datenlage zu NCGS aufzeigen. MeinAllergiePortal sprach Dr. Imke Reese, Ernährungstherapeutin mit Schwerpunkt Allergologie in München und eine der Autorinnen des NCGS-Positionspapiers über das Positionspapier NCGS und ob eine vorschnelle Diagnose schaden kann.

Frau Dr. Reese, was hat die Arbeitsgruppe Nahrungsmittelallergie der deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie dazu veranlasst, ein Positionspapier zur „Nicht-Zöliakie-Gluten/Weizen-Sensitivität“ (NCGS) zu verfassen?

Veranlasst sahen wir uns zu diesem Positionspapier durch den rasant angestiegenen Absatz an glutenfreien Produkten in den letzten Jahren. Dafür gibt es insofern keine Erklärung, als die Anzahl der mit Zöliakie diagnostizierten Patienten diesem Absatz nicht entspricht. Zöliakie ist jedoch die einzige sicher diagnostizierbare Erkrankung, bei der auf den Verzehr von Gluten verzichtet werden muss.

NCGS ist eine Erkrankung, die zurzeit nur durch eine Ausschlussdiagnose diagnostizierbar ist. Allerdings wird NCGS als Erkrankung von der Ernährungsindustrie stark vorangetrieben. Durch Pressemitteilungen oder in Newslettern wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Gluten für viele Menschen schädlich sei. Die Studienlage hierzu ist allerdings so wenig aussagekräftig, dass wir durch unsere Stellungnahme versuchen wollen, dieses Bild gerade zu rücken. Für gesunde Menschen ist es kein Vorteil, sich glutenfrei zu ernähren, sondern kann eher Nachteile mit sich bringen. Für Zöliakie-Betroffene besteht allerdings die Notwendigkeit einer glutenfreien Ernährung. Dazu gehört auch eine gute ernährungstherapeutische Betreuung, damit es nicht zu Folgeerkrankungen kommt.

Welche Nachteile könnte es haben, wenn gesunde Menschen sich glutenfrei ernähren?

Wenn Menschen sich freiwillig glutenfrei ernähren, kann eine möglicherweise doch bestehende Zöliakie nicht mehr diagnostiziert werden. Mittlerweile geht man davon aus, "dass die Prävanlenz der Zöliakie mit 1:100 deutlich höher liegt als bislang angenommen". Zudem vermutet man, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist, gerade im Erwachsenenalter. Deshalb ist es so wichtig, die Zöliakie sicher zu diagnostizieren, was jedoch nur möglich ist, solange Gluten verzehrt wird. Gerade bei Patienten, die keine klassischen Zöliakie-Symptome zeigen – und im Erwachsenenalter sind die verdeckten Zöliakiesymptome die Regel – sorgt der Glutenverzicht deshalb dafür, dass diese Patienten nicht mehr identifiziert werden können.

Zudem birgt eine glutenfreie Ernährung auch Risiken, die zu neuen Problemen führen können.

Sie hatten die schlechte Studienlage zu NCGS erwähnt, was ist damit gemeint?

Momentan ist nicht bekannt, welcher Pathomechanismus hinter NCGS steckt und dementsprechend schwierig ist es, Diagnoseparameter zu etablieren. Es ist deshalb durchaus möglich, dass Gluten mit Beschwerden in Verbindung gebracht wird, für die es gar nicht verantwortlich ist – Gluten könnte der „falsche Schuldige“ sein.

Das wird auch anhand der aktuellen Diskussion zur korrekten Bezeichnung der Erkrankung deutlich, die in vielen Veröffentlichungen sehr intensiv thematisiert wird. Die Frage lautet: Sollte man die Erkrankung „Nicht-Zöliakie Glutensensitivität“ nennen oder „Nicht-Zöliakie Weizensensitivität“? Aber: Selbst wenn man sich auf letzteren Begriff einigen würde, sind auch die alternativen Ideen zur Frage, was im Weizen die Probleme hervorrufen könnte, wie zum Beispiel die ATIs oder FODMAPs, bei guter Durchsicht der Studienlage zu diesen Ideen nicht haltbar.

Letztendlich befinden wir uns in einer großen Theorieblase, was nicht bedeutet, dass es dieses Krankheitsbild nicht gibt. Die Frage ist nur, ob es von Vorteil ist, dass dieses Krankheitsbild in den Medien so stark forciert und publik gemacht wird, bevor man medizinisch überhaupt die Chance hat, der Erwartung der Patienten gerecht zu werden.

Welche konkreten Schwachstellen sehen Sie in den Studien zu NCGS?

In fast allen Studien sieht man, dass etwa zwei Drittel der Teilnehmer davon profitieren, wenn sie eine glutenfreie Diät befolgen. Aber: Wenn diese Patienten dann mit Gluten provoziert werden, bekommt man hierzu kein Pendant. Das heißt, nicht alle, die von der glutenfreien Diät profitiert haben, sprechen auch auf eine Provokation mit Gluten an. Viele reagieren auf Placebo genauso wie auf Gluten, zum Teil sogar stärker. Wenn Gluten aber der Auslöser der Beschwerden wäre, müssten diejenigen Patienten, deren Beschwerden sich unter glutenfreier Diät bessern mit der Anzahl der Patienten, die in Folge einer Glutenprovokation Beschwerden bekommen, identisch sein. Dem ist aber nicht so!

Deutlich wurde dies besonders in einer aktuellen schwedischen Arbeit2), weil man ein sehr sinnvolles Studiendesign gewählt hatte.


Was war anders am Studiendesign der schwedischen Studie zu NCGS?

In dieser Studie wurden die Patienten nicht, wie sonst üblich, je einmal Verum und einmal Placebo provoziert, sondern jeweils doppelt, zwei Mal Verum und zwei Mal Placebo. Dadurch wurde die Wahrscheinlichkeit eines Zufallstreffers deutlich geringer und man konnte sehen, dass nur noch ein Bruchteil der Patienten die glutenhaltigen Proben tatsächlich identifizieren konnte. Die DGAKI empfiehlt deshalb das Verhältnis von Placebo zu Verum in der Doppelblindprovokation bei NCGS entsprechend zu verändern.

Ein weiteres Manko der Studien zu NCGS ist, dass „glutenfrei“ nicht gleich „glutenfrei“ ist. Doch die tatsächlich durchgeführte Ernährung wird in den meisten Studien nur unvollständig kontrolliert, so dass gar nicht eindeutig ist, ob nicht die Ernährungsumstellung per se für die Verbesserung der Symptome verantwortlich ist.

Warum sind die Ergebnisse von NCGS-Studien oft nicht eindeutig und welche Maßnahmen müssten in Bezug auf das Studiendesign getroffen werden, um dies zu ändern?

Tatsächlich wissen wir bei allen Studien, dass der Patient kein Gluten verzehrt hat, aber was genau er gegessen hat, wissen wir nicht. Das bedeutet, es gibt viele mögliche Kofaktoren im Speiseplan der Patienten, die Beschwerden verursachen oder eben auch verbessern könnten. Würden bei diesen Studien Ernährungsprotokolle geführt, könnte man vielleicht sehen, dass manche Patienten zum Beispiel von einem höheren Gemüseanteil oder einem insgesamt geringeren Getreideanteil an der Ernährung profitiert haben. Eine rigorosere Maßnahme wäre es - alternativ zur Dokumentation mit Ernährungsprotokollen - allen Patienten im Rahmen einer Interventionsstudie exakt die gleiche Diät vorzugeben bzw. zu stellen.

All diese Fragen werden bei den Studien aber nie diskutiert, weil man sich stets nur auf das Gluten konzentriert. Wenn wir den Pathomechanismus von NCGS nicht kennen und auch nicht wissen, wie wir die Erkrankung diagnostizieren sollen, besteht die Gefahr, sich auf den falschen Schuldigen zu fokussieren und ein Gesundheitsversprechen zu machen, dass es so nicht gibt. Dabei spielt sicher auch eine Rolle, dass viele Patienten mit Bauchbeschwerden schon lange auf der Suche nach der möglichen Ursache sind. Demensprechend erleichtert sind sie oftmals, ein konkretes Krankheitsbild zu bekommen, das sie mit Umstellung der Ernährung beeinflussen können. Ähnliche Erfahrungen haben wir ja lange bei der Neurodermitis gemacht.

Inwiefern sehen Sie Parallelen zwischen Neurodermitis und NCGS?

Lange Zeit wurden zur Therapie von Neurodermitis umfangreiche Neurodermitis-Diäten empfohlen. Zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit war es keine Seltenheit, dass Kinder mit Neurodermitis 20 bis 30 Nahrungsmittel nicht essen durften, letztlich aus dem Wunsch heraus, diese Erkrankung zu kontrollieren und in den Griff zu bekommen. Bei zwei Drittel der Neurodermitis-Patienten spielt die Ernährung aber gar keine Rolle, so dass viele Patienten sich umsonst kasteit haben. Nur durch massive Aufklärung über Neurodermitis-Schulungen und eine breit aufgestellte interdisziplinäre Betreuung ist es uns gelungen, den Betroffenen deutlich zu machen, dass die Fokussierung auf Nahrungsmittel bei Neurodermitis kein Allheilmittel ist.

Die Parallele zwischen Neurodermitis und NCGS besteht darin, dass bei den Patienten der Wunsch besteht, die Erkrankung zu kontrollieren. Die Erwartungshaltung ist, das sich die Symptome bessern, wenn man viel dafür tut. Ein Großteil der Besserung unter glutenfreier Ernährung ist deshalb sicherlich auch auf einen Placebo-Effekt zurückzuführen. Das erklärt auch das erwähnte Phänomen, dass man in vielen Studien zu NCGS bei Provokationen mit Gluten häufig eine gleich hohe Reaktionsrate auf Gluten wie auf Placebo erhält. Das wäre dann ein Nocebo-Effekt-Effekt und spräche ebenfalls dagegen, dass Gluten der Auslöser der Beschwerden ist.

Wenn das Gluten nicht der Grund für die Bauchbeschwerden vieler Patienten ist, was ist es dann?

Man kann davon ausgehen, dass viele NCGS-Patienten eine Form des Reizdarm Syndroms (RDS) haben. Allerdings ist das Reizdarm-Syndrom wenig aufgeklärt, und es handelt sich ebenfalls um eine Ausschlussdiagnose, bei der chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED), Zöliakie, Kohlenhydratmalassimilationen etc. ausgeschlossen werden.

 

wichtige differenzialdiagnosen ncgsWichtige Differenzialdiagnosen bei Verdacht auf Nicht-Zöliakie-Gluten/ Weizen-Sensitivität (NCGS) umfassen verschiedene Krankheitsbilder einschließlich funktionale oder entzündliche Darmerkrankungen, Allergien, Enzymdefekte/ Malabsorptionen und Autoimmunerkrankungen1)

 

Zudem wissen wir, dass es zahlreiche Einflüsse auf den Magen-Darm-Trakt gibt, die wir nicht alle kontrollieren können. So ist es auch beim RDS nicht möglich, die Symptome diätetisch komplett zu eliminieren. Zwar gibt es diätetische Möglichkeiten, eine Verbesserung zu erzielen, in den wenigsten Fällen gelingt es jedoch, eine völlige Symptomfreiheit zu erreichen.

Umso wichtiger war es uns, durch unser Positionspapier zu betonen, dass das Verbot von Gluten, ohne dass dies als Ursache der Bauchbeschwerden sicher nachgewiesen ist, nicht sinnvoll ist. Wir wollen vor unnötigen glutenfreien Diäten warnen, die ebenfalls Nachteile bergen.

Im Positionspapier wird erwähnt, dass „zahlreiche Störgrößen (Confounder) die Bewertung subjektiver Symptome unter glutenarmer/-freier Kost“ erschweren. Was ist damit gemeint?

Zöliakie-Patienten, die glutenfrei leben müssen, haben zwei Optionen, sie kaufen glutenfreie Produkte oder sie verzichten komplett auf Getreide.

Aus der Reizdarm-Leitlinie wissen wir jedoch, dass eine Reduzierung des Getreideanteils der Nahrung, wie in letzterem Fall, in vielen Fällen zu einer Verminderung der Symptome führt. Dies wird vor allen Dingen auf die Getreideballaststoffe zurückgeführt, die zu den bekannten Störgrößen gehören. Wenn eine glutenfreie Ernährung sehr gemüsebetont durchgeführt wird, um über das Volumen der Nahrung eine Sättigung zu erreichen, dann ändert man seine Ernährung in eine sehr günstige Richtung. Die Kost enthält dann weniger unlösliche Ballaststoffe und mehr lösliche Ballaststoffe, so dass sich die Symptome darunter bessern können. Damit befolgt man im Prinzip auch die Diätempfehlungen der Reizdarm-Leitlinie: Das bedeutet, dass die Patienten nicht glutenfrei leben müssen. Es reicht wahrscheinlich aus, den Getreideanteil an der Nahrung deutlich zu reduzieren, um die Bauchbeschwerden zu lindern. An Stelle von Brot, Pasta und Kuchen, treten dann Gemüse, ein Salat mit Putenstreifen oder auch mal ein Quark mit Obst und die Symptomatik wird so insgesamt günstig beeinflusst, einfach durch eine bessere Ernährung.


Sie erwähnten die Nachteile einer glutenfreien Ernährung: Welche Risiken könnten sich durch glutenfreie Ernährung ergeben?

Wenn bei einer glutenfreien Ernährung sehr kohlenhydratbetont gegessen wird und nicht ausreichend Gemüse im Speiseplan enthalten ist, könnte es zu Folgeerkrankungen mit neuen Symptomen kommen. Durch den hohen Stärke-, aber verminderten Ballaststoffgehalt verweilen glutenfreie Produkte kürzer im Magen und passieren unseren Verdauungstrakt schneller. Dies führt einerseits zu einer schnellen Anflutung von Zuckern, was wiederum die nichtalkoholische Fettlebererkrankung“ (NAFLD) und als Folge Fettstoffwechselstörungen begünstigen kann. Andererseits kann die niedrige Ballaststoffzufuhr zu Obstipation und dadurch zu Enddarmerkrankungen wie Hämorrhoiden u. a. führen. Diese Folgeerkrankungen kennen wir auch von unseren Zöliakiepatienten.

Aber auch das zu häufige Ausweichen auf Obst, um Gluten zu vermeiden, kann die Entstehung einer Fettleber vorantreiben. Wenn man, zum Beispiel, oft außer Haus isst, die Pausenverpflegung aus Keksen und Obst besteht und man immer auf Obst ausweicht, dazu Obst zum Frühstück verzehrt und zwischendurch den „kleinen Hunger“ mit einigen Smothies stillt, erreicht man schnell unphysiologisch hohe Mengen an Fruchtzucker. Dass Fruktose unsere Leber fett macht, wissen wir schon lange aus dem Tierreich. Möchte man Gänsestoffleber erzeugen, aber die Tiere nicht stopfen, gibt man Ihnen einfach süße Früchte. Diese machen die Leber schnell fett. Doch was wir im Tierreich mit einer Delikatesse verbinden, ist bei uns Menschen eine ernste metabolische Erkrankung.

Bei Zöliakie-Betroffenen können wir den bekannten Folgeerkrankungen frühzeitig begegnen, in dem wir diese Menschen von Diagnose an ernährungstherapeutisch betreuen. Verzichten Menschen freiwillig auf Gluten, werden Sie in der Regel nicht ernährungstherapeutisch betreut, so dass sie oft gar nicht wissen, wie wichtig es ist, auf einen hohen Gemüseanteil sowie ausreichend Fett und Eiweiß zu achten.

Im NCGS-Positionspapier der DGAKI wurde auch Orthorexie als eine mögliche Folge der glutenfreien Ernährung genannt…

Hier geht es eher darum, dass eine NCGS-„Diagnose“ eine bestehende Orthorexie verschleiern bzw. die Entstehung dieser Ess-Störung vorantreiben kann. Unter Orthorexie versteht man die übermäßig ausgeprägte Beschäftigung mit „gesundem“ Essen. Wenn nun Gluten über die Medien laufend „verteufelt“ wird, scheint das die übermäßige Beschäftigung mit „gesundem“ Essen zu legitimieren. Die „Diagnose“ einer NCGS kann dann zur Folge haben, dass eine zugrunde liegende Ess-Störung nicht erkannt wird und dass die Patienten deshalb nicht die Betreuung erhalten, die ihnen helfen würde.

Sie betonen im NCGS-Positionspapier generell die Gefahren unnötiger Diäten…

Jedes Verbot und jede Einschränkung ist dann „zu viel“ wenn dies nicht medizinisch notwendig ist. Die Betroffenen drängt das in die falsche Richtung, weil man ihnen suggeriert, durch eine Diät Symptome lindern zu können, die so gar nicht zu ändern sind.

Dieses Phänomen finden wir aber nicht zur in Bezug auf Gluten, sondern zum Beispiel auch bei der Histaminintoleranz. Oft sehen wir dann Patienten, die ihre Diäten immer weiter ausweiten, weil die Symptome durch das Weglassen eines Nahrungsmittels eben nicht komplett verschwinden. Irgendwann bleiben nur einige wenige Nahrungsmittel übrig, die der Patient glaubt, vertragen zu können und die Lebensqualität sinkt in erheblichem

Das Schwierige bei Bauchproblemen ist, dass uns sehr viele Dinge sprichwörtlich „auf den Magen schlagen“ können, ohne dass ein Ernährungsbezug besteht. Aufregung, langes Sitzen, Sorgen, Freude, Stress – viele Faktoren können sich auf den Magen-Darm-Bereich auswirken – auch bei gleichbleibender Kost. Noch ist das Bauchhirn nicht vollständig erforscht! All diese Erkenntnisse sind nicht neu, aber dennoch bleiben all diese Faktoren oft unerwähnt und es wird suggeriert, man könne alle Bauchbeschwerden allein über den Ernährungsansatz lösen.

Das NCGS-Positionspapier des DGAKI geht auch auf die Risiken des Nährstoffmangels durch eine glutenfreie Ernährung ein…

In den Schalenbereichen des Getreides befinden sich zahlreiche Vitamine, die bei glutenfreier Ernährung wegfallen. Wechselt man auf eine Ernährung mit einem hohen Anteil glutenfreier Produkte, wird die Ernährung deutlich einseitiger. Vor allem bei den Makronährstoffen findet dann, wie bereits erwähnt, eine deutliche Veränderung zugunsten der Kohlenhydrate statt. Dem lässt sich leicht entgegenwirken, wenn die Ernährung bunt und abwechslungsreich mit ausreichend Gemüse, Eiweiß und Fett im Sinne einer Mediterranen Ernährung gestaltet wird. In letzterem Fall lassen sich auch die höhere Kosten glutenfreier Produkte eindämmen.

Eine weitere Folge der glutenfreien Ernährung ist erst seit jüngster Zeit bekannt - die erhöhte Akkumulation von Schwermetallen, wie zum Beispiel die offensichtlich erhöhte Arsenbelastung von Reis. So zeigten sich in einer Studie3) aus 2018 bei glutenfrei lebenden Menschen signifikant erhöhte Blutspiegel von Blei, Quecksilber und Kadmium sowie Arsen. Unklar ist allerdings, welche Risiken mit diesen erhöhten Werten verbunden sind.


Welche Rolle spielt die emotionale Beteiligung im Bereich „Essen“ bei NCGS?

Sie spielt eine nicht unerhebliche Rolle. Gerade wenn Gluten gemieden wird, schränkt dies den Speiseplan sehr ein, das heißt der „Preis“ für eine Besserung der Symptome ist extrem hoch, was auf einen hohen Leidensdruck hinweist. Somit steigt auch die Erwartungshaltung, nach dem Motto „the bill is the pill“: „Wenn ich mich so quäle; muss es ja helfen. Die Logik, die dahintersteckt lautet „je höher der „Preis“ ist, den man zahlt, umso wahrscheinlicher ist der Behandlungserfolg“.

Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, bei denen bislang ein konkretes Diagnosetool fehlt, neben dem Reizdarm-Syndrom zum Beispiel auch die Histaminintoleranz. Auch hier kam es zeitweise zu vermehrten Diagnosestellungen. Sehen Sie hier Parallelen zu NCGS?

Die Tatsache, dass die Diagnose dieser Erkrankungen nicht überprüfbar ist, scheint mir hier eine große Rolle zu spielen. Auch bei der Histaminintoleranz berichten die Patienten oft von einer Verbesserung der Symptome, wenn sie histaminreiche Nahrungsmittel meiden. Aber: Genau wie bei NCGS sind die Symptome einer Histaminintoleranz oft nicht reproduzierbar und die Patienten werden unter histaminarmer Kost auch meist nicht beschwerdefrei.

Meine Erfahrung mit diesen Patienten ist, dass eine generelle Verbesserung der Ernährungssituation oft einen größeren Effekt hat. Gerade bei der Histaminintoleranz ist meine Theorie, dass hier eher die Darmbarriere eine Rolle spielt und weniger das Histamin. Histamin ist lediglich ein Marker, der anzeigt, dass der Darm nicht „dicht“ ist und wenn wir auf Histamin verzichten, therapieren wir in die falsche Richtung, weil wir nicht den Auslöser behandeln, sondern die Konsequenz.

Man arbeitet ernährungstherapeutisch an diesem Problem, indem man eine gemüsebetontere Ernährung mit langsameren Transitzeiten empfiehlt. Diese physiologischere Ernährung, die sich den Gegebenheiten des Verdauungstraktes besser anpasst, beseitigt bei ganz vielen Patienten die Beschwerden. Sie werden mutiger, probieren Lebensmittel aus, die sie bisher aufgrund des Histamingehaltes gemieden hatten und stellen fest, dass sie sie wieder vertragen.

Diagnosen, die man nicht wirklich „hart“ stellen kann, sind für Menschen, die unter chronischen Beschwerden leiden und folglich nach jedem Strohhalm greifen, aus meiner Sicht eine große Gefahr. Sie führen sehr häufig zu einem massive eingeschränkten Speiseplan, in der Folge oft auch zu sozialer Isolation. Viele meiner Patienten trauen sich nicht mehr, Essen zu gehen oder Essenseinladungen von Freunden anzunehmen, weil sie meinen, dass sie es niemandem zumuten können, für sie zu kochen. Für die individuelle Lebensqualität und Lebensfreude ist dies eine sehr traurige Entwicklung, angesichts der Tatsache, dass die Symptome durch die eingeschränkte Ernährung zwar oft abgemildert, jedoch, wie gesagt, in den seltensten Fällen komplett beseitigt werden.

Was empfehlen Sie Patienten, die fürchten, an einer NCGS erkrankt zu sein?

Meine Empfehlung an die Ärzte und Ernährungsfachkräfte lautet, bei Patienten mit Bauchbeschwerden individuell symptomorientiert zu arbeiten. Ein Beispiel zu Histamin: Wenn ein Patient beobachtet, dass es ihm häufig nach dem Verzehr von Räucherfisch schlecht geht, finde ich es nicht problematisch, auf Räucherfisch weitgehend zu verzichten. Daraus aber umfangreiche Eliminationsdiäten abzuleiten, bei denen sämtliche histaminhaltigen oder potenziell histaminhaltigen Nahrungsmittel gemieden werden sollten, manchmal sogar, obwohl die Patienten bei diesen Nahrungsmitteln gar keine Beschwerden hatten, halte ich für nicht gerechtfertigt.

Zurück zu NCGS: An wen sollten sich Menschen wenden, die Bauchbeschwerden haben und eine Glutenunverträglichkeit vermuten, zum Allergologen, zum Gastroenterologen oder zum Ernährungstherapeuten?

Letztlich wird ein Patient mehrere Therapeuten aufsuchen müssen, um im Zusammenspiel eine optimale Behandlung zu erzielen. Der Gastroenterologe kann differenzialdiagnostisch in seinem Gebiet eine ganze Reihe von Untersuchungen vornehmen. Zum Beispiel kann er die Zöliakie ausschließen, wenn zuvor ausreichend Gluten gegessen wurde, und er kann auch chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) und Kohlenhydratmalassimilationen abklären.

Abhängig von der Symptomatik könnte aber zum Beispiel auch eine Weizenallergie die Ursache bestimmter Beschwerden sein, die für den Patient nicht richtig interpretierbar sind. Bei der anstrengungsinduzierten Weizenallergie (WDEIA) können die Patienten Weizen in der Regel vertragen, aber in Verbindung mit Anstrengung kommt es zu Beschwerden. Für die Patienten ist es fast unmöglich, diese Verbindung herzustellen. Da diese Kofaktor-assoziierte Allergie in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt ist, wäre ein Allergologe hierfür sicherlich der richtige Ansprechpartner für eine Differenzialdiagnose.

Eine Ernährungsfachkraft wiederum, insbesondere vom DAAB-Netzwerk, wäre eine gute Schnittstelle, bei der die Fäden zusammenlaufen. Ihre Aufgabe wäre es, über Ernährungsprotokolle symptomorientiert mit dem Patienten zu arbeiten und zu prüfen, ob eine grundsätzliche Optimierung der Ernährung bereits symptomlindernd wirkt.

Der Patient sollte sich also nicht scheuen, die jeweiligen Spezialisten hinzuzuziehen um eine optimale Therapie zu erhalten.

Frau Dr. Reese, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

Quellen:

1) Reese I. et. Al, Nicht-Zöliakie-Gluten-/Weizen-Sensitivität (NCGS) — ein bislang nicht definiertes Krankheitsbild mit fehlenden Diagnosekriterien und unbekannter Häufigkeit, Positionspapier der Arbeitsgruppe Nahrungsmittelallergie der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI), Allerego Journal 5/2018, http://www.dgaki.de/wp-content/uploads/2018/08/Reese-I-et-al-Nicht-Zoeliakie-Gluten-Weizen-Sensitivitaet-NCGS-DGAKI-Positionspapier-Allergo-Journal-8-2018.pdf

2) Dale HF, Hatlebakk JG, Hovdenak N, Ystad SO, Lied GA, The effect of a controlled gluten challenge in a group of patients with suspected non-coeliac gluten sensitivity: A randomized, double-blind placebo-controlled challenge, Neurogastroenterol Motil. 2018 Mar 15. doi: 10.1111/nmo.13332. [Epub ahead of print], https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29542844

3) Raehsler SL et al., Accumulation of heavy metals in people on a gluten-free diet. Clin Gastroenterol Hepatol 2018;16:244 – 51, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28223206

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