Weizen Gluten ATIs FODMAPs Reizdarm unverträglich

Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan zum Thema "Weizen, Gluten, ATIs, FODMAPs, Reizdarm: Was ist unverträglich?"!

Weizen, Gluten, ATIs, FODMAPs, Reizdarm: Was ist unverträglich?

Um die Begriffe Weizen, Gluten, ATIs, FODMAPs und Reizdarm (RDS) ranken sich viele Mythen. Insbesondere bei der Frage, welche Effekte Weizen und Gluten auf die Gesundheit haben, sind sich selbst die Experten nicht einig. Umso spannender ist es zu erfahren, was sich in der Forschung tut und was man über die Wechselwirkungen von Weizen, Gluten, ATIs, FODMAPs und Reizdarm mit Erkrankungen und Beschwerdebildern weiß. MeinAllergiePortal sprach mit Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan, Professor of Medicine an der Harvard Medical School in Boston, USA, Leiter des Instituts für Translationale Immunologie und der Ambulanz für Zöliakie und Dünndarmerkrankungen am Universitätsklinikum Mainz, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Zöliakiegesellschaft und Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) über Weizen, Gluten, ATIs, FODMAPs und Reizdarm und was davon wann unverträglich ist.

Herr Prof. Schuppan, wie ist der Stand der Dinge beim Thema Allergien, Sensitivitäten und Reizdarm?

Der Stand der Dinge lässt sich am Weizen gut aufzeigen, der ja in der letzten Zeit als „schädlich“ in Verruf geraten ist. Weizen steht aber durchaus beispielhaft für andere Nahrungsmittel.

Zunächst aber sollten wir zwischen entzündlichen und nichtentzündlichen Weizen-bedingten Beschwerden unterscheiden.

Was versteht man unter nichtentzündlichen Weizen-bedingten Beschwerden?

Sind die Beschwerden nicht entzündlich, können sie sowohl durch Weizen als auch durch andere Nahrungsmittel hervorgerufenen werden. Häufig ist dann eine Unverträglichkeitsreaktion auf die sogenannten FODMAPs (Fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide und Polyole) die Ursache.

Weizen enthält eine Reihe von FODMAPs, d.h. Stoffe, die nicht vom Körper aufgenommen und deshalb im Darm von Bakterien verstoffwechselt werden. Neben dem Weizen gehören z.B. auch Bohnen, Avocados und bestimmte fruktose- oder sorbitolreiche Früchte zu den FODMAP-reichen Nahrungsmitteln. Aber auch Kaugummis mit Sorbitol sind damit reich an einem FODMAP.

Die Verstoffwechselung der FODMAPs, die nur unvollständig oder garnicht durch die Darmbakterien resorbiert werden, kann zu Blähungen, seltener auch zu Diarrhoe, und damit zu Beschwerden führen, aber es kommt nicht zu Entzündungen, und wie stark man sich durch die Beschwerden beeinträchtigt fühlt, ist individuell sehr verschieden.

Grundsätzlich sind FODMAPs auch nicht schädlich, sondern, im Gegenteil, positiv für den Darm, da bei der Verstoffwechselung durch die Dartmbakterien Stoffwechselprodukte entstehen, die als Nahrung für die Darmepithelien dienen. Nichts desto trotz sollte die Anzahl der FODMAP-reichen Nahrungsmittel reduziert werden, wenn eine Unverträglichkeit besteht und es zu relevanten Beschwerden kommt.

Neben den FODMAP-bedingten Unverträglichkeiten gibt es aber auch nichtentzündliche Beschwerden, die immunologisch noch nicht vollständig geklärt sind. Dazu gehört z.B. die Intoleranz gegenüber Koffein und Glutamat.

Und in welcher Form zeigen sich die entzündlichen Weizen-bedingten Beschwerden?

Es gibt drei entzündliche Erkrankungen, die durch Weizen hervorgerufen werden:

1. Die Zöliakie, eine Immunreaktion auf Gluten, von der 1 Prozent der Bevölkerung betroffen ist.

2. Die Weizenallergie, hier gibt es:

  1. Die klassische Weizenallergie, die nach dem Verzehr von Weizen zu einer allergischen Sofortreaktion führt, z.B. in Form von Bauchschmerzen oder auch Atemwegsbeschwerden.
  2. Die verzögerte Nahrungsmittelallergie auf Weizen, die erst Stunden nach der Nahrungsaufnahme zu Beschwerden führt. Sie wird mit klassischen diagnostischen Tests nicht erfasst, denn sie erzeugt keine Hauttest -Positivität und keine IgE-Positivität. Die IgE-negativen Nahrungsmittelallergien sind erst seit kurzem bekannt, sie treten aber viel häufiger auf, als die klassischen Nahrungsmittelallergien vom Typ I.

3. Die ATI-Sensitivität, bei der Getreideproteine, die sich von Gluten unterscheiden, die ATIs (Amylase-Trypsin-Inhibitoren), das angeborene Immunsystem aktivieren. Dabei handelt es sich um eine moderate Immunzellaktivierung, die bei jedem Menschen, der ATIs bzw. Weizen, verzehrt, vorhanden ist. Bei gesunden Menschen ist eine gewisse zusätzliche Immunaktivierung durch die ATIs auch kein Problem. Bei Menschen mit einer chronischen Erkrankung, wie z.B. einer Autoimmunerkrankung oder einer chronischen Stoffwechselerkrankung, kann der Verzehr von ATIs jedoch problematisch werden. Solche Patienten profitieren von einer ATI-freien Diät.


Heißt das, ATIs sind ausschließlich für Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen problematisch?

An Mausmodellen konnten wir zeigen, dass vorbelastete Tiere, die mit isolierten ATIs oder Weizen in adäquaten, jedoch nicht übermäßig hohen Mengen gefüttert wurden, schwere immunologische und klinische Symptome entwickelten und dass sich die Grunderkrankungen verschlechterten. Das gilt für alle untersuchten Modelle, wie z.B. Multiple Sklerose, rheumatoide Erkrankungen, sowie Stoffwechselerkrankungen wie Fettleber oder Typ-II-Diabetes, sowie für Tiermodelle chronisch entzündlicher Darmerkrankungen (CED). Wenn die Tiere mit ATIs gefüttert wurden, verstärkten sich die CED-Symptome.1) 

Insgesamt konnten wir zeigen, dass sich durch die ATIs auch alle bisher von uns untersuchten chronischen Erkrankungen, eben auch außerhalb des Darmes, z.B. Autoimmunerkrankungen, verstärkten. An einzelnen meiner eigenen Patienten mit Autoimmunerkrankungen konnte ich das ebenfalls feststellen. Bei der Mehrzahl dieser Patienten verbesserten sich die Symptome nach einer ein- bis vierwöchigen weitgehend weizenfreien Diät sehr deutlich.

Gibt es ähnliche Untersuchen zu ATIs und Allergien?

In einer sehr aktuellen Studie an einem humanisierten Mausmodell mit humanisiertem Immunsystem konnten wir zeigen, dass eine ATI-haltige Diät inhalative Allergien, wie ein allergisches Asthma, aber auch Nahrungsmittelallergien verstärken kann.2)

Die ATIs, die auch selbst Allergien gegen Weizen verursachen können, wirken hier allerdings nicht als Allergen und sie verursachen auch selbst keine abdominellen Symptome. Vielmehr wirken ATIs als Immunstimulator im Darm, der die bestehenden, auch peripheren Allergien, befördert.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus Ihren Erkenntnissen zu den Wechselwirkungen zwischen Darm, Autoimmunerkrankungen, Stoffwechselerkrankungen und Atemwegserkrankungen für die Patienten?

Der Darm und die Lunge sind die größten Schleimhäute beim Menschen und der Darm ist die größte Kontaktfläche zur Außenwelt. Der Darm kommuniziert mit allen peripheren Organen, nicht nur mit der Lunge, die im Bereich Allergien von Bedeutung ist, sondern auch z.B. mit dem Gehirn. Aktuell untersuchen wir diese Zusammenhänge im Hinblick auf Alzheimer und Parkinson am Tiermodell.

Weiter sind wir bestrebt, unsere Erkenntnisse aus den Tiermodellen an Patienten zu validieren. Zum Beispiel haben wir gerade eine klinische Studie zu ATI-freier vs. ATI-haltiger Ernährung bei Multipler Sklerose im Crossover Design gestartet. Zur gleichen Fragestellung führen wir gerade eine Studie an Patienten mit primär sklerosierender Cholangitis (PSC), einer schweren autoimmunen Lebererkrankung, durch.

Auch bei Patienten mit der Fettleberhepatitis und der Colitis Ulcerosa planen wir klinische Studien zu der Frage, welche Rolle eine ATI-freie vs. ATI-haltige Ernährung bei der Therapie spielen könnte. Wir wissen aber bereits, dass es tatsächlich die ATIs aind und nicht etwa das Gluten im Weizen, die diese Erkrankungen befördern. Dabei beobachten wir nicht nur das klinische Befinden und die Leistungsfähigkeit der Patienten, sondern auch immunologische Parameter.

Wenn ATIs die Symptome bestehender Erkrankungen befördern können, was heißt das für die aktuelle Handhabung klinischer Studien, bei denen die Reproduzierbarkeit eine wichtige Säule der Evidenz ist? Was heißt es für die Aussagekraft der Studienergebnisse, wenn Faktoren wie die AIT-Zufuhr bei der Auswahl der Probanden nicht berücksichtigt wurden?

Nicht nur bei klinischen Studien, sondern auch bei Tierversuchen, haben wir gesehen, dass die ATIs die Ergebnisse beeinflussen. So ist im Futter für Labortiere bis zu 30 Prozent Weizen enthalten. Je nach Hersteller ist der Weizenanteil aber sehr unterschiedlich, und manche Anbieter verwenden auch z.B. Mais an Stelle von Weizen. Bei allen Versuchen mit entzündlichen Mausmodellen führt die unterschiedliche Futterzusammensetzung zu Variationen, denn die mit Weizen, und damit mit ATIs gefütterten Tiere, haben eher einen proinflammatorischen Status, die anderen Tiere aber nicht. Dies erklärt auch durchaus, warum Tierversuche manchmal so schwer reproduzierbar sind. Unsere Konsequenz daraus ist, dass wir in unseren Versuchen ausschließlich definiertes Tierfutter verwenden.

Für Patientenstudien kann man aufgrund dieser Erkenntnisse annehmen, dass die ATIs bei Studien zu Antiallergika ebenfalls einen Einfluss auf die Ergebnisse haben könnten. Schließlich liegt bei 90 Prozent der Bevölkerung der Standard-Weizenkonsum bei ca. 100 bis 150 g Weizen pro Tag. Sicher wird es hier „Ausreißer geben“, durch die man eventuelle Abweichungen bei Studien erklären könnte. Allgemein bekannt sind die Einflüsse der ATIs zurzeit aber noch nicht – im Jahre 2018 werden von uns hierzu eine Reihe von wissenschaftlichen Veröffentlichungen erscheinen.


Man wird die Erkenntnisse aus Ihrer Forschung an den ATIs also in zukünftigen Studiendesigns berücksichtigen müssen?

Unsere ATI-Studien werden die Diskussion sicher anregen. Hinzu kommt, dass auch die Rolle des Darmmikrobioms bei der Modulation von Darmerkrankungen und peripheren Erkrankungen zunehmend Beachtung findet und untersucht wird. Zu den Mikrobiomen an Lunge, Nase, Haut etc. und ihrer Rolle bei chronischen Erkrankungen, inklusive der Allergien, ist noch wenig bekannt.

Gibt es auch Erkenntnisse zu den Zusammenhängen zwischen den ATIs und dem Mikrobiom des Darmes?

Wir gehen von einer indirekten Kommunikation der Mikrobiome untereinander, u.a. über deren Stoffwechselprodukte, und ihrer Wechselwirkung mit dem jeweiligen Immunsystem aus. Das Immunsystem des Darms wird durch das Mikrobiom des Darmes moduliert und beeinflusst darüber sicher auch das Immunsystem der Atemwege. In der gerade erwähnten Studie zu den Zusammenhängen von ATI-Fütterung vs. ATI-freie Fütterung und allergischem Asthma konnten wir eindeutig nachweisen, dass über die ATIs eine Signalübermittlung vom Darm an das angeborenen Immunsystem über den sogenannten Toll-Like -Rezeptor 4 (TLR4) ausgeht, der von den ATIs direkt aktiviert wird. Nach unseren ersten Befunden wandern diese aktivierten Immunzellen aus dem Darm in die Peripherie aus und fördern dort bereits vorhandene entzündliche oder allergische Reaktionen3). Diese Immunzellen, aber vielleicht auch einige im Blut zirkulierende Zytokine, erreichen die Lymphknoten, die Lunge und andere Organe und verändern dort die immunologischen Rahmenbedingungen in Richtung vermehrter Entzündung. Eine Hypothese lautet, dass die so aktivierten Immunzellen aus dem Darm bereits in den Lymphknoten auf die „zirkulierenden“ T-Zellen aus den immunologischen Erkrankungen treffen, oder aber auch weiter in die Peripherie wandern – hier bedarf es jedoch noch weiterer Untersuchungen.

Auch die Zytokin-Ausschüttungen im Blut, d.h. die proentzündlichen Faktoren, sind nach ATI-Fütterung deutlich erhöht. Das bedeutet, die gesamte Immunantwort im Körper wird über die Blutzirkulation, aber auch über die Auswanderung von Immunzellen aus dem Darm erhöht. Insgesamt sind die Einflüsse auf das Immunsystem multifaktoriell. Mit den Weizen ATIs ist jedoch ein entscheidender „Player“ identifiziert, der die Rolle des Glutens, außer bei Zöliakie, ein Stück weit relativiert.

Das sind spannende Erkenntnisse, aber für medizinische Laien sicher nicht so leicht zu verstehen…

taegliches brot krank durch weizen gluten und atiTägliches Brot: Krank durch Weizen, Gluten und ATIDafür gibt es eine Lösung: Im April dieses Jahres erscheint unser Buch: „Tägliches Brot – wenn Weizen, Gluten und ATIs krank machen“ (Springer Medizin). Es enthält auf 150 Seiten sehr kompakt die neuesten evidenzbasierten Erkenntnisse zu Weizen, Gluten, ATIs und FODMAPs, und auch ein Kapitel zu Allergien ist enthalten. Hier werden die Grundlagen sowohl für Experten, aber auch patientenverständlich anhand von Schaubildern, verständlichen Erklärungen und von kommentierten Patientengeschichten erklärt.

Herr Prof. Schuppan, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quellen:

1) Zevallos VF, Raker V, Tenzer S, Jimenez-Calvente C, Ashfaq-Khan M, Rüssel N, Pickert G, Schild H, Steinbrink K, Schuppan D, Nutritional Wheat Amylase-Trypsin Inhibitors Promote Intestinal Inflammation via Activation of Myeloid Cells,Gastroenterology. 2017 Apr;152(5):1100-1113.e12. doi: 10.1053/j.gastro.2016.12.006. Epub 2016 Dec 16, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27993525

2) Bellinghausen I et al, J Clin Allergy Immuol 2018

3) Die Publikation erfolgt im April 2018 in Gastronenterology

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden. Bitte beachte auch unsere Datenschutzbestimmungen gemäß DSGVO.