Reoviren-Infektionen Zöliakie

Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e.V. (DZG) in Stuttgart zur Rolle von Reoviren-Infektionen bei der Entstehung von Zöliakie!

Zöliakie: Die Rolle von Reoviren-Infektionen bei der Entstehung

„Reoviren könnten bei der Entstehung einer Zöliakie eine Rolle spielen“ zu dieser Erkenntnis kamen US-Forscher anhand einer Studie, die vor kurzem veröffentlicht wurde.1) Wie genau wurde die Studie durchgeführt, wie aussagefähig sind die Ergebnisse und welche Konsequenzen hat dies in Bezug auf mögliche präventive Maßnahmen? MeinAllergiePortal sprach mit Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie Gesellschaft e.V. (DZG) in Stuttgart über die Rolle von Reoviren-Infektionen bei der Entstehung von Zöliakie.

Frau Dr. Baas, wie häufig sind Infektionen mit Reoviren, wie kommt es dazu und wie bemerkt man es?

Reoviren gibt es weltweit. Sie werden entweder durch die Luft oder fäkal-oral übertragen, das heißt wenn Viren über die Ausscheidungen an die Hände gelangen und von dort in den Mund übertragen werden. Sie verursachen harmlose Infekte, die sich an den Bronchien oder auch im Magen-Darm-Trakt bemerkbar machen können, oft aber auch nahezu unbemerkt ablaufen. Bis zum dritten Lebensjahr sind über ¾ aller Personen mit den Viren in Kontakt gekommen.

Wie wurde in der Studie untersucht, wie sich Reoviren auf die Entstehung von Zöliakie auswirken und welche Aussagekraft hat die Studie?

Die vorliegende Studie bezieht sich zunächst auf Beobachtungen an Mäusen: Nach einer Infektion mit Reoviren kam es zu einer veränderten Immunantwort auf Fremdeiweiße aus der Nahrung, wie z.B. Gluten.

Im nächsten Schritt hatten die Forscher Menschen untersucht. Dabei wurden sowohl Zöliakiepatienten als auch gesunde Vergleichspersonen getestet. Dabei fielen bei Zöliakiepatienten höhere Antikörpertiter gegen die Viren auf als bei den nicht-Betroffenen. Es wurde daher die Vermutung ausgesprochen, ob die Infektion mit den Reoviren eine Änderung in der Immunantwort auf das Gluten auslöst.

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Man hat an einem Mausmodell gearbeitet, wie übertragbar sind die Ergebnisse auf den Menschen?

Genau, wie gesagt, wurden die ersten Vermutungen aus den Ergebnissen an Mäusen geschlossen. Eine direkte Übertragung auf den Menschen ist nicht sicher zulässig. Man kann für den Menschen auch überlegen, dass die schon durch die Zöliakie veränderte Schleimhaut auf eine Infektion mit dem Virus anders reagiert. Hier wäre erst die Zöliakie entstanden, dann danach die Infektion.

Könnten die Ergebnisse dieser Studie darauf hinweisen, dass Reoviren ein Triggerfaktor sind, der bei einer erblichen Vorbelastung zur Entstehung von Zöliakie führen kann und könnte dies auch für andere Viren gelten, die den Magen-Darm-Trakt befallen?

Ob die Reoviren die Rolle spielen, die in der Studie vermutet wird, kann derzeit nicht bestätigt werden. Dennoch gibt es Hinweise, dass Infektionen im Magen-Darm-Trakt einen Risikofaktor für spätere Entstehung einer Zöliakie darstellen.

Welche Optionen zur Prävention wären denkbar? Könnte sich daraus auch ein prädiktiver Marker ableiten, noch vor Ausbruch der Erkrankung?

Eine direkte Vermeidung der Infektion scheint bei der hohen Durchseuchung der Bevölkerung derzeit nicht möglich. Sollten sich tatsächlich bestimmte Infektionen als Risikofaktor nachweisen lassen, könnten Impfungen eine präventive Maßnahme darstellen. Regelmäßige Untersuchungen, ob ein Kontakt mit Reoviren, oder bestimmten anderen Viren, stattgefunden hat, sind derzeit nicht sinnvoll.

Eine Auswertung der Daten der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns kam jüngst zu dem Ergebnis, dass wiederholte Magen-Darm-Infektionen und Atemwegsinfektionen im ersten Lebensjahr das Risiko erhöhen, an einer Zöliakie zu erkranken:

Wäre dies als weiterer Hinweis in Richtung Reoviren zu bewerten?

Nicht zwingend, da gerade in den ersten Lebensjahren ja viele verschiedene Infekte von den Kindern durchgemacht werden. Aber auch die TEDDY-Studie2) konnte zeigen, dass Infektionen im Magen-Darm-Trakt das Risiko für eine Zöliakie erhöhen. Das muss in Zukunft versucht werden, genauer zu analysieren, um hier über Impfungen möglicherweise reinen schützenden Effekt erzielen zu können.

Frau Dr. Baas, herzlichen Dank für dieses Interview!

 

Quellen:

1) Bouziat R, Hinterleitner R, Brown JJ, Stencel-Baerenwald JE, Ikizler M, Mayassi T, Meisel M, Kim SM, Discepolo V, Pruijssers AJ, Ernest JD, Iskarpatyoti JA, Costes LM, Lawrence I, Palanski BA8, Varma M, Zurenski MA, Khomandiak S, McAllister N, Aravamudhan P, Boehme KW, Hu F, Samsom JN, Reinecker HC, Kupfer SS, Guandalini S, Semrad CE, Abadie V, Khosla C, Barreiro LB, Xavier R, Ng A, Dermody TS, Jabri B., Reovirus infection triggers inflammatory responses to dietary antigens and development of celiac disease, Science. 2017 Apr 7;356(6333):44-50. doi: 10.1126/science.aah5298, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/28386004

2) Kemppainen KM1, Lynch KF2, Liu E3, Lönnrot M4, Simell V5, Briese T6, Koletzko S7, Hagopian W8, Rewers M3, She JX9, Simell O10, Toppari J11, Ziegler AG12, Akolkar B13, Krischer JP2, Lernmark Å14, Hyöty H15, Triplett EW1, Agardh D16; TEDDY Study Group. Factors That Increase Risk of Celiac Disease Autoimmunity After a Gastrointestinal Infection in Early Life.Clin Gastroenterol Hepatol. 2017 ;15:694-702
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27840181

 

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