Weizensensitivität Glutensensitivität Weizenunverträglichkeit Glutenunverträglichkeit

Dr. Michael Schumann beim DGIM-Kongress zur Weizen- bzw. Glutensensitivität!

Weizen- bzw. Glutensensitivität: Aktuelles zu Ursachen und Diagnostik

Unklare Bauchbeschwerden: Reizdarmsyndrom oder Weizen- bzw. Glutensensitivität?

Ein Teil der Patienten, deren Diagnose Reizdarmsyndrom lautet, könnte tatsächlich an einer Weizen- bzw. Glutensensitivität leiden, darauf weisen mehrere Untersuchungen hin. So wurden 270 Patienten mit unklaren Bauchbeschwerden anhand einer doppel-blinden, randomisierten, Plazebo-kontrollierten Studie untersucht. Dabei erfolgte nach einer gluten- und weizenfreien Diät eine erneute Exposition der Patienten mit Gluten bzw. Weizen. So konnte bei 70 Studienteilnehmern eine Weizensensitivität bzw. Glutensensitivität festgestellt werden.2)

„Eine weitere Studie, die GIBS-Studie, an der auch wir beteiligt waren, wurde an 35 Reizdarm-Patienten durchgeführt, deren Symptomatik den Rom-III-Kriterien entsprach“ erläuterte Dr. Schumann.3) Alle Patienten erhielten bei dieser Studie über vier Monate eine glutenfreie Diät und in diesem Zeitraum wurden die Symptome wöchentlich überprüft. Dazu wurde ein Test genutzt, der bei RDS-Patienten zur Symptomevaluierung etabliert ist, der „Subjective Global Assessment of Relief“ (SGA). Bei 34 Prozent der Probanden konnte tatsächliche eine Gluten- bzw. Weizensensitivität festgestellt werden, wobei sich bei einigen Patienten eine Verbesserung der Symptome erst nach zweimonatiger glutenfreier Diät einstellte. Bemerkenswert ist, dass eine Überprüfung ein Jahr nach Abschluss der Studie ergab, dass die Patienten auch weiterhin eine glutenfreie bzw. glutenarme Diät eingehalten hatten. Die Verbesserung der Symptome ist offensichtlich für die Patienten ein starker Motivator, die glutenfreie Diät weiterzuführen. 

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Weizen- bzw. Glutensensitivität: Was weiß man über mögliche Ursachen?

Anders als bei Zöliakie-Patienten kommt es bei Patienten mit Weizensensitivität bzw. Glutensensitivität durch Glutenkontakt nicht zu der typischen Rückbildung der Darmzotten. In einer Studie konnte man jedoch bei 90 Prozent der untersuchten weizen- bzw. glutensensitiven Patienten ein entzündliches Geschehen in der Darmschleimhaut bzw. eine erhöhte Anzahl der Eosinophilen nachweisen, die auch bei Allergien eine Rolle spielen.4) „Das bedeutet, Marsh 1, d.h. das vermehrte Auftreten von Immunzellen (Lymphozyten), ist der Regelfall bei Weizensensitivität bzw. Glutensensitivität“ so Dr. Schumann, „dies könnte, entgegen bisheriger Annahmen, ein Indikator dafür sein, dass bei der Weizensensitivität bzw. Glutensensitivität  eine nur mikroskopisch nachweisbare Entzündung vorliegt“. 

Möglicherweise könnten die ATIs, die Amylase-Trypsin-Inhibioren, eine Rolle bei der Weizensensitivität bzw. Glutensensitivität spielen. Dieser Forschungsansatz wird von Herrn Prof. Schuppan an der Universitätsmedizin Mainz verfolgt. Bei ATIs handelt es sich um eine Proteinfraktion von Getreide, die im Gliadin, vorkommen und der Pflanze als „natürliche Pestizide“ dienen. 

Untersuchungen hatten gezeigt, dass es bei Patienten mit Weizensensitivität bzw. Glutensensitivität zu einer nicht adaptiven, d.h. einer angeborenen, Immunreaktion kommt, wenn man deren Darmschleimhaut mit einem Gliadinextrakt konfrontiert.5) Dabei war die Stärke der Reaktion abhängig von der gewählten Dosis. Weitere Analysen des Gliadinextraktes führten dann zu der Erkenntnis, dass es die ATIs sind, die für die Aktivierung der angeborenen Immunzellen, über einen Rezeptor, den sogenannten Toll-like Rezeptor 4, verantwortlich sind. Dadurch werden bestimmte Immunreaktionen ausgelöst. 

Besonders reich an ATIs sind die Getreidesorten Weizen, Roggen und Gerste. In Soya, Quinoa, Buchweizen, Erbsen, Dinkel, Reis, Hirse, Haferflocken, Mais und Amaranth findet man ATIs nicht. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass alte Weizenformen, wie z.B. Emmer und Einkorn, im Mausmodell eine deutlich geringere Entzündungsreaktion auslösten, als moderne Weizensorten. Festzuhalten ist: Eine Diät, die arm oder frei an ATIs ist, ist gleichzeitig auch glutenfrei oder glutenarm. Allerdings sind glutenfreie Fertigprodukte nicht automatisch auch frei von ATIs.  

Weizen- bzw. Glutensensitivität: Der aktuelle Stand der Diagnostik

Weder serologische noch histologische Verfahren stehen zur Diagnose der Weizensensitivität bzw. Glutensensitivität zur Verfügung. Möglich ist eine Diagnose nur durch den Einsatz eines Endomikroskops d.h. ein Endoskop an dessen Spitze ein Mikroskop angebracht ist. Gleichzeitig wird dem Patienten ein fluoreszierendes Kontrastmittel intravenös verabreicht, so dass die Darmschleimhaut durch Aufsetzen des Endomikroskops näher untersucht werden kann. Bei Patienten mit einer Weizensensitivität bzw. Glutensensitivität findet man Defekte in den Zwischenräumen der Darmzotten. Diese Untersuchung ist allerdings sehr aufwändig und wird im klinischen Alltag aktuell nicht eingesetzt.

 

Quellen:

1) Volta U1, Bardella MT, Calabrò A, Troncone R, Corazza GR; Study Group for Non-Celiac Gluten Sensitivity, An Italian prospective multicenter survey on patients suspected of having non-celiac gluten sensitivity, BMC Med. 2014 May 23;12:85. doi: 10.1186/1741-7015-12-85 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24885375

2) Carroccio A1, Mansueto P, Iacono G, Soresi M, D'Alcamo A, Cavataio F, Brusca I, Florena AM, Ambrosiano G, Seidita A, Pirrone G, Rini GB, Non-celiac wheat sensitivity diagnosed by double-blind placebo-controlled challenge: exploring a new clinical entity, Am J Gastroenterol. 2012 Dec;107(12):1898-906; quiz 1907. doi: 10.1038/ajg.2012.236. Epub 2012 Jul 24, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22825366

3) Barmeyer C, Schumann M, Meyer T, Zielinski C, Zuberbier T, Siegmund B, Schulzke JD, Daum S, Ullrich R5, Long-term response to gluten-free diet as evidence for non-celiac wheat sensitivity in one third of patients with diarrhea-dominant and mixed-type irritable bowel  syndrome, Int J Colorectal Dis. 2017 Jan;32(1):29-39. doi: 10.1007/s00384-016-2663-x. Epub       2016 Sep 30, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27695975

4) Carroccio A1, Mansueto P, Iacono G, Soresi M, D'Alcamo A, Cavataio F, Brusca I, Florena AM, Ambrosiano G, Seidita A, Pirrone G, Rini GB, Non-celiac wheat sensitivity diagnosed by double-blind placebo-controlled challenge: exploring a new clinical entity, Am J Gastroenterol. 2012 Dec;107(12):1898-906; quiz 1907. doi: 10.1038/ajg.2012.236. Epub 2012 Jul 24, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22825366

5) Zevallos VF, Raker V, Tenzer S, Jimenez-Calvente C, Ashfaq-Khan M, Rüssel N, Pickert G, Schild H, Steinbrink K, Schuppan D, Nutritional Wheat Amylase-Trypsin Inhibitors Promote Intestinal Inflammation via Activation of Myeloid Cells, Gastroenterology. 2017 Apr;152(5):1100-1113.e12. doi: 10.1053/j.gastro.2016.12.006. Epub 2016 Dec 16, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27993525

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