Test Glutensensitivität Weizensensitivität

Prof. Dr. med. Martin Storr, Gastroenterologe am Gesundheitszentrum Starnberger See (MVZ) zum verblindeten Kapseltest mit Gluten zur Diagnose von Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität!

Test auf Glutensensitivität/ Weizensensitivität: Wie geht das?

Einen im klinischen Alltag einsetzbaren Marker zur Diagnose von Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität gibt es bisher nicht. Dennoch ist es möglich, bei einem Patienten mit unklaren Bauchbeschwerden die Diagnose Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität eindeutig zu stellen. Wie das geht? Mit einem „verblindeten Kapseltest mit Gluten“! Mit MeinAllergiePortal sprach Prof. Dr. med. Martin Storr, Gastroenterologe am Gesundheitszentrum Starnberger See (MVZ) über seine kreative Methode zur Diagnose von Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität und die Vorgehensweise beim Test.

Herr Prof. Storr, Sie nutzen einen „verblindeten Kapseltest mit Gluten“ zur Diagnose von Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität, was ist das genau?

Wenn man die Diagnose Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität 100prozentig absichern möchte, muss man strenggenommen so verfahren: Der Patient führt eine glutenfreie Diät durch und wenn daraufhin eine Besserung der Beschwerden eintritt, erfolgt eine Provokation mit Gluten.

Wie genau wird der „verblindete Kapseltest mit Gluten“ durchgeführt?

Dazu erhält der Patient zwei Packungen mit jeweils 14 Kapseln, die er zu Hause einnehmen kann. Die Kapseln der einen Packung enthalten Gluten, die Kapseln der anderen Packung enthalten Reisstärke. Die Kapseln sind jedoch „verblindet“, das bedeutet, die Kapseln sehen völlig identisch aus und der Patient weiß nicht, was sich jeweils in welchen Kapseln befindet.

Der Patient nimmt dann zunächst die ersten 14 Kapseln eine Woche lang ein, nach Anweisung zwei Mal täglich mit dem Frühstück, und nach einer Woche Kapselpause die zweite Packung mit 14 Kapseln. Während des gesamten Zeitraums wird die glutenfreie Diät fortgeführt. Die spannende Frage ist dann, ob sich die Beschwerden wieder einstellen, oder nicht, und falls sich die Beschwerden wieder einstellen, in welcher Woche. Nur mit diesem Vorgehen lässt sich eine Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität wirklich abklären.  

Muss der Patient in dieser Zeit eine Art Symptomtagebuch führen?

Ein Symptomtagebuch muss der Patient während des verblindeten Kapseltests mit Gluten nicht unbedingt führen, es ist aber generell schon sehr hilfreich. Der Test dauert mit einer Woche ausreichend lange und die Kapseln enthalten eine ausreichend hohe Glutenmenge, so dass dieses Vorgehen bei Menschen mit einer Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität ausreicht, um innerhalb kürzester Zeit Symptome hervorzurufen. Bei der Glutenmenge in den Testkapseln kann man sich an den klinischen Studien orientieren. Diese nutzen für Provokationen Kapseldosen von  ~4 g Gluten und ich verwende für meine Glutenkapseln ~5 g , also etwas mehr. Mit dem Test erhält man somit eine sehr klare Aussage, ob der Patient auf Gluten sensitiv ist oder nicht.


Was genau sagt der „verblindete Kapseltest mit Gluten“ aus?

Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder die Beschwerden kommen wieder, dann gilt es zu überprüfen, ob dies in einem Zusammenhang mit der Einnahme der glutenhaltigen Kapseln steht, oder die Beschwerden kommen nicht wieder und dann ist eine Glutensensitivität eher nicht gegeben.  

Angenommen, der „verblindete Kapseltest mit Gluten“ ist positiv und die Diagnose gestellt, ist dies eine lebenslange Diagnose?

Zurzeit weiß man nicht so genau, ob es möglich ist, dass eine Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität wieder verschwindet. Aktuell geht man von einem dauerhaften Status aus, aber es müssen ja nicht dauerhaft Beschwerden auftreten. Auch andere Faktoren können eine Rolle spielen, z.B. Stresssituationen, andere Nahrungsbestandteile, das aktuelle Körpergewicht etc.. Ich muss allerdings sagen, dass die Beschwerden bei vielen meiner Patienten dauerhaft zu sein scheinen. Ich kenne bislang keinen Fall, bei dem die Beschwerden nach dem Verzehr stark glutenhaltiger Speisen plötzlich nicht mehr auftreten.

Und bei welchen Patienten ist es sinnvoll, einen „verblindete Kapseltest mit Gluten“ durchzuführen?

Ein „verblindeter Kapseltest mit Gluten“ ist bei jenen Patienten sinnvoll, die über vier bis sechs Wochen ein qualifiziertes Ernährungs- und Symptomtagebuch geführt haben, so wie es die medizinische Behandlungsleitlinie vorschlägt, und bei denen sich daraufhin herauskristallisiert, dass die Beschwerden tatsächlich auf getreidehaltige Produkte zurückzuführen sind.

Zuvor sollte man bei einem solchen Patienten allerdings prinzipiell sämtliche anderen gastrointestinalen Erkrankungen ausgeschlossen haben, deren Symptomlage ähnlich ist. Dazu gehören z.B. eine Laktoseintoleranz, eine Fruktosemalabsorption, die Sorbitintoleranz, die Zöliakie etc...


An wen können sich Patienten wenden, die sich für den „verblindeten Kapseltest mit Gluten“ interessieren?

Für den „verblindeten Kapseltest mit Gluten“ gibt es keine Standard-Glutenkapseln. Ein Arzt, der diesen Test mit einem seiner Patienten durchführen will, kann diese jedoch recht einfach selbst herstellen oder von einer Apotheke herstellen lassen. Gluten und Laktose sind frei erhältlich und kosten nicht viel und die Herstellung dieser Kapseln ist wirklich sehr einfach.

Die Konsequenz aus einem positiven Testergebnis ist dann eine dauerhafte glutenfreie Diät?

Die meisten Patienten nehmen eine glutenfreie oder zumindest sehr glutenarme Diät in Kauf, wenn sie dadurch beschwerdefrei werden, oder zumindest seltener Beschwerden haben. Allerdings hat es bei der Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität ja keine gefährlichen Konsequenzen, wenn der Patient weiterhin Gluten zu sich nimmt. Anders als bei der Zöliakie, ist die glutenfreie Kost bei diesen Patienten keine streng einzuhaltende Vorgabe. Zudem spielt die Glutenmenge bei der Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität eine entscheidend Rolle, manche Patienten vertragen geringe Glutenmengen.   

Wie sieht es bei Patienten mit Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität mit der Compliance aus?

Natürlich würden die Patienten oft lieber Tabletten einnehmen, anstatt ihre Ernährung umzustellen. Das liegt natürlich auch daran, dass eine Ernährungsumstellung eine durchaus eingreifende Maßnahme ist, die die Lebensqualität stark beeinträchtigen kann. Es ist nicht so einfach, liebgewonnene Speisen wegzulassen, das ist ähnlich schwierig wie, das Rauchen aufzugeben und es gibt auch Patienten, die das nicht schaffen.

Meine Empfehlung an die Patienten lautet: Es ist sinnvoll, mit Hilfe eines Arztes herauszufinden, woran es liegt, wenn man Bauchbeschwerden hat. Ist die Weizensensitivität bzw. Glutensensitivität jedoch diagnostiziert, hilft aber ein gesundes Maß an Gelassenheit, man muss nicht verzweifeln sondern sollte Ruhe bewahren und ein sinnvolles Vorgehen planen.

Herr Prof. Storr, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden. Bitte beachte auch unsere Datenschutzbestimmungen gemäß DSGVO.