Glutensensitivität Weizensensitivität Reizdarmsyndrom

Prof. Dr. med. Martin Storr, Gastroenterologe am Gesundheitszentrum Starnberger See (MVZ) zum Thema; Glutensensitivität? Weizensensitivität? Hype oder Krankheit?

Glutensensitivität? Weizensensitivität? Hype oder Krankheit?

Symptome der Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität: Wie können sie aussehen?

Eine Vielzahl von Symptomen ist möglich, wenn man an einer Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität leidet.

Symptome der Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität
  Intestinal Extraintextinal
Sehr häufig: Blähungen Müdigkeit
    Reduziertes Wohlbefinden
     
Häufig: Diarrhö Kopfschmerzen
  Epigastrische Schmerzen Angst
  Übelkeit Foggy mind (benebelt sein)
  Aerophagie Taubheitsgefühl
  GERD Gelenk-/Muskelschmerzen
  Aphtöse Stomatitis Hautausschläge
  Wechselndes Stuhlverhalten  
  Obstipation  
     
Häufigkeit unklar: Hämatochezie Gewichtsverlust
  Analfissur Anämie
    Gleichgewichtsstörungen
    Depression
    Rhinitis/Asthma
    Gewichtszunahme
    Interstitielle Zystitis
    Menstruationsstörungen
    Schlafstörungen
    Stimmungsschwankunen
    Autismus
    Schizophrenie
    Eingewachsene Haare
    Sensorische Symptome
    Halluzinationen
Quelle: Prof. Dr. med. Martin Storr
   
     

Zur Häufigkeit und Dauer der Beschwerden beim individuellen Patienten gibt es keine klaren Erkenntnisse, die epidemiologische Datenlage ist schlecht. Ein Grund dafür könnte sein, dass sich die Definition des Grenzwertes für „glutenfrei“ im Laufe der Zeit verändert. Erst im Jahr 2014 wurde der strenge Maßstab für „glutenfrei“ von < 20 ppm (parts per million oder 20 g pro kg) eingeführt. Bei älteren Studien wurde mit deutlich höheren Grenzwerten gearbeitet, was die Vergleichbarkeit der Ergebnisse erschwert.

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Glutensensitivität, Weizensensitivität – verursacht wirklich das Gluten die Beschwerden?

Ob man von Glutensensitivität, Weizensensitivität oder vom Reizdarm-Syndrom spricht, noch immer wird diskutiert, ob es tatsächlich das Gluten sein kann, das die Beschwerden der Patienten hervorruft.

Es gibt eine Reihe Studien, die dafür sprechen. Mittlerweile geht man sogar von einer Prävalenz innerhalb der Bevölkerung zwischen 1 und 5 Prozent aus, bei Reizdarm- und Reizmagen-Patienten sogar von 5 bis 15 Prozent. So hat man mit einer doppel-blinden, randomisierten, Plazebo-kontrollierten Studie an RDS-Patienten, die Symptome, aber nachweislich keine Zöliakie hatten, festgestellt, dass eine glutenreiche Ernährung tatsächlich zu den typischen Symptomen führt.1)

Auch hat man in einer ex vivo-Studie an Biopsien von Patienten mit aktiver Zöliakie, Zöliakie in Remission und Patienten mit Nicht-Zöliakie – nicht Weizenallergie Weizen/Glutensensitivität untersucht, wie sich Gliadin, ein Glutenbestandteil, auf die Gewebeproben dieser Patienten auswirkt. So konnte man sehen, dass durch den Gliadinkontakt die Permeabilität der Mukosa-Biopsien gesteigert wird, am deutlichsten bei den Proben der Patienten mit Zöliakie und NZNW-WS. Das bedeutet, durch den Glutenkontakt kommt es zu einem „Leaky Gut Gut“, einer Permeabilitätsstörung bzw. einer Entzündungserscheinung, bei der die „Tight Junctions“, die Brücken, zwischen den Gewebezellen aufbrechen und zu einer erhöhten Darmdurchlässigkeit führen.2)

In einer weiteren Studie, hat man Reizdarm-Patienten zunächst auf eine glutenfreie Diät gesetzt und so bei 75 Prozent der Patienten eine Verbesserung der Symptome erreicht. Diese „Responder“-Gruppe hat man dann doppelt-blind mit Hilfe von glutenhaltigen Kapseln bzw. Plazebo re-provoziert, mit dem Ergebnis, dass 14 Prozent der Patienten tatsächlich wieder Symptome zu beklagen hatten. Auch diese Studie kann also als Beleg dafür gelten, dass ein Teil der RDS-Patienten unter einer Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität leidet.3)    

Glutensensitivität, Weizensensitivität, Reizdarmsyndrom – was hilft?

FODMAP steht für "Fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide und Polyole“ und bezeichnet schwer verdauliche Nahrungsbestandteile, darunter auch Gluten, die Beschwerden, wie z.B. vermehrte Gasbildung, vermehrte Wasserbindung und dadurch voluminöse Stühle, verursachen. Zu den FODMAP-reichen Nahrungsmitteln gehören z.B. Äpfel und Brot. Durch beide Nahrungsmittel kann es bei Kontakt mit dem Mikrobiom des Darmes zu Beschwerden kommen. Bei einer FODMAP-armen Diät werden deshalb alle FODMAP-reichen Nahrungsmittel ausgeschlossen, wovon Reizdarm-Patienten in hohem Maße profitieren können, das haben Studien gezeigt. Eine interessante Studienerkenntnis ist, dass sich das Mikrobiom der Studienteilnehmer unter einer FODMAP-armen Diät verändert, die Ernährung wirkt sich also unmittelbar auf die Zusammensetzung der Darmbakterien aus. Mit einer FODMAP-armen Diät, die zugleich auch eine glutenarme Diät ist, könnte man also vielen Reizdarmpatienten, aber auch Patienten mit  Glutensensitivität oder Weizensensitivität helfen.

Ergibt sich durch die Anamnese eher der Verdacht, dass nur das Gluten der Auslöser ist, könnte eine diagnostische glutenfreie Diät mit anschließender Provokation angeraten sein. In einer Studie hat sich gezeigt, dass bei einem Teil der durch die glutenfreie Diät beschwerdefreien Patienten durch die die Provokation mit Gluten die Beschwerden wiederkehrten.4) Auch bei der glutenfreien Diät ist allerdings zu beachten, dass sie nicht nur glutenfrei, sondern auch arm an anderen Komponenten, wie z.B. Oligosacchariden und Fruktose ist. Auch mit einer glutenfreien Diät wird deshalb ein Teil der FODMAP-armen Ernährung abgedeckt.

Ähnlich wie in den Studien ist es sinnvoll, die Patienten nach Besserung der Symptome durch die glutenfreie Diät erneut mit Gluten zu konfrontieren. Grundsätzlich sollte eine Ernährungsberatung durch eine spezialisierte Fachkraft dafür sorgen, dass  die Durchführung der Diät und die Provokation korrekt erfolgen. Auch Selbsthilfegruppen können Patienten bei der Umsetzung der Ernährungsumstellung unterstützen.  

Quellen:

1)    Biesiekierski JR1, Newnham ED, Irving PM, Barrett JS, Haines M, Doecke JD, Shepherd SJ, Muir JG, Gibson PR, Gluten causes gastrointestinal symptoms in subjects without celiac disease: a double-blind randomized placebo-controlled trial, Am J Gastroenterol. 2011 Mar;106(3):508-14; quiz 515. doi: 10.1038/ajg.2010.487. Epub 2011 Jan 11, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21224837

2)    Hollon J, Puppa EL, Greenwald B, Goldberg E, Guerrerio A, Fasano A, Effect of gliadin on permeability of intestinal biopsy explants from celiac disease patients and patients with non-celiac gluten sensitivity, Nutrients. 2015 Feb 27;7(3):1565-76. doi: 10.3390/nu7031565, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25734566

3)    Elli L, Tomba C, Branchi F, Roncoroni L, Lombardo V, Bardella MT, Ferretti F, Conte D, Valiante F, Fini L, Forti E, Cannizzaro R, Maiero S, Londoni C, Lauri A, Fornaciari G, Lenoci N, Spagnuolo R, Basilisco G, Somalvico F, Borgatta B, Leandro G, Segato S, Barisani D, Morreale G, Buscarini E., Evidence for the Presence of Non-Celiac Gluten Sensitivity in Patients with Functional Gastrointestinal Symptoms: Results from a Multicenter Randomized Double-Blind Placebo-Controlled Gluten Challenge, Nutrients. 2016 Feb 8;8(2):84. doi: 0.3390/nu8020084, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26867199

4)    Zanwar VG, Pawar SV, Gambhire PA, Jain SS, Surude RG, Shah VB, Contractor QQ, Rathi PM, Symptomatic improvement with gluten restriction in irritable bowel syndrome: a prospective, randomized, double blinded placebo controlled trial, Intest Res. 2016 Oct;14(4):343-350. Epub 2016 Oct 17, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27799885

 

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